Selbstverwirklichung

/17. April 2017/34 Kommentare

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2 Wochen. Und weit und breit kein Spiegel.
Ich habe vor ein paar Jahren mal in einem dieser typischen Frauenmagazine von einem solchen Experiment gelesen. Damals: unvorstellbar. Ich war 14 und es gab nichts Wichtigeres als den dunklen Kajal auf meiner Wasserlinie. Das ist okay. Aber heute: sehe ich das anders.

Als wir in Telimélé in unserer Unterkunft ankamen, ist es mir erst gar nicht aufgefallen – viel Zeit verbringt man hier nicht im Badezimmer, aber: es gibt keine Spiegel.
Und hingegen der Annahme der Autorin des Magazins, die die zwei Wochen als nicht zu bewältigen bezeichnete und stets mit Zahnpasta in den Mundwinkeln im Büro erschien, sage ich: es ist beruhigend, erdend und man begreift, dass man nicht der Mittelpunkt der Welt ist.

Jeder ist sich selbst am wichtigsten, das wollen wir uns all’ zu oft nicht eingestehen, aber so ist es. Wir wollen auffallen. Aufsteigen. Wir wollen uns selbst verwirklichen.
Was nicht funktionieren wird.
Denn wir sind bereits wirklich. Man kann etwas nicht wirklicher machen. Vielleicht ist es das, was unsere Generation an dem Vorhaben dahinter scheitern lässt: die missverständliche Bezeichnung. Vielleicht liegt es aber auch daran: dass das nicht das Ziel eines Lebens sein sollte. Denn ein Leben ist endlich. Und damit auch alles, was wir für uns selbst tun: vergänglich.

Kein Spiegel.
Das bedeutet: man beschäftigt sich weniger mit seinem Aussehen. Klar. Aber Make-Up braucht man bei 40°C ohnehin nicht auftragen und auf der Baustelle ist ein Pferdeschwanz die einzig mögliche Frisur. Es ist also von vornherein klar, dass man nicht ständig in den Spiegel schaut. Aber es passiert noch mehr. Es passiert noch mehr als nur dass man die tägliche Schminkroutine ausfallen lässt.

Wenn man etwas tut, dass nicht dem eigenen Wohl dient, dann – passiert etwas ganz Wunderbares: man vergisst sich gelegentlich selbst. Die eigenen Probleme, Sorgen und Nöte. Die schiefe Nase und den bleichen Teint. Das spielt keine Rolle. Darauf kommt es nicht an. Man vergisst, dass da wahrscheinlich eine Lücke im Lebenslauf auf einen zukommen könnte und was denn die Großeltern dazu sagen werden. Dass er mich noch immer nich zurück gerufen hat und dass sie schon viel mehr Stempel im Reisepass, mehr Likes auf ihr neustes Bild bekommen hat – das alles existiert plötzlich nicht mehr. Das liegt sicherlich auch an der Entfernung. Daran, dass es so vieles zu tun gibt.
Aber vor allem daran: dass ich mich selbst ein bisschen verlier’. Vergesse. Weil es so viel mehr Sinn macht, anzupacken, nachzudenken, mitzuhelfen, statt sein Spiegelbild anzuflirten und mit dämlichen Snapchatfiltern auf dem überschminkten Gesicht über Belanglosigkeiten zu sprechen –

Ich selbst? Spiele keine Rolle. Habe mich schon seit ein paar Tagen nicht mehr selbst gesehen.
Es spielt eine Rolle. Es spielt eine Rolle, dass wir hier fertig werden. Dass wir uns einen Plan machen. Dass wir helfen. Es spielt eine Rolle, dass wir helfen.
Du ist viel wichtiger als Ich.
Miteinander. Endlich wirklich miteinander. Weil man allein keine Rolle mehr spielt.
Weil es so viel schöner ist, wenn sich das eigene Lächeln im Strahlen der Augen des Gegenüber spiegelt.
Und wir sind glücklich. Denn nur wenn man sich selbst, seine Eitelkeit und belanglose Gedanken verliert, bleibt das Herz am richtigen Fleck. Oder rückt endlich dort hin. 

