Laptoparbeit statt Strandlektüre

/1. Oktober 2018/4 Kommentare

Der Sommer will einfach kein Ende nehmen – das ist wunderschön und ich genieße jeden Sonnenstrahl auf meiner blassen Haut. Aber: ich bin wirklich bereit für den Herbst. Ich bin wirklich bereit für mehr Stoffschichten auf meiner Haut, für ein bisschen Trägheit, für lange Waldspaziergänge. Und gern auch ein bisschen Regen, sodass wir entscheiden, heute Abend doch nicht mehr raus zu gehen. Denn so herrlich das Wetter in diesem Sommer auch war, der Abschied fällt mir nicht schwer. Schlicht und einfach deswegen: weil es sich trotz der 30°C nicht nach einem Sommer angefühlt hat. Irgendwie – vielleicht auch gerade wegen der 37°C – hat  etwas gefehlt: die Leichtigkeit, die spontanen Roadtrips, die endlosen italienischen Abende, das Adrenalin. Und wieder: die Leichtigkeit. Ich habe mir das so ausgesucht und will mich auch wirklich (!) nicht beklagen – denn das, was mich in diesem Sommer an den Laptop gebunden und von Flughäfen größtenteils ferngehalten hat, war meine Leidenschaft, ein neues Projekt und wahrlich neues Kapitel. Das war schon alles gut so. Und wird sich auszahlen –
Aber was mir definitiv gefehlt hat: die leichte Strandlektüre, die romantischen Geschichten, das gedankenfreie Blättern durch schlechte Klatschzeitungen.
Das lag einerseits wohl daran, dass es in diesem Sommer für mich eben mehr zu schreiben galt. Andererseits auch an der Tatsache, dass, wenn ich mal ein Buch in der Hand gehalten habe, es doch eher etwas anderes war als eine Klatschmagazin. Ich kann gar nicht genau sagen, woran das lag. An der Ernsthaftigkeit meines Sommer insgesamt? Ich denke schon.Spiegelt sich Euer Sommer auch in Euren gelesenen Büchern wieder?

Eine meiner ausgewählten Reisen in diesem Jahr, mein bisschen Sommer, fand in Marrakesh statt. Und während ich an einem Nachmittag in unserer Unterkunft saß und auf meine Freundin wartete, griff ich wahllos zu einem Buch aus dem Tauschregal: Fitzek – das Paket (kaufen). So oft habt ihr mir empfohlen, seine Bücher zu lesen. Immer wieder las ich seinen Namen in Euren Kommentaren unter den letzten #gelesen Posts. Aber irgendwie, ich dachte, ich würde seine Bücher nicht mögen. Ich schaue nie – und damit meine ich wirklich nie – Horrorfilme oder Psychothriller. Ich bin ein Angsthase und brauch immer ein Licht in der Dunkelheit. Grusle mich nicht gern. Habe keine, noch so lächerliche, Geisterbahn von innen gesehen. Aber: ich habe mich geirrt. Und bin infiziert. Seitdem ich „Das Paket“ auslesen habe, haben es noch drei weitere Fitzekbücher in mein Regal geschafft. Alle an Freunde verliehen im Moment, da ich der Meinung bin, dass Fitzeks leicht verständliche Sprache und unerwartete Spannungsbögen in alle Richtungen, selbst den größten Lesemuffel begeistern können.

Ziemlich mitgenommen, weil meistens in der Berliner U-Bahn gelesen, ist Axel Hackes „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“ (kaufen). Wie ihr wisst, unterstreiche ich in Büchern gern bewegende Abschnitte, Zeilen, die mich besonders bewegt haben oder zum Nachdenken angeregt. Dieses kleine Büchlein ist beinah vollständig unterstrichen, weil es voll ist von Anstubsern,  Ideen, kritischen und dabei aber völlig rationalen Fakten (was mir sehr gut gefällt).

