Ich habe einen Scherenschnitt daraus gemacht.

/26. März 2018/44 Kommentare

Ich habe dem Mädchen aus der dritten Klasse einfach so verziehen, dass sie mich geschlagen hat und ich habe nie darüber nachgedacht ob ich ihm verzeihe, dass er uns verließ. Ich habe es hingenommen, dass sie mich belogen und verraten hat. Ich habe dich geliebt, obwohl du sie zwischen uns gestellt hast. Und verzeihe Dir, dass Du mich nie ganz aber auch nie gar nicht wolltest.
Ich verzeihe. Ich verstehe. Ich vergebe.
Jedes Mal.

Ich hab’ Dir jedes Mal verziehen.
Rache ist ein Fremdwort für mich.
Aber ich lerne gerade Abschied buchstabieren. Schuld. Und Selbstschutz.

Wir alle stehen vor unserer eigenen Staffelei und zeichnen. Malen. Spritzen dicke Ölfarbe auf die Leinwand. Aquarell. Ganz wie es uns eben beliebt. Ausprobieren. Wir sind Künstler.
 Überlebenskünstler. Ausgestattet mit Pinseln und Paletten, einer Leinwand und auf unseren Reisen sind es Erinnerungen, neue Nuancen, Techniken, Farben – die wir sammeln,  etwas eigenes daraus machen. Und dann und wann kommt es dazu, dass jemand ganz sacht seine Hand um meine legt und den Pinsel führt. Wir vermischen unsere Farben, rücken näher zusammen und betrachten einander. 
Und dann habe ich Dir immer wieder meinen Farbkasten ausgeliehen. Neue Nuancen. Schau nur, was passiert – wenn wir einander mischen. Schön, nicht wahr? 
Sanft und vorsichtig. Gemeinsam. Ausprobieren.
Aber ihr, – ihr habt mir auf mein Kunstwerk gespritzt. Manchmal beabsichtigt. Manchmal – Kolleteralschäden. Du hast eine Schere genommen und einfach drauf losgeschnitten. Du hast Deinen Pinsel vorher nicht ausgewaschen und meinen Kasten ruiniert. Ein dicker Klecks mitten auf meiner Leinwand. Wie eine Fratze.– Ich habe am Ende einen Scherenschnitt daraus gemacht. Ich habe Farben gemischt und unliebsame Flecken ausgebessert. Aus dem dunklen Streifen, den Du mir mitten über mein Gemälde gezogen hast, habe ich eine Brücke gemacht. Und immer wieder ausgewaschen. Die schmerzenden Farben mühselig mit Wasser aus meinen Pinseln gespühlt.
Gewissenhaft.
Gewissenhaft Schmerz übertüncht.
Verziehen.
Jedes einzelne Mal. Habe Dich bei mir selbst entschuldigt. Erklärungen gefunden. Mögliche Erklärungen. Und habe darüber hinweggesehen. Es Dir gleichgetan.

Vielleicht hast Du Dich daran gewöhnt.
Dass ich hinnehme – Deine Fehler wunderbar aussehen lasse. Aussehen ließ.
Das tut mir Leid.
Es tut mir Leid, Dich jetzt vor den Kopf stoßen zu müssen.
Es tut mir Leid, dass Du nie gelernt hast, Entschuldigung, zu sagen, – weil ich Dir das abgenommen habe.

Aber versteh: Ich habe Dir verziehen. Ich habe Dir vergeben. Erklärungen gesucht und gefunden – damit es mir gut geht. Damit ich zur Ruhe komme. Weil mein Herz Frieden verdient hat. Weil ich Verantwortung trage – für mein Gemälde. Und vielleicht ist das egoistisch. Vielleicht hätte ich Dich mehr kämpfen lassen müssen. Aber ich konnte nicht riskieren, dass wir in Flammen aufgehen. Denn Papier, das brennt so gut.
Aber versteh: Ich vergebe Dir, weil Menschen Fehler machen. Weil ich auf eine schier endlose Chronik von Fehlern, von unüberlegt ausgesprochenen Worten, von Lügen und verpassten Chance zurück blicke. Ich verzeihe, weil da noch genug Deckweiß in der Tube ist. Weil man Risse kleben kann. Und weil Schmerz auch irgendwie immer schön ist. Ich verzeihe, weil ich an die Liebe glaube. An die allgegenwärtige Liebe. Da bin ich mir sicher. Sie ist immer. Sie ist überall. Sie ist das, was wir atmen und das was wir brauchen und das was wir produzieren.
Also: Liebe.
Ich vergebe – weil es nicht mehr so ist. Weil Du zurück gekommen bist und die Stille längst gebrochen ist. Weil Du neue Farben in Dir trägst und aus schwarz langsam violett wird. Aber, wir können Erfahrenes nicht leugnen. Ich will Erfahrenes nicht leugnen.
Also bitte versteh:  Ich muss zeichnen. Ich muss abmessen und dann wieder spontane Muster entstehen lassen. Ich find lila toll. Besser als schwarz. Und ich werde damit malen. Ich werde die Farbe mit Wasser mischen und über die Schichten Deckweiß geben. Und dann helles Flieder. Frühlingsanfang. Und der lässt uns den Winter vergessen, aber dass er wiederkehrt … ist gewiss.

