Wir halten Spiegel vor unsere Brust.

/26. August 2018/10 Kommentare

 

Deine Augen faszinieren mich so sehr, dass ich gar nicht wegsehen will. Und wir küssen uns. Küssen einander. Deine Haut auf meiner. Nichts zwischen uns. So fühlt es sich an jedenfalls. Jedenfalls meistens.
Bis:
Wir halten Spiegel vor unsere Brust. Als Schutzschild irgendwie. Weil man damit blenden kann. Und ein Feuer machen. Weil erst Mal keiner blind zuschlägt, – denn das bringt Unglück. Und weil das ablenkt. Irgendwie ablenkt. Und Dein Gegenüber sich dann wieder nur selbst durchdringend in die Augen schaut. Wohlwissend, dass das nicht real ist. Und somit vielleicht ein bisschen weniger weh tut.

Jetzt stehen wir hier.
Ich schaue in Deinen Spiegel und Du in meinen. Erstarrt irgendwie. Weil ich für einen Moment unachtsam gewesen bin, und eben jetzt in diesen Spiegel schaue, den Du mir vorhältst. Um Dich zu schützen. Und: Ich sehe, wie er sich noch immer in meinen Augen spiegelt, obwohl Du doch jetzt vor mir stehst. Wie ein Echo. Ich erkenne, dass da hinter mir etwas auf mich zukommt, mich einholt. Wie ein Bumerang. Blut tropft vor mir auf den Boden. An meinen eigenen Kanten geschnitten.  Sehe wie er hinter mir verschwindet. Bist Du das? Ich erkenne nicht. Aber: Wieder keine Chance. Das weiß ich. Ich packe Dich, weil Du hier bist, nicht gehen darfst und jetzt mit mir diesen Kampf ausführen musst. Denn ich bin es leid gegen mich selbst zu kämpfen. Du stehst vor mir. Du hält das aus. Bitte, halte das aus. Stelle Dich zur Rede. Will endlich eine Antwort auf diese Frage hören. Du musst sie mir geben. Ich sage Du und meine doch immer nur ihn. Ich will meinen Arm nach Dir ausstrecken, Dich festhalten – und berühre meine eigenen eiskalten Fingerspitzen. Kann Dich nicht greifen, weil Du nicht verantwortlich bist. Weil Du nicht gehen willst. Weil ich die ganze Zeit nur in mein Spiegelbild schaue. Und damit eben doch wieder nur zurück.
Dann erkenne ich: Das sind Dimensionen. Du stehst dahinter, begreife ich. Das im Spiegel bist nicht Du. Du nicht wie er. Muss das hinter mir lassen. Deine Haut auf meiner. Nichts zwischen uns. Ich darf die Zeitformen nicht vermischen. Hier und jetzt.
Ich schaue Dir in die Augen – endlich wieder. Und plötzlich schlägst Du ein. Auf Dein Spiegelbild und triffst doch immer nur mich. Immer wieder nur mich. War zu beschäftigt meine eigenen Wunden zu lecken, dass ich nicht gemerkt habe, was sich in dir zusammenbraut. Und Du schlägst zu. Und triffst doch immer nur mich. „Hau ab!“, schreist Du und meinst doch immer nur dich.  Oder wer auch immer sich noch neben Dir  spiegelt. Echo. Bumerang.
Und ich halte den Spiegel fest.
Schutzschild, für mich.
Qual für Dich.

Wir halten Spiegel vor unsere Brust.
Ich schaue in Deinen Spiegel und Du in meinen. Und wir verstehen dabei nicht, dass wir darin die eigenen Fehler sehen. Den Schmerz, den wir seit so vielen Jahren mit uns tragen. Der an uns haftet. Die Enttäuschung längst vergangener Momente. Die Enttäuschung, die Dir jemand anderes zugefügt hat. Diesen Sprung unten links, das war er – und ich sehe meine eigenen Narben. Den verlorenen Ring. Alle Erinnerungen ausgebreitet vor mir. Auf Dir. Verdecken Dich. Und Deine verdecken mich.
Aber: ein Spiel offenbart uns nur, was wir zu sehen bereit sind.
Dann schlägst Du zu. Oder drehst Dich weg. Ich sehe weg. Schalte ab.
Erinnerungen werden zu ungewollten Vorahnungen.
Erfahrungen, die uns jetzt den Schmerz erwartend, hemmen.  Schutzschilder vor die Brust halten lassen. Spiegel.