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34 Kommentare

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  • Reply Katta 30. April 2017 at 18:22

    Puh! So ganz ohne Spiegel stelle ich mir schon seltsam vor. Nicht, dass ich stundenlang vor dem Spiegel stehe. Sondern vielmehr, weil es zu den Dingen gehört, die für uns selbstverständlich sind, aber denen nicht unbedingt viel Bedeutung zugeschrieben wird. Ich glaube jeder sollte auch mal für sich wagen, seine Äußerlichkeiten darauf zu reduzieren, nicht perfekt auszusehen, sondern sich perfekt zu fühlen!

    Allerliebste Grüße,
    HOLYKATTA || INSTAGRAM

  • Reply Nina 22. April 2017 at 11:24

    Das ist das allerschönste Bild von dir! So echt, so natürlich,

  • Reply Nicola 20. April 2017 at 19:44

    Was ein wundervoller Post! Da können viele Menschen etwas lernen. Miteinander leben geht wirklichimmer mehr und mehr verloren.

    xx Nicki
    http://www.morningelegance.de

  • Reply Sofie 20. April 2017 at 13:30

    Stimmt absolut! Heißt es auch dass wir dich in Zukunft mal öfter ungeschminkt sehen werden und du dem was du sagst, auch getreu handelst ? ;) ’cause: NO MAKE UP NO DRAMA?

    Es ist so schade, dass “ohne Makeup”-Posts immer noch als etwas so besonderes gesehen werden, denn ich sehe selbst eigtl sehr viele Mädels täglich ohne Makeup auf der Straße und sie sind dennoch bzw gerade deswegen wunderschön!

    • Kleinstadtcarrie 21. April 2017 at 08:57

      Hey Sofie,

      darum geht es grundsätzlich doch nicht :) Ich schminke mich nach wie vor, wenn ich Lust darauf habe. Eines der vielen Privilegien. Aktuell reise ich durch Asien, habe nicht viel MakeUp dabei…aber letzten Endes geht es doch (und auch hier in diesem Beitrag) um Einstellung, um den eigenen Geist und gemeinschaftliches Leben :)

  • Reply Christina 19. April 2017 at 22:00

    Ich habe mir gerade deinen ersten Post durchgelesen und ich finde es einfach mega krass, wie weit du schon gekommen bist. Dein letzter Satz bei diesem Post war, dass du gespannt bist, ob überhaupt jemand deinen Blog lesen wird…. und jetzt schau, was aus dem Ganzen hier geworden ist! Ich kenne deinen Blog schon seit einigen Jahren, bin aber erst heute wieder zufällig darauf gestoßen und ich muss sagen, ich bin immer noch der gleichen Meinung wie damals: Du bist einfach total inspirierend! Ganz viel Respekt an dich Luise!

    Liebe Grüße
    Christina

  • Reply Alina 19. April 2017 at 09:50

    Hey,
    ich finde es super, dass du hier so ehrlich und “tiefsinnig” schreibst und du hast so Recht! Ich beschäftige mich auf meinem Blog mit ganz ähnlichen Themen. Viel zu oft machen wir uns Stress wegen unwichtigen Dingen und nehmen uns selbst viel zu wichtig. Toll, dass du anderen Blick auf die Dinge gewinnen konntest.

    Liebste Grüße,
    Alina von http://www.selfboost.de

  • Reply Tanja 19. April 2017 at 07:12

    Liebe Luise,
    auf der Homepage von Misside Guinea habe ich gelesen, dass der Veranstalter des Projekts öfter im Jahr mit einer Gruppe nach Guinea fliegt um an dem Projekt weiter zu arbeiten. Ist es denn möglich da mit zu fliegen und helfen, auch wenn man keine Reichweite hat um das Projekt bekannter zu machen? Ich habe keinen Blog, ich bin ein Otto Normalverbraucher und würde trotzdem gerne helfen, körperlich, vor Ort :)
    Vielen Dank schon mal und Liebe Grüße aus Bayern
    Tanja

    • Kleinstadtcarrie 19. April 2017 at 07:35

      Hey Tanja,

      ja das kann man tatsächlich :)
      Allerdings ist das zumeist Vereinsmitgliedern und langjährigen Spendern vorbehalten! Am meisten hilfst Du dem Verein aktuell mit Spenden :)

  • Reply Elena 18. April 2017 at 23:35

    Toller Post!

