Grüner Daumen

/7. Februar 2018/32 Kommentare

„Luise – ich hatte schlicht und ergreifend Glück. 
Die Basis war schlecht. Aber irgendwie haben wir es in gute Verhältnisse geschafft. 
Ich war erst ein good seed in a bad environment und dann ist meine Mutter glücklicherweise hier her ausgewandert und dann war ich plötzlich ein bad seed in a good environment. Also konnte ich wachsen. Da waren ziemlich viele gute Nährstoffe um mich herum.“

Ich schaue ihn an.

Ich nicke.
Das klingt alles ziemlich logisch.

„Such’ Dir eine Umgebung, die dich herausfordert. Eine Umgebung, die besser ist als du selbst. Menschen, die Dich pushen.“
Ich nicke wieder und schaue Ihn mit großen Augen an.
Diese egozentrische Art der Amerikaner. Irgendwie eklig, aber sexy. 

Er hat mir nicht viele gute Dinge mit auf den Weg gegeben. Vielleicht sogar mehr schlechte. 

Aber das: hallt nach.
Eine Woche später steige ich den Flieger.
Zurück nach Dresden. 

Ein letztes Mal.

Ich war lange Zeit ein good seed in a bad environment.  
Ich bin in einer der rechtsradikalsten Städte Deutschlands aufgewachsen. In der Schule hatte ich Angst. Und mit 14 die falschen Freunde. Man sieht es mir jetzt nicht mehr an – aber wenn ich heute Teenager mit Zigarette im Mund, viel zu dünner Jacke bei eisigen Temperaturen und frechen Worten auf der Lippe sehe – dann sehe ich –heute, ein paar Jahre später – : mich selbst. Und vor allem Zuversicht. Irgendwie.
Ich muss hier weg! Nazis! Und Eintönigkeit. Langsam und träge und irgendwie immer gleich.

Heute, ein paar Monate später, sträube ich mich dagegen mein Umfeld nach Chancen und Stufen, nach Nährstoffen und meinem eigenem Vorteil zu kategorisieren. 
Ganz gleich ob bad seed in a good environment oder good seed in a bad environment oder vielleicht noch bad seed in a bad environment – wir können uns selber gießen. Wir können arbeiten und Dünger kaufen. Wir können – ja, glaub mir – Wolken beiseite schieben um Sonnenlicht zu erhaschen. Und wir können keimen. Wurzeln schlagen. Wachsen. Wachsen. Wachsen. Blühen. und dann wird ein Lüftchen wehen und Samen weitertragen. Und dann: geht das wieder los. Und vielleicht ist der Boden diesmal nahrhafter. Vielleicht ist es diesmal – vermeintlich – einfacher.
Aber wir können nicht darauf warten, dass irgendwer für uns auswandert, anpackt, hochzieht, düngt oder gar züchtet. Wir können nicht davon ausgehen. Nicht nur wuchern und ranken, festklammern – sondern: auf eigenen Beinen stehen.

Heute, ein paar Monate später, sträube ich mich dagegen seinen Ansatz gänzlich zu verstehen. Wieso wird aus gut einfach schlecht oder andersrum, nur weil man die Umgebung austauscht. Muss nicht die eigene Substanz erst Mal stimmen? Oder reicht es vielleicht ein Mal umzugraben? Ist es wahr, dass wir aus unserer eigenen Haut nicht können? Färbt die Umgebung immer ab? Habe ich Platz? Natürlich Auslese? Muss ich unbedingt meinen Untergrund auswechseln, oder kann ich nicht einfach immer höher wachsen und dort eine neue Umgebung finden. Den Begebenheiten und Vorraussetzungen über den Kopf wachsen, endlich darüber hinauswachsen? Ich kann. Ich bin. Wir sind. Stelle ich fest. Meine Rinde sieht heute wohl ganz anders aus, aber die Jahresringe sind für immer da, haben mich stark gemacht und groß.

