Wann haben wir verlernt einander anzusprechen?

/28. Februar 2017/16 Kommentare

Der Januar ist fast vorbei. Und: ich mag den Januar. Und ein Stück weit scheint er mich in diesem Jahr auch zu mögen. So verwöhnt er mich mit viel Schnee. Und Sonne. Guter Laune und Produktivität. Das fühlt sich gut an, fabelhaft. So schön, dass ich zwischenzeitlich dachte, das hier wäre ein verfrühter Frühlingsbeginn. Und dann schlüpfte ich in meine rosanen Sneaker, fühlte mich wie ein Krokos – und fror mir den Arsch ab.

Ja, – obwohl: die meiste Zeit des Januar verbringe ich in der Bibliothek. Und ein jeder Student weiß, dass die – besonders während der Prüfungszeit – einem Flirting-Schlaraffenland gleicht. Während es also in den ersten zwei Januarwochen noch ruhig zuging, findet man jetzt gegen 10 Uhr morgens schon nur beschwerlich einen Sitzplatz. Aber wenn man ihn dann hat, – weiß man ganz schnell, wo der süßeste Typ im Umkreis sitzt. Oder geht es da nur mir so?

Und so erging es mir auch letzte Woche…

Alle Texte sind gelesen und zusammengefasst und verstanden. Jetzt gilt es aus all’ dem Wissen ein Ganzes zu machen. Zu Schreiben also. Und das liegt mir. Das macht mir Spaß. Aber man denkt, überlegt. Da ist kein Blatt, auf dem ich Wort für Wort folgen kann… Also schaut man sich um und starrt in die Luft und an diesem einen Donnerstag eben auch öfter mal in seine schönen blauen Augen.

Aber fangen wir von vorne an:
Scheiße!, rufe ich und springe aus dem Bett. Mein Handydisplay sagt mir, dass es 9:23 Uhr ist und ich somit ganz genau zwei Stunden zu lang geschlafen hatte. Jeans. T-Shirt. Zopf. Zähne putzen. Kaffee. Und los! Ganz genau eine Stunde später betrat ich die Unibibliothek und rollte mit den Augen, denn ich wusste, dass die Massen an Studenten, die sich lässig im Foyer präsentierten, die besten Plätze bereits mit Büchern und Ordnern reserviert hatten, wie es eigentlich nur Mallorcaurlauber machen.
Ich laufe durch die Reihen. Und behalte natürlich recht. Ein paar verschlafene Gesichter sitzen bereits hinter ihren MacBooks, auf den meisten der Plätze liegt allerdings nur ein Stift und ein Papier. Ganz klar „Kannst Du mir was freihalten?“ „Klar!“ –
Nichts frei. An einem Tisch sitzen drei Typen – definitiv zu jung für mich –, aber ich bin ihnen aufgefallen und prompt räumten sie den Platz neben sich leer. „Na, der arme Kumpel, dessen Platzt jetzt aufgegeben wurde“, dachte ich, lächelte dankbar und setzte mich.

Also: man denkt und überlegt. Da ist kein Blatt, auf dem ich den Wörtern folgen kann, markieren und dranschreiben. Also schaue ich mich um und starre in die Luft und an diesem einen Donnerstag eben auch öfter mal in seine schönen blauen Augen. Wieso schaut er denn auch so oft von seinen Unterlagen auf? Mit so einem Hundeblick?
Ich probiere mich zu konzentrieren, – gar nicht so einfach, wenn man weiß, dass man beobachtet wird.
„Der ist maximal im dritten Semester.“, denke ich und fühle mich plötzlich ziemlich alt.
Die Stunden vergehen. Und wir gucken. Und lächeln. Und … nichts.
Es ist Nachmittag. Die perfekte Zeit für einen Kaffee.
Und er sitzt da. Und ich hier. Allein. Weit und breit keine kichernden Freundinnen.
Irgendwann geht er. Ich kann mich endlich wieder konzentrieren. Und bleibe wie jeden Tag bis 24 Uhr in der Bibliothek.

Zwei Tage später schreibt er mir via Instagram Direct. Die Nachricht ist süß. Und auch wenn ich sein letztes Selfie eigentlich ziemlich peinlich finde, kann ich diesen blauen Augen fast nicht widerstehen und tippe bereits an einer Antwort.
Bis… nein!, irgendwas hemmt mich. Das hemmt mich.
Hätte er mich gefragt, ob wir einen Kaffee trinken wollten. Direkt. Dort. In der Bibliothek. Klar, der Kaffee in der Caféteria ist kein Espresso auf dem Marktplatz in Florenz, aber er ist okay. Und es geht um die Geste.
Wieso hat er mich, während wir uns Donnerstag (insgeasmt) stundenlang angestarrt hatten, nicht einfach stumm gefragt, ob wir einen trinken gehen wollten? Jeder Student weiß, wie das funktioniert. Wieso hatte er mir nicht einen kleinen Zettel hingelegt und gezwinkert, – hier darf man nicht sprechen. Er hätte also nicht mal tatsächlich den Mund aufmachen müssen. Und ich hätte genickt. Und wir hätten uns kennengelernt.