Ich habe  verwischt und radiert, übermalt und meine Tränen haben das Schwarz verschwimmen lassen.
Deckweiß.
Violett.
Helles Flieder.
Frühling.
Mein Frühling.
Meine Leinwand und meine Pinsel.

Ich vergebe Dir.
Aber am Ende ist es ohnehin immer nur Dein Gemälde, was Du zerstörst.
Ich kann uns nicht beide retten.

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44 Kommentare

  • Reply Vivien 2. April 2018 at 22:03

    Luise .. Danke! ♥️ du bist mit Abstand die Bloggerin mit den besten, schönsten, literarischsten, tiefgehendsten Texten! Danke für deine Zeit und deine Worte, die immer unter die Haut gehen!!!

  • Reply Vic 31. März 2018 at 17:46

    Unglaublich schön Luise! Eines deiner besten literarischen Werke. Ein Text, der mich mitten ins Herz getroffen hat.

  • Reply Marmormaedchen 29. März 2018 at 09:11

    Hallo Luise
    Was für ein wunderwunderschöner Text. Ich bin noch immer ganz erstarrt und sehr gerührt.
    LG Jasi
    http://www.marmormaedchen.ch

  • Reply Maria 28. März 2018 at 22:35

    Liebe Luise,
    dieser Text geht mitten in mein Herz und berührt mich sehr. Du sprichst mir damit aus der Seele, verpackst Emotionen und Gefühle in Worte, für die ich momentan keine Worte habe. Ich danke dir dafür! Das gibt mir Kraft. Danke, für deine wunderbaren Texte! 🙂
    Liebe Grüße
    Maria

  • Reply Hannah 28. März 2018 at 18:50

    Liebe Luise,

    wie immer hat dein Text mich wahnsinnig berührt und heute auch mitten ins Herz getroffen. Ich musste beim Durchlesen lustigerweise an eine Freundin denken, bei der ich so oft die Gründe für ihre Launen und Probleme bei mir selbst suche, genau die Situation, die du beschrieben hast. Oft liebt man einen Menschen so sehr, dass man nicht loslassen will/kann und ihm deshalb alles verzeiht bzw. das Problem bei sich selber sucht. Ich bin ein sehr loyaler Mensch, der viel verzeiht, aber eben nie vergisst, was mich sehr oft zum Nachdenken bringt. Dein Text hat mir diese Konfliktsituation erneut vor Augen geführt und mich wieder zum Nachdenken angeregt. Vielleicht brauchen wir alle etwas oder eben manchmal mehr Abstand vor solchen Personen und Konflikten.

    Danke für die Worte❤

    Hannah

  • Reply Jana 27. März 2018 at 15:17

    Liebe Luise,

    dieser Text ging mitten ins Herz.
    Deine Art zu schreiben ist einfach wunderbar. Schön, dass du wieder gesund bist!
    Jana

  • Reply Julia 27. März 2018 at 13:13

    Liebe Luise,
    wow! Vielen, vielen Danke für diesen wundervollen Text. Jede Zeile, jedes Wort, jede gutgewählte Metapher sprüht von Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Tiefe. Ich hatte Gänsehaut beim Lesen. Deine Texte geben den Lesern so viel, treffen sie ins Herz und regen zum Nachdenken an. Du bist etwas ganz Besonderes, liebe Luise. Ich finde es toll, dass Du dich so von den Massen an Bloggern abhebst und deinen Lesern so ehrlich und voller Gefühl berichtest und dabei so viel von Dir selbst gibst und noch dazu deinen Lesern dabei so viel mitgeben kannst. Also hier nochmal: Herzlichsten Dank. Ich freue mich auf viele weitere Texte.
    Liebe Grüße

  • Reply Lisa B. 27. März 2018 at 13:05

    Liebe Luise,
    gäbe es ein Buch mit deinen Texten; ich wäre überglücklich, es besitzen zu dürfen. Ich weiß nicht, ob du das kennst, aber wenn ich unterwegs bin z.B. in der Bahn, dann brauche ich manchmal einen „Gedankenlenker“. Allzu oft schwirren meine Gedanken und vor allem Sorgen wirr durch meinen Kopf und es gelingt mir nicht, sie zu bändigen. Deine Texte schaffen das. Wenn ich deine Zeilen lese, kann ich wieder fokussieren und fühle durch deine Beschreibungen genauer. Vielen Dank dafür – und bitte, bleib‘ der tapfer umkehrende, erste Lachs im großen Getummel!