Heute, ein paar Monate später, sitze ich endlich in Berlin. Und nicht mehr in Dresden. Oder gar in der Kleinstadt daneben. Ich lebte in New York und bereiste die Welt – und: man könnte meinen, dass ich mittlerweile ein good seed in a good environment bin und alles doch eigentlich ziemlich einfach sein sollte. 
– aber weißt Du: der Sauerstoffgehalt der Berliner Luft ist deutlich geringer als in Dresden. Und Sonnenstunden gab es in Sachsen im letzten Jahr 40 mehr.
Und ich wachse trotzdem. Ich lerne. Ich begreife.
Vielleicht heute schneller?
New York tat mir gut.
Und Guatemala. Und diese neue Bekanntschaft.
Also vielleicht ist es die Vielfalt? Immer wieder umtopfen, vergrößern, – bis man am Ende bemerkt: das ist eine Welt.

Während ich diese Zeilen tippe fällt das erste Blatt von der pinkesten Tulpe in meiner Vase. Mein Ein-Blatt, dass bis jetzt jeden Umzug mitgemacht, sieht traurig aus. Wie auch immer – einen grünen Daumen hatte ich noch nie. Aber etwas habe ich begriffen…
Also: nicht alles um Dich muss Gold sein.
Denn: Nicht alles was glänzt ist Gold.
Und: nicht alles was gold ist – glänzt.
Und auf kalten und glänzenden Metallen keimt es sich ohnehin nicht so gut.
Aber ich habe auch schon Blumen durch Asphalt brechen sehen. Wunderschön und eigenständig.
Also: good oder bad. Seed und Environment. Vielleicht ist es gar nicht so einfach. Vielleicht ist es nie so einfach, wie es von außen aussieht. Denn wir sind eben keine Samen und Umfeld nicht nur Erde.

Also heute, fast 2 Jahre später, denke ich noch oft daran, was er mir gesagt hat.
Und letzten Endes: hat er mir damit den nötigen Schubs gegeben.
Heute lege ich Wert auf Perspektivwechsel, auf Umgraben und Neuentdecken. Auf Geben und Nehmen gleichermaßen.Und Sähen und Ernten und Sähen und Pflegen, Gießen und Ernten. Also vielleicht hatte er wirklich einfach nur Glück – aber ich weiß, und das ist es, womit er mich letzten Endes angetrieben hat – er arbeitet hart, fleißig und unaufhaltsam an seinem Traum. Und mittlerweile hat er mal wieder die Umgebung geändert, lebt jetzt an der Westküste und: arbeitet und gießt und düngt sich selbst. Also vielleicht haben wir das selbe gemeint. Vielleicht sucht er jetzt auch nur neue Stufen. 
Ich weiß es nicht und irgendwie geht es mich auch nichts mehr an.
Jedenfalls: wir wachsen und ich werde mir morgen ein Buch der Botanik ausleihen. 

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32 Kommentare

  • Reply Miri 19. März 2018 at 17:26

    Wow der Text ist wundervoll und trägt soviel Wahrheit. Ich kann das auch verstehen, mir geht es ähnlich. Ich bin auch vom Dorf nach Dresden und nun nach Berlin gezogen und weiß nicht wo ich wirklich Zuhause bin. Aber das ich nicht wichtig, viel wichtiger ist sich nicht durch den Ort zu definieren, an dem man wohnt sondern aus jeder Umgebung etwas mit zu nehmen und daran zu wachsen. Veränderung tut manchmal weh aber eben auch wirklich gut!
    Lieben Gruß Miri 🙂

  • Reply Lena 25. Februar 2018 at 14:49

    Wow, genau diesen Text habe ich heute gebraucht. Danke dafür.

  • Reply Andrea 13. Februar 2018 at 08:58

    Liebe Luise, ich finde den Artikel ganz wunderbar. Als ich zu den Kommentaren kam, war ich tatsächlich verwundert, wie unterschiedlich Worte verstanden werden. Ich kann an keiner Stelle für mich herauslesen, dass Du irgendeinen Ort „in den Dreck ziehst“. Aus meiner Sicht nimmst Du die Erfahrungen viel mehr als Anstoß Dich selbst zu überdenken….und….eben zu wachsen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Du mit „Umgebung“ nicht diese eine oder diese andere Stadt meinst….sondern da, wo Du eben gerade bist und das formt und lässt uns wachsen und nicht alle Erfahrungen sind positiv…auch das darf gesagt werden. Wer aus dem Text ein Problem zwischen Dresden und Dir liest…hat ihn schlicht nicht verstanden. Liebe Grüße, Andrea

    • Kleinstadtcarrie 13. Februar 2018 at 19:32

      DANKE Andrea <3 Schön von Dir zu lesen.

