Was bin ich wert?

/26. Februar 2018/11 Kommentare

Black Mirror. 2017 // 4 Staffeln „Diese Sci-Fi-Anthologieserie spielt in einer bizarren hochtechnologisierten Zukunft, in der die größten Innovationen der Menschheit auf ihre dunkelsten Instinkte treffen.“

Es ist Freitag Abend.
Irgendwie viel zu kalt.
Berlin irgendwie viel zu voll.
Zu laut.
Wir wollen reden.
Irgendwann werde ich müde.

„Los wir machen Netflix an und wenn Du eingeschlafen bist, hau ich ab…“, sagt er und ich lächle. Bin so dankbar, dass wir uns seit so vielen Jahren haben.
Ich drücke Play. Black Mirror. Staffel 3. Folge 1.

„Nun es gibt Hoffnung. Sie geben sich sichtlich Mühe.“
„Ach und das sehen sie einfach so an …  mir?“
„Nein…an ihrer Beliebtheitsanalyse. Die Auswertung ihrer Zahlen zeigt einen soliden Popularitätsbogen. Schöner starker Trend nach oben. Schauen wir uns doch mal den letzten Tag an.
Schon um … eh … 20 vor 9 arbeiten sie an ihren Social Skills. Wirklich ein wunderschöner Post.“
„Okay, danke“
„Ich seh da ein paar Einbrüche. Jemandem die Vorfahrt genommen?“

„Sehen wir uns mal ihren Einflussbereich an. Kurz rauszoomen… tolle Peripherie. Fremde mögen sie, das ist ein Plus. Gesunder innerer Kreis. Schön!“
„Dankeschön.“
„Keinesfalls perfekt. Aber: 4,5 ist sicherlich machbar.“
„Und wie lang wird das dauern?“
„4.5 zu erreichen?“
„Mmh.“
„Naja ohne massive Rückschläge, beispielsweise ein öffentlicher Skandal, vielleicht: 18 Monate oder so.“
„Oh geht das auch etwas schneller? Also: viel schneller?“
„Sie wollen also einen Boost?“ 
„Was für ein Boost?“
„Die meisten ihrer Interaktionen begrenzen sich auf ihren inneren Kreis, naja und das sind hauptsächlich … entschuldigen sie mich … Menschen aus unteren Schichten.  Das Gleiche gilt für den äußeren Kreis. Abgesehen von 5-Sterne-Bewertungen aus dem Dienstleistungsbereich ist da  nicht viel. Soweit ich das sehen kann. Also in Bezug auf Qualität könnten sie ein wenig Hilfe gebrauchen. Idealerweise heißt das gute Bewertungen von besseren Menschen.“
„Besseren Menschen?“
„Mmh, hohe Vierer. Wenn sie hochangesehene Leute beeindrucken, steigt ihr Kurve und das ist dann ihr Boost.“

Danach: ich bin hellwach.
Ich denke: Pflichtprogramm. Für uns alle, die wir in dieser Branche arbeiten. 
Er schaut mich an: „Ich bin froh, dass Du nicht so bist, Luise. Und das nach so vielen Jahren.“

Als er gegangen ist, nehme ich mein Handy zur Hand. Was sonst?
InstaStories. Ich will mich noch etwas berieseln lassen zum einschlafen.
„Vielleicht könnt Ihr mir Instagramerinnen empfehlen, mit denen ich mich mal treffen könnte und mit denen ich mich gut verstehen würde? Also solche, die ungefähr genau so viele Follower haben, wie ich.“
Ich presse meinen Daumen auf das hell erleuchtete Handydisplay und schaue sie an. Es ist still. Ich probiere ihr in die Augen zu schauen. Und zu verstehen. Nach ein paar Sekunden – gebe ich auf. Ich habe eine Glasscheibe angestarrt und gehofft Emotionen zu erspähen. Und das ist nicht ihre Schuld.
In der Uni ging es immer um Kausalzusammenhänge. Abhängige und unabhängige Variable.
Sie sagt also: Also umso ähnlicher die Zahl an Followern ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sich versteht? … Oder: Umso ähnlicher die Zahl an Followern ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die andere überhaupt antwortet, sich treffen will und im besten Fall noch ein gemeinsames Selfie postet.
Was für eine schöne neue Freundschaft.
Und das ist dann ihr Boost.

Instagram. Bloggerblase 2012 // 6 Staffeln „Diese Social Media Anwendung findet statt in der bizarren Wirklichkeit/hochtechnologisierten Gegenwart/ Realität, in der die größten Innovationen der Menschen auf ihre dunkelsten Instinkte treffen.“

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11 Kommentare

  • Reply Mrs Unicorn 14. März 2018 at 14:57

    Ich finde die Serie echt gruselig! Und vor allem solche Episoden.

    Liebe Grüße und noch eine schöne Woche.
    Celine von http://mrsunicorn.de

  • Reply Carmen 13. März 2018 at 23:21

    Gute Besserung wünsche ich dir. So eine Grippe kann einen leider schon ganz schön mitnehmen.
    Liebe Grüße

  • Reply Marie Dyness 3. März 2018 at 18:29

    Klingt sehr spannend!
    Alles Liebe,
    Marie💗
    http://mariedyness.blogspot.de/

  • Reply Ellie 2. März 2018 at 02:39

    Ein paar super tolle Gedanken!<3
    http://www.blogellive.com/2018/03/01/rottie-shooting/

  • Reply Kim 1. März 2018 at 14:19

    Wahnsinnig toller Post! Ich liebe es wenn Inspiration oder Anregungen zum Nachdenken aus scheinbar alltäglichen Situationen kommen. Und natürlich hast du das ganze mal wieder mit deinen Worten wunderbar verpackt. 🙂

