Vietnamese Coffee

/8. Mai 2018/7 Kommentare


Ich trage den Ring wieder am Finger.
Gestern: in dem kleinen Seitenfach meiner Lieblingstasche gefunden.
Also habe ich ihn angesteckt. Mir nicht viel dabei gedacht. War in Eile. Er darf nicht verloren gehen. 
Diese Erinnerung darf auf keinen Fall verloren gehen.

Heute, Mittagspause:
Ich bestelle einen Eiskaffee. Beim Vietnamesen.
Und dann habe ich in die Sonne geschaut und unverhofft an uns gedacht.

Erinnerungen; zumeist sammle ich sie in kleinen Büchern, trage sie am Handgelenk und verstaue Strandgut in kleinen Erinnerungskisten. Aufschreiben. Konservieren. Und gelegentlich zurück denken.
Weißt-Du-noch-Momente.
Sanft. Blass. Ein Lächeln auf den Lippen.

Aber heute: Ring. Kaffee. Und die Sonne.
Und plötzlich hat das ziemlich geblendet.
Plötzlich wurde das ziemlich viel.
Und als der vietnamesische Kellner mich nicht verstand, stiegen mir die Tränen in die Augen.
Wo bin ich?
Wo bist Du?
Und wieso ist das eigentlich gerade so präsent?
Wieso ist diese Erinnerung heute nicht an seinem Platz? In einem kleinen Buch, an meinem Handgelenk oder einer Einnerungskiste?
Déjà-vu?
Nur das einiges fehlt. Einiges fehlt. Du fehlst, obwohl du so präsent bist.
Also diese Erinnerung liegt hier ausgebreitet vor mir. In Berlin Mitte. Einfach so. Und ziemlich grell. Und für einen alleine sind das ziemlich viele Gefühle. Für mich allein ist das gerade ziemlich viel.

Ich trinke einen Schluck.
Süß und bitter zugleich.
Vietnamese Coffee.

Ich halte mir die Hand vors Gesicht.
Licht und Schatten zugleich.
Vietnamese Coffee.

Also sitze ich hier, trinke das eiskalte Getränk, was nach letztem Sommer schmeckt und der kleine blaue Stein an meinem Ringfinger glitzert in der Sonne. Vietnamesische Musik und dieser sanfte Geruch nach Ferne.
Doch gerade bevor ich Deine Nummer wählen kann, ist der Kaffee alle. Das Eis geschmolzen. Die Sonne ist hinter dem 6-stöckigen Haus auf der anderen Straßenseite untergegangen.
Ich zahle.
Und gehe.
Der Moment ist vorbei.
Die Erinnerung verblasst.

Vietnamese Coffee.
Süß und bitter zugleich.
Eine Erinnerung mitten in Berlin Mitte.
Da, wo sie eigentlich nicht hingehört.
Denn: zumeist sammle ich sie in kleinen Büchern, trage sie am Handgelenk und verstaue Strandgut in kleinen Erinnerungskisten.
Diese Erinnerung mitten in Berlin Mitte.
Da, wo sie hingehört.
In meinem Herzen.

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7 Kommentare

  • Reply Jasmina 11. Mai 2018 at 22:32

    Ein wunderschöner Post. Echt toll geschrieben 😀

  • Reply Dany 11. Mai 2018 at 19:34

    Es ist manchmal sehr merkwürdig wann und in welchen Momenten Gedanken an Vergangenheit, einer bestimmten Person oder einem Erlebnis erneut Besitz von uns ergreifen. Und dann ganz plötzlich ist es wieder vorbei. Ein Geruch der erinnert. Ein Lied, ein bestimmter Ort oder sogar Geschmack. Bitter und süß zugleich ❤

    Liebst Dany von danyalacarte.de

  • Reply Marmormaedchen 10. Mai 2018 at 20:42

    Wundervoll geschrieben.

  • Reply Elena 9. Mai 2018 at 7:26

    So ein schöner Blogpost. Deine Worte sind so aussagekräftig und verstecken doch so viel, von dem was da wirklich passiert ist letzten Sommer.
    Ich freue mich total, dass du wieder häufiger bloggst.

  • Reply Hannah 8. Mai 2018 at 20:44

    Wow Luise!

    Ich muss sagen, obwohl die Bilder so anders sind als sonst, gefallen sie mir wahnsinnig gut! So ausdrucksstark und gefühlvoll wie dein Beitrag. Es überkommt einen das Gefühl einer Erinnerung, ganz unverhofft und unerwartet, als hätte man etwas in einer Schublade versteckt und zufällig wieder gefunden, wie du den Ring. Manchmal bleibt uns das eigene Gedächtnis und Erinnerungsvermögen ein Rätsel. Aber genau darüber zu grübeln, kann ab und zu sehr hilfreich sein. Danke für die tägliche Inspiration!

    LG, Hannah

    • Kleinstadtcarrie 11. Mai 2018 at 14:14

      Liebe Hannah,

      DANKE für Deinen lieben Kommentar <3