  • Reply Melissa 10. Februar 2018 at 00:40

    Hallo liebe Luise,
    danke für diesen schönen Text am Abend. Es erstaunt mich immer wieder, wie beruhigend deine Texte – besonders an schlechten Tagen – auf mich wirken. Ermutigend und trotzdem nicht aufdringlich. Der nötige Anreiz, den man nach solchen Tagen braucht.
    In den Kommentaren habe ich gelesen, dass du selbst noch keine abschließende Antwort auf die Frage „Umgebung oder Eigeneinfluss“ hast. Die habe ich leider auch nicht. Trotzdem mache ich mir auch oft Gedanken über das Thema – gerade wenn man bemerkt, wie viel besser es einem vielleicht an einem anderen Ort, mit anderen Menschen gegangen ist. Aber die richtigen Menschen findet man ja eigentlich immer, wenn man nur die Augen offen hält. Auf jeden Fall ein sehr spannendes Thema. Ich bin gespannt, ob du deine finale Antwort darauf findest – und würde mich freuen, wenn du sie mit uns teilst.

    P.S.: Mich hast du nicht abgeschreckt, Dresden zu besuchen. 🙂 Im Gegenteil, als Saarländerin, also quasi auf der anderen Seite Deutschlands, weckst du regelmäßig mit Dresden Postings meine Lust, die historische Stadt auch mal kennenzulernen. Danke dafür.

    Liebste Grüße und ein tolles Wochenende,
    Melissa

    • Kleinstadtcarrie 11. Februar 2018 at 11:08

      Melissa,

      danke für deinen schönen Kommentar und das Lesen meiner Texte – das ist das größte Geschenk, was ihr mir machen könnt <3

  • Reply Jen 9. Februar 2018 at 21:12

    Liebe Luise, ich bin nicht immer deiner Meinung, ja oft sogar komplett anderer, aber das ist wie bei Freundinnen, so ist das, man unterscheidet sich, lernt sogar vielleicht aus der Meinung und Erfahrung der Anderen. Schreiben ist sowas persönliches. Es ist kein Sachbericht, es sind Emotionen. Ich schreibe meistens wenn ich emotionsgeladen bin. Wenn jemand die Texte liest, kommt es für ihn selbstverständlich anders rüber, als für mich. Aber das ist doch auch das spannende an Worten. Sie können so viel bedeuten und so viel sagen. Was ich damit sagen will: Ich hab das Gefühl, dass die Grundbotschaft dieses Textes etwas verloren geht, weil eben jeder andere Emotionen hat und dadurch anders interpretiert. Weil manche den Fokus viel zu sehr auf einen Satz über Dresden legen und mit ihren eigenen Emotionen interpretieren. Wobei ich nebenbei gesagt nur sehe, dass du es auf dein Leben und Umfeld beziehst und keineswegs Dresden an sich schlecht redest. (Dass die Stadt eine der rechtsradikalsten Deutschlands ist, ist ja wohl nicht anfechtbar).
    Jedenfalls:
    Mach weiter so. Ich finde es bewundernswert wie du durch dein Leben gehst, wie du dich entwickelt hast und wie du das machst, was dein Herz dir sagt. Wir müssen ja alle nicht immer einer Meinung sein und entwickeln uns anders. Zum Glück. Aber ich kann mich genau so an Texten erfreuen die nicht meiner Einstellung entsprechen, denn Worte sind da, um uns auszudrücken, uns auszutauschen. Und dafür liebe ich Worte.

    • Kleinstadtcarrie 11. Februar 2018 at 11:07

      Jen,

      das ist vielleicht einer der schönsten Kommentare, die ich je bekommen habe.
      Freundinnen.
      Das ist wundervoll.
      Danke für Deine Worte!

      Du glaubst gar nicht, wie froh und erleichtert ich jedes Mal bin, dass ihr alle so reflektiert und kritisch seid. Das tut so so so gut in dieser Blase, in der wir uns hier befinden. <3 Danke dafür! Ich weiß das wirklich zu schätzen!

