Ich habe keine eigene Wohnung. Und auch kein WG-Zimmer. // Wieso ich 8 Monate als Digital Nomad gelebt habe.

/23. August 2018/20 Kommentare

Ich bin in meinem Leben bisher erst drei Mal umgezogen.
Für den einen mag das viel sein, für den anderen wenig.
Das erste Mal: daran kann ich mich nicht erinnern. Das war ein Abschied von so viel mehr als nur den 4 Wänden.
Das zweite Mal: hat sie ganz allein gemeistert und unser Nest gebaut. Wieder. Diesmal war es eine Burg. Unsere Burg.
Und das dritte Mal: zog ich in ein WG-Zimmer, mit den besten Nachbarn der Welt.
Und das letzten Herbst? Das war ein Auszug. Kein Umzug. 
Dazwischen? Liegen der Kontrast zwischen dem jahrelangem im Doppelstockbett Schlafen und schließlich alleine Wohnen in der ehemaligen Familienwohnung, Abschiedsschmerz und Untermieterinnen, Enttäuschung und das aus ihrem Bett ziemlich plötzlich meine Couch wurde, schließlich der ewige Kampf zwischen Dresden und mir, ein Abschied auf Zeit, New York und zu viel Platz für mich allein. Meine persönliche Wohngeschichte ist – trotz der verhältnismäßig wenigen Umzüge – doch ziemlich verworren und intim, schmerzhaft teilweise und abenteuerlustig.
Heute: habe ich keine eigene Wohnung mehr. Ich miete einen 6qm großen Raum im Osten Berlins und dort steht gestapelt mein ganzes Hab und Gut. All meine Erinnerungen, Bücher und Schuhe, Töpfe und Pfannen und dazwischen so viele Worte in Kisten verstaut und eingelagert.
Mietete.
Ich mietete dieses Abteil.
Bis zum 6. Juli war das alles besenrein abzugeben.
Und ich zog nach 8 Monaten wieder in eine eigene Wohnung.
Wie es dazu kam? –

2016, verbrachte ich zum größten Teil in New York. Und versprach mir selbst und der Stadt, dass ich nicht wieder bequem werden würde. Nicht wieder einleben. Nicht nachgeben. Sondern mutig sein und voran streben.
2017, hielt ich dieses Versprechen. Und bewies mir selbst und dem Big Apple etwas. Ich reiste. Rastlos. Von Land zu Land. Immer auf der Suche nach einem neuen Abenteuer. Und jedes Mal fühlte sich das nach Hause kommen fremder an. Anstrengender. Mühseliger. Und egal wo ich war, das leere Nest in Dresden hing mir nach, kostete Geld und fühlte sich immer mehr wie ein Klotz am Bein an, statt wie ein Zufluchtsort. Und als ich aus Guinea wieder nach Hause kam, übermannten mich meine Gefühle. Scham. Zu viel Platz. Zu viele Dinge. Zu viel ich. Also: kündigte ich. Und packte meine Kisten. Und brach auf. (Das klingt ziemlich einfach und entschlossen, – das war es nicht. Die Entscheidung und der innere Kampf war mit so vielen Tränen verbunden, kostete mich Kraft und eine Menge Mut.) – Aber ich brach  (endlich) auf. Eigentlich: wollte ich reisen. Immer weiter reisen. Überall und nirgends zu Hause sein. Zwischendrin irgendwie in Berlin unterkommen. Nur um dann schnell weiterzuziehen.
Also ging es im Dezember erst nach New York und schließlich in die Karibik. Das war gut. Das fühlte sich gut an. Und dann – sollte es weiter gehen: Sri Lanka, Vietnam, und danach? Mal schauen! Ich habe Zeit, keine Verpflichtungen und nichts, wo ich hin zurück kehren muss!, dachte ich. Wie ihr wisst, war es letzten Endes eine Grippe und Lungenentzündung, die meinem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung gemacht haben und mir signalisierten, dass meinem Körper dieses Experiment vielleicht doch nicht so gut gefällt, wie meine Seele es sich wünschte. Viele von Euch und aus meinem Umfeld waren der Meinung, ich würde übertreiben, der Lungenentzündung zu viel Gewicht beimessen. Aber mit der Diagnose, war auch mein Traum vom Reisen geplatzt. 6 Wochen Bettruhe und dann weitere 6 Wochen Regenerierungsphase. 3 Monate in denen ich nicht reisen konnte. Und dann die Angst im Nacken, ich könnte wieder so schwer krank werden. Auf Reisen. Allein. Und das ständige Grübeln, was mir mein Körper und das Universum sagen möchte. Es war wahnsinnig schwierig, zu dieser Erkenntnis und Einsicht zu gelangen – aber schließlich: begab ich mich auf Wohnungssuche.  Das hat dann wochenlang nicht geklappt. Und ich weiß heute, dass das vor allem auch daran lag, dass ich es nicht wirklich wollte. Ja, ich bin von Besichtigung zu Besichtigung geeilt, habe Unterlagen eingereicht und Telefonate geführt – und dann habe ich abgelehnt. Mich doch wieder gesträubt. Und unterbewusst noch immer an das eigentlich geplante Abenteuer geglaubt.
Die letzten Monate waren ein Kampf.
Die innere Rastlosigkeit, Wanderlust und der wilde Freigeist im Konflikt mit dem Versagen meines Körpers, der Suche nach Zugehörigkeit und dem Verlangen nach Stille.
Seit dem 1. Juli 2018 habe ich wieder eine eigene Wohnung und versuche anzukommen. 