    • Kleinstadtcarrie 28. März 2018 at 00:15

      „und bitte, bleib‘ der tapfer umkehrende, erste Lachs im großen Getummel!“
      Ich bin gerührt. Du bist großartig.
      Vielen vielen vielen Dank!

  • Reply Nicole 27. März 2018 at 12:34

    Endlich wieder Worte von dir.Und was für welche!
    Ein toller Text um wieder deinen Blog zu starten.
    Die Worte sind so zart aber gleichzeitig auch so kraftvoll.
    Aber am allermeisten freue ich mich das es dir wieder besser geht.
    Und mache dir nix aus dem ein oder anderen blöden Instagram Komentar.
    Du bist toll,so wie du bist♥️

    • Kleinstadtcarrie 28. März 2018 at 00:15

      Liebe Nicole,

      vielen Dank!

      Und ja, da muss ich mir echt wieder eine dickere Haut zulegen!

      Alles Liebe, Luise

  • Reply Jette 27. März 2018 at 12:10

    wow… ich bin gerade so sprachlos. Das ist definitv einer deiner besten Texte.
    Ich habe jedes Wort richtig gefühlt.

    „Ich vergebe Dir.
    Aber am Ende ist es ohnehin immer nur Dein Gemälde, was Du zerstörst.
    Ich kann uns nicht beide retten.“ … und dann dieses ausdrucksstarke Bild.
    Du bist eine Powerfrau und das sage ich ganz ohne Neid. Mach weiter so Luise!

    • Kleinstadtcarrie 27. März 2018 at 12:15

      Jette, vielen vielen vielen Dank 🙂

      Nach so langer Zeit wieder was zu posten war ziemlich aufregend für mich. Und jetzt – dank Euch fühlt es sich nur noch gut an!

      Alles Liebe, Luise

  • Reply Tanja 27. März 2018 at 06:57

    Oh mein Gott WOW, einfach nur wow.
    Ich hab mich riesig gefreut als du gesagt hast ein neuer Blogpost wäre online,
    aber dass du damit so rein haust, mit deinem ersten Post, das hätte ich nicht gedacht.
    Nicht dass ich das dir nicht zugetraut hätte – wem sonst – aber du überraschst uns immer wieder.
    Danke!

    • Kleinstadtcarrie 27. März 2018 at 12:16

      Ich habe wirklich total lange überlegt, mit welchem Beitrag ich starten soll … bin jetzt froh, diesen ausgewählt zu haben 🙂

  • Reply Delia 27. März 2018 at 00:23

    Ich bin so ein unglaublicher Fan von deinen Texten! Ich liebe sie, wirklich. Und du bist neinVorbild, dass du mit ihnen so offen umgehst und an die Öffentlichkeit gehst. Deine Gedanken und Gefühle preisgibst. Ich hoffe, irgenwann kann ich das auch.

    • Kleinstadtcarrie 27. März 2018 at 12:17

      Liebe Delia,

      – vielen vielen Dank!
      Und ja: Du kannst das!

  • Reply Toni 26. März 2018 at 23:47

    wunderschön geschrieben und so wahr! 🙂

  • Reply Judith 26. März 2018 at 23:15

    Dein Text hat mich zu Tränen gerührt. Wunderschön geschrieben.
    Vor allem in dem letzten Absatz steckt so viel Wahrheit!

  • Reply Ellie 26. März 2018 at 23:11

    Manchmal wünsche ich mir, dass du dich etwas konkreter ausdürckts… Damit ich mir sicher sein kann, dich verstanden zu haben…<3
    http://www.blogellive.com/2018/03/25/easter-products-for-bath-shower-lush/

    • Kleinstadtcarrie 27. März 2018 at 12:17

      Liebe Ellie,

      – vielleicht geht es gar nicht darum mich, sondern Dich selbst zu verstehen <3

  • Reply Inga 26. März 2018 at 21:43

    Du bist zurück! Ich habe die Worte gerade so in mich aufgesogen. Ich liebe deine Texte, Fotos und vor allem das Zusammenspiel aus beiden. Für mich bist du mit Abstand meine Lieblingsbloggerin mit echtem Inhalt und ein Vorbild! <3

    Liebe Grüße 🙂

    • Kleinstadtcarrie 27. März 2018 at 12:18

      Liebe Inga,

      das bedeutet mir die Welt, wirklich! 🙂

  • Reply Janina 26. März 2018 at 21:12

    Wundervoll, liebste Luise.