  • Reply Sarah 9. Februar 2018 at 14:29

    Liebe Luise,

    irgendwie hat dieser Beitrag bei mir genau ins Schwarze getroffen. Ich habe mir noch nie so wirklich darüber Gedanken gemacht, ob ich eher der bad seed in good environment oder good seed in bad environment bin. Aber manchmal komme ich an einen Punkt, an dem ich mich frage „liegt es an dir oder an den anderen?“. Ich schätze, es gibt da leider keine Schwarz/Weiß-Anwort. Dennoch Danke für diesen Beitrag <3

    • Kleinstadtcarrie 11. Februar 2018 at 11:05

      Keine Schwarz/weiß-Antwort, richtig – das sehe ich auch so! Daher fiel es mir auch total schwer, diesen Text „zu Ende“ zu bringen. Vielleicht gehr das gar nich? Ist halt ein immerwährende Prozess, nicht wahr?

      Alles Liebe für Dich,
      Sarah 🙂

  • Reply Sophie 9. Februar 2018 at 14:23

    Hallo Luise,
    ich muss meine Vorrednern zustimmt – auch ich bin geschockt und vermutlich auch sauer über deine Darstellungen. Ich frage mich, ob du dich mit der Thematik schon mal intensiv auseinandergesetzt hast. Andernfalls wäre es einfach nur schade, dass du mit deiner Reichweite das negative Bild von Dresden so unterstreichst. Als gebürtige Dresdnerin bin ich der Außenwirkung Dresdens durchaus bewusst und möchte die Tatsachen auch nicht leugnen. Ich selbst erlebe so viele Aktionen, Projekte und Schulen, die immer wieder ein Zeichen gegen Rechts setzen. Und meiner Meinung nach waren diese Aktionen immer präsenter als die „Nazis“ – und das ist auch gut so.
    Du aber instrumentalisierst Dresden um deine persönliche Entwicklung zu verdeutlichen – Schade! Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass genau durch solche Äußerungen die harte Arbeit von Land, Schulen und Freiwilligen gegen Rechts zu nicht macht, weil genau das negative wieder in den Vordergrund gestellt wird?
    Ich würde mich freuen, wenn du deine Reichweite und deinen Fokus im Gegenzug auch solchen wirklich wichtigen Projekten widmen würdest, um etwas bewegen zu können…

    • Kleinstadtcarrie 11. Februar 2018 at 11:04

      Sophie,

      ich wiederhole mich, aber du sagst es selber ganz schön: es geht um meine Entwicklung! Und nicht um Dresden. Es geht nicht um Nazis oder welche Probleme Dresden hat. Dresden muss endlich aufhören sich so wichtig zu nehmen. Arbeit gegen Rechts? Finde ich großartig, wirklich und dazu gibt es Äußerungen und Beiträge von mir. Aber diese Arbeit wird in jeder anderen Stadt auch gemacht und da wird nicht den ganzen Tag darauf rumgeritten, denn: das sollte normal sein.

      Ich will diese Diskussion jetzt auch nicht weiter führen.
      Wer mich kennt und meine Texte liest, weiß: dass ich Dresden liebe und Punkt 🙂
      Ich wollte niemandem auf den Schlipps treten oder angreifen oder irgendwas zu Nichte machen.

  • Reply Liz 9. Februar 2018 at 02:00

    Hätte Dresden immer gerne mal besucht, aber der Text zeichnet leider kein gutes Bild von der Stadt. Wenn es um Dresden geht, kommst du immer recht zwiegespalten vor, als hättest du eine Art Hassliebe zu der Stadt.

    • Kleinstadtcarrie 9. Februar 2018 at 09:41

      So ist es auch 🙂

      Aber ich wiederhole mich: es geht nicht allein um Dresden. Ich bin nicht (!) in Dresden groß geworden.

  • Reply Lissy 8. Februar 2018 at 20:43

    Der Text ist, meiner Meinung nach, sehr gelungen! Dass Dresden in den Kommentaren so thematisiert wird kann ich zwar nicht so ganz nachvollziehen, denke aber es liegt daran, dass ich eben fast keinen persönlichen Bezug zu der Stadt habe. Aber durch den Blog und die Leidenschaft, die hier immer wieder für Dresden gezeigt wird, freue ich mich schon darauf, mir selbst einen Eindruck zu verschaffen. Mich haben die anderen Aspekte also der Einfluss der Umgebung, Wachstum, vergehen und werden total gekriegt und bin dir wieder mal dankbar für diesen Gedankenanstoß am Abend. Und was soll man zu den Bildern sagen – wunderschön wie immer. 🙂

    • Kleinstadtcarrie 9. Februar 2018 at 09:42

      Lissy,

      DANKE!!!! Das habe ich noch mal gebraucht jetzt zu diesem Text 🙂
      Und lass mich dann, zu gegebenem Zeitpunkt wissen, wie Du Dresden wahrgenommen hast!

