Das sind zwei Wände, und ganze Welten #gelesen

/2. Mai 2018/7 Kommentare

Ich habe aktuell kein richtiges zu Hause.
Also schon.
Bei Dir. Und bei Dir. Irgendwo in Niedersachsen. Und hier in Berlin Mitte.
Aber eben nicht so, wie sich das die Gesellschaft allgemeinhin so vorstellt.
Keine eigene Wohnung.
Und während ich Dich und Dich, Niedersachsen und Berlin Mitte als zu Hause ansehe, so kommt es doch dann und wann dazu, dass auch ich mir eigene vier Wände zurückwünsche, herbeiwünsche.
Und dann: greife ich zu einem guten Buch. Das sind zwei Wände, und ganze Welten – die mich beschützen und umhüllen. Worte, Geschichten, Charaktere – die mich in den Arm nehmen. Zuneigung geben. Zu Hause sind

Wie immer möchte ich Euch heute meine zuletzt gelesenen Bücher vorstellen. Die Bücher, die mich in den letzten Monaten aufgefangen haben, festgehalten und irgendwie auch zurück in’s Leben geholt haben. Denn während ich im Krankenhaus eine Serie nach der anderen geschaut hatte, aufgrund der Schmerzen mich nicht aufs Lesen konzentrieren konnte, war die Vorfreude unermesslich, endlich wieder den Geruch eines guten Buches einzuatmen, in eine Geschichte einzutauchen und einfach nicht aufhören können zu lesen.
Ein gutes Buch habe ich gerade noch, das ungelesen hier auf meinem Fensterbrett liegt.
Also ich freue mich diesmal ganz besonders auf Eure Empfehlungen.
Meine sind diesmal die Folgenden:

Note to Self von Connor Franta (kaufen)
Ein Buch das mir, unverhofft, unglaublich viel Motivation gegeben hat. Und Kraft. Weil – es sich anfühlt wie ein englisches, männliches Pendant zu diesem Blog hier. Zu meinem Blog. Gerade die ersten 100 Seiten wirkten so vertraut, so nah und ich fühlte mich verstanden, weniger allein. Ihr schreibt mir oft, dass ich Eure Gefühle so gut in Worte packe – er tut das auch, für mich. Also könnte das Buch vielleicht auch etwas für Euch sein?

„It’s about making more of these memories, not about trying to remake them.“

“They say that the truth with ’set you free‘, but they neglect to tell us what happens when the truth is something we don’t want to hear.” 

Schuld von Ferdinand von Schirach (kaufen)
Das zweite Buch von Schirach, das ich gelesen habe.
Und: ich habe mich fast übergeben.
Ich las – zwischen Tür und Angel – aber manche Bücher: sind dafür nicht gemacht. So eben auch dieses hier. Es trügt, weil es eingeteilt ist in kurze Geschichten, meint man, die dazu einladen, in der Bahn, beim Frühstück oder im Wartezimmer in sie einzutauchen.
Tut es nicht.
Ich bin weinend aus der Straßenbahn gestolpert und saß fünf Minuten auf der Bordsteinkante. Atmen, dachte ich. Und alles was ich tat war zu schluchzen. 45 Minuten lang. Bis ich mich wieder beruhigt hatte.
Also, nehmt Euch Zeit – für die Geschichten aus dem zu Hause anderer Leute. Ein fremder Alltag. Der Schmerz einer anderen Frau, der mir das Herz zerriss. Schirach beschreibt so genau, fast kühl teilweise, sachlich, dass der Ekel, den die Begebenheit ohnehin hervorruft, noch verstärkt wird.
Also, wer mal aus seiner Comfort Zone raus möchte, wer sich mit kurzen Geschichten, aber schweren Schicksalen auseinander setzen möchte, wer bereit ist, sich die Frage nach Schuld zu stellen – immer und immer wieder und nicht unüberlegt und offensichtlich zu beantworten, wer bereit ist, seine Gedanken und Moralvorstellung herauszufordern, der ist bei diesem Buch an der richtigen Adresse.

Unter Leuten von Juli Zeh (kaufen)
Dieser Brocken von 635 Seiten liegt seit Wochen auf meinem Bücherstapel. Immer Mal wieder wage ich mich heran, komme nicht wirklich rein.
Das Buch gehört zu einem der Liebsten meiner Schwester, ich habe sie gefragt, wieso?

