Glatteis im Juli

/8. März 2017/6 Kommentare

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Vorher an nachher denken!
Strukturiert, organisiert sein. Alles beachten. Überdenken. Keinen falschen Schritt. Wir müssen perfekt sein.
Die Schnelllebigkeit und der Perfektionismus unserer Generation ist nervenaufreibend. Aber nicht nur das: auch motivierend und antreibend. Das macht uns – stückweit zumindest – zu einem besseren Menschen – vielleicht? Einem erfolgreicheren zumindest.
Ich bin ein Fan von Plänen und Listen und vom Vorbereitet sein.
Aber
dann und wann
gibt es Augenblicke im Leben,
in denen man etwas versäumt hat. Nicht beachtet hat. Nicht mitgedacht. Leidenschaft hat gewonnen. Kopf für einen Moment versagt. Unglücklicher Zufall. Unfall.
Das ist menschlich. Und okay. So ist das eben. Das passiert.
Aber dann liegt es in Deiner Hand, wie Du weiter machst. Wie du dich entscheidest.

„Also ja ich war 14. Und das war mein erster Freund.
Erste Liebe und wie das halt so ist.
Ich hab die Pille damals noch nicht genommen. Und dann ist es direkt bei unserem ersten Mal so schief gegangen. Ich meine, das war gut. Der Sex an sich, meine ich. Irgendwie. Insofern ein erstes Mal eben gut sein kann.
Dann ist das Kondom gerissen. Man, scheiße – Du hättest unsere Gesichter sehen sollen. Wir hatten ja keine Ahnung. Und waren aufgeregt. Und verliebt.
Er war deutlich älter. Bloß gut!! Wir sind dann zu seiner Mutter gegangen – das war seine Idee. Und die saß ja ohnehin im Nachbarzimmer. Ach das waren Zeiten. Und sie hat ruhig reagiert, rief meine Mutter an. Das war mir so unglaublich peinlich.
Und dann sind wir alle gemeinsam, es war Sonntagabend weißt du, ins Krankenhaus gefahren. Damals war die Pille danach noch verschreibungspflichtig. Und dann saß ich da, wie ein begossener Pudel, und war einfach unendlich froh, dass meine Mutter neben mir meine Hand hielt. Dann ging alles ziemlich schnell. Ich musste mit einem fremden Arzt sprechen und dann wurden irgendwelche Zettel unterschrieben. Schließlich brachte mir eine Schwester ein kleines Tablett, auf dem die Pille danach und ein Glas Wasser zu finden waren. Ich nahm sie vor Ort noch ein.
Anschließend fuhren wir alle nach Hause. 

Ich hatte mir mein erstes Mal natürlich ganz anders vorgestellt. Aber irgendwie ist ja dann doch alles gut ausgegangen.
Ich fand es super, wie offen und erwachsen mein damaliger Freund reagiert hat. Und dass meine Mama so entspannt reagiert hat. Das hat mir sehr geholfen.“ 

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„Wir waren seit 2 Monaten zusammen. Also alles noch frisch. Waren total verliebt und heiß aufeinander. Oh man, ich liebe das!
Und dann war ich wieder mal so blöd und habe meine Pille vergessen – total ätzend, wir beide machen es einfach lieber ohne Kondom. Aber nun ja, es blieb uns nichts anderes übrig.
Jedenfalls an diesem einen Morgen vor der Arbeit – er sah einfach so gut aus. Und irgendwie überkam es uns beim morgendlichen Kaffee in der Küche. Erwachsen sein ist echt super – heute bin ich 25, mit 17 damals zu Hause wäre so eine Nummer ja nie möglich gewesen.
Es war toll. Es war heiß. Dreckig. Und schnell.
Und: unüberlegt.

