Die Telefonzelle klingelt

/24. Oktober 2017/18 Kommentare

Ich wache auf – und schaue verschlafen auf mein Handy.
Eine schreckliche Angewohnheit. Ich weiß. Aber an diesem Morgen: scheint mir das Schicksal ganz deutlich machen zu wollen, dass der erste Gedanke am Morgen nicht mein Smartphone sein sollte, denn:
„Hey, wie geht’s denn so?“
Erschrocken werfe ich mein Handy an’s Ende meines Bettes. Als würde das irgendwas ungeschehen machen. Als würde sich die Nachricht in Luft auflösen.
Und mein Tag – ist gelaufen. Nicht weil ich in Tränen ausgebrochen wäre, sondern schlichtweg, weil so Unerwartetes ziemlich anstrengend ist. Kräftezehrend, auch wenn ich noch im Bett liege. Ein klein bisschen Freude – die es zu unterdrücken gilt. Wut. Und Enttäuschung. Euphorie und Misstrauen zugleich.
Kaltes Wasser in meinem Gesicht.

Irgendwann erscheint noch eine Nachricht auf meinem Display. Eine Entschuldigung. Eine Erinnerung. Ein „Wollen wir uns sehen?“
Mir vergeht das Lachen.
Und ich sitze hier, irgendwo auf der anderen Seite deiner Welt und – grüble.

Gedanken kann man nicht kontrollieren. Manchmal – kommt einem einfach irgendwas in den Sinn. Und heute: bin ich dir in den Sinn gekommen. Vielleicht hat jemand in der Straßenbahn neben Dir das selbe Parfum getragen, wie ich früher immer. Vielleicht wurde Dir ein Bild von mir angezeigt. Oder vielleicht ist dir die Postkarte mit dem kleinen Kamel in die Hände gefallen, die ich Dir vor einigen Jahren mal geschrieben habe.
Keine Ahnung. Es spielt auch gar keine Rolle mehr, denn:
Du hast an mich gedacht.
Und wolltest mich das wissen lassen.
Du hast an mich gedacht.
Und wolltest irgendwas gut machen. 
Du hast an mich gedacht.
Aber hast dabei in jedem Moment nur Dich selbst im Sinn gehabt.

Mein Handy klingelt.
Eine Brieftaube am Horizont.
Eine E-Mail. Und SMS. Und noch ein Anruf. Eine Postkarte.
Plötzlich lodert die Flamme so hoch und ich sehe die Rauchzeichen. Höre das Pfeifen.
Und selbst als ich – oder gerade weil ich – so frei von Dir durch’s Irgendwo laufe, klingelt neben mir die Telefonzelle.
Mir vergeht das Lachen.
Und ich sitze hier, irgendwo auf der anderen Seite deiner Welt und – grüble.
Grüble darüber, was ich fühlen soll. Denn: eigentlich fühle ich nichts. Und doch irgendwie alles. Aber auch das reicht Dir nicht.
Und ich grüble. Und plötzlich fliegt ein Banner an mir vorbei: „Ruf mich doch bitte zurück!“, steht da drauf. Und mir vergeht das Lachen.

Du siehst mich und hörst mich. Du fühlst irgendwas: Erinnerungen und mein Lachen. Ein weiterer Flug, ohne Dich an meiner Seite. Freiheit. Und Vergessen-Werden.
„Du bist ein Teil von mir.“, rufst Du und schreibst Du und schreist Du in den Hörer.
„Ich habe Dich gehört!“, rufe ich wieder. Mehr bleibt nicht zu sagen. Ich grüble.
Ich entferne mich, im Rückwärtsgang, von der Telefonzelle. Es klingelt. Ich gehe nich ran. Ich gehe. Renne gelegentlich im Kreis, damit mich die Brieftauben nicht finden. Ich verstecke mich im Dickicht. Ich lege mich ganz flach auf den Boden. Halt‘ mir die Ohren zu. Halte den Atem an. Und dann laufe ich. Und laufe. Und laufe. Damit du mich nicht mehr finden kannst.
Kein Brief. Kein Ton. Kein Klingeln. Kein Wort. Kein Wir.
Bitte! 

