Honduras Reisebericht – Abenteuer pur!

/28. September 2017/11 Kommentare

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Es ist stockdunkel als wir mit den vier großen Autos auf ein privates Gelände fahren.
Ich schlafe auf dem Rücksitz fast ein. Es ist mitten in der Nacht und wir haben eine lange Reise von Belize aus hinter uns. Zwischendurch hatte ich in San Salvador meinen Laptop im Flugzeug vergessen – was für eine Aufregung. Jetzt halte ich ihn im Arm, habe auf den letzten Metern noch Videos geschnitten.
„Sprüh Dich lieber noch mit Mücken-Spray ein!“, sagt Allan, unser Guide für die nächsten Tage.
Wir beziehen unsere Zimmer, essen noch eine spärliche Portion und fallen dann alle müde in unsere Betten – ohne zu ahnen, was in den nächsten Tagen alles passieren würde.

Ich schlage die Augen auf. Sehe das erste Mal richtig, wie das Zimmer aussieht, in dem ich schlafe. Auf dem Tisch entdecke ich einen Korb mit Souvenirs. Ich lächle. Ich stehe auf. Und es ist tatsächlich kühl. Ich habe ein bisschen Gänsehaut. Öffne die Balkontür und atme tief ein. Um mich herum ist alles grün und noch ein bisschen nebelig. Die Vögel zwitschern so laut, dass man meinen könnte, es sei helllichter Tag. Dabei ist es erst 5:30 Uhr. Ich setze mich in die bunte Hängematte und beobachte, wie sich der Nebel verzieht.
Irgendwann: schweift mein Blick über die Unendlichkeit des Sees.
Unglaublich Ruhe breitet sich in meinem Herzen aus.
Ich atme noch ein Mal tief ein, – bevor der Tag beginnt. Und der sollte alles andere als ruhig werden.

Beim Frühstück erfahren wir, dass heute Ziplining auf dem Programm steht.
Das habe ich schon Mal in Costa Rica gemacht, erinnere ich mich. Und während ich damals unendlich aufgeregt und ängstlich gewesen bin, fühlt sich das diesmal irgendwie abenteuerlustiger an. Ich freue mich und schlüpfe in meine Shorts. Packe mal wieder meinen Koffer und flechte mir die Haare.
Ich muss mich hinsetzen. Fühle mich fiebrig.

Nach einer halbstündigen Autofahrt, finden wir uns auf einem belebten Gelände wieder. Riesige Bäume, Wasserrauschen. Ich grinse. Wir legen die Gurte, Gürtel und Karabinerhaken an. Helme aufsetzen. Es ist wahnsinnig heiß. Oder habe ich doch Fieber? Los geht’s!
„Ach und: danach gehen wir unter den Wasserfall. Also lasst Eure Kameras und Handys am besten direkt hier.“
„Was für ein Wasserfall? Und wie nass werden wir denn? Vielleicht am besten Bikinis?“
„Du wirst gleich sehen…“

Und ich sehe.
Ich bin als dritte dran. Louis, der freundliche Mitarbeiter, befestigt meine Karabiner am Seil. Wir stehen auf einer hölzernen Plattform, befestigt an einem gigantischen Baum. „Viel Spaß!“, sagt er und schiebt mich mit voller Kraft an.
Ich sause an Bäumen vorbei, muss anfangs  die Blätter mit der Hand beiseite schieben.
Und dann: lichtet es sich.
„Du wirst gleich sehen…“ 
Und ich sehe. Und bin überwältigt, unendlich glücklich, aufgeregt, erfüllt und erlebe einen „So-unbedeutent-so-wertvoll-wie-noch-nie-Moment“. Ich werde nass– überall Regenbögen. Dschungel. Und die unendliche Kraft des Wassers. Ich schreie vor Glück…
Es sind insgesamt 7 Mal, die ich am Wasserfall, durch den Dschungel, wie ein Vogel entlang sause.
Adrenalin. Lebensfreude. Dankbarkeit.
Es überkommt mich jedes Mal wieder.
Ich bin frei! Ich bin frei! Ich bin glücklich!

