Dresden trauert.

/17. Februar 2017/27 Kommentare

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Ich bin Dresdnerin.
Dresden ist wunderschön Ja wirklich. Die Frauenkirche und die Semperoper und der Zwinger – mein Lieblingsort. Die Elbe. Elbwiesen. Albertbrücke. Das Blaue Wunder. Kommt alle vorbei. Schaut es euch an. Wir sind so stolz und freundlich.
Aber erschreckt Euch nicht vor den hässlichen Fratzen, die vor der Frauenkirche nur darauf warten, herum zu pöbeln. 

Man hat drei Busse auf dem Neumarkt aufgestellt.
Hochkant.
Meine Augen leuchten. Eine gute Aktion.Denke ich. Kaufe ein paar weiße Ranunkeln. Eisiger Wind. Und vor der Frauenkirche angekommen, stockt mir für einen kleinen Augenblick der Atem.
Krieg.

„Das ist eine Schande! Eine Schande für die Stadt! Merkt ihr nicht, wie ihr die Opfer vom 13. Februar 1945 verhöhnt? Was haben wir damit zu tun? Eine Unverschämtheit. In unserem wunderschönen Dresden“, eine Gruppe Menschen umgibt den älteren Herren, der lautstark auf sich aufmerksam macht. Ich nähere mich ihnen.
Alle reden auf ihn ein. Sachlich. Ruhig. Und genau das scheint ihn immer wütender zu machen. Umzingelt.
Ich halte ein wenig Abstand.
„Was wissen sie schon mit ihren 20 Jahren? Sie haben doch keine Ahnung von Geschichte!“, zu einer jungen Frau.
„Das ist krank, was sie da sagen!“, zu der älteren, die die erste in Schutz nahm.
„Wo kommen sie eigentlich her? Hauen sie doch dort hin wieder ab!“, zu dem Mann mit der dunklen Haut.
Ich werde wütend. Kneife die Augen zusammen. Empörte Blicke. Ich atme durch. Irgendwie geht mir das alles zu schnell. Jeder antwortet. Keiner hört zu. Keiner denkt nach. Nur das eigene Argument, die eigene Angst, die eigene Meinung im Kopf.
Schlagabtausch.
Hauptsache lauter und schneller und besser. Richtiger. Gegenseitiges Ermahnen. Immer wieder.
Keiner hört zu. Keiner hört wirklich zu, um zu verstehen. Sondern um zu antworten. Verständlich in dieser Runde. Gleicht einer Arena. Kampf. Es geht um’s gewinnen. Fakt ist doch aber: wir alle spielen im Selben Team. Menschlichkeit.
Am liebsten würde ich gern laut pfeifen: Hört auf! Aber macht weiter!
Und dann würde ich dem Herren am liebsten meine Hand reichen und ihn aus dieser Situation retten. Es mangelt ihm an Argumenten. Und seine Trauer ist okay. Seine Ausdrucksweise ganz und gar nicht. Aber vielleicht hilft ihm ein klein wenig Abstand. Und dann sieht er, dass die Busse und die Frauenkirche ein Gesamtbild ergeben. Das gehört dazu.
Krieg. Immer wieder Krieg. Opfer. Immer wieder Opfer. 

Dresden trauert. Immer noch. Dresden trauert um die eigenen Opfer. Um die, die kurz vor Kriegsende, in einer eisigen Februarnacht ermordet wurden. Der Krieg war längst verloren. Das war reiner Hohn, heißt es. Und dann lag die Stadt in Schutt und Asche. Genick gebrochen. Tote. Verloren.
Und Dresden trauert. Seit 1945.

„Meine Schwester saß im Bombenkeller. Sie hat es trotzdem nicht überlebt!“, ruft einer. Und das tut mir Leid. Ich sehe den Schmerz in seinen Augen. Den Verlust. Aber diese Busse stellen den Verlust nicht in Frage. Sie manifestieren ihn.
Und nur weil am 13. Februar 1945 Tausende in Dresden ihr Leben lassen mussten, hört das Morden in Aleppo an diesem Tag dort doch nicht auf. Überall auf der Welt. Anfang Februar dürfen wir nur um Dresdner Kriegsopfer trauern? Sind diese denn wichtiger? Waren ihre Leben bedeutsamer? Für den ein oder anderen vielleicht schon – Mutter, Vater, Freunde vielleicht. Ich sehe Deinen Schmerz, will ich sagen. Und das ist okay. Aber menschliches Leid gegeneinander aufzuwiegen, halte ich für menschenverachtend. Glück verdoppelt sich, wenn man es teilt. Und ich bin der festen Überzeugung, dass mit Trauer das Gegenteil passiert, wenn man sich gegenseitig in den Arm nimmt.

