Weiter laufen.

/2. Oktober 2017/40 Kommentare

Gravitation.
Und Steine. So viele Steine.
Hürden.
Umgestürzte Bäume.
Und Leichen.
Unsicherheit.
Wegweiser, die die Richtung nicht wissen.
Karten, die kaum zu lesen sind.
Wegbeschreibungen, die man nicht entziffern kann.
Und selbst wenn das alles nicht wäre: die verdammte Erdanziehungskraft.
Irgendwie scheint alles Halt an! zu rufen.
Irgendwie scheint mich alles aufhalten zu wollen:
Dein Anruf und die Bitte, zu Dir zurück zu kommen.
Alte Fotoalben, die immer wieder dazu verleiten, in Erinnerungen zu schwelgen.
Und die schier erschlagende Masse an Entscheidungsmöglichkeiten.
Gib auf!

Und dann: die Erde dreht sich doch ohnehin.
Also alles gut. Ich bewege mich. Ich komm’ schon irgendwie voran. Lass mich treiben.
Setz’ mich in Züge und Flugzeuge, auf Schiffe und Boote – und komme voran.
Und dort kann ich liegen. Ruhen. Aufhören. Anhalten. Durchatmen.
Das geht mir hier sowieso alles zu schnell. Die Erde braucht 23 Stunden und 56 Minuten um sich um die eigene Achse zu drehen. Vielleicht muss das reichen. Und wenn ich im Flugzeug Richtung Osten fliege, bin ich sogar noch schneller. Das ist doch was. Das heißt doch irgendwie: vorankommen.

Und dann – erstreckt sich ein Ozean aus Unsicherheit, Ungewissheit und Möglichkeiten vor mir. Kalt, windig und salzig. Tränen. Und Wellen. Kreischende Möwen.
Und ich denke: die Erde dreht sich. Vielleicht muss das reichen. Vielleicht sollte ich mich einfach in den Sand setzen. Und die Zweifel wird schon irgendwer aus dem Weg räumen. Der Mond wird kommen. Und mit ihm: die Ebbe. Und dann wird es leichter. Und dann kann ich einfach weiterlaufen.
Ich sitze im Sand. Ich warte. Auf den Mond und die Dunkelheit. Auf Dich. Und eine Erklärung. Ich sitze. Und warte. Und drehe mich ja trotzdem. 
Ich werde müde und lege mich hin. Sternenhimmel. Wolken ziehen an mir vorbei. Oder ich an ihnen? Noch immer das Tosen der Wellen. Und ich merke: niemand wird kommen. Niemand wird kommen und mich mitreißen. Ich muss schon ein bisschen rausschwimmen, um Boote zu finden. Den Strand entlang rennen, Muscheln sammeln, die Richtung ändern. Mich nicht nur um die Erd-, sondern vor allem meine eigene Achse drehen und dann: weiter laufen.
Gravitation.
Und Steine. So viele Steine.
Hürden.
Umgestürzte Bäume.
Und Leichen.
Unsicherheit.
Wegweiser, die die Richtung nicht wissen.
Karten, die kaum zu lesen sind.
Wegbeschreibungen, die man nicht entziffern kann.
Ozeane, die uns voneinander trennen. 
Einschüchternde Wellen.
39%.
Seitenweise Visaanträge. 
Unverständliche Studienordnungen. 
Erste Schritte. 
Scham und Unsicherheit und Ungewissheit. 
Du, der mich festhält.
Irgendwie scheint alles Halt an! zu rufen.
Irgendwie scheint mich alles aufhalten zu wollen.
Aber jetzt: ich stehe auf und laufe weiter. 
Und ich werde nass. Und es ist kalt. Und ich schlage mir ein Knie an, als ich über diese besonders hohe Hürde einfach mit besonders viel Anlauf drüber springe. Das tut verdammt weh – aber der Schmerz wird vorüber gehen. Und irgendwann bläst mir der Wind so heftig um die Ohren, dass ich Deine Rufe nicht mehr hören kann. 
Und umso größer die Hürden werden, desto sicherer bin ich, dass ich fliegen kann. 
Also: Immer weiter laufen.
Nicht beirren lassen.
Fliegen lernen.

