Ein neuer Teil von mir.

/28. August 2017/22 Kommentare

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Auf den Philippinen habe ich das erste Mal eine Schildkröte in freier Wildbahn gesehen – und meine Reiselust geweckt.
In  Abu Dhabi war ich das erste Mal in einer Moschee –  habe erfahren, was Ehrfurcht bedeutet.
In New York habe ich begriffen, wieso man die Stadt, als die, die niemals schläft, bezeichnet – und ich habe gelernt, dass ich alles schaffen kann. Auch allein.
In Guinea habe ich Landschaften gesehen, die ich zuvor nicht mal von Bildern kannte – und ich habe mein Herz gefunden.
In Thailand sah ich den schönsten Tempel, auch wenn es dafür über 1300 Stufen zu erklimmen galt – und habe gemerkt, dass es okay ist, sich Zeit zu nehmen.

In Vietnam bin ich von einer Klippe gesprungen und habe den Vietnamkrieg verstanden  – und erfahren, dass ich noch immer liebevoll sein kann und was „affection“ heißt.
In Guatemala habe ich die Maya Kultur kennengelernt – und begriffen, dass ich noch so viele Interessen mehr habe, als ich vorher annahm. 
In Belize bin ich mit Haien geschwommen und neben Seekühen im Ozean getaucht – und habe gelernt Vertrauen zu haben.
Und in Honduras bin ich unter einen Wasserfall gegangen – und konnte ein Mal mehr bewiesen, dass ich doch gar nicht so ängstlich bin, wie es mir manchmal erscheint. 

Der Himmel ist hellblau. Färbt sich langsam hellrosa. Rosa. Pfirsich. Irgendwann pink. Strahlen. Ein paar Wolken. Das Licht bricht sich. Wird dunkel. Lila. Pflaume. Dunkler. Blau. Und dann knallt dieser mächtige Feuerball auf den Horizont.
Und die Welt dreht sich und dreht sich und dreht sich. Als wäre nichts passiert.
Und in dem Moment, in dem die Sonne vollends verschwindet, schließe ich die Augen. Atme tief ein. Höre das Meer. Den Ozean. Den Wind. Vögel.
Und: Ich höre meinen Atem.
Ich bin Teil von all‘ dem.
Lebendig. Leben.
Erde.
Wunder.

Alles hat angefangen mit der Schildkröte. Die Schildkröte. Und am liebsten hätte ich ein Mal tief Luft geholt und wäre mit ihr in den Tiefen des Ozeans verschwunden.
Und dann das Fliegen. Und der Wasserfall. Dann kam der Regenbogen. Die Höhle und die Stille. Die unendliche Stille. Ruhe.
Und dann wieder: Sonnenuntergang.
Und dann wieder: Sonnenaufgang.
Geschichte und Geschichten. Lächeln und Lachen und ein gesenkter Kopf. Verschiedenheit, die so viel Unterschied macht und uns am Ende doch alle vereint. Sprachen und Hände und Berührungen. Tränen und Abschiedsschmerz. Entfernung und dann plötzlich: Nähe. Nähe zulassen. Aussteigen und ankommen und weiterziehen.
Und: durchatmen. Sonnenuntergang.
Und: Ich höre meinen Atem.
Ich bin Teil von all‘ dem.
Lebendig. Leben.
Erde.
Wunder.

Durchatmen. Kurz anhalten. Irgendwo.
Vertrauen.
Ein beeindruckendes Farbenspiel am Himmel. Wieder. Die Unendlichkeit des Ozeans. Dschungel. Berge. Licht. Wind.
Die Schönheit dieses Planetens.
Die Vollkommenheit dieses Planetens.
Das ist es, was mich bewegt. Was mich aufwühlt und ankommen lässt. Was mich begeistert und manchmal einschüchtert.
Am Ende aber –
Ich bin Teil von all‘ dem.
Lebendig. Leben.
Erde.
Wunder.