„Weil sich die Menschen in Unter Leuten miteinander arrangieren müssen! Es geht doch darum, dass wir heutzutage nicht mehr so verbunden sind mit denjenigen Mitmenschen, die man sich nicht aussuchen kann.
Normalerweise zieht man dann einfach weg, trennt sich, gibt auf, beendet die Freundschaft auf Facebook und sieht einander nie wieder – das ist bei Unter Leuten nicht so. Das sind anstrengende Charaktere, wahnwitzige vielleicht und trotzdem funktioniert es irgendwie. Es wird gesprochen und sich miteinander auseinandergesetzt (in welcher Weise auch immer). Man arrangiert sich. Ich mag das. Und denke, wir sollten uns davon eine Scheibe abschneiden.“

 “Wenn ich in Unterleuten eins gelernt habe, dann dass jeder Mensch ein eigenes Universum bewohnt, in dem er von morgens bis abends recht hat.” 

Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky (kaufen)

Ich saß anderthalb Stunden im Café.
An einem Freitag.
Nur ich. Und das Buch.
Ich hatte die ersten 150 Seiten bereits gelesen – das war schön, aber nicht unglaublich mitreißend, Gänsehaut erzeugend oder inspirierend.
Aber als ich das Buch nach diesen anderthalb Stunden ausgelesen auf den Tisch legte und den letzten Schluck meines Iced Lattes austrank, war ich ganz ruhig. Beruhigt irgendwie.

Es geht um’s Sterben. Wie das ist, was da passiert und wie das Leben trotzdem weitergeht. Wie man damit lebt. Und wie sich das anfühlt.
Mariana Leky hat die richtigen Worte gefunden um mir die Angst ein wenig zu nehmen.
(Auch hier wird sich übrigens miteinander arrangiert.

Gelegenheit zu einer kleinen Verzweiflungausgewählt und illustriert von Nikolaus Heidelbach (kaufen)
Kurzgeschichten von Kafka – was könnte sich mehr zu Hause anfühlen?
Ich weiß gar nicht, ob ich es bisher jemals erwähnt habe, dass Franz Kafka einer der wenigen Autoren und Persönlichkeiten ist, die mich absolut faszinieren, antreiben und inspirieren. Ich beschäftige mich selten mit Biografien, kenne kaum einen Schauspieler namentlich – für mich ist die Natur die größte Inspiration, Erfahrungen, Gespräche und Berührungen mit Menschen in meinem Leben, ihre Augenfarbe ist es, die mich inspiriert und ihre Sicht auf die Dinge, wenn sie mich durch ihre Augen sehen lassen.

Und Franz Kafka.
Definitiv.
Und diese Sammlung ist wirklich ein sanfter Einstieg in seine verworrene Gedankenwelt, in der ich mich so unglaublich wohl fühle.

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7 Kommentare

  • Reply Tetyana 22. Mai 2018 at 14:28

    Danke für die wunderbaren Buchvorstellungen! Ich bin immer wieder auf der Suche nach neuen Welten und einige der von dir vorgestellten Bücher sind auch direkt in meiner To-Read-Liste gelandet!
    Meine Mama hat mir neulich das Buch „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse zugesteckt. Ich habe mich am Anfang etwas schwer damit getan, aber es hat mich sehr berührt. Es handelt von Europa, oder besser gesagt von unserer (oder einer) Idee von der EU, ohne dass es sich hierbei um ein politisches Buch handelt.
    Vielleicht wäre das auch etwas für dich? 🙂

    Liebste Grüße !

    • Kleinstadtcarrie 22. Mai 2018 at 16:45

      Danke für den Buchtipp, Tatyana!

      Lass‘ mich dann unbedingt wissen, wie Du das Buch fandest 🙂

  • Reply Susi 7. Mai 2018 at 14:11

    ich habe Unterleuten von Juli Zeh super gerne gelesen.
    Aber es stimmt die ersten Kapitel sind verwirrend und unklar, aber bleib dran es wird super 🙂

    • Kleinstadtcarrie 8. Mai 2018 at 17:05

      Danke Susi, dann setz‘ ich mich doch noch mal dran 🙂

  • Reply Aurum 4. Mai 2018 at 6:20

    Interessanter Artikel und tolle Fotos!

  • Reply Jessica 3. Mai 2018 at 9:46

    Vielen Dank!
    Es ist wahnsinnig schwer inmitten all der vielen Neuerscheinungen einen Überblick zu behalten und sich nicht von den Medien leiten zu lassen. Es ist sind kleine Glücksschauer, die mich überkommen, sobald ich ein Buch finde, dass mich anspricht. Und heute hast Du mit deinen Buchempfehlungen dafür gesorgt!

  • Reply Anne 3. Mai 2018 at 7:30

    Liebe Luise,
    was für eine wunderbar treffende Metapher für das viel zu einfach Wort „Buch“.
    Für mich fühlt es genau so an…man schlägt ein Buch auf, egal wo man ist, und plötzlich hat man einen Ort an den man gehört, man ist Teil einer Geschichte, irgendwie nicht mehr verloren. und das ist ein wunderbares Gefühl. Danke für deine Empfehlungen und Gedanken zu den Büchern.
    Liebe Grüße Anne
    http://trustyourgut1.blogspot.de/