Eisprinzessin

/26. Januar 2017/19 Kommentare

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Ein Mal im Jahr Eislaufen gehen.
Darauf habe ich mich als Kind immer ganz besonders gefreut.
Und dann wollte ich unbedingt das weiße Paar Schlittschuhe.
Und dieses eine – ganz bestimmte – Mal, war sie da. In weiß und hellblau. Und sie glitt übers Eis als würde sie nie etwas anderes tun. Und dazu dieses Lächeln. Die blonden Haaren wehten im Wind. „Mama, schau mal: eine Eisprinzessin!“, flüstere ich, klammerte mich an die Bande – und beobachtete sie.

Anmutig. Wunderschön. Elegant. Und sie dreht sich. Sie drehte sich. Drehte sich. Drehte.
Und ich wollte so sein wie sie. Eines Tages wollte ich sein wie sie.

Ich weiß nicht, wie lange ich da stand und sie beobachtete. Anstarrte. Fasziniert. Gebannt.
Dann nahm sie plötzlich Anlauf und sprang. Und fiel.
Und mir stockte der Atem.
Aber sie stand einfach auf und fuhr ein Stück rückwärts. Und nahm wieder Anlauf. Und wieder fiel sie. Und wieder stand sie auf. Und ich sah den Ehrgeiz in ihren Augen. Aber keine einzige Träne. Ich sah keine Träne. Und wieder fiel sie und stand auf. Und sie fiel.
Und ich stand da und
Und ich wollte so sein wie sie. Eines Tages wollte ich sein wie sie. 

Stark und ehrgeizig. Und leidenschaftlich. Unaufhaltsam. Anmutig.
Und ich wollte so sein wie sie. Eines Tages wollte ich sein wie sie. 

Und dann bin ich losgelaufen. Und meine große Schwester nahm mich an die Hand. Und wir liefen los. Wackelig. Und dann übermutig. Und dann bin ich hingefallen. Und wie ich da auf dem Eis lag, hielt ich Ausschau nach ihr. Sie schwebte übers Eis und war gerade im Begriff Anlauf zu nehmen. Wieder.
Also schluckte ich die Tränen hinunter. Und stand auf. Und ich spürte, wie mir das warme Blut übers Schienbein lief –  aber das sieht ja keiner. Und ich lief weiter. Tapfer. Und schluckte die Tränen runter. Immer wieder.

Irgendwann saß ich erschöpft auf der kalten Holzbank und band die Schleifen auf. Geschafft. Und mit einigen blauen Flecken mehr.
Und dann sah ich sie da sitzen. Ganz hinten. Am Ende der Eisbahn. Und ihr Gesicht glitzerte. Es glitzerte in der Sonne. Eigenartig. Und wunderschön. Eisprinzessin. Ich wollte so sein wie sie. Eines Tages wollte ich sein wie sie. Glitzern. Ich wollte glitzern.

Und sie stand auf, zog sich den hellblauen Mantel wieder, warf sich die Schlittschuhe über die Schultern. Und ging.

Aber ich werde nie vergessen, wie anmutig, wie ehrgeizig und leidenschaftlich sie immer wieder Anlauf nahm und sprang. Und jedes Mal kam sie ihrem Ziel ein kleines Stück näher.
Und ich weiß: irgendwann würde sie es schaffen. Pirouette.

Irgendwann begriff ich – wahrscheinlich in diesem einen Winter, als da niemand war, um mit mir Schlittschuhlaufen zu gehen und ich mutig entschied allein auf die Eisbahn zu … und als ich dann fiel und vergaß mich nach ihr umzusehen, oder vielmehr aus Trotz gar nicht aufblickte, sondern einfach nur weinte.
Eisprinzessinnen weinen auch. Sie schlucken die Tränen nicht runter. Nicht gänzlich. Denn wenn es nur ein paar wenige sind, dann gefrieren sie sofort.
Und das sieht dann so aus – für die meisten – als gäbe es nichts außer dem strahlenden Lächeln und den eisblauen Augen. Und dem Ehrgeiz und dem Erfolg. Dem Glitzer.
Eisprinzessinnen weinen auch.
Eiskristalle. Und plötzlich Glitzer.  

Und das sieht wunderschön aus. Wunderschön.
Aber die Tränen müssen schmelzen, bevor man sie wegwischen kann.
Und sie springt. Und steht auf. Und springt wieder. Und warmes Blut fließt. Und Tränen. Tränen gefrieren. Und glitzern. Und das sieht so leicht aus. Das sieht so anmutig aus. Und dann kam dieser Junge. Und hauchte vorsichtig auf ihr Gesicht. „Sie glitzert gar nicht mehr!“, rief ich damals. Heute macht das alles Sinn:

Viele lassen sich blenden. Und das ist okay.
Solange es Menschen gibt, die vorsichtig probieren aufzuwärmen. Keine Angst haben vor dem, was darunter zu erwarten ist. Fingerspitzengefühl. Wärme. Und er hauchte ihr vorsichtig, behutsam ins Gesicht. „Damit ihre Augen strahlen. Das ist so viel schöner als ein glitzerndes Gesicht.“
Ich wollte so sein wie sie. Eines Tages wollte ich sein wie sie.
Also: Zart und zerbrechlich, aber stark und ehrgeizig. Und leidenschaftlich. Unaufhaltsam. Anmutig.