Ich höre es Klingeln. Noch immer. Obwohl ich schon längst weitergezogen bin.
Aber ich nehme den Hörer nicht wieder ab. Nicht noch ein Mal –, denn wir wissen beide, dass Du dann nicht mehr am Ende der anderen Leitung bist. Du wirst hören. Und haben. Und gehen. Und dann stehe ich in der Telefonzelle. Allein. Wieder.
Alles was Du willst ist: Nicht vergessen werden. Dazugehören, ohne bei mir zu sein. Aufmerksamkeit. Bestätigung.
Du hast an mich gedacht.
Aber hast dabei in jedem Moment nur Dich selbst im Sinn gehabt.

Also: ich höre es Klingeln. Und ich weiß, dass es nicht aufhören wird. Erst dann, wenn ich gerade abheben will. Du wirst aufhören zu mailen, wenn ich statt auf’s Kreuz auf „Antworten“ klicken will.  Die Brieftauben werden in die andere Richtung fliegen, wenn ich die Vogelscheuche abbaue. Und das Flugzeug wird landen, wenn ich gerade dabei bin, Deine Nummer zu wählen.
Also: ich nehme nicht ab. Ich höre es klingeln. Ganz leise. Ständig. Immer. Und Rauchzeichen. Und E-Mails. Dein Blick.
Und ich werde nichts davon erwidern.
Aber das muss ich ertragen. Weil alles andere noch mehr weh tut.

Diese Bilder sind super spontan zusammen mit Martin während unserer Pressereise nach Wales entstanden. Während wir durch die zahlreichen kleinen Ortschaften spaziert sind, haben wir immer wieder die typischen Londoner Telefonzellen entdeckt. Das konnten wir uns als Location natürlich nicht entgehen lassen. Was eigentlich nur ein Instagramfoto werden sollte, ist dann diese Fotoreihe geworden – ich mag sie! Gefallen Euch die Bilder und der Look auch?

Schuhe – Stradivarius (hier und hier)
Rock – Levi’s (hier)
Pullover – Pimkie (hier)
Tasche – GUESS (ähnliche hier)
Hut – Accessorize (ähnlich: hier oder hier oder hier)

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18 Kommentare

  • Reply Leni 9. November 2017 at 13:25

    ich hatte Gänsehaut beim Lesen…

  • Reply Julia 26. Oktober 2017 at 19:17

    ‚Und ich sitze hier, irgendwo auf der anderen Seite deiner Welt..‘ – ich schwöre, bei diesem Satz hab ich Gänsehaut bekommen. Diese Doppeldeutigkeit, dass ist so auf den Punkt gebracht. Wow. Mehr kann man zu dem Beitrag nicht sagen. Er ist emotional, erschreckend ehrlich und wahr, wunderschön und bedrückend zugleich. Er regt mich zum Nachdenken an. Was ich besser machen sollte in Zukunft, meiner selbst willen. Vielen Dank dafür, das kam wirklich genau im richtigen Moment. Du glaubst nicht wie sehr.

  • Reply Kim 25. Oktober 2017 at 21:31

    Erstmal zu dem Look und den Bildern: Da ich ein großer Fan von schwarz und grau bin, gefällt mir dieses Outfit ganz besonders. Zeigt dich auch nochmal von einer anderen Seite, wie ich finde 🙂

    Zum Text: Deine Worte erinnern mich an so viele Momente, in denen ich genau das Gleiche durchmachen musste. Dieser Zwiespalt, in dem man feststeckt. Einerseits die Freude, dass da diese Nachricht ist und andererseits die Wut, dass sie da ist. Und dann so oft in Zeiten, in denen man sein Leben wieder lebt, weiter gezogen ist, ein neues Kapitel aufschlagen möchte..genau dann, kommen diese Nachrichten, die aus der Bahn werfen – wenn wir es zulassen. Doch ignorieren wir dieses kurze Aufflackern von Interesse und Signalen, so wie du es beschreibst, können wir unseren Weg weitergehen. Leider dauert es oft seine Zeit, bis man zu dieser Erkenntnis gelangt.

    Danke für den Beitrag, hab mich soooo gefreut, endlich wieder etwas von dir zu lesen <3

    • Kleinstadtcarrie 26. Oktober 2017 at 08:42

      Freut mich, dass Dir der Look gefällt, liebe Kim 🙂

      Und ich hoffe, ich schreibe jetzt wieder mehr <3

  • Reply Carolin 25. Oktober 2017 at 20:20

    Der Text berührt mich sehr.
    Kann mich so da hineinversetzen….
    Da wird man schon etwas traurig. Ich liebe es wie deine Texte Gefühle wecken – Und man sich manchen Dingen noch mal stellen muss!!!😘

  • Reply Eike Juliane 25. Oktober 2017 at 15:36

    Liebe Luise!
    Seit fast genau einem Jahr berührst du mich immer wieder mit deinen Texten – letztes Jahr, als mein langjähriger Freund nach Kanada ging, im Januar dann, als er die Beziehung mit mir einfach beendete, vor kurzem noch, als ich wütend war, dass ich ihn nicht aus meinem Kopf bekomme und er sich immer wieder in mein Leben schleicht.

