Nur wenn ich es will

Texts/15. Dezember 2016/18 Kommentare

img_9415 „Ich liebe Dich. Aber Du kannst nicht ständig verschwinden. Du kannst mich nicht drei Monate lang verlassen und erwarten, dass wir das hinkriegen. Dass ich das hinkriege. Und selbst wenn Du wieder kommst, Du bist doch nie lange an einem Ort. Wie sollen wir das aushalten?
Entweder Du bleibst hier – oder das mit uns ist vorbei. Dann war’s das!“
Und ich ging. Es ist nicht so, dass ich ihn nicht liebte, – aber das ist mein Leben. Mein Leben bevor es unser Leben wird. Werden könnte. Und Du kannst mich nicht fesseln. An diesen einen Ort. Diese eine Erfahrung. Lass’ mich frei! Komm mit!, habe ich immer wieder gesagt. Ich komme wieder!, habe ich versprochen. So gemeint. Dran geglaubt. Ich komme wieder! Versprochen!
Aber das hat Dir nicht gereicht. Nie. Und das ist okay. Und vielleicht verstehe ich es sogar. Ein bisschen. Stückweit.
Aber ich liebe diese Welt. Und ich brauche diese Erfahrungen.
Weil ich es will. 

Wir hatten uns gerade kennengelernt. Und es fühlte sich großartig an. Wir hatten uns bisher nicht allein getroffen, aber zwei Mal sind wir uns begegnet und wenn ich endlich Mal einen Nachmittag frei machen würde – stände einem ersten Date nichts mehr im Weg.
Ein weiterer Tag verstrich und ich merkte, dass er enttäuscht war, dass ich mir wieder keine Zeit nahm, nehmen konnte – umso mehr genoss ich die abendliche Unterhaltung bei What’sApp. Es war 2:33 Uhr und ich klappte widerwillig den Laptop zu. „Schlaf jetzt, Süße.“, schrieb er und ich war gerade im Begriff die Augen zu schließen, also eine weitere Nachricht auf meinem Display erschien: „Oder soll ich noch vorbei kommen?“
Plötzlich war ich hellwach und fühlte mich ziemlich vor den Kopf gestoßen.
Romantisch fand ich dieses Angebot ganz und gar nicht. Seither habe ich mich nicht bei ihm gemeldet.
„Was um alles in der Welt strahle ich denn aus, dass er sich erlaubt mich um diese Uhrzeit so etwas zu fragen?“, jammere ich einem meiner besten Freunde die Ohren voll, „vielleicht sollte ich doch nicht so viele freizügige Bilder posten.“
„Luise, Du postest das, worauf Du Lust hast. Ein Social Media Auftritt erlaubt doch niemandem, davon auszugehen, dass er um 2:33 Uhr bei Dir zu Hause auf der Matte stehen kann. Und außerdem: das liegt nicht an Dir! Entweder ist ein Typ so unverschämt oder nicht.“
Nicht nur weil er es will. 

Ich sitze im Zug. Es ist spät und ich bin müde. Mir fallen beinah die Augen zu. Es klingelt ein Handy und ich schrecke auf. Nicht meins. Und gerade als ich meinen Kopf wieder gegen die eiskalte Fensterscheibe lehnen will, beginnt das Gespräch. Ich komme nicht umhin, als zuzuhören.
„Und? Wie war’s? Du musst mir alles erzählen!“, kichert sie aufgeregt in den Hörer. Der Waggon ist so gut wie leer. Ich sehe sie nicht, schätze sie aber in meinem Alter ein.
Es ist ziemlich lange ruhig. Ich wünschte ich könnte die Gegenseite auch hören und denke darüber nach, dass ich meine beste Freundin auch mal wieder anrufen könnte.
„Okay. Man, ernsthaft – wieso bist Du immer so prüde? Jetzt hast Du endlich mal einen abbekommen und beschwerst Dich am laufenden Band.“ – Okay, das kann unmöglich ihre beste Freundin sein, denke ich. Die junge Frau klingt offensichtlich genervt und aus irgendeinem Grund wird sie mir auf Anhieb unsympathisch.
„Ich muss ein bisschen leiser reden, Süße. Sitze im Zug…“, ich verstehe sie trotzdem und fühle mich ertappt, „Aber mal ehrlich, harter Sex ist doch sowieso viel besser. Und so ein Klaps schadet Dir nicht!, lacht sie gedrückt, dabei trotzdem hysterisch in den Hörer.
Ich runzle unwillkürlich die Stirn.
„Also wie gesagt, hab’ Dich nicht so und lass’ ihn mal machen. Er weiß was er tut.“
Und dann erzählt sie von ihrem Wochenende, der Uni und dem Besuch bei ihre Großeltern. Als wäre nichts gewesen.
Ich weiß nicht, wer am anderen Ende der Leitung sein Herz ausgeschüttet hat. Aber ich würde sie am liebsten in den Arm nehmen und sagen: „Nein! Wenn das für Dich nicht okay ist, dann ist es nicht okay.
Nur wenn Du es willst. 

