Wie eine heiße Dusche

Random/30. Januar 2017/27 Kommentare

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Was für ein Tag. Schuhe aus. Ich schließe die Wohnungstür auf und lasse bereits im Flur meine schwere Tasche und den dicken Wintermantel auf den Boden fallen. Während ich im Schlafzimmer meinen Pyjama hole, verteile ich nach und nach jedes einzelne Kleidungsstück in meiner Wohnung. Ich strample mich aus der zu engen Jeans, atme auf, als ich den BH öffne. Im Badezimmer drehe ich die Heizung auf höchste Stufe, werfe einen flüchtigen, müden Blick in den Spiegel und steige in die Dusche.
Ich drehe den Hahn auf. Heiß. Heißer. Ich lasse mir das Wasser über das Gesicht laufen. Merke wie mir die Mascara über die Wangen läuft. Dann die Haare und der Rücken und meine Füße kribbeln.
Und so bleibe ich erst Mal eine Weile stehen.
Irgendwann: quetsche ich den Rest des Shampoos aus der ollen Verpackung und massiere mir kurz den Kopf. Ein bisschen Schaum gelangt mir ins Auge. Aua!
Und dann stehe ich wieder da. Und das Wasser läuft. Und es dampft. Und ich genieße.
Immer noch.
Studien zufolge, kompensieren Singles ihre Einsamkeit mit einer extra langen Dusche. Das habe ich neulich irgendwo gelesen und muss schmunzeln. Aber das prüfe ich nachher erst Mal nach. Und wer hat eigentlich behauptet, Singles seien einsam?
Ich denke darüber nach, wie viele Studien es wohl für meine Bachelorarbeit zu lesen gilt und wann ich die eigentlich endlich schreiben will. Und dann gehe ich gedanklich das Studium durch und sitze plötzlich wieder das erste Mal in meiner ersten Vorlesung. Aufgeregt und mit Pausbäckchen. Irgendwie. Unbeholfen. Und irgendwie ist das schon ziemlich lange her.
Ein kalter Wasserstrahl reißt mich aus den Gedanken – man! – da hat wohl jemand gespült, denke ich und erinnere mich im selben Moment daran, dass ich mir doch noch die Beine rasieren wollte. Wieso eigentlich?, grüble ich kurz. „Für dich selber!“, ruft mein Ich-kümmere-mich-gut-um-mich-selbst-ich, geschult durch meine Mutter. „Mein Gott, es ist Winter, sie ist Single und kein One-Night-Stand ist in Sicht!“, ruft die Emanze in mir. Und zuckt empört die Schultern, als sie erfährt, wie ich sie getauft hatte.
Nach einigen weiteren Minuten entscheide ich mich dafür ein Bein zu rasieren und das andere nicht. Das ist fair, denke ich. Aber eigentlich liegt es nur daran, dass ich keinen Badewannenrand habe, auf dem ich mein Bein abstellen könnte.
Und während ich so nach unten gebeugt und verrenkt probiere mein Bein gründlich zu enthaaren, entdecke ich in der Ecke meiner Dusche das neue Peeling, was mir meine Schwester zu Weihnachten geschenkt hatte. Wunderbar! Das brauche ich nach einem Tag wie heute. Ein kleines Spa-Erlebnis für zu Hause. Und während ich so diese Beauty-Routine durchgehe, spreche ich laut vor mich hin und tue so als wäre ich eine dieser Beauty-Youtuberinnen und lache mich schlapp. Bis ich mich daran erinnere, dass ich da ja eigentlich wirklich dazu gehöre. Aber ist auch mal schön, das für einen Moment zu vergessen.
Ich spüle das Peeling ab, was sich auf dem rechten, unrasierten Bein unfassbar gut und auf dem linken, frisch rasierten Bein unfassbar ätzend – im wahrsten Sinne des Wortes – anfühlt und lasse wieder heißes Wasser über meinen Körper strömen.

Ich betrachte die Fugen zwischen den Fliesen und erinnere mich daran, wie ich die früher gern mit einer alten Zahnbürste geputzt habe. Damals war ich 5. Und ich werde melancholisch. Ich denke an unser altes Badezimmer und wie mir, auf dem Badewannenrand, den wir damals hatten, sitzend, meine Mutter die Haare schnitt. Ich wollte unbedingt einen Pony. Also eigentlich wollte ich den nicht. Aber – nunja. Ich werde noch trauriger. Vielleicht ist es sogar eine Träne, die mir da zwischen all’ dem Duschwasser übers Gesicht läuft. Jedenfalls: dann hatte ich diesen Pony und er sah scheußlich aus. Und die anderen Kinder der 7. Klasse lachten mich aus. Mit 5 in der 7. Klasse? Okay, damals war ich 12. Irgendwie hatten sich meine Erinnerungen gerade vermischt.