Aber da sind immer noch wir.
Dahinter. Dazwischen irgendwie.
Du siehst mich an.
Wir sehen uns endlich wieder an.
Augen.
Und erkennen, dass wir uns  auch in unseren Tränen spiegeln. Und da ist auf ein Mal so viel von Dir. Verzerrtes Du. Tränen. Immer mehr Tränen. Die das aufweichen.
Seit Jahren hast Du Dir das erste Mal selbst wieder ins Herz gesehen.
Kurz.
Und dann schaust Du Dir wieder selbst in die Augen.
Als würde das alles keinen Sinn ergeben.
Du siehst und schaust weg, und doch erkennst Du nicht. Denn der Spiegel allein reicht nicht, um sichtbar zu machen. Er gibt wieder – und das tut weh. Aber am Ende ist das alles nur seitenverkehrt. Und verzehrt. Das hast Du alles schon gesehen. Und da bin immer noch ich.
Aber Du bist nicht bereit. Nicht vollends bereit. Das ist zu viel Du. Und ich. Und Tränen. 

Ich frage mich, was wohl passieren würde, wenn wir die Spiegel außer Acht ließen. Wenn wir wieder nur einander ansehen. Und einander beschreiben. Denn durch meine Augen sehen Deine Narben friedlich aus. Und wenn Du mir meine Tränen aus dem Gesicht wischst, tut es schon gar nicht mehr so sehr weh. Mein Herz spiegelt Deine Taten. Und das ist vielleicht diese Liebe. 
Du bist so viel.
Und ich bin so viel.
Wir tragen Lasten mit uns.
Die sich verdoppeln, wenn man allein in den Spiegel schaut.
Wir halten Spiegel vor unsere Brust.
Als Schutzschild irgendwie.
Aber die brauchen wir nicht mehr. Wir können die abstellen. Oder zumindest ein bisschen sinken lassen. Herz frei machen. Und in die Augen sehen. Das Herz sehen lassen.
Und Dein Schmerz verschwimmt im Blau meiner Augen.

Ich frage mich:
Was passiert, wenn man zwei Spiegel voreinander stellt?

Unendlichkeit vielleicht?
Deine Augen faszinieren mich so sehr, dass ich gar nicht wegsehen will.
Unendlichkeit vielleicht?

 

Diese Fotos habe ich zusammen mit Konstantin geshootet – mein erstes Mal Fotos machen in analog und seit Langem mal wieder ungeschminkt.
Irgendwie hat sich das ziemlich gut angefühlt und ehrlich. So echt. So passend zu diesem Text und zu diesem Blog insgesamt. Ich bin so gespannt, was ihr zu der Fotostrecke sagt. Ich habe Euch ja schon einige Mal berichtet, wie spannend es ist, zu beobachten wie unterschiedlich Fotografen arbeiten und wie unterschiedlich schließlich auch die Ergebnisse werden. Teilweise sieht man selbst so anders aus, – oder sieht sich so anders? Wie auch immer. Diese Fotos von mir sehe ich mir selbst sehr gern an. Also, vielen Dank an Dich, Konstantin!


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10 Kommentare

  • Reply Irina 28. August 2018 at 11:21

    Mit die schönsten Bilder auf diesen Blog. Du siehst auch ohne Make-up unglaublich stolz und selbstbewusst aus! Ich bin der Meinung, dass man niemandem Rechenschaft schuldig ist für seine Gefühle und dabei doch sehr viel Zeit braucht, um sich selbst zu verstehen, um andere zu verstehen. Ich wünsche dir Zeit und viel Kraft!