    Ich wünsche dir noch eine schöne.
    Liebe Grüße,
    Kim
    von http://maybetoday.de

  • Reply Pauline 27. Februar 2018 at 21:48

    Ich bin sprachlos… mal wieder, nach einem deiner Beiträge Luise…
    Schon das Bild mit den Blasen in deine Insta Story hat mich total gefesselt – wirklich eine mega tolle Idee, um dieses Thema zu verbildlichen und es sieht super professionell aus!
    Und dann dieser Text.. Ich bin immer wieder so gefesselt von deinen Worten und so begeistert davon, wie du deine Gedanken in Geschichten verpackst. Einfach wunderschön und einzigartig!
    Und nun zum Thema: Ich mag Instagram, YouTube, Blogs, Stories… eigentlich.
    Sie inspirieren mich, motivieren mich, lassen mich nachdenken und verändern teilweise sogar meine Denkweise hin zum besseren. Und ich liebe es selbst Sachen zu kreieren. Zu schreiben, Bilder zu machen und alle Gedanken die dazu gehören, aber…
    Es gibt auch Tage, an denen frustriert es mich einfach nur. An denen ich mich frage, ob das wirklich so wichtig ist, ob man nicht einfach ohne all das sein Leben leben sollte, wirklich leben, nicht seine Zeit verschwenden. Und es frustriert mich, wenn ich viel Arbeit in etwas stecke, liebe, und es trotzdem nicht ankommt. Was dumm ist, weil ich es gerne mache. Aber trotzdem gehört zum Bloggen der Austausch. Sonst könnte ich auch Tagebuch schreiben… und das ist schade.
    Aber dann denke ich mir wieder, dass es auch egal ist. Das es nicht mein Glück bestimmt, nicht meine Lebensqualität.
    Aber trotzdem will ich es gerne. Mehr Kommentare, mehr Likes, mehr Follower. Wollen wir alle, sonst würden wir es nicht machen hier – aber es geht eben um das Maß.

    Liebe Grüße
    Pauline <3

    http://www.mind-wanderer.com

  • Reply Irina 27. Februar 2018 at 11:45

    Hallo Luise,

    leider kann ich unter dem Previous Post keinen Kommentar schreiben, daher einmal hier: Ich würde definitiv gerne zu dem Thema etwas lesen wollen. Wie schaffst du dir Strukturen? Was machst du gerne, welche Sachen eher nicht? Triffst du viele unverschämte Anfragen? Ich meine eher in der Werbebranche, weniger persönlicher Natur…Fragen über Fragen!

    Und um das zu unterstützen, was du hier zum Ausdruck gebracht hast. Ich bin stolz, wenn ich sage, dass ich dir folge. Ich schäme mich nicht, wenn ich deine Inhalte sehe oder „konsumiere“. Du bist ein tolles Vorbild! Und ich wünschte mir mehr Reflektion, aber es sind nicht alle darauf aus etwas zu bewegen. Manche sehen es einfach mehr als Job. In einer Welt in der viele verlorene Jugendliche Vorbilder suchen, ziemlich fatal. Ich bin froh, dass ich mir deine Inhalte ausgesucht habe. Danke dafür…

  • Reply Lisa 27. Februar 2018 at 09:25

    Hallo Luise,

    super Thema welches du hier ansprichst und so gegenwärtig. Täglich. Stündlich. Sekündlich.
    Danke für diesen wirklich zum Nachdenken anregenden Post, der auch etwas trauriges hat.
    Wir sollten uns vielleicht öfter klar machen, dass das reale Leben halt auch noch da ist.
    Dass nicht ALLES im Internet stattfindet. Aber das ist schwierig. Immer diese Gier nach Follower, hat der jetzt mehr, wie bekommt sie so viele, was muss ich besser machen.
    Die richtige Blance zwischen Social Media und Real Life zu finden ist wahnsinnig anstregend und schwierig.
    Danke, dass du gezeigt hast, dass jeder gleich viel Wert ist.

    Deine Lisa

  • Reply Elena 27. Februar 2018 at 09:10

    Wow, habe diese Folge erst vor paar Wochen geschaut und fand sie auch super interessant und verstörend zugleich.
    Finde es klasse, dass du über dieses Thema schreibst, total spannend, besonders das Ganze aus deiner Sicht.
    Würde mich über mehr Posts zu solchen Themen freuen.

  • Reply anny 27. Februar 2018 at 00:46

    Hey du. (:
    Lustig wie ich grade zufällig auf deinen neuen Blogeintrag gestossen bin. Ich hab gestern Abend genau die gleiche Folge geguckt und sie hat mich ebenfalls sehr nachdenklich gestimmt.
    Wie der Wert einer Person und ihr Stellenwert in der Gesellschaft so banal bewertet wird.
    Und tun wir das nicht selbst auch schon in dem wir durch Kanäle wie Instagram & co. interagieren?
    Ich weiss gar nicht genau auf was ich hinaus wollte…
    Auf jeden Fall wünsch ich dir einen schönen Abend und freue mich für dich, dass du Menschen in deinen Leben hast von denen du als die gesehen wirst die du bist. Mehr als ein Kanal. Mehr als eine grosse Zahl.

    Grüsse,
    Anny

  • Reply Jotty 26. Februar 2018 at 22:16

    Willkommen in der heutigen Zeit, da wird nicht mehr gefragt wie man im echt heißt, nein nach dem insta Namen wird man gefragt… um so berühmter umso besser die Freundschaft. Traurig!!! Abonnenten werden sich gekauft um ja viele zu haben… ich will zurück in die zeit als das alles egal war…