Zwei Beine

/12. Juni 2017/34 Kommentare

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Ein Hocker ist dann stabil, wenn er drei Beine hat. Ausgeglichen. Dann kann das funktionieren. Ich habe das irgendwann mal irgendwo aufgeschnappt. Ich weiß nicht mehr, wer das in welchem Zusammenhang gesagt hat. Wie eine blasse Erinnerung. Wie etwas, das man als Kind mal mitgehört hat. Wenn sich die Erwachsenen unterhalten haben. Das machte irgendwie alles keinen Sinn und wurde schnell ziemlich langweilig – aber irgendwie konnte man nicht weghören. Besonders dann, wenn die Erwachsenen ihre Stimme leicht senkten. Das klang dann immer unheimlich wichtig. Und bedeutsam.
Jedenfalls: ich weiß nicht, wie alt ich gewesen bin, als ich das aufgeschnappt habe. Vielleicht war das auch in der Schule. In einer der Unterrichtsstunden, in denen ich müde meinen Kopf auf die Hände stützte und mit Gedanken eigentlich ganz wo anders gewesen bin.
Wie auch immer.
Irgendwer hat das gesagt.
Ein Hocker. Drei Beine. Stabilität.
Und manchmal fühlt sich das so an, als hätten noch einige andere das irgendwo aufgeschnappt. Nein, eingebläut bekommen. Gar gelernt und verinnerlicht.

Denn manchmal, wenn ich Anderen hier auf diesem Weg begegne, schauen die mich ganz schief an. Als würde irgendwas fehlen. Und dann schaue ich an mir herunter. Und da ist alles da: zwei Füße, zwei Beine und sogar meinen Rucksack, Proviant und ein Kopf voller Ideen. Ein Herz schlägt in meiner Brust, hat seinen eigenen Takt. Und in ihm mein Kompass. Ich habe Rettungsseile dabei und weiß, dass – wenn die Mal reißen – genug Andere hier den richtigen Weg suchen und mir wieder hoch helfen. Ich habe eine Landkarte dabei, meine Routen sind eingezeichnet. Und die Schrittfolge im Pflanzenbestimmungsbuch passt irgendwie auch auf Menschen.
Vielleicht haben sie die Schuhe nicht gesehen, denke ich, und wundern sich über die nackten Füße, – aber Schuhe habe ich dabei. Hängen hier über meiner Schulter. Brauch nur manchmal festen Boden unter den Füßen, Kontakt zum Ursprung, ein paar Zentimeter weniger. Ich habe eine Flasche Wasser im Rucksack und ein Fotoalbum voll mit Erinnerungen im Gedächtnis. Da ist ganz viel Neugierde in meiner Hosentasche und Träume, die über mir schweben. Deswegen springe ich manchmal so lustig nach oben – für andere missverständlich, sie können das da über mir ja nicht sehen. Glaube ich. Vielleicht schauen sie mich deswegen so verwundert an.
„Dir fehlt was!“, murmeln sie, „dein drittes Bein!“ Fast genervt. Als wäre das klar. Als wäre das selbstverständlich. Als hätte jeder andere Mensch auf der Welt ein drittes Bein.
Ich habe doch zwei, möchte ich antworten. Ich habe doch zwei Beine. Und zwei Augen, die so viel Wunderbares sehen und zwei Hände, die gar nicht alles greifen können, was hier passiert. Und wenn es doch mal wackelig wird, dann breite ich meine Arme aus und gehe ein bisschen langsamer. Ich habe alles dabei. Auch für den Notfall. Und was ich sonst noch brauche, finde ich hier. Das, was mich heilen kann, finde ich irgendwo hier. Das kann man nicht einpacken, nicht festhalten.
„Du bist doch verrückt“, sagen sie – und stützen sich aufeinander auf. Halten sich, klammern sich fest. Jeweils ein Bein an den anderen gebunden. Zusammengeschnürt. „Ein Hocker ist dann stabil, wenn er drei Beine hat. Wir haben zusammen drei Beine – sieh es Dir an!“, und dann sie humpeln davon. Auf drei Beinen.