  • Reply Anja 18. April 2017 at 22:53

    Ganz wunderbar geschrieben, Luise! Das trifft gerade absolut meine Stimmung und passt zu den Gedanken, denen ich nachhänge.

  • Reply Hannah 18. April 2017 at 12:04

    Wunderschön geschriebener und rührender Post.

    Alles Liebe,
    Hannah

  • Reply Carolin 18. April 2017 at 11:04

    Sehr schön meine Liebe!! Du hast so Recht, auch wenn ich glaube, dass ich das Haus wohl nie ohne Mascara verlassen werde, aber ich weiß genau was du meinst!! Ein wunderschöner Vergleich den du da beschreibst!!

  • Reply Christine 18. April 2017 at 09:30

    Stimmt, man sieht sich selbst so oft, eigentlich seltsam ;)

    LG Christine

  • Reply Daniel 18. April 2017 at 09:26

    So true Luise !
    Toll, dass du deine Gedanken hier noch einmal so niederschreibst und hoffentlich ein Vorbild für viele junge Frauen bist.
    Für mehr Menschlichkeit…miteinander….fürs helfen, weniger egoistisch sein und weniger Oberflächlichkeit. Für mehr “echtes” Leben als hinter den Bildschirmen hocken und nach Likes von Personen gieren welche man nicht kennt. Für mehr Nähe und einander zuhören. Das ist das was unsere Generation jetzt braucht und in den letzten Jahren verlernte.

    • Kleinstadtcarrie 18. April 2017 at 16:43

      YES!! :)
      Und danke für den ganzen Input!!

  • Reply Philipp 18. April 2017 at 07:17

    “Denn wir sind bereits wirklich. Man kann etwas nicht wirklicher machen.”
    Love it!

  • Reply Vicky 17. April 2017 at 23:11

    Selten hat mich ein Text so zum Nachdenken angeregt wie eben deiner. Du hast soo recht damit, dass Oberflächlichkeiten eine viel zu große Rolle spielen! Ich bewundere dich sehr für den Mut, dieses “Experiment” zu wagen und möchte dir an dieser Stelle für all deine bewegenden Texte danken. Dein Blog ist so außergewöhnlich, weil es einmal nicht nur um die neuesten Beauty- und Modetrends geht. Ich wünsche dir noch eine wunderbare Reise in Asien und alles Liebe!

  • Reply Urte 17. April 2017 at 22:01

    Schön, dass Du das Herz am richtigen Fleck hast. Danke.

  • Reply Hannah 17. April 2017 at 20:56

    Oh Luise! So ein toller Text! Du triffst es mal wieder auf den Punkt! Liebe Grüße

  • Reply Rebecca 17. April 2017 at 20:32

    Wow, dein Text ist wirklich sehr schön geschrieben! Und die Bilder dazu sind wirklich bewegend. Finde es toll, dass du dich auf das Projekt eingelassen hast, das war sicherlich eine unbeschreibliche Erfahrung für dich!
    Liebste Grüße,
    Rebecca von http://becciqueeen.blogspot.de

  • Reply Marmormaedchen 17. April 2017 at 20:19

    Hallo Luise
    Ein ganz wunderbarer Text. “Man kann etwas nicht wirklicher machen.” Diese eine Zeile. Danke dafür.
    LG Jasi
    http://www.marmormaedchen.ch