  • Reply Luisa 26. März 2018 at 20:46

    Schön, dass du wieder da bist! 🙂
    Besonders diese Stelle hat mich berührt:
    Aber versteh: Ich habe Dir verziehen. Ich habe Dir vergeben. Erklärungen gesucht und gefunden – damit es mir gut geht. Damit ich zur Ruhe komme. Weil mein Herz Frieden verdient hat.

    Der Text ist großartig und das, was zwischen den Zeilen mitschwingt, gibt mir ein Gefühl von Stärke und Neuanfang. Sehr inspirierend. Danke dafür.

    • Kleinstadtcarrie 27. März 2018 at 12:19

      Luise,

      hach, mein Herz – es ist so wunderschön, wie sensibel ihr mit meinen Texten umgeht und jedes Wort aufsaugt. Ich danke Dir von ganzem Herzen!

      Alles Liebe,
      Luise

  • Reply Pia 26. März 2018 at 20:33

    Habe deine Texte so vermisst.
    Bitte bleib ein Teil dieser unrealen virtuellen Welt, auch wenn ich das Gefühl habe, du verfluchst sie immer mehr. Du gibst vielen Menschen etwas, lass das nicht gehen, nur weil du denkst, dich zu verraten als Teil der Influencer Szene.

    • Kleinstadtcarrie 27. März 2018 at 12:21

      Das tue ich in der Tat, Pia.
      Es fällt mir beinah von Tag zu Tag (und jetzt nach der langen Pause) immer schwerer hier mitzuspielen und trotzdem mein Gesicht zu wahren.
      Ich hoffe selbst so sehr, dass ich bald einen Weg finde, mit dem ich wieder 100%ig zufrieden bin.

      Danke für Deine Worte, das motiviert mich sehr, diesen zu suchen und mit all‘ dem hier wieder ins Reine zu kommen!

  • Reply Anna 26. März 2018 at 20:06

    Mal wieder ein so toller Text. Ich verschlinge wortwörtlich jeden einzelnen Post von Dir und ich muss sagen: Deine Wort sind einfach Inspiration. Wie du es immer wieder schaffst Gefühle so zu verpacken, dass sie ankommen. Vielen Dank, für deine Worte, deine Texte. Am liebsten würde ich jeden Tag etwas von Dir lesen. Mach weiter so! Ganz liebe Grüße

    • Kleinstadtcarrie 27. März 2018 at 12:24

      Liebe Anna,

      ich probiere wieder mehr zu schreiben <3 <3 <3

  • Reply Veronika 26. März 2018 at 19:20

    Liebe Luisa,
    vielen Dank für deinen Blogpost. Der kam wie gerufen. Ich versinke hier in Liebeskummer und Selbstmitleid. Aber dein Post hat mich zum nachdenken angeregt. Er war einfach genau das richtige, genau das was ich gerade brauche. Irgendwie konntest du meine Gedanken gerade in Worte fassen. Vielen, vielen, viiiiiiiiiielen Dank dafür!
    Und bevor ich es vergesse … du schreibst du wundervoll und hast so eine tolle Persönlichkeit. Ich bin ganz hingerissen. 🙂

    Hab noch einen schönen Abend.

    • Kleinstadtcarrie 27. März 2018 at 12:25

      Veronika,

      hach, – ich danke Dir!
      Und wünsche Dir alles alles Gute 🙂 Jeder Schmerz geht vorüber <3 Ich drück Dich ganz doll!

  • Reply Yousra 26. März 2018 at 19:12

    Wow. Einfach nur Wow! Hast mich tief getroffen! Finde es ist wirklich ein wundervoller Text!

  • Reply Julia 26. März 2018 at 18:46

    Liebe Luise, wie immer unglaublich ehrlich und jeder von uns sieht sich doch auch selbst in deinen Texten. So schön anschaulich geschrieben, wie man mit Verletzung umgehen „muss“, um verzeihen zu können. Du berührst mich jedes Mal mit deinen Worten. Ich freue mich so sehr, dass es endlich wieder etwas zu lesen gibt von dir. Danke!

    • Kleinstadtcarrie 27. März 2018 at 12:26

      Liebe Julia,

      vielen Dank für Deine Worte. Und es gibt für mich kein schöneres Kompliment, als wenn ihr Euch selbst in den Texten seht <3

      Viel Liebe,
      Luise (die jetzt hoffentlich wieder öfter postet)