Bis zu diesem Moment hatte ich überlegt, was ich vergessen haben könnte. Bin alles durchgegangen. Habe meine Taschen durchsucht.
Jetzt: schaue ich wieder auf, lächle die anderen Wanderer an und laufe weiter.
Vielleicht hätte ich damals besser zuhören sollen. Verinnerlichen. Wo auch immer ich das aufgeschnappt habe.
Vielleicht.
Vielleicht ist es aber auch okay, auf zwei eigenen Beinen zu stehen. Stabil.
Denn: ich habe alles dabei.
Nein, es fehlt hier nichts.
Ich bin nicht unvollständig.
Ich bin abgesichert.

Ich laufe, ich renne, ich stehe nicht. Ein Hocker braucht drei Beine.
Nicht stehen. Nicht humpeln. Sondern laufen. Leben. Zwei Beine.

Und vielleicht ist das egoistisch, aber manchmal wird der Pfad so schmal, dass da nur einer hinpasst. Vielleicht wird er zu zweit automatisch breiter, und sicherlich kann man in zwei Rucksäcken viel mehr Proviant transportieren.
Aber jetzt laufe ich hier allein. Gehe meinen Weg. Und wenn ich eine Rast mache, dann höre ich mir selbst zu und die Berge geben mir ein Echo. Und vielleicht ist es wirr mit sich selbst zu sprechen. Aber das ist mein Echo. Und plötzlich sieht man Dinge klarer. Und es hallt nach. Und man lernt. Von sich selbst. Und seiner Umgebung. Und man selbst verändert sich mit der Umgebung.
Und dann läuft man weiter. Und trifft einander. Und geht ein Stück gemeinsam. Ein vierblättriges Kleeblatt am Wegesrand. Eine Weggabelung. Und vielleicht sind wir danach immer noch zu zweit. Oder mehr. Oder vielleicht auch wieder allein.
Denn das hier ist mein Rettungsseil. Und du hast Dein eigenes. Und damit binden wir uns nicht aneinander. Denn manchmal wird der Weg zu schmal. Weggabelung. Und dann will ich nicht stehen bleiben müssen. Kein Hocker.
Denn: ich bin vollständig. Ich bin stabil. Ich kann auf zwei Beinen stehen. Und noch besser: laufen.

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Verrückte, unternehmungslustige Menschen, mit denen man gerne den Weg zusammen geht und das Ganze auch noch festhält? Mag ich! Also sind Emina, Martin, Ben und ich aufgebrochen und sind durch die Sächsische Schweiz spaziert. Was für ein wunderschöner Start in den Tag. Das war das erste Mal, dass ich gleichzeitig vor zwei Kameras von zwei verschiedenen Fotografen stand. So interessant, wie unterschiedlich die Ergebnisse geworden sind. Heute seht ihr die Bilder von Martin, im morgigen Post (mit Tipps zum allein (glücklich) sein und allein reisen) seht ihr dann die Fotos von Ben. Ich hoffe, dass sie Euch – egal von wem – gefallen!?

Schuhe – Converse (hier)
Hose – Uniqulo (ähnliche hier oder hier)
Top – Forever21 (hier)
Rucksack – Zacamo (ähnlicher hier oder hier)
Uhr – Daniel Wellington (hier

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34 Kommentare

  • Reply Lisa 27. Juni 2017 at 00:03

    Tolles Outfit
    Trägst du die converse barfuß?

    • Kleinstadtcarrie 27. Juni 2017 at 09:11

      Liebe Lisa,

      nein, ich trage immer die Sneaker-Socken von H&M 🙂

  • Reply Leni Bo 25. Juni 2017 at 15:40

    Hey Luise, danke für diese immer sehr inspirierenden Tetxte, die mich hin und wieder wirklich sehr zum Nachdenken anregen und auch selbst zu, Schreiben verführen. Liebe Grüße,
    Leni 🙂

  • Reply Anne 19. Juni 2017 at 13:36

    Liebe Luise,
    zu wissen, dass man selbst genug ist, um glücklich durchs Leben zu gehen- bedarf unendlich vieler Erfahrungen. Es zu fühlen – unglaublich viel Stärke. Ich glaube du fühlst es. Jedenfalls fühle ich die Stärke und Überzeugung in deinem Text. Tausend Dank dafür!
    Anne

  • Reply Anni 18. Juni 2017 at 16:30

    Liebe Luise,

    das ist ein ganz toller Text! Ich bin froh jemanden gefunden zu haben mit dem ich zusammen vier Beine sein kann, statt nur drei und das schöne daran ist, dass man auch mal in verschiedene Richtungen laufen kann – jeder über seinen eigenen Weg, jeder auf seinen eigenen zwei Beinen – und sich dann trotzdem wieder trifft.