Und ja, ich vermisse es. Das Leben und Arbeiten von Unterwegs. Und ja, ich würde es wieder tun. Vielleicht schon bald? Vielleicht nicht ganz so radikal. Letzte Woche erst habe ich den damals bereis fertig gepackten Backpack für Sri Lanka und alles danach ausgepackt. Seit März stand er unangetastet herum. Jetzt ist er leer und wartet auf ein neues Abenteuer. Und das kommt gewiss. 

 

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20 Kommentare

  • Reply Irina 28. August 2018 at 11:06

    Ich finde es wirklich erfrischend ehrlich. Du bist für mich, gerade weil ich im ähnlichen Alter bin, einfach auch ein emotionales Vorbild. Es muss nicht alles schwarz und weiß sein. Manchmal ist die Welt auch grau, um wieder bunt zu sein. Wenn wir es am wenigsten erwarten und vielleicht am meisten brauchen.

    Ich wünsche dir alles Glück beim Ankommen und Aufbrechen. Und das immer wieder. Denn das macht uns aus. Wir sind rastlos und dann wieder Nestbauer. Und das ist gut so.

    • Kleinstadtcarrie 28. August 2018 at 14:03

      „Und das ist gut so.“
      Danke – solche Kommentaren bedeuten mir echt die Welt und geben mir viel Kraft!

  • Reply Céline 27. August 2018 at 16:38

    Ein sehr schöner Beitrag! Was ich aber ein bisschen schade finde ist, dass du immer schreibst, nach Deinem Guinea Aufenthalt hättest du dich zu Hause mit deinen ganzen sachen geschämt. Aber dennoch bist du danach wie du schon sagst non-stop auf reisen gegangen. Eine heftige Belastung für die Umwelt und ein riesiger Luxus den sich kaum jemand leisten mag. Da hat man wieder das Gefühl, dass du so wirklich nichts aus Guinea gelernt hast. Kurzfristig warst du davon beeindruckt. Langfristig leider nicht.
    Dennoch finde ich deinen Beitrag sehr schön – trotz der kleinen Kritik 🙂

    • Kleinstadtcarrie 27. August 2018 at 18:48

      Wieso so eine Feststellung?
      Langfristig definitiv. Und ich empfinde die Kritik nicht als klein, sondern als Unterstellung. Ja, ich bin super viel gereist. Ja, eine enorme Umweltbelastung. Aber ich bin doch eigentlich nur vor etwas weggerannt, was ich nicht greifen konnte. Immer auf der Suche nach Irgendwas, was mich daraus rettet. Was ich in Guinea gesehen habe? Armut. Und Ungerechtigkeit. Ja, was denkst Du, wie sehr ich mich geschämt habe, als mich eine Freundin aus Guinea anrief, als ich gerade über die Straßen New Yorks gelaufen bin? Was denkst Du, hat das mit mir gemacht? Aber – und bitte verurteilt mich dafür nicht – ich wusste nicht anders. Mein bisheriges Leben und das, was ich dort gesehen habe, ließ sich schier nicht vereinbaren. Das tat unglaublich weh. Aber im letzten Jahr hat mir nichts mehr geholfen als: davor wegzulaufen.
      Heute sehe ich das anders.
      Aber brauchen wir nicht alle Zeit? Zeit für Erkenntnisse?
      Lebst Du vollkommen nachhaltig? Kaufst Du fair und öko? (Hast Du für Dich beantwortet, was das heißt?) – also, mein großes Manko ist das Fliegen. Definitiv. Das weiß ich. Aber meine Seele braucht das manchmal. Abstand und neue Kulturen und Neues lernen. Ich probiere das einzuschränken, ich probiere dass mit meiner Arbeit zu kompensieren. Aber das ist ein Prozess und ich hoffe sehr, dass Du und Ihr mir diese zeit lasst und mir nicht unterstellt, ich hätte nichts aus meiner Zeit in Guinea gelernt. Denn das ist, schlichtweg, nicht wahr. Und ich verbitte mir derartiges auch.
      Entschuldige, dass ich hier so ausschweifend und emotional geworden bin. Aber dieses Thema geht mir sehr nahe und ich versuche Euch so gut es geht an meinen Gedanken teilhaben zu lassen und Euch meine Taten so zu zeigen, dass es nicht fake oder gestellt rüber kommt. Also zeige ich Euch nicht, was ich monatliche tue und spende und arbeite … vielleicht sollte ich das mal…?
      Also: habt geduld und seid gnädig bitte …