  • Reply Luisa 17. April 2017 at 19:17

    Wie schön ist dieser Eintrag bitte???
    Ich muss zugeben, dass ich mich beim Lesen gelegentlich selbst ertappt habe, genau diese Dinge auch zu tun… mich zu fragen, warum ich nicht so perfekt aussehe wie sie, warum ich immer weniger Likes bekomme obwohl ich doch so schöne Bilder mache und warum bei mir selbst das beste Make up versagt.. all diese belanglosen Dinge.
    Warum sind wir so unglaublich oberflächlich?
    Ich finde diesen Eintrag einfach toll, weil er ehrlich ist und vor Augen führt, wie pervers diese Welt doch manchmal ist, bzw. die Menschen die in ihr leben. Schön, dass du in diesen 2 Wochen erfahren konntest, dass es auch anders geht <3

  • Reply Jojo 17. April 2017 at 18:56

    Liebe Luise, du sprichst so wahre Worte und ich würde nichts lieber tun, als dir nacheifern und es selbst erleben!
    Ein toller Beitrag, der so eine tiefgreifende Botschaft hat. Danke dafür.

    Liebe Grüße,

    Jojo
    http:/www.jolimanoli.com

  • Reply Kim 17. April 2017 at 18:32

    Wunderschöne Worte!
    Ich wundere mich oft über so vieles was auf dieser Welt passiert. Welche Dinge für Menschen wichtig sind und wie so manches dabei verloren geht oder ohne Beachtung bleibt..
    Manchmal fühlt es sich so an, als würde über der ganzen Welt ein einziger Filter liegen, als wäre so vieles unecht und vor allem auch so sinnlos. Muss ich jeden Tag ein Selfie von mir machen? Muss ich mich halbnackt bei Instagram präsentieren, um möglichst viele Follower zu bekommen und Beachtung von fremden Menschen zu kriegen?Muss ich jedem zeigen, wie ich mich schminke und was mein “Ootd” ist? Alles dreht sich um Perfektionismus und wie ich in dieser Welt funktionieren muss, um akzeptiert zu werden. Und dazu gehören anscheinend mittlerweile viele Likes, fake lashes, Beautyfilter usw.
    Eigentlich möchte ich das alles nicht so schlecht reden, weil jeder das tun soll, was ihm gefällt und was er für wichtig hält. Aber manchmal langweilt mich das alles so sehr.
    Und dann gibt es zum Glück so Menschen wie dich, die für sich herausfinden, was zählt und das es so viel wichtigeres gibt als das eigene Spiegelbild!

  • Reply Julia 17. April 2017 at 17:52

    Ein wunderschöner und absolut echt wirkender Text. Es ist schön so etwas bei all den Belanglosigkeiten die die sozialen Netzwerke sonst so bieten (spontan denk ich da an Coachella:) ) zu lesen. Vielen vielen Dank dafür.
    Mach so weiter;)

  • Reply Dany 17. April 2017 at 16:14

    Ja, es stimmt. Auch ich bin viel zu oft mit meinem Aussehen beschäftigt schaue zu oft in den Spiegel. Ich denke immernoch das es mir hilft selbstbewusster zu sein wenn ich mir meine Maske aufsetzte. Wenn ich das nicht tue fühle ich mich unwohl, nackt. Angreifbar. Ich vermisse manchmal dieses Gefühl zusammen anstatt allein. Ein kleiner Teil vom Ganzen zu sein. Ich glaube so eine Erfahrung wie du dort gemacht hast in Guinea sollte jeder einmal machen.

    Liebe Grüße Dany

    http://www.danyalacarte.de

  • Reply Jennifer 17. April 2017 at 14:44

    Ein wirklich sehr schöner und gelungener Text, der einen zum Nachdenken anregt. So Gedankengänge sollte man öfters mal hören, anstatt immer nur die ganzen “perfekten” Menschen auf Instagram zu sehen.
    Liebe Grüße

  • Reply Susi 17. April 2017 at 14:11

    Deine Texte sind so wahnsinnig berührend!
    Ich finde es toll, wie du es scheinbar mühelos meisterst über verschiedene Themenwelten zu schreiben.

  • Reply Seline 17. April 2017 at 14:09

    So ein schöner Post! Die Fotos sind wunderschön und deine Worte wirklich bewegend. Du sprichst mir irgendwie aus dem Herzen. Und triffst mich wie immer eigentlich ganz tief.

    xx Seline
    SEL’S CLOSET