Er musste dann ziemlich schnell los, sonst wäre er zu spät zur Arbeit gekommen. Ich hatte noch einen Moment Zeit und dann fiel es mir siedendheiß ein: wir hatten kein Kondom benutzt. Scheiße!
Irgendwie war ich ziemlich aufgelöst und fühlte mich plötzlich doch eher wieder wie 17. Wie konnten wir so blöd sein?
Ich wählte seine Nummer. Im Moment müsste er noch im Auto sitzen.
„Süße, da wird schon nichts passiert sein!“
„Aber, .. also keine Ahnung. Meinst Du?“, ich weiß, dass er mich nur beruhigen will – aber irgendwie gefällt mir seine gelassene Reaktion nicht.
„Ich muss jetzt wirklich aussteigen. Mach Dir keine Gedanken. Beim nächsten Mal nehmen wir wieder ein Kondom – oder Du denkst einfach mal an die Pille.“, sagte er arrogant und legte auf.
Ich kannte ihn so überhaupt nicht und fühlte mich ziemlich vor den Kopf gestoßen.
Auf der Arbeit merkten meine Kolleginnen sofort, dass etwas nicht stimmt und ich schilderte ihnen die Situation. Sie kicherten nur blöd. Nahmen die Situation und mich irgendwie gar nicht ernst.
Man, ich fühlte mich ziemlich allein und ratlos.

Hat dann auch ein paar Stunden – naja viele Stunden wohl eher – gedauert, bis ich mich zusammengerissen habe. Bin dann am nächsten Tag nach der Arbeit direkt in die Apotheke und hab mir die Pille danach geholt. Hast ja 72 Stunden Zeit oder so.
Zwei Tage später fühlte ich mich irgendwie immer noch schuldig und merkwürdig. Und mit ihm war es plötzlich auch nicht mehr so toll irgendwie.
Heute bin ich froh, dass ich mich getraut habe – die Pille danach zu holen und mit ihm Schluss zu machen, meine ich.“ 

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„Die Story willst Du echt wissen? … Na okay. 

Also es war Karneval – das ist jetzt bestimmt 2 oder 3 Jahre her, keine Ahnung.
Und: ich red nicht lange drumherum. Viel weiß ich ja auch nicht mehr… am nächsten Morgen bin ich in einem fremden Bett aufgewacht. Das ist mir vorher noch nie passiert. Ich war ganz allein und neben mir dieser Typ. Scheiße sage Dir – ich bin dann panisch aus der Wohnung gerannt. Kann Dir auch gar nicht mehr sagen, wie es dort aussah oder was das für ein Kerl gewesen ist. Jedenfalls stand ich dann irgendwo mitten in Köln in meinem Superwomankostüm und die Menschen waren auf dem Weg zur Arbeit – gut, hier in der Großstadt und dann zu Karneval, da stört das niemanden, wie du rumrennst. Aber ich hätte trotzdem im Erdboden versinken können. 

Ich rief dann meine beste Freundin an, wir trafen uns in einem Kaffee ein paar Straßen weiter und als ich sie sah musste ich anfangen zu heulen. Ich fühlte mich so dumm und dreckig und eklig.
„Süße, jetzt bleib mal ganz ruhig. One Night Stands gehören zu den 20ern dazu wie Nervenzusammenbrüche und Zukunftsängste – alles gut!“
Ich weiß auch gar nicht genau, was eigentlich mein Problem war. Sie hatte ja recht und heute sehe ich das auch ein bisschen lockerer – aber eben besonders dann, wenn man das Ganze nicht mit einem Blackout kombiniert.
„Habt ihr zumindest ein Kondom verwendet?“, fragt sie.
„Ehm …  eh, scheiße – keine Ahnung!“, antwortete ich panisch. Ich konnte mich ja wirklich an nichts erinnern.
Sie zerrte mich dann direkt in die nächste Apotheke und, oh man was wäre ich ohne sie, hat dann dem Apotheker zu verstehen gegeben, sie bräuchte die Pille danach. Ich meine, dem war eh klar, was los ist – sie sah super aus, munter und gestylt und ich stand im Superwomankostüm und total verheult neben ihr. Aber egal, die Geste war süß. Zwar hätte ich damals wegen seines anklagenden Blickes sofort wieder losheulen können, – aber eigentlich: darf der das überhaupt?”

