Der untergehenden Sonne entgegen

/13. August 2018/12 Kommentare

Es ist ein heißer Sommertag gewesen. Wir haben gerade zu Abend gegessen und spazieren jetzt den Strand entlang. Der gerade dabei ist sich abzukühlen. Die letzten Menschen packen ihre Sachen zusammen und brechen auf. Oder kommen gerade an, um gleich der Sonne beim Untergehen zuzusehen. Alles ist bereits in ein sanftes Abendlicht getaucht und sieht so friedlich aus. Kaum etwas verrät, wie heiß sie heute geschienen hat. Die Sonne. Außer unserer roten Wangen und strahlenden Augen. „Sieht das herrlich aus! Kannst Du ein Foto machen?“ Und ich springe vor Euphorie den Strand entlang, lass meine Schuhe fallen und balanciere auf die Buhne. Der untergehenden Sonne entgegen. Beim neunten oder zehnten Holzpfahl werde ich bereits langsamer, zaghaft. „Ist das rutschig!“ Ich drehe mich um zu den anderen und lache. Gehe vorsichtig weiter. Fürs Urlaubsfoto. Aus Spaß. Und das Wasser klatscht gierig gegen das alte Holz. Und dieses trägt mich. Es trägt mich sicher. „Weiter trau ich mich nicht!“, rufe ich.
Und gehe zurück.
An Land.
Endlich wieder festen Boden unter den Füßen.
Deutschland. 

Später am Abend. Frisch geduscht und trotzdem noch Sand zwischen den Zehen. Die Haare sind noch feucht und ich trinke eine Tasse kalten Tee. Der Fernseher der sporadisch eingerichteten Ferienwohnung ist so klein, dass man kaum etwas lesen kann. Die Übertragung so schlecht, dass man sich jedes Mal ein Jahrzehnt mindestens zurückversetzt fühlt. Und trotzdem durchdringt mich sein Blick. Oder ist es das, was er sagt: „Wenn ich ertrinke, dann dauert das fünf Minuten. Das geht schnell. Davor habe ich keine Angst. Wenn ich hierbleibe, dann sterbe ich. Über 10, über 20 Jahre hin. Langsam. Qualvoll. Also: steige ich in dieses Boot. Natürlich steige ich in dieses Schlauchboot.“
Die Worte hallen nach in meinem Kopf.
Lange nachdem der Beitrag beendet ist und es um die europäische Hitzewelle geht.
Ich habe Gänsehaut. 

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„An dem See ist neulich jemand ertrunken. 25 Jahre alt. Ich will da irgendwie nicht hin – stell Dir das mal vor. Da liegt `ne Leiche drin und Du liegst seelenruhig am Badestrand. Ist doch gruselig, oder nicht?.“ Wir alle nicken. Und entscheiden uns an einen anderen See zu gehen.
Wohlwissend, dass es nicht unwahrscheinlich ist, dass da noch nie jemand ertrunken ist.
Und drei Wochen später sitzen wir im Flieger nach Mallorca.
Mallorca. Die siebtgrößte Insel im Mittelmeer.
Und Sardinien.
Korsika.
Amalfiküste.
Urlaub.
Herrlich.
Seele baumeln lassen. Und die Füße im Mittelmeer.

Allein in diesem Jahr sind mehr als 1500 Menschen im Mittelmeer ertrunken.
1500 Leichen. 

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Ich gehe etwas eher nach Hause als die anderen. Denn seit ich gehört habe, dass mein Lieblingsfilm heute 20:15 Uhr im Fernsehen läuft, ließ mich der Gedanke nicht los, es sei doch einen Versuch wert, meinen kleinen Fernseher aus Studententagen anzuschließen und seit langem den Abend mal wieder mit einem Film ausklingen zu lassen.
Dem Film.
Meinem Lieblingsfilm.
Titanic.
Ich öffne die Schublade, in dem der kleine Bildschirm verstaut ist, krame das entsprechende Kabel aus der Box und stecke zuversichtlich alles in die Dose direkt neben meinem Bett. Und siehe da: der Fernseher springt an.
Ich schalte auf die vier und: Kate Winslet strahlt gerade in die Kamera.
Es ist bereits 20:52 Uhr.
Und ich tauche ein in eine Welt vor meiner Zeit.

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12 Kommentare

  • Reply Kathi 24. August 2018 at 21:12

    wow Luise,
    mal wieder unglaublich toll geschrieben.
    Ein sehr wichtigen Beitrag in kleine Geschichten verpackt und jeder weiß was gemeint ist.
    Ich habe deinen Beitrag grade 3 mal gelesen und denke immer noch darüber nach.
    Vielen Dank dafür!
    Ganz liebe Grüße an dich <3

  • Reply Franzi 22. August 2018 at 07:48

    Gänsehaut.
    Ich hoffe der Text hat dies bei vielen Menschen ausgelöst und bringt einen zum Nachdenken.
    Bei mir hast du es auf jeden Fall geschafft!
    Ich finde es wirklich faszinierend, wie gut du auch solche ernsten Themen verpacken kannst.
    Und vor allem finde ich es gut und wichtig, dass du auch so ernste Themen ansprichst und deine Reichweite nutzt, um Menschen die Augen zu öffnen oder zumindest bestimmte Dingen und Themen ins Bewusstsein rufst.
    Danke!