      <3

  • Reply Mrs Unicorn 8. Februar 2018 at 18:18

    So ein ehrlicher Beitrag. Vielen Dank für deine Gedanken.

    Liebe Grüße und noch eine schöne Woche.
    Celine von http://mrsunicorn.de

  • Reply Marie Dyness 8. Februar 2018 at 15:45

    Wahrer und toller Text!
    Alles Liebe,
    Marie💗
    http://mariedyness.blogspot.de/

  • Reply Tanja 8. Februar 2018 at 13:22

    Der letzte Absatz hat es mir angetan, und dann scrollt man runter, das letzte Bild, dein Blick sagt so viel aus, das ist so ausdrucksstark, der letzte Absatz und das letzte Bild zusammen, haben in mir Tränen ausgelöst.
    Alle deine Liebsten müssen so unendlich stolz auf dich sein Luise.

  • Reply Sophie 8. Februar 2018 at 00:20

    Ich muss Leni leider total recht geben. Dein Text ist toll und das Fazit grandios, aber “harte“ Worte bleiben so schnell im Gedächtnis, dass man den “Sanft“ formulierten Umschwung kaum wahrnimmt. Du schreibst so viele Texte und so gute, da sollte dir bewusst sein, was das Wort Nazi mit den Gedanken macht… In Neuseeland benutzt man es, als Beschreibung für jemanden, der sehr strikt ist und für Regeleinhaltung. Als unsere Sprachlehrerin damals zu einem aus dem Kurs meinte, er sei ein Nazi war die Verwunderung erstmal riesig. Was ich damit sagen will, es ist nur ein Begriff, aber er löst gerade bei uns Deutschen so etwas wie Scham, Angst und Unwohlsein auf. Dann liest man im gleichen Satz Dresden und denkt sich als Dresdner nur: Na Klasse. Man weiß, du liebst diese Stadt auch eine gewisse Weise, aber wer es nicht kennt, wird wohl eher die ersten Sätze, als den Umschwung im Kopf behalten.

    Nichtsdestotrotz ist es natürlich sehr positiv, dass du ein offener, ehrlicher und direkter Mensch bist und es mir auf gewisse Weise auch Leid tut, darauf rum zu reiten, da die Essenz des Textes sehr schön ist.

    • Kleinstadtcarrie 8. Februar 2018 at 08:44

      Hey Sophie,

      wobei es hier auch gar nicht um Dresden geht – wer mich lange verfolgt und auch den Text aufmerksam liest, der weiß, dass ich nicht in Dresden groß geworden bin.

  • Reply Laura 7. Februar 2018 at 23:34

    Liebe Luise,
    ich bin seit Jahren schon eher stille Leserin Deines Blogs und habe noch nicht oft kommentiert, aber jetzt habe ich doch irgendwie das Bedürfnis dazu. Ich finde es schade, wie negativ Du Dresden oft darstellst. Ich selber bin vor zweieinhalb Jahren zum studieren hierher gekommen und werde die Stadt Mitte diesen Jahres auch wieder verlassen – was allerdings an den Vertiefungsrichtungen des Masters für mein Studienfach liegt. Ich mag die Stadt sehr gern und würde sonst auch gern hier bleiben. Ganz oft werde ich aber mit großen Augen gefragt „Wie ist das denn so dort zu wohnen?“, als ob Dresden eine Bürgerkriegszone wäre oder hier die glatzköpfigen Nazis in Thor Steinar die Straßen eingenommen hätten. Ich will gar nicht bestreiten, dass Dresden eine der rechtsradikalsten Städte ist oder dass Pegida hier jeden Montag durch die Stadt zieht. Aber Dresden ist so viel mehr als das, gerade an der Uni merkt man das. Es gibt auch hier viele Leute, die sich für Flüchtlinge und Vielfalt allgemein einsetzen. Ich finde leider, dass deine Beiträge manchmal zu diesem oh so schlechten Bild von Dresden beitragen. Ich habe keine Ahnung wie es ist hier als dunkelhäutige, muslimische oder was auch immer Person zu leben und kann mir gut vorstellen, dass das sehr schwer ist und es ist wichtig, dass man sich das eingesteht, dass das in Dresden ein Problem ist. Aber Dresden ist nunmal auch keine
    Stadt die voll ist mit Nazis und in der es völlig schrecklich ist zu leben.