 

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40 Kommentare

  • Reply Lisa 19. Oktober 2017 at 07:42

    Richtig schöner Post!

  • Reply Katta 18. Oktober 2017 at 18:42

    Wichtig ist tatsächlich, sich nicht beirren zu lassen. Dann läuft das quasi von alleine!

  • Reply Mimizuku.tama 12. Oktober 2017 at 20:26

    Was für schöne Bilder und was ein wunderbarer Text. <3
    Das hat etwas von Aufbruch und Freiheit. Ich habe dieses Gefühl mit einem Zug verglichen, darüber kann man sich echt den Kopf zerbrechen.

    Mimizuku
    https://mimizukutama.blogspot.de/

  • Reply Anne 10. Oktober 2017 at 19:31

    Wer versucht stehen zu bleiben, obwohl das Leben beständig voran schreitet, wird hinfallen.
    Man muss weitergehen, wenn man an ihm Teil haben will – an seinen Höhen und an seinen Tiefen.
    Das bedeutet man muss beständig wachsen – an ihm, mit, ihm – oft auch über sich hinaus.
    Das ist anstrengend.
    Aber das Leben an sich vorbeiziehen zu lassen und nichts von ihm zu sehen, ist dennoch keine Alternative. Danke fürs Erinnern!
    Liebe Grüße Anne
    https://trustyourgut1.blogspot.de/

    • Kleinstadtcarrie 26. Oktober 2017 at 08:37

      Was für ein schöner Kommentar, Anne <3

  • Reply Arunika Salander 10. Oktober 2017 at 18:11

    Berührend und melodisch, wie immer 🙂

  • Reply Kim 10. Oktober 2017 at 00:57

    Ich sitze hier gerade und mir geht es nicht gut. Immer, wenn es dazu kommt, fange ich an deine Texte zu lesen, deine Hörbücher zu hören. Und das gibt mir Mut und Kraft. Deine Worte – egal ob gesprochen oder geschrieben – berühren und beruhigen mich. Obwohl ich dich nicht persönlich kenne und du mich nicht, fühle ich mich verstanden, wenn ich deine Beiträge lese.
    Danke für deine Texte, die mir in den schlimmsten Zeiten so viel gegeben haben <3

  • Reply Lisa 9. Oktober 2017 at 21:02

    Hey Luise,
    Der Text ist sehr schön geschrieben.
    Ist die Mütze noch aktuell zu kaufen ?

    • Kleinstadtcarrie 15. Oktober 2017 at 13:39

      Liebe Lisa,

      vielen Dank!
      Ja, also die solltest Du noch bekommen 🙂

  • Reply Anne 9. Oktober 2017 at 14:06

    Wundervoll ❤

  • Reply Sarah 9. Oktober 2017 at 10:17

    Ich liebe liebe liebe diese Bilder! Habe sie schon auf Instagram gesehen und war da schon begeistert. 🙂 Ich hoffe du hattest ein zweites Paar Schuhe mit und musstest danach nicht nass rumlaufen! 😀

  • Reply Isabell 8. Oktober 2017 at 01:18

    Super Text! Endlich mal jemand der nicht so gezwungen schreibt und das auf Papier bringt was gerade in den Sinn kommt. Mach weiter so!

  • Reply Leni Bo 7. Oktober 2017 at 18:01

    Liebe Luise,
    du findest so schöne Worte, schwierige Situationen zu schildern und sie irgendwie ein bisschen leichter zu machen. Ich lese diesen Post jetzt zum bestimmt fünften Mal, entdecke mich darin wieder, fühle die Schwere auf mich eindrücken und merke, wie sie beim Lesen jedes Mal ein wenig leichter wird.
    Danke für diese tollen Worte,
    Alles Liebe,
    Leni <3

