Mein Dresden

/10. September 2017/18 Kommentare

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Ich muss hier weg! Raus! Schnell! 
Ich schreie. Ich renne. Ich fliehe. 
Aus Dresden. Wieder Mal. Weil mir die Decke auf den Kopf fällt, weil die Mauern mich einengen. Zu viele Scheuklappen. Zu viel Gebrüll. Ahnungslos.

Und ich komme wieder. 
Immer.
Weil ich zwar überall auf der Welt zu Hause sein kann, das hier aber Heimat ist. Weil das Vertrautheit bedeutet. Und wenn auch nicht immer Verständnis, so heißt es für mich trotzdem: Geborgenheit.

Ich laufe über die Brühlsche Terasse. Die Worte meiner Großmutter im Ohr, die mich fragt, wofür die vier Statuen an den Ecken der Treppe stehen. Und ich fahre mit meiner Hand die metallenen Geländer entlang. Bis ich ihn finde – den Daumenabdruck August des Starken.
Mein Blick schweift über die Elbe. Und auf jedem Fleck der Elbwiesen dahinter sehe ich eine Erinnerung: einen Kuss, eine Umarmung, Versöhnung, eine Lüge und eine schmerzliche Erfahrung. Ich sehe: Kind sein, erwachsen werden. Und ich sehe meine Eltern. Glücklich.

Ich fahre eine halbe Stunde mit der Straßenbahn durch die Stadt. Die gelben Polster.
Die Stadt zieht hinter der Fensterscheibe an mir vorbei und irgendwann komme ich endlich an. Vertraut und trotzdem so fern. Ich kann nicht sagen, wann ich das letzte Mal hier gewesen bin und trotzdem weiß ich – ganz intuitiv – wo ich langgehen muss. Dieser Park, in den ich seit Jahren keinen Fuß mehr gesetzt habe.
Und jetzt stehe ich vor ihm. Unserem Kastanienbaum. Wie stark er geworden ist. Beständig. 
Ich kann mich nicht erinnern. Aber weiß doch, wie schmerzlich es war, ihn auszupflanzen. Weil wir so vieles mehr haben gehen lassen. In Sichtweite. Zum zurück kommen. Zum Nachsehen. War immer erreichbar, – aber wir haben nur Augenblicke erlebt. Wir hätten hier zelten müssen. Wir hätten beobachten müssen. Länger.
Alles was wir jetzt haben: Momentaufnahmen. Immerhin.

Ich stehe am Pirnaischen Platz und warte. Ich bin verwundert, dass hier schon wieder neue Geschäfte eröffnet haben. Und sehe, weiter hinten, die Abrissbirne. Ich habe die St. Petersburger Straße seit Jahren nicht mehr überquert. Lasse die Bahn davon fahren und schlendere über die Lingnerallee.
Sie fahren immer noch Skateboard. Unverändert. Nur dass jetzt ein anderes blondes Mädchen bewundernd am Rand sitzt und sich das erste Mal verliebt.

Ganz selten nur noch bin ich in Loschwitz. Das Blaue Wunder. Schaue hinauf zu den Villen und sehe: Lektionen.
Verlangen nach etwas, dass gar nicht existiert. Ich sehe, wie ich um jeden Preis versucht habe, dazuzugehören.
Gut, dass es mir nie gänzlich gelungen ist, denke ich heute.

Ich eile über die Prager Straße und dann und wann komme ich mir selbst entgegen. Mit meiner Mama im Arm und Tüten in den Händen. Ein breites Grinsen auf dem Gesicht.
Dresden bedeutete Auszeit und Einkaufen mit Mama.
Zeit mit Mama.
Das bedeutete Glück irgendwie.
Sorgen vergessen. Für einen Moment.

Und wenn ich heute durch die Nacht tanze, dann lache ich über all’ die Erinnerungen. Dieser Streit und das unabdingbare Verlangen nach Dir. Wie wir über Mauern geklettert sind und Treppen hinunter fielen. Ich gehe zur Bar, stehe genau an der Stelle, an der Du mich damals angesprochen hast, nachdem sich unsere Blicke das erste Mal trafen. Ich schleiche mich zum Hinterausgang und sehe uns dort sitzen, die Sterne beobachten und über das Leben philosophieren.

Ich schließe das letzte Mal die schmale Tür meiner, unserer Wohnung ab und lasse ein Stück hinter mir. Ein Stück Geschichte. Eine wunderschöne Beziehung, ein Studium, einen unberechenbaren Streit. Die Tränen, die wir vergossen haben. Die Träume, die wir uns nie erfüllten. Die Lügen, die wir uns erzählten und die Macke in der Tapete, von der nur wir beide wissen, wie sie entstanden ist. Ich habe eine Kiste auf dem Dachboden vergessen und das Fenster offen gelassen, damit all’ das davon strömen kann und wir hier und da eine Erinnerung wieder entdecken, wie Seifenblasen, die durch die Lüfte tanzen.

