Alles was ich hab, hab ich von Dir.

/19. November 2017/20 Kommentare

Vor zwei Jahren ungefähr. Vielleicht waren es auch drei. Die Zeit vergeht ja so schnell.
Jedenfalls.
Da hast Du Dich auf ein Mal ganz anders angefühlt. Nicht besser. Oder schlechter. Einfach anders.
Auf ein Mal hast Du geweint und keine Tür mehr zugemacht. Plötzlich hast Du mir zugehört. Genickt. Und es fühlte sich an, als würde ich Dir etwas beibringen. Etwas sagen, dass Du noch nicht wusstest. Dir Hoffnung geben. Irgendwie bin ich dir – von jetzt auf gleich – über den Kopf gewachsen, und das erste Mal stelltest Du Dich nicht auf Zehenspitzen, um das zu vertuschen.

Das man älter wird, sieht man in den Gesichtern der anderen, sagt man.
Und man sieht es tatsächlich. Und man fühlt es. Ich kann die Zeit förmlich greifen, wenn wir uns umarmen. Ich spüre die letzten Jahre, wenn ich den Staub von den Kisten auf dem Dachboden wische. Ich nehme Deine Hand in meine – und Zeit wird greifbar und ich begreife, dass Erwachsen werden eben auch: nicht mehr nur Kind sein, heißt.

Da hast Du Dich auf ein Mal ganz anders angefühlt. Nicht besser. Oder schlechter. Einfach anders.
Du bist immer noch mein Superheld. Die selben Augen. Daran erkenne ich Dich.  Aber Du hast Dein Kostüm ausgezogen. Siehst plötzlich so angreifbar aus. Und vor zwei, oder drei Jahren – da hat mich das erschrocken. Da hat mir das Angst gemacht. Da hat mich das verunsichert.
Doch heute weiß ich: Du hast nicht aufgegeben. Du bist unbesiegbar.
Denn auch wenn wir älter geworden sind – sind wir doch die selben. Und: Superkräfte verliert man nicht. Die braucht man nicht auf. Die bleiben.
Du bist noch immer unbesiegbar.  Aber du musst es jetzt nicht mehr sein.
Denn: ich entdecke meine Superkräfte. Schlüpfe in Dein Kostüm. Da passe ich mittlerweile fast rein. Wie früher, als ich heimlich in Deinem Kleiderschrank gestöbert habe. So fühlt sich das an. Nur irgendwie anders, denn: das gehört jetzt mir.
Denn: Alles was ich hab‘, hab ich von Dir. Mimik und Gestik. Deine Hände und Deinen Mut. Mein Selbstbewusstsein und die Vorsicht.
Bloß gut, dass Superkräfte erblich sind.
Jetzt bin ich dran. Und ich habe keine Angst mehr. Denn ich hab ja – nicht nur – Dein Kostüm geerbt.

 

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20 Kommentare

  • Reply Laura 26. November 2017 at 13:38

    Danke. Mein Tag wird gleich besser wenn ich auf deinen Blog komme und einen deiner Artikel lese. Aber der hier. Ich will weinen; deine Texte berühren mich <3

    • Kleinstadtcarrie 26. November 2017 at 14:13

      Hey Laura,

      ich hoffe, Du hattest trotzdem noch einen schönen Tag <3

  • Reply Laura 22. November 2017 at 10:23

    Luise, ich habe direkt Gänsehaut bekommen. So ein wunderschöner Text, der unter die Haut geht. Danke, dass du auch solche Themen aufgreifst!

  • Reply Rossella 20. November 2017 at 15:54

    Ich liebe deine Texte und deine Bilder! 🙂
    Habe echt Gänsehaut bekommen. <3

  • Reply Mrs Unicorn 20. November 2017 at 14:48

    So ein schöner Beitrag. Toll, dass du so ein tolles Verhältnis zu deiner Mum hast!