 

„Wir haben in vieler Hinsicht das Gefühl dafür verloren, was es bedeutet, eine Gesellschaft zu sein, zusammenzugehören, sich auseinanderzusetzen, wir haben oft kein Ideal mehr davon, was es bedeutet, ein Bürger zu sein, wir sind getrieben von der technischen Entwicklung, von einer Nötigung zu ständiger Selbstdarstellung, von diffusen Ängsten, die wir uns einerseits nicht eingestehen oder andererseits total übertreiben, wir sind hysterisch, wo wir nüchtern sein müssten, und unaufmerksam, wo wir wachsam sein sollten.“

 

„‚Und vielleicht heißt, seinen Verstand zu gebrauchen: zu verstehen, dass der andere seine Gründe hat, warum er sich verhält, wie er sich verhält, und versuchen, diese Gründe zu verstehen.‘
‚Also reden, reden hilft immer?‘
‚Immer.'“

 

„Wer also halbwegs jung ist und anpassungsfähig, mehrsprachig und gut ausgebildet, wer keinen Grund hat, Globalisierung zu fürchten, der sollte sich gut überlegen, ob es besonders anständig ist, sich über jene lustig zu machen, denen der Lauf der Welt im Moment ein bisschen zu rasant ist. Und die sich nach Beständigkeit sehnen, weil sie älter sind und nicht ganz so erfolgreich im Wirtschaftsleben waren oder, das soll es ja auch geben, nicht mit einem Elternhaus gesegnet, in dem man abends aus dem kleinen Nick vorgelesenem bekam und jede Woche zur Geigenstunde gefahren wurden.“

 

Zwischendrin: eine Portion John Strelecky. Und damit eine Erinnerung an mein letztes Jahr, das beinah ausschließlich aus Sommer bestand.
„Was nützt der schönste Ausblick, wenn du nicht aus dem Fenster schaust.“(kaufen). Allein der Titel und schließlich auch das ganze Buch, sind Herausforderungen. Sie fordern heraus, langsam zu werden. Wie ich das meine? Wer Strelecky liest: braucht Zeit. Denn schließlich liest man ein Stück weit sich selbst. Man liest in den eigenen Gedanken. Wenn man es zulässt. Wie oft habe ich gehört, dass „Das Café am Rande der Welt“ innerhalb eines Tages verschlungen wurde. Okay, aber: lies es nochmal! Überdenke. Stelle Dir selbst Fragen. Forsche nach. Nickst Du nur die ganze Zeit oder hast Du, durch eigene Erfahrungen und Erkenntnisse, auch wirklich verinnerlicht? Das ist doch die Essenz des Buchs. „Was nützt der schönste Ausblick, wenn du nicht aus dem Fenster schaust“ besteht aus etlichen Kurztexten. Es ist nicht so, dass man die meisten davon noch nie gehört hat, aber ich habe ganz bewusst eine Seite für einen Tag gelesen, Erinnerungen wach gerufen und Verbindungen zwischen diesen gesehen.

 

„Manchmal geht es bei der Überwindung meiner Grenzen nicht allein darum, etwas zu ‚erkennen‘, sondern darum, mich an bestimmte Dinge zu erinnern und dementsprechend zu handeln. 
Ich fahre für ein paar Tage in die Berge oder ans Meer, und die Heiterkeit und Ruhe der Natur hüllen mich ein wie eine Decke. Ich spüre, wie unbedeutend meine Probleme sind. Ich sehe mit einer neu gefunden Klarheit.
Aber dann kehre ich in meinen Alltag zurück und vergesse es wieder.“ 

 

„Manche Orte, Menschen und Aktivitäten sind so voller Nachhall in meinem herzen und bringen es zum Singen. Wenn das geschieht, weiß ich, dass ich genau dort bin, wo ich sein soll. Ich bin mehr denn je davon überzeugt, dass der Zweck meines Lebens darin besteht, diese Resonanz zu finden und darin zu leben.“

 

