Dresden trauert.

Random/17. Februar 2017/0 Kommentare

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Ich bin Dresdnerin.
Dresden ist wunderschön Ja wirklich. Die Frauenkirche und die Semperoper und der Zwinger – mein Lieblingsort. Die Elbe. Elbwiesen. Albertbrücke. Das Blaue Wunder. Kommt alle vorbei. Schaut es euch an. Wir sind so stolz und freundlich.
Aber erschreckt Euch nicht vor den hässlichen Fratzen, die vor der Frauenkirche nur darauf warten, herum zu pöbeln. 

Man hat drei Busse auf dem Neumarkt aufgestellt.
Hochkant.
Meine Augen leuchten. Eine gute Aktion.Denke ich. Kaufe ein paar weiße Ranunkeln. Eisiger Wind. Und vor der Frauenkirche angekommen, stockt mir für einen kleinen Augenblick der Atem.
Krieg.

„Das ist eine Schande! Eine Schande für die Stadt! Merkt ihr nicht, wie ihr die Opfer vom 13. Februar 1945 verhöhnt? Was haben wir damit zu tun? Eine Unverschämtheit. In unserem wunderschönen Dresden“, eine Gruppe Menschen umgibt den älteren Herren, der lautstark auf sich aufmerksam macht. Ich nähere mich ihnen.
Alle reden auf ihn ein. Sachlich. Ruhig. Und genau das scheint ihn immer wütender zu machen. Umzingelt.
Ich halte ein wenig Abstand.
„Was wissen sie schon mit ihren 20 Jahren? Sie haben doch keine Ahnung von Geschichte!“, zu einer jungen Frau.
„Das ist krank, was sie da sagen!“, zu der älteren, die die erste in Schutz nahm.
„Wo kommen sie eigentlich her? Hauen sie doch dort hin wieder ab!“, zu dem Mann mit der dunklen Haut.
Ich werde wütend. Kneife die Augen zusammen. Empörte Blicke. Ich atme durch. Irgendwie geht mir das alles zu schnell. Jeder antwortet. Keiner hört zu. Keiner denkt nach. Nur das eigene Argument, die eigene Angst, die eigene Meinung im Kopf.
Schlagabtausch.
Hauptsache lauter und schneller und besser. Richtiger. Gegenseitiges Ermahnen. Immer wieder.
Keiner hört zu. Keiner hört wirklich zu, um zu verstehen. Sondern um zu antworten. Verständlich in dieser Runde. Gleicht einer Arena. Kampf. Es geht um’s gewinnen. Fakt ist doch aber: wir alle spielen im Selben Team. Menschlichkeit.
Am liebsten würde ich gern laut pfeifen: Hört auf! Aber macht weiter!
Und dann würde ich dem Herren am liebsten meine Hand reichen und ihn aus dieser Situation retten. Es mangelt ihm an Argumenten. Und seine Trauer ist okay. Seine Ausdrucksweise ganz und gar nicht. Aber vielleicht hilft ihm ein klein wenig Abstand. Und dann sieht er, dass die Busse und die Frauenkirche ein Gesamtbild ergeben. Das gehört dazu.
Krieg. Immer wieder Krieg. Opfer. Immer wieder Opfer. 

Dresden trauert. Immer noch. Dresden trauert um die eigenen Opfer. Um die, die kurz vor Kriegsende, in einer eisigen Februarnacht ermordet wurden. Der Krieg war längst verloren. Das war reiner Hohn, heißt es. Und dann lag die Stadt in Schutt und Asche. Genick gebrochen. Tote. Verloren.
Und Dresden trauert. Seit 1945.

„Meine Schwester saß im Bombenkeller. Sie hat es trotzdem nicht überlebt!“, ruft einer. Und das tut mir Leid. Ich sehe den Schmerz in seinen Augen. Den Verlust. Aber diese Busse stellen den Verlust nicht in Frage. Sie manifestieren ihn.
Und nur weil am 13. Februar 1945 Tausende in Dresden ihr Leben lassen mussten, hört das Morden in Aleppo an diesem Tag dort doch nicht auf. Überall auf der Welt. Anfang Februar dürfen wir nur um Dresdner Kriegsopfer trauern? Sind diese denn wichtiger? Waren ihre Leben bedeutsamer? Für den ein oder anderen vielleicht schon – Mutter, Vater, Freunde vielleicht. Ich sehe Deinen Schmerz, will ich sagen. Und das ist okay. Aber menschliches Leid gegeneinander aufzuwiegen, halte ich für menschenverachtend. Glück verdoppelt sich, wenn man es teilt. Und ich bin der festen Überzeugung, dass mit Trauer das Gegenteil passiert, wenn man sich gegenseitig in den Arm nimmt.

Dresden trauert.
Aber Dresden lebt. Lebt wieder. Die Frauenkirche steht. Wir haben uns erholt. Soweit das geht. Und wir trauern noch immer – und auch das ist okay.
Aber Aleppo brennt. Keine Zeit zu Trauern.
Busse. Hochkant. Blut. Schreie. Tot. Angst. Mama!
Und das ist es doch, weshalb ihr alle so wütend seid.
Weil diese drei Busse Euch ermahnen. Erinnern. Hilferufe. Jeden Tag. Sie bedeuten Leid und Tod und Bomben. Angst. Kinder. Blut. Aussichtslos. Ruinen. Mama!
Ihr kennt das.
Ihr versteht das.
Krieg. Immer wieder Krieg. Opfer. Immer wieder Opfer.

Und es regt sich etwas. Ein „Vielleicht ..“ – aber jetzt bist Du zwei Wochen lang jeden Montag auf die Straße gegangen. Und jetzt reden alle auf Dich ein. Und das passt nicht in Deine Realität.
Aber weißt Du was? Ich weiß, dass es hart ist. Ich weiß, dass es vielleicht kaum etwas Schwierigeres gibt, als sich einen Fehler einzugestehen. Als umzudenken.
Und das heißt ja nicht, dass Du alles gut finden musst. Das heißt nicht, dass Du schweigen sollst. Sprich! Sprich mit uns! Sprich über Deine Gefühle! Lass’ uns zuhören. Aber höre auch zu. Und verstehe. Höre zu, um zu verstehen, nicht um zu antworten.
Fehler eingestehen. Umkehren. Ein neuer Anstrich. Veränderung.
Ein Lächeln.
Ein Miteinander.
Also reiß Dich zusammen. Sieh’ hin! Und probiere zu verstehen. Empathie. Und wenn die Busse ein bisschen eher gestanden hätten. Wenn wir ein bisschen eher angefangen hätten, miteinander zu reden. Zu verstehen. Dann wäre vielleicht kein Flüchtling in Deutschland mit Beleidigungen und Pfiffen und Hass und Feuer begrüßt worden.
Sondern mit einem Lächeln. Mit einem Hallo. Mit Verständnis.
Denn vor weniger als 60 Jahren hat Dresden auch gebrannt.
>Und wir sind auch heute nicht davor gewahrt.
Krieg.
Lasst uns dem mit Liebe begegnen.

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