Dresden.
Und wieder: Elbwiesen.
Am Abend in der Neustadt. 
Der erste Wein und echte Freundschaft. 
Meine erste Fahrstunde. Unser erstes Mal.
Jeder Fleck ist belegt. Jede Bank besetzt. Die Elbe getränkt in Erinnerungen.
Mein erster Wein.
Kuss.
Liebe.
Abschied. 
Immer wieder Abschied.

Und selbst wenn ich keinen einzigen Menschen mehr hier verstehen würde,
ich würde wieder kommen.
Weil diese Mauern mein Leben an sich tragen. Weil sie Spiegel sind und Tagebuch. Fotoalbum.

Ich muss Dresden dann und wann verlassen, Abstand gewinnen – um die Schönheit immer wieder neu zu entdecken. 
Denn Dresden, Du bist wunderschön!
Doch heute trage ich – nach so vielen Jahre – das erste Mal meine eigenen Koffer zum Bahnhof.
Abschied für immer?
Abschied für uns.

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18 Kommentare

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  • Reply Tanja 13. September 2017 at 07:41

    Oh mein Gott, wie kann etwas so zauberhaft sein, so magisch.
    Du, diese Geschichte, diese Fotos. Jedes deiner Fotos erzählt eine Geschichte.

  • Reply Luu 12. September 2017 at 18:44

    Es muss schwer sein, diese ganzen Erinnerungen zurück zu lassen. Aber du wirst anderswo noch viele weitere erleben 🙂
    Dieser Post hat mich wirklich berührt, danke dafür Luise!

    Alles Liebe
    Luu

    • Kleinstadtcarrie 14. September 2017 at 18:40

      Da bin ich mir auch ganz sicher.
      Danke Luu <3

  • Reply Dany 11. September 2017 at 20:47

    Als wir damals vor über 14 Jahren nach Dresden gezogen sind war ich überfordert. Alles zu viel. Voller Möglichkeiten. Aber ich war schüchtern und hatte Angst. Und Respekt. Im großen Garten habe ich Nachts den Tieren im Zoo gelauscht, bin mit Bus und Bahn nicht nur einmal in die falsche Richtung gefahren und habe mich nach meiner Heimat gesehnt. Nach Vertrautheit. Nun nach so vielen Jahren bin ich angekommen und Dresden ist meine zweite Heimat geworden. Ich möchte noch viel mehr entdecken und erleben. Das Schönste, einfach mitten in der Stadt auf eine Bank setzten und den Menschen zu sehen.

    Ich wünsche dir von Herzen alles Gute und das du dein Glück findest, dich zuhause fühlst. Geborgenheit und unendliche Freude. Neue Inspiration und andere Menschen.

    ♡ Liebe Grüße Dany
    http://www.danyalacarte.de

    • Kleinstadtcarrie 11. September 2017 at 21:00

      Hach Dany,
      was für ein toller Kommentar – mal wieder.

      Ich danke Dir von Herzen!

  • Reply Alli 11. September 2017 at 16:21

    Wow! Die Fotos passen super zum Text. Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie gut du deine Worte wählst. Mit deinen Texten kann ich mich so gut wie immer selbst identifizieren.

  • Reply Irina 11. September 2017 at 11:05

    Heimatabschiedstexte sind immer so bezaubernd und traurig zugleich. Ich wünsche dir ganz viel Glück in deiner neuen Wahlheimat!

  • Reply Marmormaedchen 11. September 2017 at 10:25

    Hallo Luise
    Was für ein wunderbarer Text. Es gelingt dir so gut, das Gefühl ‚Heimat‘ einzufangen. Ganz intensiv und doch leise schleicht es sich in mein Herz. Danke dafür. Und auch wieder wunderschöne Fotos.
    LG Jasi
    http://www.marmormaedchen.ch

  • Reply Isabelle 11. September 2017 at 02:37

    Wow, die Bilder sind wirklich traumhaft schön! Die Stimmung wurde so gut eingefangen, da passt wirklich alles zusammen! Und den Text dazu finde ich sehr inspirierend, die Art wie du schreibst fasziniert mich jedes Mal wieder auf’s Neue. 🙂

    Allerliebste Grüße, Isabelle

  • Reply nathalie 10. September 2017 at 23:10

    WOW!
    die bilder sind unglaublich toll geworden <3
    LG*

    Nathalie von Fashion Passion Love ♥

  • Reply Jasmina 10. September 2017 at 19:38

    Ui das Kleid ist wunderschön – woher ist dieses?

  • Reply Lisa 10. September 2017 at 19:00

    Sehr schöne Bilder. Sieht nach Sehnsucht und doch Erfülltheit aus.

    Ziehst du jetzt nach Berlin?
    Liebe Grüße

    • Kleinstadtcarrie 11. September 2017 at 19:12

      Ich hoffe es doch, liebe Lisa 🙂

  • Reply Wiebke 10. September 2017 at 16:41

    Liebe Luise,
    Ich bin begeistert von den Fotos, die sind wirklich wunderschön! Weil du sehr schön bist, weil die Farben sehr nostalgisch sind und weil ich mich ein bisschen in dein Kleid verliebt habe. (:
    Grüße aus Bremen,

    Wiebke