Danach.
Wir legen die Gurte ab.
Und ich renne so schnell es geht, so nah es geht (denke ich) an den Wasserfall. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus. Und aus dem Grinsen.
„Los Leute, ab unter den Wasserfall!“, sagt Allan und grinst uns an.
Was? Da drunter? Das Wasser fällt aus einer Höhe von 50 Metern nach unten. Es ist so laut und intensiv und kraftvoll. Okay! Ich bin die erste, die dem Guide folgt. Durch ein altes Tor, das doppelt abgeschlossen gewesen ist, kommen wir in den Dschungel und nach ein paar Metern stehen wir unten vor dem massiven Naturspektakel. Ich bin nach wenigen Augenblicken schon vollkommen durchnässt.
Ich bleibe stehen. Staune. Wieder. Immer noch. Der Guide läuft unbeirrt und zügig weiter. Ich folge ihm hektisch. Und die Kraft des Wassers, der Natur wird immer deutlicher zu spüren. Es wird anstrengend zu laufen. Ein heftiger Wind. Ich muss den Kopf senken und irgendwie fühlt es sich so an, als würde die Erde mich bewusst dazu bringen.

„Okay, jetzt hier in’s Wasser springen!“
Und ich springe. Ich springe einfach. Ohne nachzudenken.
Was in den nächsten Minuten passiert ist, ist nicht in Worte zu fassen.
Die unvorstellbaren Wassermassen schlagen mit einer Kraft auf uns nieder, dass es wehtut. Für einige Minuten können wir nicht richtig atmen, müssen die Augen geschlossen halten. Mit gesenktem Oberkörper und Schmerzen, die einen ehrfürchtig werden lassen, bahnen wir uns den Fels entlang unseren Weg unter den Wasserfall.
Dort angekommen – halte ich inne.
Es ist unfassbar laut. Und mein Herz schlägt so schnell. Ich setze mich auf einen der Steine. Ich werde ruhig.
An einer ganz bestimmten Stelle, sollen wir nach oben schauen. Ich tue es. Das Wasser spritzt mir in die Augen. Ich kneife sie zusammen. Und sehe, wie das Wasser die 50 Meter nach unten fällt. Ein Regenbogen. Lichterspiel. Überwältigung. Natur. Mutter Erde.

Ich weiß nicht, wie lang die Tour gedauert hat oder wie lang wir dort unterm Wasserfall saßen, –
schließlich kehren wir zu den Autos zurück.
Ich schlüpfe in mein schönstes, knallgelbes Sommerkleid. Es passt gerade.
Ich bin froh. Ich bin angekommen. Ich bin ruhig und aufreget zugleich.
Ich stehe da und grinse.

Die Besitzern des Parks kommt auf mich zu. Sie spricht ein paar Brocken Deutsch. Wir unterhalten uns auf irgendwas zwischen Englisch und Spanisch und Deutsch. Sie möchte mir jemand Besonderes vorstellen – aus Deutschland.

Der nächste Morgen. Es ist 5 Uhr morgens. Irgendwie routiniert packe ich meinen Koffer, meinen Rucksack für den Tag. Ich gehe nicht auf den Balkon, – das bemerke ich aber erst, als ich fertig angezogen und ziemlich kaputt auf dem Bett sitzend überlege, ob mir noch etwas fehlt. Ich schwitze, – obwohl es, genau wie gestern, noch recht frisch draußen ist.
Es geht mir nicht gut.
Ich trinke eine Flasche Wasser. „Es muss mir gut gehen“, denke ich, „Das sind die letzten Tage…“
Nach einer Autofahrt und einer Stunde auf einem ziemlich wackeligen Boot, erreichen wir Utila.
Die kleine, irgendwie überfüllt wirkende Insel begrüßt uns mit Sonnenschein und einer eiligen Fahrt in – eine Diving School.
Heute stand: Überraschung auf dem Plan. Und ich hatte so etwas geahnt.
Das erste Mal während dieser Reise, schreckt irgendwas in mir zurück.
Und das sollte mir am Ende auch zum Verhängnis werden.