Wann haben wir verlernt  einander anzusprechen?

Jungs, ihr dürft gern wieder etwas mutiger werden. Mädels – ihr auch. Aber meistens bin ich in dem Punkt dann doch altmodisch. Ihr auch?
Jedenfalls:: ein Korb ist kein Weltuntergang.
Und Dir hätte ich keinen gegeben.

datingkolumne

 

Illustration – @iamilgin

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16 Kommentare

  • Reply Jasmina 13. März 2017 at 12:26

    Uh das ist ein sehr schöner Beitrag und das Bild ist einfach umwerfend. Ich verstehe einfach nicht warum in der heutigen Zeit alles nur noch online abläuft und nicht mehr persönlich.

  • Reply CrossiDresden 11. März 2017 at 15:09

    Ja scheise ne, ich bin ein Mann und kenne dieses Gefühl nur zu gut, ihr Frauen wisst doch garnicht wie man davor schiss hat eine Frau anzusprechen. In der Disco okay, aber so in der Öffentlichkeit… von meinen Freunden macht das auch so gut wie keiner. Ist zwar schade aber was will man machen, oft fehlt denke ich mal das Selbstvertrauen und das muss man(n) sich erstmal aufbauen. Die Ängste die einen davon abhalten sind auch total unbegründet. Ich glaube kaum das die meisten Frauen sofort aufspringen und nach der Polizei rufen würden:D aber solche Dinge gehen in unseren Köpfen vor..

  • Reply Tanja 8. März 2017 at 15:21

    Schade, hast du ihm die Chance nicht gegeben. Es hat ihn bestimmt auch Überwindung gekostet dich auf Instagram anzuschreiben – nicht jeder hätte sich getraut dich persönlich anzusprechen. Ich selbst kenne das und hab auch grosse Probleme Jungs, die mir gefallen, anzusprechen. Und eigentlich ist es meiner Meinung nach nicht nur Jungs-Sache uns Mädels anzusprechen – wärst du doch mutiger als er gewesen… dann wäre es wahrscheinlich zu einem Kaffe gekommen. Also vielleicht gibts du ihm ja noch eine zweite Chance, wer weiss was du sonst verpasst! :)

  • Reply Melia 1. März 2017 at 17:38

    Luise..
    ich verfolge deinem Blog schon so lange, aber in letzter Zeit weiß ich nicht mehr was ich von dir halten soll. Du möchtest modisch, high Fashion sein, du möchtest politisch sein, fliegst unnötig oft nach New York und dort Party zu machen, aber gleichzeitig willst du Kindern in Afrika helfen? Kurz nach dem letzten Post, jetzt wieder was total banales? Nur weil der Typ dich nicht persönlich gefragt hat? Immerhin hat er sich noch gemeldet! Irgendwie geht der Eindruck von dir nicht in eine einheitliche Richtung. Das ist total verwirrend und schade, weil du es damals so warst. Vielleicht auch deswegen die “Hass”Kommentare zu Afrika, du erweckst ein kontroverses Bild für den Leser, besonders die , die dich schon “lange” kennen, und das ist echt schade, für alle Beteiligten.

    • Kleinstadtcarrie 1. März 2017 at 21:50

      Hey Melia,

      so bin ich eben: ein Oxymoron. Dazu gibt es auch einen Text. Ich bin ein Mensch und mich kann man nicht in eine Schublade stecken.
      Und um das klar zustellen: ich möchte nicht High Fashion sein, war ich nie und habe ich auch nie so zur Geltung gebracht. Außerdem fliege ich nicht unnötig nach New York. In NY leben Menschen, die ich liebe und es macht mich glücklich dort mit ihnen zu sein. Unnötig ist es also nicht und ich verbitte mir auch solche Bewertungen von jemandem, der nichts über die Angelegenheiten weiß.

      Meine Datingkolumne, ich betone es immer wieder, ist mit einem Augenzwinkern zu verstehen, ist leicht zu lesen – leichte Kost. Zum Schmunzeln zwischendurch, nicht zum ernst nehmen.