    Jetzt wieder, nachdem ich endlich meine Ruhe hatte und Abstand fand und er einfach auf meinem Geburtstag aufgetaucht ist – da hat er auch an mich gedacht, aber sich im Sinn gehabt – genau wie du schreibst.

    Es ist unglaublich beruhigend zu wissen, dass anderen Leuten die gleichen Gedanken durch den Kopf schwirren und noch beruhigender sie aufgeschrieben, komprimiert in ein paar Zeilen zu lesen.
    Mach weiter so!

    Alles Liebe:)

    • Kleinstadtcarrie 26. Oktober 2017 at 08:42

      Eike Juliane, bleib stark und selbstbewusst <3

  • Reply Franzi 25. Oktober 2017 at 14:51

    Ich weiß genau wovon du sprichst. Und ich finde es so faszinierend, wie gut du es in Worte fassen kannst.
    Bleib stark!
    Liebe Grüße:)

  • Reply Jone 25. Oktober 2017 at 09:06

    ❤️❤️

  • Reply Iris 25. Oktober 2017 at 07:01

    Der Text ist wieder einmal wunderschön geschrieben! Das Outfit mag ich auch wirklich sehr!

  • Reply Ricarda 24. Oktober 2017 at 23:05

    Liebe Luise,
    Ein sehr schöner und gefühlvoller Text. Meine Gefühle hast du dabei zum brodeln gebracht und bei dem Satz: „Aber hast dabei in jedem Moment nur Dich selbst im Sinn gehabt.“ Wurde ich von meinen Gefühlen überwältigt.
    Du hast so vollkommen Recht. Es geht nur darum nicht vergessen zu werden. Mehr wollen wir wahrscheinlich alle nicht. Wir möchten die sein über die Geschichten erzählt werden, aber es ist nicht fair, wenn man dazu die Gefühle des anderen immer und immer wieder benutzt.
    Ich freue mich, wenn du noch mehr solcher Texte hast!
    Liebste Grüße
    Ricarda

    • Kleinstadtcarrie 26. Oktober 2017 at 08:35

      Liebe Ricarda,

      danke für Dein tolles Feedback!
      Und jetzt kommen auch wieder mehr Beiträge – versprochen 🙂

  • Reply Johanna 24. Oktober 2017 at 19:22

    Wow.. war wirklich zu Tränen gerührt. Hättest mir nicht mehr aus der Seele sprechen können. Die Gefühle in so einer Situation kann man nicht besser beschreiben. An der Stelle möchte ich nochmal Danke sagen für all deine Texte, man fühlt sich immer ein bisschen weniger allein nach dem Lesen. Du hattest vor kurzem (oder immer noch) Zweifel wegen der Bloggerbranche und ich verstehe was du meinst, aber für viele bist du, und der Content den du mitbringst, unglaublich wertvoll. Du setzt dich für so viele gute Sachen ein und ermutigst über die wichtigen Dinge nachzudenken. Lass dich nicht davon entmutigen, dass die Welt (und auch die Bloggerbranche) nun mal einfach nicht perfekt ist. Du trägst deinen Teil dazu bei, dass beides besser wird und das ist es, was wichtig ist.

    • Kleinstadtcarrie 26. Oktober 2017 at 08:36

      Johanna, danke danke danke danke danke! Ich weiß gar nicht, was ich mehr dazu sagen soll, außer: DANKE! Für’s Mut machen und motivieren. Danke also <3

  • Reply Mimizuku.tama 24. Oktober 2017 at 18:33

    Die Bilder sind so wunderschön geworden. 💙
    Und ich liebe diesen Text. Er sagt so viel, es gibt so viele Menschen, die sich immer wieder in die Gedanken zurückrufen wollen, obwohl sie es nicht verdient haben.
    Nur damit es ihnen besser geht, nur damit sie kein schlechtes Gewissen haben. Nur, um Wunden wieder aufzureißen.
    Wunderschön geschrieben!

    Lisa von http://mimizukutama.blogspot.com