Es geht alles unglaublich schnell.
Einweisung. Ein paar Zeilen lesen. Verstehen. Ein Test. Ankreuzen.
Ein Arzt kommt – mir und Raquel, die spanische Bloggerin, geht es nicht gut. Ich habe, seit meiner verschleppten Mittelohrentzündung, ohnehin immer mit meinen Ohren zu kämpfen.
In einem der im Keller des maroden Gebäude gelegenen Räume, misst er meinen Blutdruck, klärt mich auf, schaut in meine Ohren und sagt: „Du kannst schon tauchen – aber mach‘ vorsichtig, nicht so schnell, nicht so tief und alles wird gut sein.“
Mich kostet das ganze 10US$.
Irgendwie fühle ich mich danach immer noch unsicher.

Wir alle gehen auf einen Steg, ziehen unsere Neoprenanzüge an. Ein paar letzte Hinweise.
Und jetzt auf’s Boot!
Kein Pool vorher? Ich merke, wie ich immer unsicherer und hektischer werde.
Ich atme tief durch. Du schaffst das, denke ich und nehme wieder und wieder allen Mut zusammen. Das hat alles so fabelhaft geklappt in den letzten Wochen. Ich war mutig und stark und freundlich, abenteuerlustig – es gab nicht, das ich bereut habe. Ich habe mich stets getraut und habe gelacht und genossen. Und heute merke ich, wie mein ängstliches Ich wieder hochkommt. Ich fühle mich schlapp und ausgelaugt – treibe mich in Gedanken aber immer wieder an.
Julia – sie wurde mir allein zugeteilt. Alle sind besorgt wegen meiner Ohren, und komischerweise ist das meine geringste Sorge. Noch.
Sie legt mir einen Gürtel mit Gewichten an. Ich bin verwirrt. Natürlich macht es Sinn. Irgendwie. Aber in meinem Kopf irgendwie doch gar nicht.
Als ich aufstehen will, zieht mich die Sauerstoffflasche direkt wieder auf meinen Hintern. Ich probiere es erneut. Julia hilft mir und ich springe trotzdem in’s Wasser. Entschlossen. Ich will das unbedingt schaffen.
Wir bewegen uns ein bisschen abseits von der Gruppe. Sie merkt genau, wie aufgeregt ich bin. Unentspannt. Ich bringe mich immer wieder dazu ruhig zu atmen. Es gelingt mir.
In meinem Kopf ist so viel los: Unsicherheit, der rote und wofür war noch mal der graue Kopf?, Steine an meiner Hüfte, die Taucherbrille sitzt nicht richtig, der Schlauch ist so lang und ich muss den Druck vorsichtig ausgleichen. Aber wie geht das eigentlich?
Julia sieht mich an.
„Schau mich an.“, sagt sie, „schau nur in meine Augen und vertrau mir.“
Ich kürze die Geschichte hier ab – ich habe es am Ende nicht geschafft. Ich bin gescheitert.
Zwar habe ich mindestens 20 Mal probiert, den Meeresboden, der ungefähr 8 Meter unter uns war, zu berühren – aber die Unsicherheit, die Hektik, in der wir die Dinge gelernt haben und schließlich die Schmerzen in meinen Ohren – haben mich zum Abbrechen gezwungen. Ich bin ehrlich, ich habe auf dem Boot, beim Ablegen der Ausrüstung, ein paar Tränen vergossen. Ich wollte es so sehr, dass es am Ende nicht geklappt hat und während Julia und ich auf dem Dach des Bootes lagen, erzählte sie mir von der Schönheit der Unterwasserwelt und davon, dass ich es wieder probieren kann und werde. Sie hat, ohne mich zu kennen, an mich geglaubt. Sie hat den Ehrgeiz gesehen, aber auch die Erschöpfung.
Zum Abschied nahm ich sie so fest in den Arm – bedankte mich, für ihre Geduld, ihren Glauben in mich und ihre unglaubliche Gelassenheit.
Und ich habe sie selbst gefunden – auf dieser Reise. Meine Gelassenheit. In Guatemala auf dem Maya-Tempel, in Belize bei den Haien und Seekühen und in Honduras unter dem Wasserfall. Und ich werde sie finden – am Meeresboden. Ich werde das schaffen. Und diese Gewissheit, die heute – ein paar Wochen später – nicht mehr so verbissen, aber trotzdem unglaublich entschlossen ist, macht mich gelassen.