      Alles Liebe,
      Luise

  • Reply Inga 26. August 2018 at 16:33

    Liebe Luise,

    Ich finde deine Beiträge immer sehr inspirierend! Ich bin in den letzten Jahren auch sehr viel umgezogen, manchmal fühle ich mich rastlos, aber wenn ich zurückdenke, würde ich es immer wieder so machen! Und dass dir Berlin sehr gefällt, kann ich absolut verstehen – ich war dort letztes Jahr 2 Monate für ein Praktikum. Jetzt habe ich meinen Masterabschluss und muss auch wieder überlegen, wohin es gehen soll … aber Stillstand ist keine Option für mich. Mein Traumjob hat vorerst nicht geklappt, vielleicht ein Zeichen, dass man nicht alles sofort haben kann, wenn man es will. Dein Text lässt mich daran glauben.

  • Reply Alice 25. August 2018 at 13:31

    Danke, dass du diese persönliche Geschichte mit uns geteilt hast.
    Ich habe Leute, die so ungebunden waren wie du, immer bewundert, immer wissend, immer zumindest im Glauben, dass ich nicht der Mensch dazu wäre. Glaube das immer noch. Weil ich alles planen und organisieren muss und Ungewissheiten hasse, weil ich seit dreizehn Jahren in derselben (Eigentums-)Wohnung in Würzburg lebe, in die meine Eltern mit mir gezogen sind, als ich ein Jahr alt war.
    Und doch träume ich manchmal von Reisen mit Backpack und davon, in jedem Land dieser Welt zuhause sein zu können. Ich weiß immer noch nicht, ob ich das könnte.
    Aber vielen Dank für diesen Einblick in deine Gedanken dazu.

    • Kleinstadtcarrie 25. August 2018 at 18:39

      Probier es doch einfach mal aus 🙂

  • Reply Kathi 24. August 2018 at 16:56

    Liebe Luise,
    das ist mal wieder ein wunderbarer und ehrlicher Text von dir. Ich kann mich selbst gut in das Gefühl einfühlen, ein Zuhause haben zu wollen und sich dann dort doch nicht heimisch zu fühlen. Eingeengt zu fühlen. Ich bin in den letzten eineinhalb Jahren viermal umgezogen, dreimal davon von einem Land ins andere, einmal sogar auf einen anderen Kontinent – und Umzüge können eine Befreiung und eine Belastung gleichermaßen sein!

    Ich habe mich allerdings nie getraut, so wie du, die Homebase ganz aufzugeben und ich finde das sehr mutig! Ich hoffe, dass deinem Backpack und dir noch mehr spannende Reise bevorstehen, von denen du uns auch berichtest – denn deine Reisetexte liebe ich einfach am meisten 🙂

    Alles Liebe,
    Kathi

    • Kleinstadtcarrie 24. August 2018 at 21:10

      Liebe Kathi,

      vielen vielen Dank für Dein Feedback! Freue mich vor allem, dass Dir meine Reisetexte so gut gefallen. Davon hoffentlich vor allem im kommenden Jahr wieder mehr.

      Fühl Dich umarmt,
      Deine Luise

  • Reply Theresia 24. August 2018 at 16:35

    Alles was ich sagen kann: Wow. Du bist so eine mutige und tolle Frau Luise! Der Beitrag hat mich zum nachdenken angeregt. Ich bin selbst ein Mensch der gern eingesessen ist und es gemütlich hat. Doch irgendwo tief hinten in meinen Gedanken schlummert etwas, was gerne ausbrechen möchte. Der Gedanke alleine zu reisen und sein Weltbild zu vergrößern? Habe ich den Mut dazu? Ich weis es nicht. Dein Beitrag hat mich angeregt diesen Gedanken in eine richtige Richtung zu schubsen.
    Viele liebe Grüße aus Berlin
    xoxo Theresia von http://epiloguewoman.de

    • Kleinstadtcarrie 24. August 2018 at 21:11

      Mal schauen, wo sie dich jetzt hinführen – deine Gedanken!
      Nur das Beste für Dich auf Deinen Weg <3

  • Reply Dresden Mutti 24. August 2018 at 11:43

    Wow, das klingt wirklich sehr aufregend und spannend! Ich bin nach meiner Kinderzeit schon 4 Mal umgezogen: nach Köln in eine WG für die Ausbildung, dann mit meinem Freund zusammen, dann nach Bonn zum Studium und jetzt nach Dresden. Aber nur ausgezogen bin ich noch nie – danke für deinen Erfahrungsbericht!