Und zuletzt möchte ich euch noch ganz besonders  „Das Feld“ von Robert Seethaler (kaufen) ans Herz legen.
Ihr habt von mir noch nie etwas über den Tod gelesen, lesen müssen. Ich habe noch nie etwas schreiben müssen über den Tod.
Vielleicht war das der Auslöser, weshalb ich zu diesem Buch gegriffen habe: Neugierde.
Der Klappentext sagt: „Wenn die Toten auf ihr Leben zurückblicken könnten, wovon würden sie erzählen? Wäre es eine Geschichte der die Erinnerung an einen Moment, an ein bestimmtes Gefühl, eine Regung? Das Feld handelt von den letzten Dingen.“
Zwei Abende und eine 30-minütige S-Bahn fahrt, in der mir eine Tränen über die Wange lief. Was für ein großartiges Buch. Ich kannte Seethaler vorher noch nicht, aber gewiss ist: dies war nicht das letzte Buch, das ich von ihm gelesen habe. Wie sanft er die Worte auswählt, wie liebevoll er beschreibt und wie mitreißend er erzählt. Ich bin begeistert und zutiefst bewegt.

„Sag: Ich liebe Dich“ Ich weiß, in deinen Ohren klingt es idiotisch und falsch. In ihren Ohren aber nicht. Ich habe es nie gesagt. Keine Ahnung, warum. Ich konnte nicht. Sie haben darum gebeten. Sie haben es erwartet. Sie haben es gefordert, immer und immer wieder, aber ich konnte nicht. Sie selbst haben es oft gesagt: Ich liebe dich! Und dann wollten sie es von mir hören. Ich vertrat die Meinung, die Liebe sei doch kein Tauschgeschäft, und ich habe es nicht gesagt. Kein einziges Mal. Und mit ziemlicher Sicherheit war das der größte Fehler von allen.“

„Die Taten der Menschen bleiben dieselben. Was sich unterscheidet, ist bloß ihre Wirkung. Und auch das relativiert sich mit der Zeit.“

 

 

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4 Kommentare

  • Reply Kathi 3. Oktober 2018 at 18:43

    Danke für die Buchtipps! Ich habe diesen Sommer wenig gelesen, wenig geschrieben. Viel sachliche Texte, wenig Gefühl. Ich hoffe, mit dem Herbst kommt das zurück – das Erinnern, das Reflektieren, das zum Nachdenken anregen. Und auch wieder mehr lesen, weniger scrollen, weniger liken, weniger klicken…
    Ich wünsche dir einen guten Herbststart 🙂
    Liebe Grüße,
    Kathi

  • Reply Lina 3. Oktober 2018 at 0:53

    Ich mag deine Bücherbeiträge immer sehr. Habe aber eine Frage, weil das nicht so ganz klar war in dem Text: Wieso hast du dieses Jahr denn nun wirklich so wenig veröffentlicht auf dem Blog, teilweise mit monatelangen Pausen? Bei dir hat es früher doch recht regelmäßig neuen Inhalt gegeben. Irgendwie kommt es fast so rüber als hättest du nicht mehr wirklich Interesse daran. Ist aber nicht böse gemeint, nur reine Neugier 😉

    • Kleinstadtcarrie 4. Oktober 2018 at 10:03

      Liebe Lina,

      vielen Dank für Deinen Kommentar.

      Also die Monatelange Pause in diesem Jahr war meiner langen Erkrankung geschuldet.
      Seitdem ich mich davon vollständig erholt habe, versuche ich regelmäßig Inhalte zu produzieren. Allerdings arbeite ich parallel an einem großen Projekt, weswegen mir manchmal das Material zum Schreiben ausgeht 🙂
      Bald gibt’s dazu mehr zu erfahren!
      <3

  • Reply Dresden Mutti 1. Oktober 2018 at 19:00

    Danke für den Einblick in die Bücher, die du gelesen hast. Ich lese viel weniger, als ich gerne lesen würde, aber wenn ich ein gutes Buch gefunden habe, verbringe ich auch gerne viel viel Zeit damit. Das beste Buch meines Sommers war ein alter „Klassiker“, wenn man das so sagen kann. In einem Bücherschrank entdeckt ich „Engel und Jo“ und habe einfach mal reingelesen & war plötzlich tief drin in der Geschichte. Besonders die Sprache hatte es mir angetan.