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11 Kommentare

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  • Reply Mimi 25. Oktober 2017 at 06:31

    Ich kenne das nur zu gut. Für das tauchen muss man einfach körperlich fit und geistig frei sein. Ansonsten kann das ganz schnell böse enden. Gut dass dir nichts passiert ist und du „zurückgesteckt“ hast. 💙

  • Reply Elena 18. Oktober 2017 at 15:50

    Ein toller und sehr einzigartiger Reisebericht!
    Besonders toll finde ich auch deine Ehrlichkeit, wenn es ums Tauchen geht im Text.
    Denn das ist etwas, was man heutzutage nur noch bei ganz wenigen Bloggern findet. Alle trauen sich immer alles und es gibt nichts was aufregend genug ist, jeder ist perfekt, oder versucht dies zumindest so zu verkaufen.
    Es ist super erfrischend, auch mal vom „Scheitern“ zu lesen. Und ganz klar, ist das hier das falsche Wort. Aber diese Ehrlichkeit und das Zeigen von Schwäche macht dich super sympathisch und besonders zu gleich.
    Danke dafür <3

    • Kleinstadtcarrie 26. Oktober 2017 at 08:41

      Danke für den Kommentar Elena, – er ist wirklich so schön und ein tolles, außergewöhnliches Kompliment zu meinem Bericht. Und das zeigt mir, dass Du ihn wirklich aufmerksam und konzentriert gelesen hast. Klingt jetzt doof, – aber ist ja heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr. Danke jedenfalls <3

  • Reply Tanja 4. Oktober 2017 at 08:30

    Liebe Luise, ich liebe deine Reiseberichte so so gern, das sind mir die allerliebsten. Ich mag wie man sich dann vorstellt wie es dort ausgesehen haben muss. Ich hab keine Ahnung warum diese Art von Beiträge und auch die Vlogs von deinen Reisen wohl nicht die beliebtesten Beiträge bei deinen Lesern sind (vielleicht gibt es zu viele reisende Blogger, ich folge allerdings nur dir, die so viel reist) aber bitte hör nie auf mit diesen Filmen und Beiträgen, ICH LIEBE SIE!

    • Kleinstadtcarrie 4. Oktober 2017 at 10:28

      Tanja,

      oh wow! Vielen vielen Dank für dieses tolle Feedback 🙂

  • Reply Björn Weber 30. September 2017 at 20:18

    Hey Carrie,

    wirklich ein erstklassiger Reisebericht 🙂 Freut mich sehr, dass du deine Zeit in Honduras genossen hast. Sieht auf jeden Fall sehr abenteuerlich aus, das hat den Bericht sogar noch spannender als normalerweise gemacht. Ich lese immer gerne von dir 🙂 Freue mich auf mehr!

    Liebe Grüße und einen schönen Abend,
    Björn Weber

  • Reply Irina 29. September 2017 at 11:45

    Wirklich wirklich wunderschön! Ein tolles Video und ganz unglaublich schön, wie du es geschildert hast. Ich drück dir die Daumen für den nächsten Tauchgang! :*

  • Reply Mrs Unicorn 29. September 2017 at 03:16

    So ein schöner Beitrag. Vielen Dank für die Eindrücke.

    Liebe Grüße und noch eine tolle Woche.
    Celine von http://mrsunicorn.de

  • Reply Ellie 28. September 2017 at 21:42

    Wonderschöne Collage und wunderschöne Worte!<3
    http://www.blogellive.com

  • Reply Imke 28. September 2017 at 18:29

    Wow wirklich wow!!! Ich habe beim Lesen Gänsehaut und Tränen in den Augen bekommen. So ein Mega schöner Text, ich fühle mich als wäre ich dabei gewesen irgendwie… und du kannst stolz auf dich sein, richtig stolz! Danke von Herzen für diesen wunderbaren Bericht.
    Liebe Grüße

    • Kleinstadtcarrie 28. September 2017 at 20:53

      Danke Imke – für den schönen Kommentar 🙂