    • Kleinstadtcarrie 18. Juni 2017 at 23:21

      Anni, das klingt traumhaft <3 Alles Gute für Euch 🙂

  • Reply Lena 16. Juni 2017 at 14:37

    Liebe Luise,
    der Text ist so wunderbar, deine Worte verzaubern mich wieder einmal. Ich lese deine Texte so unheimlich gerne und ich glaube, dieser gehört nun zu einem meiner liebsten!
    Ich bin auch immer wieder fasziniert darüber, wie du deine kleinen Lebensweisheiten so toll verpacken kannst, dass sie einen wirklich zum Nachdenken anregen. Ganz toll! ♥

    Liebste Grüße

  • Reply Sula 13. Juni 2017 at 16:48

    was für ein wunderschöner text – danke!!!
    ich liebe deine texte und die gedanken darin einfach!
    du inspirierst mich jedes mal wieder, mein traum zu leben, mich selbst zu sein! vielen lieben dank dafür & weiter so!
    ach&ich liebe deinen style auf diesem foto – könnte ich sein..:)
    liebste grüsse <3

    • Kleinstadtcarrie 14. Juni 2017 at 08:40

      Liebe Sula,

      danke für Deinen Kommentar 🙂
      Ich mag‘ diese neue Richtung auch sehr gern, bisschen weniger girly, bisschen weniger rosa – aber trotzdem irgendwie verträumt, aber dabei lässig 🙂

      Liebe Grüße
      Luise

  • Reply Tabea 13. Juni 2017 at 12:17

    Der Text ist einfach… toll! Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken kann. Er macht sehr nachdenklich. Und ja, ich musste ihn noch einmal lesen. So wahr! Manchmal gibt es jemanden, der eine Zeit lang mit einem läuft, aber generell geht man seinen Weg allein..
    Die Bilder sind übrigens auch sehr schön.

    Ganz liebe Grüße,

    Tabea
    http://tabsstyle.com

  • Reply Charli 13. Juni 2017 at 10:24

    Liebe Luise,
    ich habe es zwar gestern schon geschrieben, aber du wirst immer besser. Klingt irgendwie altklug, wenn ich das als 15Jährige so schreibe, aber du verstehst sicher, wie ich es meine. 🙂
    Deinen wunderschönen Text beziehe ich für mich auf das Erwachsenwerden, mein „drittes Bein“ sind irgendwie noch meine Eltern und ich fange langsam an allein zu stehen. Habe in diesem Jahr die ersten Reisen ohne sie gemacht und merke, dass all das, wovor ich früher große Angst hatte, mich nur weiterbringt. Du hast dieses Gefühl mit deinen schönen Worten so genau getroffen, dass ich das vielleicht mal anbringen werde, wenn Mami und Papi wieder Bedenken haben. Ich glaube ja, dass es für sie genau so schwierig ist, nicht mehr ständig das „dritte Bein“ sein zu können. 😉
    Liebe Grüße
    Charli

    • Kleinstadtcarrie 14. Juni 2017 at 08:47

      Liebe Charli,

      mit Deinem letzten Satz hast Du durchaus recht. Für Eltern ist es oft sehr schwer los zu lassen.
      Gebt Euch Zeit 🙂

      Aber es ist für mich wirklich das Schönste, wenn Ihr meine Texte auf Euch bezieht und interpretiert. Danke dafür <3

  • Reply Elisabeth-Amalie 13. Juni 2017 at 09:39

    Also zum einen finde ich den Text aber auch deinen Schreibstil ganz wunderbar. Andererseits sind deine Bilder wundervoll.

    Liebst Elisabeth-Amalie von Im Blick zurück entstehen die Dinge

    • Kleinstadtcarrie 13. Juni 2017 at 09:41

      Danke 🙂
      Und für die Bilder gebe ich die Komplimente weiter an den Fotografen <3

  • Reply Dany 13. Juni 2017 at 09:12

    Liebe Luise, dieser Text hat mich Sprachlos gemacht. Ich musste erst einmal darüber schlafen und meine Gedanken schweifen lassen. Du hast so Recht. Ich habe gelernt, selbst wenn man einen festen Partner an der Seite hat, muss und will ich trotzdem allein stehen können. Denn als er einmal gegangen ist, hat es mir nicht nur das Herz gebrochen. ich konnte nur noch humpeln. Habe mir versucht Krücken zu bauen. Es war hart, aber ich habe es geschafft und ich bin damals wieder aufgestanden und habe eine wichtige Lektion gelernt. Wie schön es zwar sein kann zusätzlichen Halt zu haben, aber das man sich auf seine Beine verlassen sollte, denn die tragen uns unser ganzes Leben lang zu all den schönen Orten dieser Welt.