Dresden trauert.
Aber Dresden lebt. Lebt wieder. Die Frauenkirche steht. Wir haben uns erholt. Soweit das geht. Und wir trauern noch immer – und auch das ist okay.
Aber Aleppo brennt. Keine Zeit zu Trauern.
Busse. Hochkant. Blut. Schreie. Tot. Angst. Mama!
Und das ist es doch, weshalb ihr alle so wütend seid.
Weil diese drei Busse Euch ermahnen. Erinnern. Hilferufe. Jeden Tag. Sie bedeuten Leid und Tod und Bomben. Angst. Kinder. Blut. Aussichtslos. Ruinen. Mama!
Ihr kennt das.
Ihr versteht das.
Krieg. Immer wieder Krieg. Opfer. Immer wieder Opfer.

Und es regt sich etwas. Ein „Vielleicht ..“ – aber jetzt bist Du zwei Wochen lang jeden Montag auf die Straße gegangen. Und jetzt reden alle auf Dich ein. Und das passt nicht in Deine Realität.
Aber weißt Du was? Ich weiß, dass es hart ist. Ich weiß, dass es vielleicht kaum etwas Schwierigeres gibt, als sich einen Fehler einzugestehen. Als umzudenken.
Und das heißt ja nicht, dass Du alles gut finden musst. Das heißt nicht, dass Du schweigen sollst. Sprich! Sprich mit uns! Sprich über Deine Gefühle! Lass’ uns zuhören. Aber höre auch zu. Und verstehe. Höre zu, um zu verstehen, nicht um zu antworten.
Fehler eingestehen. Umkehren. Ein neuer Anstrich. Veränderung.
Ein Lächeln.
Ein Miteinander.
Also reiß Dich zusammen. Sieh’ hin! Und probiere zu verstehen. Empathie. Und wenn die Busse ein bisschen eher gestanden hätten. Wenn wir ein bisschen eher angefangen hätten, miteinander zu reden. Zu verstehen. Dann wäre vielleicht kein Flüchtling in Deutschland mit Beleidigungen und Pfiffen und Hass und Feuer begrüßt worden.
Sondern mit einem Lächeln. Mit einem Hallo. Mit Verständnis.
Denn vor weniger als 60 Jahren hat Dresden auch gebrannt.
>Und wir sind auch heute nicht davor gewahrt.
Krieg.
Lasst uns dem mit Liebe begegnen.

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27 Kommentare

  • Reply Jalene 10. Mai 2017 at 03:58

    Please keep throniwg these posts up they help tons.

  • Reply Dresdner Stollen 27. Februar 2017 at 17:16

    Der Text trifft vom Inhalt mehr nicht meinen Geschmack, aber das ist ja Ansichtssache. Schade finde ich, dass du nicht mehr über den Urheber und die Hintergründe geschrieben hast, sondern stattdessen diesen Blogpost mit romantisch weichgezeichneten Bildern füllst, die dich waidwunden “trauernd“ vor gleich zwei Symbolen zeigen, die mit der durchgefilterten Instagramwelt aber auch gar nichts zu tun haben.
    Dass du deinen nicht aus Dresden kommenden Leser die Busse zeigen willst und mit dem Text vielleicht noch aufrütteln möchtest, kann ich mir vorstellen, aber dadurch, dass der Post z.T. auch einfach mit wohlkalkulierten Fotos deine Blumenniederlegung in einem adretten Outfit of the Day zelebriert, auf denen du mit bemüht traurig-nachdenklichen Blicken in die Ferne starrst, vermittelt leider den Eindruck, dass es hier mehr um Lifestyle und Selbstpräsentation geht.
    Da wären ein paar mehr Bilder ohne dich sicher passender zum Text gewesen. Oder alternativ ein Text, der sich mehr mit Selbstdarstellung befasst.

