Ich habe Fieber – Guinea Tagebuch #3

/24. März 2017/6 Kommentare

15. Februar 2017

Ich schlage die Augen auf. Anna, meine Zimmermitbewohnerin hier in Guinea, stellt mir eine Flasche Wasser und etwas Brot neben’s Bett. „Schlaf weiter!“, flüstert sie.

Immer wieder wache ich kurz auf. Nehme die Medizin ein, die Antje mir schon am Vorabend gegeben hatte. Und schlafe augenblicklich wieder ein.
Ich schwitze. Der Muezzin ruft. Und von Mal zu Mal wird es lauter, – so kommt es mir vor.
Ich schaue aus dem Fenster.
Es wird bereits wieder dunkel.
Ich zwinge mich eine halbe Flasche Wasser zu trinken.
Schlafe wieder ein.

Es ist 21:30 Uhr als ich das nachte Mal die Augen aufschlage.
Mein Nacken ist nassgeschwitzt.
Migräne.
Ich kneife die Augen zusammen.

Zum Abendessen gibt es für mich ein paar Erbsen.
Und ich falle wieder erschöpft in’s Bett. Frage mich besorgt, ob es sich um Malaria handeln könnte. Und schlafe ein.

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16. Februar 2017

Als ich aufwache ist es 14 Uhr.
Wie kann ein Mensch so viel schlafen?
Ich setze mich auf den Balkon.
Erschöpft.
Und wütend und traurig zugleich – ich will mit den anderen auf der Baustelle sein. Helfen. Die Zeit, die wenige Zeit, die wir haben, ausgiebig nutzen.
Aber: mir tut alles weh. Mir ist unfassbar heiß.
Ich kann nichts tun. Lege mich wieder hin.

Später esse ich mit den anderen zu Abend.
Es tut gut ihre motivierten Gesichter zu sehen und den Geschichten zu lauschen.
11 Menschen, die sich vorher noch nie gesehen haben – und wir reden über das, was uns im Innersten bewegt. Über Ungerechtigkeiten. Über Reisen. Erfahrungen. Über die Liebe.
Und über uns unzählige Sterne.

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17. Februar 2017

Als Anna das Zimmer verlässt, schlage auch ich die Augen auf.
Ich habe Rückenschmerzen – tue ja auch seit Tagen nichts außer liegen.
Die Matratzen sind so alt, dass sich an der Stelle, an der ich schlafe, eine tiefe Kuhle gebildet hat.
Ich stehe auf.
Und muss mich nicht direkt wieder hinsetzen.
„Das Gröbste überstanden“, denke ich und setze mich mit dem Laptop wieder in’s Bett.

Wie merkwürdig – ein paar Klicks und schon wieder in einer anderen Welt. Gebannt starre ich für eine Stunde auf das Display meines Laptops. Deadlines. Instagram. Klicks.
Ich klappe mein MacBook zu. Und bin wieder hier. Augenblicklich.

Ich genehmige mir eine Dusche.
Gar nicht so einfach das Shampoo aus den Haaren zu waschen, wenn kaum Wasser aus dem Hahn kommt und neben mir an den Fliesen eine riesige Spinne klebt. In der Badezimmerdecke klafft ein riesiges Loch. Ich putze mir die Zähne. Mit dem Wasser aus Flaschen.
Ich ziehe mir ein luftiges Kleid an, kämme die nassen Haare durch und fühle mich endlich wieder wie ein Mensch. Und atme auf.

Ich vermisse die Sonne. Die Menschen. Ich vermisse die aufgedrehten Kinder. Ich vermisse die Baustelle. Und den Fortschritt. Ich vermisse all’ das.Und entscheide kurzerhand, mich auf den Weg zu machen. Ausgestattet mit einem Sonnenhut, einer Brille, viel Wasser und einer Menge Übermut mache ich mich mit Fieber auf den Weg zur Baustelle.  Durch die Mittagshitze Guineas. Wie das genau abgelaufen ist … erfahrt ihr im neusten Video auf meinem Kanal.

18. Februar 2017

Es geht mir besser.
Und das erste Mal seit 3 Tagen mache ich mich wieder gemeinsam mit den anderen auf den Weg zur Baustelle. Vielleicht sind 3 Tage zu wenig Bettruhe für eine Grippe diesen Ausmaßes, aber ich kann es nicht mehr abwarten. Ehrgeizig helfe ich mit. Muss mich zwischendurch immer wieder hinsetzen, aber halte durch.

Am späten Nachmittag kann ich auch endlich wieder mit zum Stausee. Haare waschen im Wasserfall. Und auf den von der Sonne gewärmten Steinen liegen, dösen und dankbar sein.

Plötzlich nähern sich uns vier Jungen.
Wir sehen einander an.
Interessiert. Neugierig.
Und irgendwie ist es nicht anders als zu Hause.
Was auch immer das heißt.
Aber: daran festhalten! Sobald zu Hause wieder einen anderen Ort meint.