    • Kleinstadtcarrie 8. Februar 2018 at 08:46

      Ich werd jetzt nicht noch Mal groß dazu was schreiben. Ich habe Dresden so so so oft in Schutz genommen. Ich liebe diese Stadt, habe eine Woche lang jeden Tag Posts und Lobeshymnen dazu veröffentlicht. Den Text darauf zu beschränken … nö! Und ehrlich gesagt? Das ist wieder ein ziemlich „dresdnerisches Verhalten“. Nimm es mir nicht übel, dass ich jetzt hier etwas direkter Antworte. Aber Dresden muss endlich aufhören, sich selbst ständig so wichtig zu nehmen –

      Liebe Grüße,
      von einer Dresden-Verliebten

    • Laura 8. Februar 2018 at 11:12

      Hey, ich glaube niemand hier wollte Dich oder den Text in irgendeiner Weise angreifen (wir wissen ja auch, dass Du Dresden sehr gern magst), sondern einfach nur drauf hinweisen, was uns dazu auffällt. Ich habe Dresden auch nicht in Schutz genommen, sondern lediglich darauf hingewiesen, dass eben nicht nur alles Nazis sind. Viele Leute in Deutschland denken aber so (ist zumindest meine Erfahrung). Das finde ich schade – auch wenn ich mich selber nicht mal als Dresdnerin ansehe. Man sollte mit dem Thema aber definitiv kritisch umgehen, denn Dresden hat da sicher ein größeres Problem als andere Städte.
      Viele Grüße zurück 🙂

    • Kleinstadtcarrie 8. Februar 2018 at 15:58

      Hey Laura,

      wie gesagt, das bezieht sich nicht auf Dresden allein.
      Und ansonsten stimme ich Dir/Euch ja in jedem Punkt zu 🙂

    • Anita 8. Februar 2018 at 15:10

      Liebe Luise,
      ich bin auch Dresdnerin, gebürtig wie im Herzen. Ich liebe Dresden über alles. Und ich bin völlig deiner Meinung. Du hast so viele wundervolle Artikel über Dresden verfasst, so viele schöne Bilder der Stadt geteilt. Aber du hast zum Glück nicht verlernt – inmitten all‘ dieser Schönheit – Dresden ehrlich und auch kritisch zu beurteilen. Ich finde das großartig, denn es fällt einem nicht immer leicht objektiv zu bleiben. Und darum geht es in deinem Text ja auch gar nicht am Ende! 1. Ich weiß von welcher Kleinstadt du redest, und an alle anderen Leser: es ist wirklich so. 2. Die eigentliche Botschaft ist es doch, nicht in Schubladen zu denken, sondern alle Eindrücke die man erhält in sich aufzusaugen und sie über die Zeit zu einem großen Bild (und das nicht nur in schwarz-weiß, sondern auch mit Grautönen und natürlich ganz vielen Farben!) zusammenzusetzen.
      P.S.: der Wendepunkt war deutlich formuliert 🙂 Und der Artikel wie immer wundervoll geschrieben! Ich liebe Perspektivwechsel 🙂

    • Kleinstadtcarrie 8. Februar 2018 at 15:59

      <3 <3 <3
      Danke Anita.
      Ich freu mich ja auch riesig, dass ihr meine Texte so aufmerksam und reflektiert lest. Also wirklich lest und Euch EURE Meinung bildet. Ich liebe das und bin dafür, für Eure Zeit und Gedanken, Überlegungen und Kommentare, so dankbar!