    Liebe Grüße

  • Reply Anna 20. August 2018 at 15:37

    Liebe Luise,
    wow. Einfach nur wow.
    Als ich den Titel und das Bild des Artikels gelesen habe, rechnete ich noch mit leichten Text über die letzten schönen Stunden bei Sonnenuntergang…und dann traf mich dein Text wie eine kalte, harte Welle.
    „Endlich“ wieder festen -sicheren- Boden unter den Füßen, das denken wir schon nach einem kurzen Balanceakt…und können uns dabei wohl alle nicht vorstellen wie es sein muss, für dieses Gefühl sogar den Tod zu riskieren.
    Du schaffst es, zum Nachdenken anzuregen und wachzurütteln, ganz ohne mit dem Finger auf uns alle zu zeigen oder uns vorzuwerfen, im gleichen Meer zu planschen, in dem täglich Menschen sterben. Danke dafür. Und danke dafür, dass du wieder zurück bist – mit politischen Themen, die man auch auf einer rosa Bank lesen kann!

    • Kleinstadtcarrie 22. August 2018 at 10:14

      „mit politischen Themen, die man auch auf einer rosa Bank lesen kann!“ – danke für Deine Worte.
      Für diesen Kommentar 🙂
      Erst hat der Beitrag nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen, – jetzt aber schon. Danke Euch für Eure Zeit!

  • Reply Kathrin 20. August 2018 at 13:08

    Liebe Luise,
    ich habe den Beitrag gerade erst gelesen (ich spare mir deine Posts immer für ein bisschen „besonderere“ Momente auf, wenn ich sie in Ruhe lesen und genießen kann – freue mich übrigens so sehr, dass du wieder postest und bin mehr als gespannt darauf, was bald kommen wird!) und sitze hier mit Gänsehaut. Man kann jede Situation so gut mitfühlen, hat sofort das Gefühl, dass man mitten drin ist und fühlt, wie du dich fühlst, was du beschreibst. Und nachdem man diese wenigen Zeilen gelesen hat sitzt man da, schaut das Bild an und denkt lange nach. Über das was tagtäglich vor sich geht, was wir mitbekommen, was vielleicht nicht, was man aufnimmt, was man hört, aber was einen schon längst viel weniger schockt, als am Anfang. Weil man abstumpft, ohne es zu merken – bis man einen Text wie deinen liest. Die Situationen sind so unterschiedlich und gleichzeitig auf der Gefühlsebene und bei dem was sie zwischen den Zeilen ausdrücken so ähnlich. Und die Kunst, diese auf den ersten Blick so unterschiedlichen Situationen miteinander zu verbinden und sie in einen Text einzubetten, zeigt (mal wieder!) dein unglaubliches Schreibtalent.
    Vielen Dank dafür und ich freue mich wirklich sehr, dass du dich dazu entschieden hast, wieder politische Themen aufzugreifen – ich glaube das ist in der aktuellen Zeit gerade wichtiger denn je und ich hoffe und glaube fest daran, dass du etwas bewegen, verändern und Denkanstöße geben kannst!
    Alles Liebste,
    Kathrin

    • Kleinstadtcarrie 22. August 2018 at 10:16

      Liebe Kathrin,

      vielen, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit nimmst. Für meine Texte und fürs Darübernachdenken. Das bedeutet mir die Welt und dieser Austausch hier mit Euch ist absolut unbezahlbar!

  • Reply Steffi 15. August 2018 at 23:39

    Toller Beitrag!
    Lässt einen nachdenklich werden und zugleich strahlt der Artikel doch so eine innere Zufriedenheit aus!
    Ich bewundere es, wie du deine Gedanken immer so zu Papier bringen kannst! Beeindruckend – fast als wäre ich dabei gewesen am Strand mit der Sonne! 🙂

    • Kleinstadtcarrie 16. August 2018 at 18:04

      Hey Steffi,

      innere Zufriedenheit? Findest Du. Das ist erstaunlich, denn die Texte lösen keinerlei Ruhe und Zufriedenheit in mir aus. Eher gegenteilig …

  • Reply Annete 14. August 2018 at 04:58

    Hallo, Luise,

    So schönes Bild, lässt mich über Lebenspläne nachdenken, aber gleichzeitig, fühle ich mich wohl und warm.

    Vielen Dank,
    Annete

  • Reply Sarah Marie 13. August 2018 at 17:05

    Toller Text der einen nachdenken lässt. Das Bild ist wunderschön!
    Liebe Grüsse,
    Sarah Marie / http://www.xoxsarahmariex.com

  • Reply Olivia 13. August 2018 at 16:53

    Luise, ich finde es toll, wie du hier die politische Botschaft verpackst. Zwischen Sonnenuntergängen, feuchten Haaren und Titanic. Ein so gehaltvoller und vielschichtiger Beitrag zugleich. Danke!