Ich entscheide mich dazu auch noch meine Arme zu peelen und gehe währenddessen gedanklich den Einkaufszettel durch, den ich wieder Mal nicht geschrieben habe. Ich mache mir einen groben Plan für den morgigen Tag und rechne aus, wie lang ich noch schlafen kann. Und dann stehe ich da. Ich stehe einfach da. Heißes Wasser. Heißer. Und mein Arm will sich einfach nicht anwinkeln, um das Wasser auszuschalten. Noch ein bisschen! Aber Du bist doch längst sauber – und aufgewärmt.
Und ich denke an die Studie. Und vielleicht stimmt es ja doch.
Ich bin single. Und vielleicht manchmal doch ein bisschen einsam. Und alles was ich hab’ ist diese Dusche. Und das tut gut. Das fühlt sich gut an. Wie eine Umarmung denke ich, – und sinke im selben Moment im Selbstmitleid.
Wie lang ich hier wohl schon stehe?
Wer hatte eigentlich behauptet es sei umweltfreundlicher zu duschen als zu baden! Die Person hatte jedenfalls keine Ahnung von einer ausgiebigen, einer einer Umarmung gleichenden Dusche.

Irgendwann schaffe ich es doch.
Und nach einer gefühlten Ewigkeit schalte ich endlich das Wasser aus. Handtuch. Duschwand beiseite schieben.

Ich tapse mit nassen Füßen ins Schlafzimmer und gerade als ich die Vorhänge zuziehen will, geht die Sonne auf. Und das Ende Dezember, denke ich und schüttle den Kopf. Am Wandkalender zeigt es mir den März. Ich bin verwirrt und beschuldige in Gedanken schon meine Freundin, die sich einen Spaß mit mir erlaubt haben muss. Ein flüchtiger Blick aufs Handy. Tatsächlich. Es ist der 5. März. Und ich hätte schwören können, dass es Ende Dezember gewesen ist, als ich zur Tür herein kam.

Träge. Müde. Unterkühlt.
Es gibt Momente im Leben, in denen man sich einfach nur auf der Couch verkriechen will. Eingekuschelt in eine Decke. Heiße Dusche. Abschalten. Nichts tun. Für einen Moment aus dieser Welt aussteigen. Ohren zu. Handy aus. Abstand gewinnen. Allein sein. Für sich sein. In Erinnerungen schwelgen. Sich selbst bemitleiden. Und weinen. Und dann gedankenverloren das Treiben da draußen beobachten, – aber bloß nicht aufstehen.

Träge. Müde. Unterkühlt.
Und diese Momente sind okay. Und wichtig. Notwendig. Das tut der Seele gut. Und der Beziehung zu einem selbst. Der Heizkostenabrechnung weniger gut vielleicht. Aber was soll’s.
Dieser Moment –  ist wie eine heiße Dusche. Schön warm, gut für die Seele und irgendwie berauschend. Wohltuend, aber irgendwie auch lähmend. Ein Zustand der Trance. Angenehm, aber Stillstand.
Und manchmal ist es ziemlich schwer, da wieder rauszukommen  – denn irgendwann bekommt man schrumplige Haut.

Also: Wasserhahn abdrehen. Und nicht noch mehr Zeit verlieren. 

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27 Kommentare

  • Reply Steffi 10. Februar 2017 at 14:12

    Liebe Luise, wieder mal ein toller, tief gehender Text der zum nachdenken und reflektieren anregt. Du schaffst es immer wieder mich einige Minuten zum innehalten zu bringen. Und dafür danke ich Dir!

  • Reply Andrea 1. Februar 2017 at 13:57

    Diese Fotos – wunderschön!! Mag den Text auch sehr.

  • Reply S. 1. Februar 2017 at 00:44

    Schöner Text <3

    Ich dusche auch immer sehr lange, als Single. Tja, irgendwie stimmt das.

  • Reply Patricia 31. Januar 2017 at 20:24

    Wow Luise, dieser Text ist so wunderschön. Genau so etwas habe ich gebraucht. Wasserhahn andrehen!

  • Reply Maren 31. Januar 2017 at 19:42

    Sehr schöner Text und auch sehr schöne Bilder! :)

  • Reply Anna-Lena 31. Januar 2017 at 18:28

    Ein toller Text. Ich kann diese Gefühl sehr gut nachempfinden. Wie so oft findest du genau die richtigen Worte. <3

  • Reply Jasmina 31. Januar 2017 at 10:14

    Ein wunderschöner Text – einfach inspirierend :D

  • Reply Sylvia 31. Januar 2017 at 08:46

    Also ich hätte ja lieber eine Badewanne, aber die Fotos sind wieder mal einfach mega!

    Liebe Grüsse
    Sylvia
    http://www.mirrorarts.at/ Foto/Travel/Lifestyle

  • Reply Ceren 31. Januar 2017 at 01:23

    Es tut wirklich gut manchmal einfach unter der Dusche zu stehen und das Wasser auf der Haut zu spüren. Unglaublich toller Text, der mich nachdenklich gemacht hat.