  • Reply Leni Bo 7. Februar 2018 at 21:06

    Liebe Luise,
    das erste Mal, dass ich ein bisschen schlucken musste. Ich weiß nicht genau, es war keine Wut. Nicht richtig. Immerhin weißt du ja, wovon du da schreibst. Kommst auch von hier. Und liebst diese Stadt. Aber irgendwie… tat es trotzdem weh, das zu lesen. Du zeichnest, besonders zu Beginn deines Textes, ein sehr düsteres, braunes Bild dieser strahlenden Stadt. Ich selbst sage immer zu Freunden, die neu hergezogen sind, oder mich in Dresden besuchen: „Es ist eigentlich wirklich eine wunderschöne Stadt. Außer Montag abends eben.“ Und entschuldige mich mit einem Schulterzucken für mein Zuhause. Auch ich sehe das. Auch ich fühle das. Nazis. Fremdenhass. Was du beschrieben hast. ABER… ich sehe auch so viele andere Dinge. Und die Farben überwiegen den Matsch. Überzeichnen blasses Braun und lassen Liebe und Mitmenschlichkeit leuchten. Ich kenne und liebe meine Stadt als ein Paar weltoffene und warmherzige Arme, habe erlebt, wie Schulen Flüchtlinge einluden, um ihre Geschichten zu hören und zu sensibilisieren. Bin auf die Straße gegangen gegen Fremdenhass. Und bin hier gewachsen. Und gediehen. Als good seed in einem genauso good environment. Ich verstehe vollkommen die Idee deines Textes. Der Mensch wächst mit der Herausforderung, die er sich stellt. Und trotzdem: Als ich las, wie du von unserer Heimatstadt schreibst, dachte ich: Wer hier nicht erlebt hat, der wird diesen Text anders lesen als ich. Wer nicht nachempfunden hat, weshalb du diese Stadt (auch) liebst, der wird vielleicht abgeschreckt. Von Dresden. Und Sachsen. Und den 20%, die uns hier nach außen hin charakterisieren. Das finde ich sehr schade. Denn auch wenn ich hier nicht für immer bleiben möchte: Ich liebe diese Stadt. Und ich empfinde sie nicht als schlechte Umgebung, der ich entkommen muss, um aufzublühen.
    Ich lese trotz dessen unglaublich gern deine Texte, heute eben ein bisschen geschockt.
    Alles Liebe für dich, vielleicht hast du ja sogar eine Erklärung/ oder einen Gedanken dazu, den du mit mir teilen möchtest. Nicht dass du mir eine Rechtfertigung schuldest, es würde mich einfach interessieren, was dir dabei durch den Kopf ging.
    Liebe Grüße,
    Leni von https://lenimagination.com/

    • Kleinstadtcarrie 7. Februar 2018 at 23:23

      Liebe Leni,

      vielen Dank für Deinen Kommentar.
      Also entweder hast Du den Wendepunkt im Text nicht bemerkt, oder ich habe ihn nicht deutlich genug gemacht.
      Aber ich schreibe: „Heute, ein paar Monate später, sträube ich mich dagegen mein Umfeld nach Chancen und Stufen, nach Nährstoffen und meinem eigenem Vorteil zu kategorisieren.“ – vielleicht liest Du den Beitrag mit diesem Hinweis noch Mal.
      Der Text ist auch für mich kein einfacher, weil ich schließlich keine konkrete persönliche Antwort auf das ganze habe. Noch nicht. Es bezieht sich hier aber auch nicht in erster Linie auf Dresden und Pegida und Co. Auch natürlich, aber vor allem auf mein ganz persönliches Umfeld. 🙂

      Und jeder der den Blog hier liest, der weiß, wie sehr ich Dresden liebe <3

      Liebe Grüße
      Luise

    • Leni Bo 9. Februar 2018 at 13:26

      Liebe Luise.
      Danke für deine Antwort! Ich habe den Text nochmal mit diesem Zusatz gelesen und sehe die Wendung jetzt besser. Klar, wie gesagt, ich weiß du liebst diese Stadt, habe aber den Wendepunkt wirklich nicht als solchen deutlich wahrgenommen. Danke, dass du dir die Zeit nimmst für die Antwort jedes Kommentars.
      Liebe Grüße,
      Leni 💕

    • Kleinstadtcarrie 9. Februar 2018 at 13:30

      Na aber klar, liebe Leni 🙂
      Freut mich, dass Du Dir noch Mal Text genommen hast <3