    • Kleinstadtcarrie 28. August 2018 at 14:02

      Vielen vielen Dank für Deine Worte Irina!

  • Reply Hannah 26. August 2018 at 21:59

    Liebe Luise,
    erstmal einfach nur wow. Ich musste diesen Text fünf Minuten auf mich wirken lassen, weil hinter diesen schlichten, einfachen Worten eine Wucht steckt, die einem beim Lesen umhaut. Die Bilder und dieser Text sind eine ganz andere Luise, die man sonst „kennt“ wenn man deinen Blog, wie ich schon seit Jahren liest. Und ich muss sagen, dieses andere beeindruckt mich heute noch mehr, als deine anderen Texte, vielleicht grade weil es so ungewohnt und neu ist. Der Text berührt auf einer sehr besondere und anfangs ganz ungewohnte Art, die Wörter tragen jedoch eine starke Botschaft hinter ihrer schlichten Fassade. Einfach ein wunderschön berührender Text!

    Liebe Grüße, Hannah

    • Kleinstadtcarrie 27. August 2018 at 10:47

      Danke Hannah.
      Dafür, dass Du so sanft mit mir und meiner Arbeit umgehst. Dafür, dass Du so aufmerksam bist.

  • Reply Jennifer 26. August 2018 at 21:49

    Wunderschöne Frau – innerlich und äußerlich.

    Danke, dass du uns/mich an deinen Gedanken und Gefühlen teilnehmen lässt. Du inspirierst mich in meinem Denken, in der Art wie ich mein Leben führen will und auch als Schriftstellerin, da ich selbst schreibe. Ich wünschte ich hätte deinen Mut, all das so öffentlich zu machen. Danke für deinen Mut und deine Authentizität.

    Ich lese deinen Blog von Tag eins. Lese ihn mit der selben Freude wie die Bücher meiner geliebten Autoren Kafka und Hesse. Soviel Interpretationsspielraum und doch so klar.
    Sei stolz auf dich.

    Die Fotos sind wundervoll.

    • Kleinstadtcarrie 27. August 2018 at 10:46

      Liebe Jennifer,

      wow – Dein Kommentar macht mich baff und stolz zugleich. Danke, Du hast mir definitiv den Wochenstart versüßt!
      Hab einen wundervollen Montag und nur das Beste für Dich und Dein Schreiben!

  • Reply Angi 26. August 2018 at 20:59

    Wunderbare Poesie. Ich bin ehrlich gesagt schon von vielen Deiner Texte ganz begeistert gewesen und sie haben mich schon so oft inspiriert sowie mir Kraft und eine neue Perspektive gegeben. Im Besonderen wenn sie sich um die Liebe drehten 🙂
    Ich finde es toll wie du deine Gefühle in Worte packst, mach bitte weiter so, ich freue mich immer über Deine neuen Blogposts!
    Da ich Deinen Blog schon seit Jahren verfolge, ist es für mich mal überfällig, Dir auch einen Kommentar zu hinterlassen mit einem großen Kompliment für Deinen Stil (im Schreiben und was Mode angeht sowieso) und ein Dankeschön an Deine Ehrlichkeit und den Mut, Deine Werke so öffentlich zu machen!

    • Kleinstadtcarrie 27. August 2018 at 10:46

      vielen vielen Dank liebe Angi. Dass Du schon so lange dabei bist und dass Du heute kommentiert hast. Freue mich immer so sehr, wenn ich Feedback von Euch bekomme und ehrliche Worte. Gerade dieser Beitrag hat mich sehr viel Überwindung gekostet 🙂

  • Reply Katie 26. August 2018 at 20:26

    Liebe Luise,

    Was für ein wundervoller, persönlicher, emotionaler und kraftvoller Post.

    Ich liebe Deine Worte! 😃 und die Bilder passen sehr gut dazu.

    Liebste Grüße
    Katie