Nach ein paar Minuten des mit den Augen Abtastens, fühlen sich die Kinder scheinbar wohl. Werden mutig. Kommen  immer näher und springen von den Steinen in’s Wasser. Sie lachen.
Plötzlich verletzt sich einer der Vier. Das Blut läuft sein viel zu dünnes Bein herunter. Er humpelt. Und alle sehen mich an.
Antje springt als erste auf. Erste-Hilfe-Set hat sie dabei. Die Frauen tupfen das Bein des Jungen ab. Verband. Pflaster. Er lächelt wieder. Und die Kinder in ihren zerrissneren Sachen humpeln davon. Mit einem strahlend weißen Verband um das – viel zu dünne – Bein.

Das Blut wäre weiter gelaufen. Irgendwann hätte es aufgehört. Wäre eingetrocknet. Vielleicht wäre alles gut gewesen. Vielleicht hätte sich etwas entzündet.
Ein Szenario, welches mir nicht aus dem Kopf geht.

Wir fahren nach Hause.
Essen zu Abend.
Dieses Mal sitzen wir nicht so lange beisammen.
Die Gruppe ist müde. Ausgelaugt. Geschafft. Die harte Arbeit, die kulturelle Umstellung, das sich Aneinander Anpassen und Vertragen, die heißen Temperaturen – das alles ist anstrengend. Wir brauchen eine Pause.

19. Februar 2017

Wir haben einen Tag frei.
Und erkunden die Umgebung.
Was wir alles entdeckt und erlebt haben, seht ihr im Video.

 

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6 Kommentare

  • Reply Christin 6. April 2017 at 17:57

    Liebe Luise,
    seit ca. einem Jahr bin ich stille Leserin deines Blogs – oft lächelnd, weil ich so viel von mir selbst darin finde: Glück und Hürden des Alltags, Liebeskummer, den Spaß am Single-Dasein, den Wert von Freundschaft und die Liebe zu einer Stadt. In letzter Zeit musste ich oft den Kopf schütteln, über die Kommentare zu deinen Guinea-Berichten (bzw. dem heiß diskutierten Wochenrückblick). Ich persönlich finde dein Engagement fantastisch, du nutzt deine Reichweite und Präsenz, um auf ein wichtiges Thema aufmerksam zu machen – was in der Blogger-Welt, welche meiner Meinung nach oft mehr Schein als Sein ist, nicht als selbstverständlich abgestempelt werden darf. Daher resultieren sich auch die vielen negativen Bemerkungen – weil die meisten Leser von deinen glamourösen Blogger-Kolleginnen “geblendet” sind. Deine Texte und dein Engagement zeige mir, dass Du anders bist und ich hoffe, du behältst deine Vielseitigkeit bei!
    Ich finde es schade, dass unter wichtigen Texten wie diesem so wenig Kommentare sind. Mein Beitrag ist nicht explizit auf diesen Text bezogen, aber ich finde, dies ist der richtige Platz dafür!
    Vielen Dank, dass du deine Gedanken und Eindrücke mitteilst. Weiter so! :)

    • Kleinstadtcarrie 6. April 2017 at 21:45

      Danke Christin, – wirklich von Herzen!
      Es bedeutet mir die Welt, dass Du so empfindest und das ankommt, wie ich wirklich bin.
      Und ja, dass hier so wenig Kommentare stehen tut mir weh und lässt mich an der Branche, Blase, in der ich arbeite, zweifeln.
      Aber Danke für das hier <3

  • Reply Judith 3. April 2017 at 13:22

    Hey Luise!
    Ich verfolge deinen Blog schon lange und möchte einfach mal einen Kommentar dalassen. Ich finde deine Blogposts und Videos gerade zu deiner Reise nach Guinea sehr interessant und unglaublich wichtig! Es ist schön, dass du deine Erfahrungen und Erlebnisse hier teilst, denn ich finde es wichtig das wir uns dessen bewusst sind, wie Menschen auf anderen Teilen der Welt leben und welche Probleme es gibt. Es gibt so viel was wir tun können, wo wir helfen können!
    Danke dafür!

    • Kleinstadtcarrie 4. April 2017 at 00:16

      Danke Judith <3 ich freue mich über das Feedback zu den Guinea Postings wirklich ganz besonders!

  • Reply Kim 3. April 2017 at 13:02

    So was ist ärgerlich, wenn man nur für kurze Zeit für ein wirklich tolles Projekt dort ist und dann nichts tun kann, weil man sich schonen muss…Ich hab mir außer dem letzten Video alle angeguckt und mal abgesehen davon, dass es ein wirklich interessantes Projekt ist und ich eure Arbeit bewundere, hast du viele tolle Eindrücke eingefangen, die auch nochmal deutlich zeigen, für was du dort warst und wie viel Arbeit ihr geleistet habt! Ihr könnt stolz auf euch sein und die Menschen dort sind euch sicherlich sehr dankbar für alles! Immer, wenn die Kinder auftauchen, musste ich sofort lächeln, weil sie trotz ihrer Situation Freude zeigen und ein Strahlen auf dem Gesicht haben :)

  • Reply Mister Matthew 27. März 2017 at 00:46

    Hey :)
    Na ein Glück war die Krankheit nichts Ernsthafteres. Das hätte ja richtig schief gehen können .. wirklich ein Glück! <3

    Das Video ist wirklich toll! Schön da mal einen Einblick zu bekommen, von einer Person die man kennt, Dich.

    Matthew <3