  • Reply Anne 26. Februar 2017 at 19:19

    Liebe Luise,
    du erzählst uns vom Leben, von Gefühlen, von Gedanken und dazu gehören auch diese – die tiefgründigen – die Weltschmerzgedanken, die die über unsere eigene Gefühlswelt hinausgehen. Und es ist so wichtig, dass wir sie miteinander teilen. Das du dich traust sie mit uns zu teilen und das in so wunderbarer kunstvoller Form!
    Bitte mach damit weiter!
    Anne
    https://trustyourgut1.blogspot.de/

  • Reply Melanie 23. Februar 2017 at 15:13

    Weißt du was ich mag? Dass du so hell angezogen bist. Das strahlt Hoffnung aus.

  • Reply Mandy 22. Februar 2017 at 15:23

    Liebe Luise,

    das hast du wirklich wahnsinnig toll geschrieben. Hut ab! Ich bin selbst immer wieder traurig, wenn ich in meine Heimatstadt Dresden komme, wo mir so viel Unverständnis und Hass begegnet den ich nicht nachvollziehen kann. Aber du hast es sehr gut auf den Punkt gebracht, warum die Dresdner so sind und warum wir all der Wut mit Liebe begegnen sollten.

    Danke für diese tollen Zeilen und liebe Grüße
    Mandy

  • Reply Anne 21. Februar 2017 at 00:38

    Wahnsinnig guter Artikel über meine Heimatstadt Dresden, der aber auch von Weitblick geprägt ist!
    „Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.“
    – Humboldt

    Freue mich schon auf weitere Texte von Dir! Liebe Grüße, Anne

  • Reply JULIA 20. Februar 2017 at 23:48

    Liebe Louise

    Danke für diesen Beitrag! Ich habe Tränen in den Augen und bin ehrlich gerührt. Deine Worte sind so klug gewählt..Das trifft einen. Und das ist gut so.

    Das Zitat, dass wir nur noch zuhören, um zu antworten, geht mir auch schon länger nicht mehr aus dem Kopf. Und ich bin froh, dass sich auch andere darüber Gedanken machen. Mensch sein fängt bei jedem selbst an.

  • Reply Anita 20. Februar 2017 at 22:50

    Normalerweise gehöre ich zu den stillen Lesern, aber nach diesem Beitrag kann ich nicht länger still bleiben. Ich muss dir einfach meinen größten Respekt aussprechen.
    Was du hier machst, ist einfach fantastisch! Deine Texte sind tiefgründig, so inspirierend; deine Fotos Kunst. Du sprichst Themen an, an die sich nicht viele trauen, und du findest in meinen Augen immer die richtigen Worte. Ich glaube, dass sich viele mit deinen Texten identifizieren können.
    Vielleicht magst du nicht zufrieden sein mit der Followerzahl bzw. den Websiteaufrufen, aber bitte, werde dir bewusst, dass deine Reichweite größer ist als eine Zahl. Ich glaube ich kann hier für alle deine Leser sprechen wenn ich sage, dass die Inhalte, die du mit diesem Blog vermittelst, so unglaublich viel bewirkst und Menschen damit wirklich bewegst.
    Was du hier auf die Beine gestellt hast, ist einfach großartig! Lass dich bitte niemals einschüchtern oder unterkriegen!

    • Kleinstadtcarrie 22. Februar 2017 at 18:00

      Liebe Anita,

      tausend Dank für diesen Kommentar – solche Worte bedeuten mir wirklich die Welt und bekräftigen mich darin, so weiterzumachen, wie ich es tue 🙂 Danke!

  • Reply Janina 20. Februar 2017 at 13:59

    Du hast genau die richtigen Worte gefunden. Es wäre schön, wenn dein Text vor Ort zu lesen wäre, das würde vielleicht manche nachdenklich stimmen

  • Reply Sophia 20. Februar 2017 at 00:34

    Sehr gut geschrieben und so wichtig! 🙂

  • Reply Rieke 19. Februar 2017 at 22:04

    Danke , Luise.
    Es sind diese Texte, mit denen du mir immer wieder Tränen in die Augen treibst. Es ist toll, dass du kein Blatt vor den Mund nimmst. Dass du deine Stimme nutzt. Und das auf so wundervolle Weise. <3

  • Reply Carolin 19. Februar 2017 at 05:05

    Liebe Luise,

    erst am Montag stand ich selbst an der Stelle an der diese Fotos entstanden sind.
    Und rundherum unzählige Polizisten… und zwischendrin, die 3 Busse.
    Rundherum viele Menschen, die lächelnd für die Kamera posiert haben, im Hintergrund die Busse.
    Irgendwie hat sich das so unwirklich angefühlt…
    Und dann kamen mir einfach die Tränen, und die kamen jetzt bei deinem Text auch wieder.
    Danke das du das ganze so ansprichst, denn das ist ein schwieriges Thema.
    Danke.

