Reparationen

/14. Januar 2018/20 Kommentare

Ich bin eine Kämpferin. Ich bin bewaffnet. Starke Munition in der Manteltasche. Habe ein hinkendes Bein und ein geflicktes Herz. Ein paar Narben davon getragen.
Das sieht gefährlich aus. Ich seh’ gefährlich aus – für jene Rastlosen und Angriffslustigen. Für alle anderen, ist das nichts neues. Denn ich habe immer wieder Frieden geschlossen. Wie sie. Weiße Flagge. Es ist ruhig. Seit einer Weile ist es ruhig. Verdächtig ruhig.
Also bin ich beruhig durch die Wälder gezogen und habe gelernt, dass es eine Steigerung von friedlich gibt. Und von ruhig.
Bis: ich Schreie gehört habe. Vertraute Stimme, doch: unbekannte Laute.

Ich habe eine Schlacht beobachtet.
Von Weitem.
Was geht da vor sich? Wer greift hier wen an? Wer hat wem Unrecht getan?
Von Weitem.
Ich bin erfahren. Ich trage die weiße Flagge. Ich helfe Euch. Ich rette dich!, schrie ich. Ich komme, ich schlichte, ich wische das Blut auf und flicke Wunden. Ich kann Herzen zusammennähen und Schutzschilder aus Liebe bauen, dann kannst Du wieder atmen! Lasst mich helfen! Ich weiß wie es geht.
Siegessicher zog ich in diesen Kampf, der nicht meiner war – und plötzlich verlor ich einen Arm. Den, mit dem ich Dich immer im festgehalten habe nämlich. Und Du bohrst uns Pfeile in den Bauch. In Deinem Blut getränkt. Als wolltest Du, dass wir nachempfinden können. Wir können es nicht. Und: wir werden Dir nicht Gleiches tun. Meine Waffen sind keine Gefahr für Dich. Meine weiße Flagge wird Dich nie berühren.
Aber ich kann etwas für Dich tun –
Irgendwas tun. Ich hätte Dir Waffen geliefert sogar. Oder Dich einfach in den Arm genommen – wenn Du mir meinen gelassen hättest.
Aber: Sicherheitsabstand. Das habe ich gelernt. Denn sonst hat es Blut auf mein so gründlich gewaschenes Kleid gespritzt. Es sind Körperteile durch die Luft geflogen und ich musste mich ducken. Immer wieder ducken. Ich habe mich geduckt. Und Dich trotzdem nicht aus den Augen gelassen. Schützengraben. Aber: es wird kalt hier unten. Also habe ich Kanonen beladen, damit ich Dich beschützen kann. Damit ich Deine Angreifer fern halten kann.
Und dann habe ich begriffen: Ich müsste auf Dich zielen.

Weiße Flagge.
Weiße Flagge.
Frieden. Schau doch: hier ist Frieden.

Also mittlerweile: bin ich näher dran. Und statt dass das Gebrüll lauter wird, wird es leiser. Und das beruhigt.
Aber: Schlachtfeld. Das Ausmaß wird bewusst.
Dein innerer Krieg, – und manche Bomben landeten in unseren Vorgärten und Herzen. Das ist okay. Das ist okay. Ein zerbrochener Blumentopf – das halte ich aus. Das kriegen wir wieder hin. Meine zarten Rosen päppel ich wieder auf. Und bald halte ich Dich wieder in meinem Arm.
Ich bin hier, und: verlange keine Reparationen. Nicht an mich. Nur an Deine eigene Seele.

Fürchte Dich nicht. Wir alle sind bewaffnet. Mit Schwertern, die wir wie Relikte verwahren, weißen Flaggen, mit denen wir unsere eigenen Tränen trocknen und mit zwei Armen, damit wir einander festhalten, nicht wehren können. Die Schwerter als Erinnerung: an die Kämpfe, die ich führte. Und es hat Monate gedauert, das Blut aus den weißen Flaggen zu schrubben und nächtelang streichelte ich die Narben meiner eigenen Arme.
Ich bin hier. Hier für Dich. Und: verlange keine Reparationen. Nicht an mich. Nur an Deine eigene Seele.