  • Reply Isabelle 31. Januar 2017 at 00:52

    Deine Texte überraschen mich immer wieder, bin jedes mal wieder begeistert. Deine Bilder sind auch so ästhetisch.
    Ich freue mich jedes mal über deine neuen Beiträge. : )

    • Kleinstadtcarrie 31. Januar 2017 at 11:36

      Danke Isabelle :)
      Freue mich so über Euer ganzes Feedback <3

  • Reply Juloane 30. Januar 2017 at 23:59

    So ein toller Text, ich war richtig gefesselt. Manchmal sprichst du einem aus der Seele.❤️

  • Reply Vivien 30. Januar 2017 at 23:14

    Was für ein unglaublich schöner Text, Luise (wie eigentlich immer)! Und irgendwie genau das, was ich gerade gebraucht habe. Danke, dass du es immer wieder schaffst, Gedanken und Gefühle in so wunderbaren Worten zu verpacken <3

  • Reply Alex 30. Januar 2017 at 22:55

    Ein toller Text! Obwohl ich das mit den Singles für ein Gerücht halte – ich dusche auch gerne lange, vor allem, wenn ich einen blöden Tag hatte oder einfach mal Zeit für mich brauche. Genau die Situation wie bei dir, und ich bin gar nicht single. In der Dusche ist man nun mal meistens alleine und hat Zeit, nachzudenken…♥

  • Reply Dunja 30. Januar 2017 at 22:49

    sehr schöner Text :) habe mich gerade, eingekuschelt mit Wärmflasche, sehr darin wiedererkannt :)

    Liebe Grüße
    Dunja

  • Reply Johanna 30. Januar 2017 at 22:16

    Toller Text und unglaublich schöne Bilder <3

    Liebe Grüße Johanna von http://www.missrapunzel.com... weiterlesen auf: http://streifenherzchen.de/monthly-review-1/
    Copyright © Ihr Name oder der Ihrer Firma.

  • Reply Rieke 30. Januar 2017 at 21:24

    Ein unglaublich toller Text, liebe Luise <3

  • Reply Lara 30. Januar 2017 at 21:08

    Was ein toller Text! So schön und auf seine ganz eigene Art und Weise irgendwie auch witzig, zumindest im ersten Teil! Von so was gerne mehr, ein bisschen Selbstironie schadet keinem :D und Abwechslung auch nicht, das fand ich gerade echt erfrischend :)

  • Reply Ani 30. Januar 2017 at 21:05

    Liebe Luise,

    ich höre mir gerade Pensée sur l’amour – Adrian Ström an und lese dabei diesen Text. Du berührst mich mit jedem deiner Texte. Dein Stil, deine Art zu schreiben, die Bilder dazu: Das ist wie eine kleine Filmwelt, nur in Textform. Alles in allem ist alles rund, stimmig und so harmonisch.
    Du machst mich ganz nachdenklich und tatsächlich etwas traurig, weil so eine tolle Frau wie du noch single ist.
    Ich lese einige Blogs und muss wirklich sagen: Auch wenn du nicht soviele Abonennten hast wie die anderen, du bist ihnen in sovielen Dingen voraus.
    Mach so weiter, lass dich nicht unterkriegen und bleib bitte deinem Stil treu. Du solltest ein Buch schreiben. Ich denke du würdest sehr viele Menschen berühren.
    Ich finde dich wirklich großartig.

    Viele Grüße,
    Ani

    • Kleinstadtcarrie 30. Januar 2017 at 22:01

      Hey Ani,

      also Du musst absolut nicht traurig sein, dass ich single bin :D Also ich bin es (meistens) nicht :-)

      Aber danke für Deinen Kommentar, bedeutet mir sehr viel <3

  • Reply Julia E 30. Januar 2017 at 20:19

    Ein wahnsinnig guter Text ist das mal wieder. Ganz großen Respekt. Du schaffst es immerwieder aufs neue mich mit deinen Texten für einen kurzen Moment aus dem Alltag zu reißen. Ich freu mich jedes Mal wenn ich sehe dass ein neuer Blogpost online ist. :)

  • Reply Greta 30. Januar 2017 at 18:13

    Was für ein schöner Text! :)
    Mir gefällt es, dass du was Alltägliches beschrieben hast, ich konnte mich da wirklich sehr gut wiederfinden. Nach ewigen Gedankengängen in der Dusche fällt mir meist auf, dass ich mich noch gar nicht gewaschen habe und frage mich, wie lange ich da wohl schon stehe.
    Der kleine “Wachrüttler” (was für ein Wort :D) am Ende hat mir auch gut gefallen. Vielleicht brauche ich sowas in meiner aktuellen Lebenslage; den Hahn zudrehen und aus der Trance erwachen…
    Viele Grüße und noch viel Durchhaltevermögen für die Bachelorarbeit! :)

  • Reply Lu 30. Januar 2017 at 17:32

    Genau das habe ich gerade gebraucht…
    Danke!