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Aber dann liegt es in Deiner Hand, wie Du weiter machst. Wie du dich entscheidest.
Und dann ist es wirklich gut, wenn man jemanden hat, zum festhalten. Wenn man stolpert. Wankt. Wenn man mal ausrutscht – denn es kann auch im Juli noch Glatteis geben – dann ist eine helfende Hand, ein treuer Begleiter, ein Kompass nützlich. Und hilfreich. Eine Schulter zum anlehnen. Ausheulen. Stöckchen Retter-In-der-Not.
Denn mit der richtigen Person an deiner Seite und der richtigen Entscheidung noch dazu kann das dann, auch wenn es eigentlich ziemlich scheiße und gefährlich ist, gut ausgehen und vielleicht sogar ein klein bisschen Spaß machen.

Besonders heute, anlässlich des Weltfrauentags, sollten wir uns und unseren liebsten Freundinnen mal wieder auf die Schulter klopfen. Für die Entscheiden, die wir täglich treffen und hinter denen wir stehen. Für unsere Überzeugungen und das gegenseitige Festhalten.

Dieser Beitrag entstand in freundlicher Zusammenarbeit mit Cohn&Wolfe.


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6 Kommentare

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  • Reply Lena 20. März 2017 at 21:30

    Finde es unglaublich gut, dass du so offen über dieses Thema schreibst und es kein Tabu mehr bleibt <3

  • Reply Irina 13. März 2017 at 12:35

    Meine kleine Schwester und mich trennt genau ein Jahr. Wie peinlich es für uns damals war zusammen beim Frauenarzt zu sitzen und uns die Pille danach verschreiben zu lassen, weil es bei uns beiden am selben Tag – aus dem ein oder anderen Grund – schief gelaufen ist. Und wie froh wir gleichzeitig waren es nicht alleine durchstehen zu müssen. Trotz den anklagenden Blickes der Frauenärztin und der belustigen Frage der Empfangsdame, ob es denn der selbe Kerl war. “Super lustig!” Aber im Nachhinein ist es das von außen betrachtet. Aber vor allem so wichtig nicht alleine zu sein und es nicht als Geheimnis bewahren zu müssen. :) Top Beitrag!

    • Kleinstadtcarrie 14. März 2017 at 02:12

      Hey Irina,

      achherje – was für eine Geschichte. Ärgerlich! Aber immerhin hattet ihr Euch :-) Schön! <3

    • Irina 17. März 2017 at 10:00

      Ja das ist wohl wahr :P Kann man den späteren Kindern keinen Vorwurf machen, wenn man es selbst mal erlebt hat. :D

  • Reply Paula 12. März 2017 at 14:32

    Ein toller post, mir gefallen diese Geschichten aus verschiedenen Perspektiven zu einem Thema immer super.
    Gut geschrieben, es liest sich wie kleine Kurzgeschichten.

    Liebe grüße,
    paula

  • Reply Melanie 11. März 2017 at 09:09

    Die Beiträge über die Pille danach in der letzen Zeit, also auch auf anderen Blog, finde ich richtig super. Ganz oft ist es nämlich so, dass es einem unglaublich peinlich ist. Dass es einem so vorkommt, als würde kein anderer den Fehler machen. Ja schon fast, als wäre es eine Schandtat. Wie oft habe ich schon Leute erlebt die Anklagend reagierten, weil jemand sagte, sie hätte die Pille danach gebraucht.
    Natürlich soll das nicht zur Gewohnheit werden, um Gottes Willen! Aber wenn es passiert, sollte man lieber den Schritt zur Ärztin oder jetzt nur noch zur Apotheke wagen. Und daran ist nichts verwerflich!