    • Kleinstadtcarrie 24. August 2018 at 11:46

      Hey 🙂
      Ah wie cool – hab mich grad bisschen durch Deinen Blog geklickt! Gefällt mir! Und liebe Grüße nach Dresden <3

  • Reply Sarah Marie 24. August 2018 at 10:25

    Hallo Liebes,

    Toll geschriebener Beitrag! Ich bin noch nicht bereit um auszuziehen, kann aber verstehen dass einem dieses Leben gefällt wenn man mal den Schritt gewagt hat. Ich geniesse das Hotel Mama noch ein wenig.

    Liebe Grüsse,
    Sarah Marie von http://www.xoxsarahmariex.com

  • Reply Valerie 24. August 2018 at 10:21

    Wirklich toller Beitrag! Manchmal etwas wirr geschrieben sodass man eine Stelle zweimal lesen musste. Passt aber extrem zum Thema der Verwirrtheit und Unentschlossenheit.

    Bin wirklich geflasht! Deinen Instagramaccount hab ich heute erst entdeckt und jetzt diesen Beitrag gelesen und bin überwältigt von soviel Ehrlichkeit. Danke dafür <3

    Liebe Grüße aus dem Norden

    Valerie.xx (Instagram)

    • Kleinstadtcarrie 24. August 2018 at 11:42

      Liebe Valerie,

      dann sag ich mal: herzlich willkommen <3

  • Reply Lorena 24. August 2018 at 0:46

    Sorry aber wieso ist das so ein Drama
    wenn man für drei Monate mal
    nicht reisen kann? Für die meisten Leute ist es schon Luxus wenn das einmal im
    Jahr drinnen ist und bei dir hört es sich an, als ob es kaum schlimmer ginge. Nein, durch die Lungenentzündung war dein Traum vom Reisen nicht geplatzt, du musstest eine Reise absagen und es bedeutete nur eine kleine Pause bevor du wieder auf dem Weg warst. Klar, eine geplante Reise sausen lassen zu müssen ist scheiße, aber es ist jetzt nicht so als könntest du nie wieder irgendwo hin.

    • Kleinstadtcarrie 24. August 2018 at 11:44

      Liebe Lorena,

      ließ den Beitrag gern noch mal 🙂
      Ich habe meine Wohnung aufgegeben. Ich habe meine Wohnung in Dresden gekündigt, ohne eine neue zu haben. Sprich: ich wollte non-stop reisen. Als ich krank geworden bin, musste ich Wieder bei meiner Mutter einziehen (mit der ich schon seit 6 Jahren nicht mehr zusammen lebe), das war eine enorme Umstellung und Notlösung für uns beide. Schließlich suchte ich mir aufgrund dessen und der beschriebenen Ängste eine neue Wohnung, wobei ich doch eigentlich gar keine eigene mehr wollte.
      Für mich ist ein Traum zerplatzt.
      Schade, dass das im Beitrag nicht rüber kam!
      Liebe Grüße an Dich

  • Reply Pauline 23. August 2018 at 20:55

    Ich fühle mich mit diesen Worten gerade wahnsinnig verbunden Luise! Auch wenn ich sie noch nicht, wie du, hinter mir habe bzw. mitten drin bin, so kann ich es bereits vor mir sehen, es schon riechen, dass es mir bald ähnlich ergehen wird.
    18 Jahre zu Hause in den 4 Wänden meiner Familie. Ganz viel Liebe und schöne Erinnerungen und trotz Abschiedsschmerz das Gefühl hier raus zu müssen. Was neues, eigenes, alleine, auf eigenen Beinen stehen – aber ist das wirklich so schön?!
    Erstmal geht es jetzt nach Australien. Ein Jahr in Hostel Dorms schlafen, kein eigenes Bett, wenig privatsphäre, dafür ganz viel Abenteuerlust. Und mal sehen was danach kommt. Aber ich weiß jetzt schon, dass ich für einen ständigen Wohnsitz, genauso wie für einen festen Arbeitsplatz nicht gemacht bin.
    Das bin nicht ich. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, was ich dann bin.

    Liebste Grüße
    Pauline <3

    https://mind-wanderer.com/2018/08/20/entscheidungen-treffen-so-faellt-es-leichter/

    • Kleinstadtcarrie 24. August 2018 at 11:44

      Liebe Pauline,

      ah das klingt wundervoll, ich wünsche Dir unglaublich viel Spaß in Australien. Das wird großartig!