Ich. Und ihr. Wir.
Verschiedene Kulturen, Lebensweisheiten, Gesichter, Farben, Gesänge –
all’ die unterschiedlichen Menschen auf dieser Welt.
Wir sind eins.
Und wir geben und neben.
Ganz gleich wo auf der Welt ich bin, ich entdecke etwas Neues an mir.
Es fühlt sich manchmal an, als würde ich mich selbst zusammen suchen auf dieser Welt – und vor allem: finden. Also es ist kein Umherirren und verzweifeltes Suchen nach Etwas.
Es ist ein Finden.
Unverhofft. Immer wieder.
Und ohne etwas zu suchen, ohne etwas verloren zu haben – findet man einen Teil von sich.
In Deinen Augen. In der innigen Umarmung. In der Stille. In der überwundenen Angst. Dem viel zu schnell vergangenen Abenteuer. Ein streunender Hund. Affen. Und so viele fleißige Ameisen. Winkende Menschen am Wegesrand. Endlose Autofahrten, die gar kein Ziel brauchen.
Ich finde mich.

Erfinde mich.
Und ich: lebe.
Das ist großartig.
Jede Reise gibt mir etwas. Gibt mir ein Stück von mir. Rüttelt wach. Fügt hinzu. Erinnert. Überrascht. Fordert heraus.
Reisen bedeutet für mich – mich selbst zu entdecken. Mich selbst zu finden, ohne auf der Suche nach irgendwas oder irgendwem zu sein. Reisen bedeutet Freiheit. Und Liebe. Vertrauen. Und Abstand. Nähe und Zuflucht. Neues entdecken und Altes bewundern. Reisen heißt Menschen treffen, die ich vorher – ohne es überhaupt zu wissen – vermisst habe.
Und das ist es: Etwas entdecken, was man vorher scheinbar nicht vermisst hat. Weil man schlichtweg nicht wusste, dass da noch mehr ist.
Und jedes Mal, wenn es mir gut geht. Und Gewohnheit einkehrt, breche ich auf. Weil:
Ich weiß, dass ich etwas vermisse.
Und jemand auf dieser Welt oder etwas, ein Ort, eine Geschichte, ein Abenteuer – kann es mir geben.
Einen neuen Teil von mir.

Ich bin Teil von all‘ dem.
Lebendig. Leben.
Erde.
Wunder.

Luise Morgeneyer - Kleinstadtcarrie | Photo: Ben Gierig www.ben-gierig.de

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22 Kommentare

  • Reply Kim 1. September 2017 at 10:34

    Wahnsinnig schöner Text – wie immer. Du drückst genau das aus, was auch Reisen für mich bedeutet. Leider fehlt mir momentan noch das Geld und die Zeit dafür, aber irgendwann ist es hoffentlich soweit!
    Denn ich habe ständig das Gefühl, das mir etwas fehlt. Kann es aber nicht benennen, weil es irgendwo da draußen ist. Etwas, von dem ich noch nicht weiß, dass es überhaupt existiert.
    Wieder einmal die richtigen Worte getroffen, liebe Luise 🙂

  • Reply Anna 30. August 2017 at 13:46

    Der Text ist super schön geschrieben, da will ich doch am liebsten direkt meine Koffer packen!
    Ich bin auch schon gut rumgekommen und kann alles nur erwiedern!
    Mit jeder Reise lernt man so viel über sich selber und wächst an Herausforderungen 🙂

    hab noch einen schönen Tag.
    Liebe Grüße
    Anna

    • Kleinstadtcarrie 31. August 2017 at 22:09

      Dann: tu das! 🙂

    • Jule 1. September 2017 at 14:11

      Dankbarkeit zu empfinden ist für mich was unglaublich schönes. Heute hast du mal wieder dafür gesorgt! Immer wenn ich deine Texte erinnere ich mich daran was für ein tolles Leben ich leben kann. Vor allem die Chance Dank meiner tollen Eltern jetzt schon sehr viel gereist zu sein – danke dir! ❤

    • Kleinstadtcarrie 1. September 2017 at 21:05

      Liebe Jule,

      was für ein wunderschöner Kommentar <3 <3 <3 Ganz viel Liebe und Dankbarkeit(!) dafür 🙂

  • Reply Isabelle 29. August 2017 at 16:59

    Es ist so toll, wie du von deinen Reisen berichtest und wie sie dich bereichert haben. Da kommt in mir auch Reiselust auf. Und durch deine Worte kann man sich das so gut bildlich vorstellen! Wieder ein toller Text von dir!
    <3