  • Reply Jasmina 4. Oktober 2017 at 23:19

    Wieder ein sehr schöner Text und auch die Bilder sind echt ein Traum *-*

  • Reply Amelie 4. Oktober 2017 at 22:55

    „Fliegen lernen“.
    Das sind die Worte, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen wollen!
    Seit einer halben Stunde lese ich deinen Beitrag immer und immer wieder – und jedes Mal entdecke ich eine neue Seite.
    Luise, du bist einfach wunderbar! <3

    Deine Amelie | https://amelieruna.wordpress.com

    • Kleinstadtcarrie 5. Oktober 2017 at 08:32

      Hach Amelie,
      das ist wirklich Balsam für meine Seele. Danke <3

  • Reply Tati 4. Oktober 2017 at 15:19

    jedes mal wenn ich neue bilder bei dir sehe denke ich: unglaublich! besser geht gar nicht!
    und doch. sie werden immer noch besser und besser. sie sprechen alle eine eigene sprache.
    immer wieder scrolle ich zurück um mir die Fotos aus NY nochmal anzusehen mit den gelben Taxis. aber mittlerweile kann ich gar nicht mehr sagen, was meine lieblingsbilder sind.

    <33

    • Kleinstadtcarrie 5. Oktober 2017 at 08:33

      Tati,
      DANKE DANKE DANKE 🙂 Es bedeutet mir wirklich so viel, solche Worte von Euch zu lesen! DANKE 🙂

  • Reply Sophia 4. Oktober 2017 at 12:25

    Vollkommenes Durcheinander und trotzdem eine klare Richtung… Wundervoller Text der mich überrascht und bewegt! Danke dafür und immer weitergehen 😙

  • Reply Ellie 4. Oktober 2017 at 00:03

    Liebe deine Art zu schreiben!<3
    http://www.blogellive.com

  • Reply Lina Schmitz 3. Oktober 2017 at 15:55

    was ist das für eine jacke und welche schuhe?

  • Reply Mona 3. Oktober 2017 at 13:28

    Man darf kurz stehen bleiben, stolpern, hinfallen & wieder aufstehen um weiter zu laufen!
    Dieser Text Saft mal wieder so viel Gutes aus ♡
    Danke!!!!!!!!!

  • Reply Melanie 3. Oktober 2017 at 13:21

    Wie immer, sehr schön geschrieben!

  • Reply Fashionqueens Diary 3. Oktober 2017 at 11:29

    Ein wunderbarer Text und auch die Fotos könnten nicht passender sein 😀 Immer weiter laufen – absolut richtig, auch wenn es manchmal verdammt schwer ist…

  • Reply Jacqueline 3. Oktober 2017 at 10:33

    Ein sehr schöner Text!
    Welches Modell von Jack Wolfskin ist denn das, das du da an hast? *_*

  • Reply Iris 3. Oktober 2017 at 08:55

    Wow! Der Text macht mich sprachlos! Du hast das ganze so wunderbar geschrieben! Und die Bilder sind der absolute Hammer!

  • Reply Mrs Unicorn 3. Oktober 2017 at 01:18

    So ein schöner Beitrag. Vielen Dank für die Eindrücke.

    Liebe Grüße und noch eine tolle Woche.
    Celine von http://mrsunicorn.de

  • Reply sarah 2. Oktober 2017 at 22:08

    wirklich sehr sehr schöne Bilder und dein Text dazu ♥
    Liebe Grüße Sarah

  • Reply Eujurika 2. Oktober 2017 at 21:45

    Ein absolut zauberhafter Text der ans Herz geht. In der Poesie kann man die Wellen rauschen hören und fühlen , fühlen als würde man selber am Strand stehen. Wehender Wind und peitschende Wellen.
    Jetzt sitze ich hier UP NORTH und denke darüber nach, wie sich die Welt dreht!
    Danke für den schönen Denkanstoß zum Feiertag!

  • Reply Anja 2. Oktober 2017 at 20:35

    Erster Text von dir. Das erste Mal dein insta-Profil gesehen.
    Aber ich danke dir für diese Zeilen!!! ❣️
    #weiterlaufen