  • Reply Deike 18. Februar 2017 at 18:28

    Was für ein großartiger Text! Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

  • Reply Franzi 18. Februar 2017 at 18:00

    Würden nur mehr Menschen so denken wie du! 🙂

  • Reply Der Pastor 18. Februar 2017 at 17:11

    Korrektur Mailadresse

  • Reply Chiara 18. Februar 2017 at 16:32

    „Liebe ist die einzige Revolution“ -Jiddu Krishnamurti

  • Reply abendschimmer 18. Februar 2017 at 11:10

    Jedes Land hat seinen eigenen Krieg.
    Jedes Leid ist eigenes Leid.

    Es tröstet mich nicht, dass in Aleppo Kinder ihre Eltern verlieren.

    ICH habe meinen Eltern verloren! Das ist mir näher als das Leid Anderer!

    Wenn ich die Wahl hätte.. das Leben meiner Eltern gegen das Leben der Eltern Anderer? WAs würde ich wählen?

    Krieg ist immer schlimm. Aber das eigene Leid ist immer am schlimmsten

    :'(

    • Kleinstadtcarrie 22. Februar 2017 at 18:02

      Hey 🙂

      Es geht auch nicht darum, Dich mit dem Tod anderer Menschen zu trösten. Es geht darum, gemeinsam zu trauern.

  • Reply Amelie 18. Februar 2017 at 10:40

    Mal wieder ein großartiger Text, liebe Luise!
    Mithilfe deines unfassbar guten Schreibstils rüttelst du wach und bringst eine Message rüber – ich hoffe jeder, der diesen Artikel gelesen hat, versteht sie…

    Vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag!

  • Reply Der Pastor 18. Februar 2017 at 09:56

    Einfach nur gut!
    Es wäre schön, wenn wir Dresden nicht nur als Dunkeldeutschland (DD) erleben…

  • Reply Lara 17. Februar 2017 at 18:42

    Luise, toller Beitrag! Ich bin begeistert von deiner ArtD Dinge auf den Punkt zu bringen. Du beschäftigst dich mit den richtigen Themen und sprichst an, was vielen auf dem Herzen liegt. Mach weiter so! Ich liebe deinen Blog und deine Art.

  • Reply Stephie 17. Februar 2017 at 17:19

    „Höre zu, um zu verstehen, nicht um zu antworten.“ Sehr wahr und ich will, dass du weißt, dass deine politischen Beiträge etwas starkes hinterlassen und bewirken.

  • Reply Dany 17. Februar 2017 at 15:23

    Ein toller Post, er rüttelt wach, er regt zum denken an.
    Ich hab manchmal das Gefühl Krieg ist wie ein Spiel, denn wenn ich höre „es gibt eine Kriegspause und die Wunden zu versorgen“ was soll das? Warum tut Ihr das dann überhaupt. Würde keine sinnlos kämpfen gebe es diese verwundeten Menschen doch gar nicht. Es ist traurig das es in der heutigen Zeit noch immer keinen Weg gibt Dinge anders zu klären.
    Wo ist das miteinander? Sind wir nicht alle Menschen? Es macht mich wütend und traurig zu gleich. WACHT ENDLICH AUF bevor es zu spät ist.

    Danke für deinen Beitrag.

    LG Dany von http://www.danyalacarte.de

  • Reply Johanna 17. Februar 2017 at 15:04

    Danke liebe Luise!
    Danke, dass auf deinem Blog auch Platz für diese politischen Beiträge ist!
    Danke, dass du mich immer wieder zum Nachdenken bringst!

    Ich verfolge deinen Blog schon eine ganze Zeit lang und das musste ich jetzt endlich mal loswerden 🙂