      Kontrovers ist das alles trotzdem nicht, in meinen Augen jedenfalls. Ich bin eine junge Frau mit unterschiedlichen Interessen und Wünschen, Zielen und Vorstellungen. Ich möchte jede Erfahrung mitnehmen und das tat mir bisher immer sehr gut :-)

      Ich hoffe, dass Du damit klar kommst, ansonsten “begegnen” wir uns vielleicht ein ander` mal wieder :)

    • Tina 2. März 2017 at 09:14

      Was ist denn deiner Meinung nach der Widerspruch in den genannten Dingen?? Kann man nicht modisch und “high Fashion” sein, nach NY fliegen und trotzdem sozial engagiert sein und Kindern in Afrika helfen? Wieso freut man sich nicht einfach darüber, dass hier jemand seinen kleinen Teil dazu beiträgt, anderen zu helfen? Als gäbe es immer nur schwarz oder weiß, perfekt oder unperfekt…
      Mich würde wirklich mal interessieren wie die Leute, die solche Kommentare hier posten, denn ihr Leben so gestalten? Keine Partys oder schöne Urlaube, weil sie eine politische Meinung haben und vertreten oder sozial engagiert sind? Ergibt für mich leider keinen Sinn..

    • Julia 2. März 2017 at 10:29

      Muss ein Blog denn “einheitlich” sein? Ein Mensch ist es ja auch nicht. Jeder hat viele Facetten und Interessen und die einen haben mit den anderen nicht unbedingt etwas zutun. Nur weil ich mich in Afrika engagieren möchte, darf ich doch trotzdem nach Amerika fliegen und eine schöne Zeit haben. Aber ja, Kontroversität überfordert viele. Ist ja nicht so gemütlich, als passte alles in den Kram und erfüllte all die Erwartungen der Leser.
      Aber das Ding ist: Ihr Blog – ihr Content! Wenn’s dir nicht zusagt: es zwingt dich keiner ihn zu lesen! So einfach ist das. Sie macht den Blog ja nicht für dich, sondern für sich selbst und wenn es andere Leser interessiert, ist es schön.
      Und sprich bitte nicht von “allen Beteiligten”, wenn du nur wenige ansprichst.

    • Kleinstadtcarrie 2. März 2017 at 11:12

      YES! Danke :)

  • Reply Melissa 1. März 2017 at 10:59

    Ein süsser, erfrischender Post! Einfach, aber trotzdem zackig und bringt einen selbst zum Schmunzeln! Deine Beiträge aus der Datingkolumne gefallen mir mit am Besten! Ich wünsche Dir viel Glück, dass der Herr vielleicht doch noch den Mut findet, dich persönlich zu fragen – und dass es für Dich dann noch nicht zu spät ist. :-)

    Melissa

  • Reply Christin 1. März 2017 at 00:53

    Ich denke mir auch immer, dass wir durch unsere Handys ein Stück Kommunikation verlieren. Aber
    ich finde, wenn der Junge einen nicht anspricht sollte man es vielleicht selbst machen. Fällt mir persönlich auch ziemlich schwer, aber immerhin besser als das gar nichts passiert.
    LG Christin

  • Reply Dany 28. Februar 2017 at 23:21

    Das Thema hatten wir jetzt auch mal. Die meisten haben sich beklagt, wie sie angesprochen wurden, worauf ich bemerkt habe das es doch schön ist, dass sie überhaupt angesprochen wurden. Und darauf folgte die Frage was erwarten Frauen von den Männern? Bei einem simplen hey genügt es ihnen nicht, andere Sprüche sind wieder zu viel. Männer haben es schon nicht leicht mit uns.

    Schöner Beitrag.

    LG Dany von http://www.danyalacarte.de

    • Kleinstadtcarrie 1. März 2017 at 16:03

      Haha, das stimmt – wir ja aber auch nicht mit ihnen :))

  • Reply Greta 28. Februar 2017 at 21:31

    Hey Luise,
    das ist ein richtig gelungener Text! Eigentlich bin ich nicht so ein Fan der Datingkolummnen, weil sie mir etwas zu platt und moralmäßig daher kommen, aber die hier war echt angenehm zu lesen.
    Ich stimme dir übrigens total zu: viele meiner Freundinnen und manchmal auch leider ich selbst, sind zu schüchtern, etwas zu sagen, wenn man jemanden süß findet. Ich denke, es geht vielen so, gerade wenn man sich an einem unpraktischen Ort begegent und nicht einfach nur “Hi” oder “Krieg ich deine Nummer?” sagen möchte.
    Hast du ihm letzendlich eigentlich geantwortet? :)

  • Reply Iris 28. Februar 2017 at 18:51

    Oh, wie bekannt mir diese Momente doch vorkommen! Mir ist das aber auch schon aufgefallen, dass das gegenseitige Ansprechen immer rarer wird. Schade eigentlich, und irgendwie auch unverständlich, denn wie du schon sagst: ein Korb ist kein Weltuntergang!