    Viele Grüße und eine fantastische Woche.
    Celine von http://mrsunicorn.de

  • Reply Ellie 20. November 2017 at 13:57

    Wunderschön!<3
    http://www.blogellive.com

  • Reply Mimizuku.tama 20. November 2017 at 13:52

    Was ein wunderbarer Post. 💙 Auch wenn erst zum Ende klar wird, worum es letztendlich geht. Aber das finde ich Super, so hat man viel Freiraum für Interpretationen. Super toll. 💙

    Liebe Grüßchen
    Mimizuku von http://mimizukutama.blogspot.com

    • Kleinstadtcarrie 20. November 2017 at 14:58

      Lieben Dank für Deinen Kommentar <3 <3 <3

  • Reply Mareike 20. November 2017 at 11:37

    …Da sind mir gerade spontan die Tränchen geflossen. Danke! Ein ganz wunderbarer Text!

    • Kleinstadtcarrie 20. November 2017 at 14:58

      Oh nein, – aber irgendwie auch: oh ja! Mir beim Schreiben nämlich auch 🙂

  • Reply Tanja 20. November 2017 at 09:53

    LUISE ! Ich habe ihn gelesen und habe automatisch gedacht es geht um einen Liebhaber / Exfreund. Das denke ich immer automatisch wenn es in deinem Text um Gefühle geht, ich weiß auch nicht warum.
    Aber ich hab nicht wirklich einen Zusammenhang gefunden, dann hab ich ihn nochmal gelesen und gleich sind mir die Tränen in die Augen geschossen, dann hab ich mich sofort reinversetzen können, weil ich das gleiche fühle – Mama <3

  • Reply Carolin 19. November 2017 at 23:57

    Oh ist das schön <3

  • Reply Julia 19. November 2017 at 23:48

    So ein starker Text!

  • Reply Valeria 19. November 2017 at 22:52

    Liebe Carrie,
    So fühle ich derzeit auch. Die eigenen Vorbilder werden älter.
    Es ist schmerzlich sie so verwundbar zu sehen. Aber das ist der Lauf des Lebens.
    Auch sie müssen nun lernen ihr Kostüm abzulegen und uns zu vertrauen.

    Danke für diesen schönen Eintrag !

  • Reply Alina 19. November 2017 at 17:15

    Ich wette das Fotoshooting hat viel Spaß gemacht :D! Der Text ist wiedermal wundervoll. Ich kenne dieses Gefühl, dass plötzlich auch ältere Verwandte einen „ernster“ nehmen, sich die Verhältnisse verändern. Dass man nicht mehr das Kind ist, sondern eigenes Wissen hat, eigene Verantwortung, eigene Entscheidungen treffen muss. Dass man nicht mehr nur beschützt wird, sondern auch selbst beschützen kann.

    Liebe Grüße,
    Alina

    • Kleinstadtcarrie 20. November 2017 at 10:38

      Liebe Alina,

      das hat es tatsächlich 😀 – sind noch viele viele weitere lustige Fotos entstanden 🙂

      Lieben Dank für Deinen Kommentar,
      Deine Luise

  • Reply Hannah 19. November 2017 at 14:54

    Wunderschöner Text, liebe Luise! Er erinnert mich selber an einen ganz besonderen Menschen, dem ich sehr nahe stehe, bei dem ich immer ganz lange dachte, sie sei unverletztlich. Aber auch ich musste beim Erwachsenwerden bemerken, dass auch die Menschen, die für uns immer ein Vorbild oder eine Art Superheld waren, ihre Schwächen haben. Das zu sehen erschrickt einen vielleicht zunächst, aber macht diese Menschen für mich im Nachhinein noch liebenswerter als zuvor❤
    Dieser Gedanke spiegelt sich in deinen Worten wider!

    Hannah

  • Reply Luu 19. November 2017 at 14:49

    Wunderschöne Worte – und ich habe direkt das Lied im Kopf.
    „Alles was ich hab, hab ich von dir. Alles was ich liebe, …“

    Alles Liebe
    Luu ❤️