Join the discussion

20 Kommentare

  • Reply Milena Larissa 17. Januar 2018 at 20:12

    Liebe Luise,

    Ich fand Deinen Beitrag wie IMMER sehr gelungen und schön.
    Dazu möchte ich mir folgende Zeilen erlauben: Ich finde es großartig, was du hier schriebst:

    „Ich bin hier. Hier für Dich. Und: verlange keine Reparationen. Nicht an mich. Nur an Deine eigene Seele.“

    Und da möchte ich Dir absolut zustimmen – endlich eine Frau, die es versteht.
    Altruistisch für den anderen da zu sein – nur das ist die wahre Liebe. Das wünsche ich mir so sehr. Danach suche ich. Und du sprichst es immer aus.
    Wir brauchen keine Partner, die uns komplettieren. Wir sind schon selbst komplett. Wir möchten einen Partner, den wir unterstützen und hegen und pflegen können.
    Wir bilden eine Symbiose mit Mr. Right und bilden ein absolutes Powerduo ganz nach dem Motto „I don’t want you to fill the empty parts of me – I am full on my own. I am so complete, I could light a whole city. And then I want to have you, ‚cause the two uf us combined could set it on fire“.

    • Kleinstadtcarrie 19. Januar 2018 at 11:02

      So ist es, liebe Milena. Sehe ich genau so 🙂

      Dieser Text bezieht sich aber nicht auf einen Mann oder Mr. Right oder irgendwas.
      Aber trotzdem vielen Dank für den Input.

      Beste Grüße
      Luise

  • Reply Milli 17. Januar 2018 at 02:49

    Ein Text, der fast mehr Bild ist. Sehr stimmig!

    Falls du nichts dagegen hast hätte ich auch eine Frage zum veganen Lebensstil, da ich persönlich niemanden kenne, der sich so ernährt. Wie machst du das zb mit Wein trinken? Also sowohl privat als auch in Bars und Restaurants, gibt es da vegane Varianten, die man bestellen kann oder trinkst du da einfach die normalen? Würde mich sehr über eine Auskunft freuen.

    Liebe Grüße an dich!

    • Kleinstadtcarrie 17. Januar 2018 at 15:27

      Hey Milli,

      <3

      Also bezüglich Deiner Frage zum Wein: ich achte nicht darauf, ob er vegan ist oder nicht. 🙂

  • Reply Lynne 16. Januar 2018 at 11:55

    Liebe Luise,

    ich bin seit langem eigentliche eine stille Leserin, kurz abgewendet habe ich mich um ehrlich zu sein in deiner New York Phase. Wieder gefunden nach Afrika. Du hast dich, deine Ziele, Werte und eine Träume im letzten Jahr auf den Kopf gestellt, neu sortiert und bist bei dir in einer neuen ganz anderen, aber so schönen Welt angekommen. Die letzten Beiträge inspirieren und sind so ehrlich. Ich bin begeistert und wieder voll und ganz bei dir und deinen Texten angekommen. Wahrscheinlich jetzt noch mehr als vor ein paar Jahren.
    Danke dafür!
    Der Konsum übermannt einen, man spart und setzt sich Ziele aber für was? Für eine teure Handtasche? Teure Schuhe? Du regst zum umdenken an und dafür danke ich dir. Ich hoffe viele lassen sich von deinen Texten inspirieren. Wir sollten umdenken, gerade in der heutigen Zeit mit den ganzen Influencern, die ein vermeintlich „perfektes“ Bild in der Online Welt hinterlassen, was leider nicht immer der Realität entspricht. Fühlt man sicher besser eine Handtasche von XY zu besitzen nur weil diese 1000 € kostet. Vielleicht für einen kurzen Moment, aber der bleibt nicht für immer. Das wichtige sind die Erinnerungen, die Menschen um einen ; hier sollte man seine Zeit investieren. Ich Danke dir und hoffe das sich die Online-Welt ein bisschen in eine Richtung dreht, wo der Konsum nicht im Vordergrund steht.

    Ganz liebe Grüße und vielen Dank

    • Kleinstadtcarrie 17. Januar 2018 at 15:57

      Liebe Lynne,

      danke für Deinen schönen Kommentar <3

  • Reply Nadja 15. Januar 2018 at 23:17

    Mit jedem weiteren Blogpost von dir, habe ich das Bedürfnis dir aufs Neue zu sagen, wie großartig Du und Deine Texte in der letzten Zeit geworden sind! Deine Texte sind so viel tiefer in ihrer Bedeutung, dunkler in ihrer Farbe (absolut nicht in ihrer Stimmung!) und magischer! Ich kann dir nur zujubeln, dass ich deine Entwicklung so unendlich schön finde! Die Art, wie du mit dir umgehst, mit anderen und der Umwelt finde ich vorbildhaft! Du bist ein wahrlich schöner Mensch Luise!