 

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Mütze – H&M (ähnliche hier)
Mantel – Pimkie (ähnlicher hier)
Rock – Asos (hier)
Schuhe – Zara (ähnliche hier)
Strumpfhose – H&M (ähnliche hier)
Tasche – NewLook (ähnliche hier)

Fotos – Martin Stier / @MartinStier

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19 Kommentare

  • Reply Steffi 30. Januar 2017 at 22:38

    Dein Text ist ganz toll. Jetzt fehlen nur die weißen Schlittschuhe auf den Fotos. 😉
    LG Steffi

  • Reply Lissy 27. Januar 2017 at 19:37

    Wie wunderbar! Was für ein großartiger Text.

  • Reply Juliet 27. Januar 2017 at 19:34

    Toll geschrieben!
    Aller Anfang ist schwer. Den Mut dazu haben & daran wachsen. Der Rest kommt von alleine.

    Alles Liebe ❤️

  • Reply Kim 27. Januar 2017 at 19:00

    Wow, ich bin einfach nur beeindruckt. So ein toller Text und dazu noch so schöne Bilder!
    Ich werd auf alle Fälle mehr von dir lesen 🙂

    Liebste Grüße Kim

    • Kleinstadtcarrie 28. Januar 2017 at 10:38

      Juhu 🙂 Habe einige tolle Artikel geplant. Hoffe sie werden Dir gefallen 🙂

  • Reply Sylvia 27. Januar 2017 at 16:25

    Wieder ein wunderschöner Text! Ach ich kann einfach nicht genug von deinen Texten bekommen. Du solltest unbedingt mal ein Buch schreiben. Man will einfach immer weiter lesen.

    Liebe Grüsse
    Sylvia
    http://www.mirrorarts.at Foto/Lifestyle/Travel

  • Reply Nadja 27. Januar 2017 at 13:36

    Oh wie wunderschön *-* Mich würde ja jetzt interessieren, ob du jemals erfahren hast wer sie war und ob sie es wirklich jemals geschafft hat 😀
    Ein schönes Wochenende wünsche ich dir!

  • Reply Lena 27. Januar 2017 at 08:19

    Du schreibst so wunderbar, liebe Luise. Und so einzigartig. Ich lese deine Geschichten und Texte wirklich gern, manchmal mit ein paar kleinen Tränen in den Augen, manchmal – wie jetzt gerade – mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Ich finde es toll, wie du deine Outfit-Posts immer mit so tollen Texten aufwertest und dadurch auch wirklich viele Leser hast, die nicht zwingend an dem Mode-Content interessiert sind, sondern wegen deiner wundervollen Worte herkommen. Wirklich klasse.

    Ganz viel ♥ an dich.

    Lena

  • Reply Dany 26. Januar 2017 at 21:49

    Sehr schönes, passendes Outfit zum Text. Oh ja, egal ob Eiskunstläuferin oder Tänzerin- sie faszinieren. Sie ziehen uns in ihren Bann, erzählen eine Geschichte. Wenn man genau hin sieht, dann sieht man das Leuchten, das Glitzern, das Funkeln in Ihren Augen.

    Liebe Grüße Dany von http://www.danyalacarte.de/

  • Reply Carolin 26. Januar 2017 at 21:19

    Ich habe gerade Gänsehaut bekommen. Einfach wunderschön!

  • Reply JK 26. Januar 2017 at 20:41

    Liebe Luise,

    Schöner Text und schönes Outfit. Ich hätte nur ein Foto von dir, auf dem du das Outfit noch einmal „stehend“ im Ganzen präsentierst, noch gut gefunden 🙂
    Ich hab noch eine Frage zu deinen Overknee-Schuhen (obwohl sie jetzt in diesem Post gar nicht vorkommen). Ich habe dieselben, aber bei mir rutschen die Overknees immer runter bzw. schrumpeln extrem, da sie nicht an meinen Beinen anliegen.
    Ziehst du noch etwas unter deine Overknee-Schuhe drunter oder hab nur ich dieses Problem? 😀

    Liebste Grüße,
    JK

    • Kleinstadtcarrie 28. Januar 2017 at 10:41

      Hey Hey 🙂

      Also meine passen wie angegossen und rutschen daher auch nicht runter!
      Da kann ich Dir leider keinen Tip geben. 😮

  • Reply Isabelle 26. Januar 2017 at 17:52

    Deine Texte sind immer sehr inspirierend! Danke dafür. Liebe Grüße : )

  • Reply Iris 26. Januar 2017 at 15:56

    Was für ein wunderschön geschrieber Text. Er hat mich komplett in den Bann gezogen!

  • Reply Bella 26. Januar 2017 at 15:30

    Deine Blog-Einträge versüßen mir immer wieder meinen Arbeitstag. Immer schön und auch sehr ehrlich geschrieben. 🙂

  • Reply Lara 26. Januar 2017 at 15:17

    Einfach nur WUNDERSCHÖN! <3

  • Reply Lovelipstix 26. Januar 2017 at 14:03

    Wunderschöner Text <3

    Du hast so einen tollen Schreibstift

  • Reply Bella 26. Januar 2017 at 14:01

    Der Text ist richtig schön und die Fotos spiegeln die Atmosphäre wunderbar wider!