    Liebste Grüße, Isabelle

  • Reply Holli 29. August 2017 at 14:43

    und kritische Kommentare magst du anscheinend auch nicht freischalten -.-

    • Kleinstadtcarrie 29. August 2017 at 18:28

      Ich schalte alle Kommentare frei 🙂

  • Reply Any 29. August 2017 at 14:12

    Liebste Luise, das ist wunderschön! Ich glaube auf Reisen erkennen wir am meisten, dass all das was wir fürchten, lieben, entdecken wollen und all das wo wir uns zuhause und zugleich fremd fühlen – dass all das in uns wohnt. Und jedes Mal wenn wir uns dem stellen müssen, wachsen wir in uns selbst.
    Wir erkennen dass wir doch alle gleich sind – auf der Suche. Auf der Suche danach zu erfahren, wer wir gerade sind und wer wir eigentlich sein wollen. Wir erkennen, dass wir eins sind.

    Liebst,
    Any

  • Reply Jeany 29. August 2017 at 08:06

    Dieses Wochenende war ich auch dort! Ich bin auf die Schrammsteine gestiegen und habe mir bei strahlendem Sonnenschein die Sächsische Schweiz von oben angesehen. Solche Momente zeigen, wie wunderschön unserer Erde ist, wie wundervoll.
    Ich hoffe, die Menschheit wacht irgendwann wirklich auf und fängt an auf dieses Wunder aufzupassen und nicht es weiter zu zerstören.
    Danke für den tollen Post!

    • Kleinstadtcarrie 31. August 2017 at 22:13

      Liebe Jeany,
      oh ja!
      Dazu wird es hier auch bald noch viel mehr geben 🙂

  • Reply Merle 28. August 2017 at 22:33

    Liebe Luise, was für ein wunderschöner Post – auf mehreren Levels. Ja, inzwischen empfinde ich es auch so, dass ich auf Reisen mich selbst finde – ich will noch so viel reisen, noch so viel kennenlernen und finden – nicht nur über mich selbst, nicht nur mich selbst, sondern auch Menschen, Orte, Gefühle, Kulturen und ganz viel Achtsamkeit und Dankbarkeit. Und gleichzeitig ist es so wunderbar, zu realisieren, dass man Teil ist – Teil dieses großen Ganzen.
    Danke für alles.
    Deine Merle

  • Reply Tini 28. August 2017 at 18:42

    Wahnsinnig toller Text! <3

  • Reply Vanessa 28. August 2017 at 18:41

    Wow, ich hatte eine richtige Gänsehaut beim Lesen!
    Gehe diesen Herbst einen Monat nach Vietnam & Kambodscha und exakt das, was du beschreibst, ist das, was ich mir davon erhoffe! <3

    • Kleinstadtcarrie 29. August 2017 at 18:29

      Wow, ganz viel Spaß und tolle Erfahrungen wünsche ich Dir <3

  • Reply Luu 28. August 2017 at 17:43

    Würde ich eins zu eins so für mich erklären, könnte ich aber nie so toll ausdrücken!
    Bravo, Luise 🙂

    PS: Fast am besten gefällt mir, dass die Bilder dazu keine tropischen Inseln zeigen, sondern nicht weit weg aufgenommen wurden. Auch auf den kleinsten Reisen kann man ein Stück Ich finden 🙂

  • Reply Rebecca 28. August 2017 at 17:41

    Liebe Luise,

    Was für ein toller Text! Du sprichst mir aus dem herzen und hast eine zauberhafte Art zu schreiben und Menschen aus der Seele zu sprechen, dass es berührt.
    Es ist faszinierend was man für tolle Menschen auf seinen Reisen entdeckt und immer wieder über sich hinauswächst, Dinge macht die man sich nie zugetraut hätte.

    Mach weiter so ❤️

    Liebe Grüße

  • Reply Holli 28. August 2017 at 16:24

    Der text ist mal wieder der Hammer, nur die Bilder sind langsam immer wieder die selben und du postest auch mega oft die gleichen Bilder…das ist langweilig 🙁

    • Kleinstadtcarrie 29. August 2017 at 18:29

      Hey Holli,

      die Bilder gab es auf dem Blog noch gar nicht zu sehen – sicherlich meinst Du Instagram. Wir arbeiten stets an neuen Shootings 🙂

      Liebe Grüße
      Luise