    DANKE <3
    Dany

    http://www.danyalacarte.de/

    • Kleinstadtcarrie 13. Juni 2017 at 09:17

      Dany,
      es ist so schön, wenn ihr meine Metaphern weiterspinnt.
      Danke! Und ich wünsche Dir alles Gute 🙂

  • Reply Iris 13. Juni 2017 at 08:54

    Es ist einfach so wundervoll wie du deine Gedanken ausdrückst!

  • Reply Elena 13. Juni 2017 at 00:00

    Einer dieser Texte, die ich mir ausdrucken oder abschreiben und ins Tagebuch kleben möchte. Weil auch ich nichts vergessen habe. Und mich immer wieder selbst damit überrasche, wie stabile diese beiden Beine sind, auch wenn’s so bergauf geht. Danke fürs Gedanken in Worte fassen. Danke fürs Andersein Luise, fürs nahbar werden. Danke fürs starke Frau sein. Auch ohne drittes Bein 😉

    • Kleinstadtcarrie 13. Juni 2017 at 07:51

      Danke Elena,
      ein wunderschöner Kommentar! und jetzt: Bergauf! 🙂

  • Reply Merle 12. Juni 2017 at 22:57

    Ach, liebe Luise, wie schön! Ich habe gerade dieses Jahr so richtig für mich entdeckt, wie schön es sein kann, auch mal allein zu sein – und auch allein zu reisen. Noch nichts großes, aber immerhin! Und diese Unabhängigkeit gibt mir so viel Kraft und Energie und Inspiration – es ist einfach wunderbar!

    • Kleinstadtcarrie 13. Juni 2017 at 07:52

      Das alles ist etwas Großes 🙂 <3
      Alles Liebe Für Dich, Merle!

  • Reply Nadine Rack 12. Juni 2017 at 22:51

    Ein wahnsinnig toller Post! Ich liebe es wie du deine Gedanken in Worte fasst<3
    Liebste Grüße, Nadine

    https://www.naraloves.de

  • Reply Lissy 12. Juni 2017 at 22:39

    Mal wieder ein sehr gelungener Text und großartige Fotos. Auf dass dir die vierblättrigen Kleeblätter am Wegrad weiterhin so viel Glück und Freude bringen, wie es in dem Blogpost scheint 🙂

  • Reply Paula 12. Juni 2017 at 22:35

    Liebe Luise,
    Wow der Text war so toll geschrieben, mal ein ganz anderer Schreibstil.
    Man kann so viel in deinen Texten entdecken, auch nach dem 5. durchlesen gibt es noch neue Sachen die einem auffallen und dann wie Puzzleteile zusammenpassen.
    Liebe Grüße
    Paula

    • Kleinstadtcarrie 13. Juni 2017 at 07:52

      Paula,

      DANKE! Für’s mehrmals Lesen. Für’s Zeit nehmen! Das bedeutet mir die Welt, wenn sich jemand so intensiv hiermit beschäftigt <3

  • Reply Franzi 12. Juni 2017 at 21:40

    Hallo liebe Luise,
    Ich muss mich einmal bei dir bedanken. Du sprichst das aus, was ich fühle, und niemals hätte ausdrücken können. Du bist unsagbar talentiert! Mach bitte immer weiter mit dem was du so toll kannst- und Vorallem liebst!

  • Reply Hanna 12. Juni 2017 at 18:48

    Liebe Luise, ich liebe deinen Blog! Du hast immer so tolle Gedanken, die du immer sehr schön aufschreibst. Es regt einfach zum denken an.. Und deine Bilder sind einfach immer fantastisch!

  • Reply Stephie 12. Juni 2017 at 17:50

    Grandiose Idee das Thema anzugehen!

  • Reply Luu 12. Juni 2017 at 17:08

    Wow – du hast dich mal wieder übertroffen, liebe Luise! Ein wahnsinnig schöner Text, der mich tief berührt hat. Bravo 🙂