  • Reply Pauline 15. Januar 2018 at 22:00

    Es ist einfach so krass wie du dir solche Texte ausdenkst! Wie machst du das?
    Hast du einfach manchmal einen Geistesblitz, wenn du nachdenkst und dann eine Zeile im Kopf bzw. einen Gedanken, den du dann zu Papier bringt und dir drumherum Gedanken machst?
    Mir fällt das persönlich total schwer. Ich habe oft Zeilen im Kopf und ein Thema. Aber das sind dann unter 100 Wörtern und ich weiß nicht richtig was ich damit anfangen soll. Es fällt mir dann auch schwer noch etwas drumherum zu schreiben und ich kann mit den Zeilen, so schön sie auch sind nichts richtig anfangen… aber ich will sie auch nicht einfach hintereinander weg in einem Beitrag verfassen. Dann verlieren sie ihre Besonderheit und ihre Schönheit… oft bleiben sie dann einfach in einem Dokument und versauern 😀
    Vielleicht hast du ja einen Tipp für mich, denn mit deinen wahnsinnig tollen Texten bist du mir ein großes Vorbild und eine riesige Inspiration <3

    Liebe Grüße
    Pauline <3

    http://www.mind-wanderer.com

    • Kleinstadtcarrie 17. Januar 2018 at 16:23

      Hey Pauline,

      vielen Dank erst Mal für Deine tollen Worte.
      Und zu Deiner Frage. Ja genau – zumeist kommt mir ein Gedankenblitz, ein paar Worte, eine Metapher, eine Idee in den Sinn. Das schreibe ich dann schnell auf und probiere dann, so gut es geht, genau auch in diesem Moment und mit diesem Gefühl weiter zu schreiben. Erst Mal alles raus aus dem Kopf und Herz. Wie es gerade kommt und fließt. Im Nachhinein dann: Ordnung reinbringen. Überdenken und immer wieder dran weiter basteln.
      Ich sitze ja teilweise wochenlang an solchen Texten.

      Alles Liebe und viel Spaß weiterhin beim Schreiben
      Deine Luise

  • Reply Juliet 15. Januar 2018 at 14:25

    Manchmal reichen wenige Worte: Wundervoll umschrieben! 💓

    Juliet | http://www.withjuliet.com

  • Reply Irina 15. Januar 2018 at 10:38

    Sehr ungewöhnlich, aber wirklich wirklich gut. Unser Seelenheil ist das Wichtigste was wir haben. Wenn wir uns selbst nicht lieben, dann können wir niemanden lieben. Daher erst das eigene Herz beschützen, damit die Liebe für die anderen darin wachsen kann.

  • Reply DieCheckerin 15. Januar 2018 at 09:35

    Liebe Luise,

    ich muss mich hier mal outen. Dein Blog ist mir ein Begriff, ich bekomme öfter hier und da etwas „von dir“ mit. Hab mir irgendwann deinen Instagramkanal angesehen, manchmal deine Fotos, aber bisher nie deine Texte gelesen. Meine oberflächliche Meinung war: wieder eines dieser typischen Mädels. Geschönte Fotos, die immer und überall vermitteln: ich seh geil aus, ich gehöre zur High Society, trage Gucci & Prada, Sektchen hier, Stößen da, hab den ganzen Tag Urlaub und mach von morgens bis abends Party, oder meine Nägel, je nach dem was grad wichtig ist.
    Als ich die Überschrift „Reparationen“ las, habe ich wirklich gedacht: bestimmt meint sie „Reparaturen“.
    Ich bin froh, dass ich hinter die Fassade geschaut habe und mich von den Fotos nicht habe blenden lassen. Wahnsinnig starke Texte, auch der zu „Macht und Mode“. Ich geh jetzt mal meine Schubladen aufräumen 😉

    • Kleinstadtcarrie 17. Januar 2018 at 16:30

      Hey Hey,

      – also ich muss sagen, ich habe Bauchweh bekommen bei diesem Kommentar.
      Ich weiß, dass mein Instagramkanal nicht wirklich das ausstrahlt, was hier auf dem Blog zu finden ist und wer ich bin, aber so?! Das haut mich grad echt von den Socken. „Gehöre zur High Society, trage Gucci & Prada, Sketchen…“ … also dann hast Du Dir aber meinen Social Media Auftritt nicht wirklich intensiv angesehen. Ist ja auch nicht schlimm, aber das vorschnelle Urteilen ist verrückt. Da muss ich echt mal schauen, was ich vordergründig so präsentiere… Ein spannender Input.

      Auf jeden Fall freut es mich natürlich sehr, dass Du jetzt Mal reingelesen hast und die Schublade aufräumst. Das freut mich wirklich 🙂

  • Reply Iris 15. Januar 2018 at 07:52

    Wow, ich bin absolut sprachlos, wie genial du diesen Text geschrieben hast!

  • Reply Alina 14. Januar 2018 at 20:06

    Dachte grade wieder, dass deine Texte genau so in einem Buch stehen könnten. Wieder mal wunderschön geschrieben!

    Liebe Grüße
    alina