Plötzlich wollen wir uns alle selbst verwirklichen. Die Welt bereisen. Neue Wege gehen. Trampelpfade. Erkunden. Wir wollen uns ausprobieren. Grenzen missachten und überqueren. Wir sammeln Stempel in unseren Pässen und haben keine Angst mehr vor Lücken im Lebenslauf. Wir wollen Sex! Viel! und oft! Aufregend. Experiment. Wir sind waghalsig. Riskieren.
Ich will mich selbst verwirklichen. Die Welt bereisen. Neue Wege gehen. Trampelpfade. Erkunden. Ich will mich ausprobieren. Grenzen missachten und überqueren. Ich sammle Stempel in meinem Pass und habe keine Angst mehr vor Lücken im Lebenslauf. Ich will Sex! Viel! und oft! Aufregend. Experiment. Ich bin waghalsig. Riskiere.
Besonders jetzt. Besonders in diesem Jahr.
Ich weiß nicht genau, was mich gehemmt hat. Aber ich weiß, was passiert ist. 2016. 2016 ist passiert und hat mich gelehrt: Tu, was Du willst! Mach’ mehr von dem, was Dich glücklich macht.
Wollte es immer jedem Recht machen. Rücksichtsvoll. Aufopfernd. Dabei hat mir schon mein Lehrer in der 3. Klasse gesagt, dass man beim Sprint nicht darauf guckt, wo die anderen sind. Gruppenzwang? Leider kann der schon bei zwei Leuten funktionieren. Aber nicht mit mir! Ich bin weiterhin hilfsbereit und achte auf die Bedürfnisse der Menschen, die mich lieben, die mich achten, die mich voran bringen wollen. Aber alle anderen, die Ihre Wünsche bewusst über meine stellen, die mich ausbremsen wollen oder zu weit raustreiben? Diese Menschen – lasse ich gehen. Weiterziehen. Für sich selbst entscheiden. Aber nicht mehr für mich.
Denn jetzt weiß ich: Nur wenn ich es will, ist es für mich richtig.
Nur wenn ich es will, fühlt es sich gut für mich an.
Nur wenn ich es will.

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Dieser Beitrag entstand in liebevoller Zusammenarbeit mit der gesellschaftlichen Kampagne #nurwennicheswill. Ins Leben gerufen wurde die Initiative von der Pille Danach und setzt sich seither für eigene und selbstbewusste Entscheidungen junger Frauen ein. Das ist natürlich im Alltag aber auch bei den Themen Sex, Verhütung und Schwangerschaft von großer Bedeutung und ich freue mich Teil des Ganzen sein zu dürfen. Macht mit und teilt auf Instagram unter dem Hashtag #nurwennicheswill Eure Geschichten von Selbstbewusstsein, Selbstverwirklichung und einem starken und unabhängigen Willen. Ich freu mich drauf! 

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18 Kommentare

  • Reply Marie 20. Januar 2017 at 12:42

    Kann ja nicht sein, dass wir Mädls im Job so tough sind und bei den Männer uns “einschüchtern” lassen… Nix da! Schön zu lesen, dass es mehr von UNSERER Sorte gibt! Und wie heißt es so schön: Einen Scheiß muss ich!

  • Reply Gina 29. Dezember 2016 at 04:31

    Ich habe zu dieser Kampagne schon einige Beiträge gelesen und finde sie alle toll. Es ist so wichtig (jungen) Frauen und Mädchen mit auf den Weg zu geben, dass sie alleine über ihren Körper und ihr Leben bestimmen – und niemand anders. Und zwar nicht nur beim Sex. Sondern bei allen Entscheidungen und Situationen, die ihr Leben betreffen.

  • Reply Krissi 26. Dezember 2016 at 16:58

    “Du darfst nicht…” “Du kannst nicht…” “Du sollst nicht…”
    “Du MUSST…”

    Diese Sätze hört man immer wieder. Manche Menschen versuchen, einen einzuschränken, zurückzuhalten, zu bremsen. Aber wie du sagst, man MUSS gar nichts. Du musst nicht, ich muss nicht, wir müssen nicht.
    Wenn ich etwas will, dann tue ich es. Aber eben nur, wenn ich es will. Nicht, wenn mir jemand anderes sagt, dass ich es zu wollen oder zu tun habe.

    Ausbrechen. Reisen. Die Welt erkunden. Immer wieder stolz die Stempel im Reispass zählen und sehen, wie es immer mehr werden. Auf die Lücken im Lebenslauf sch***en. Sich weiterentwickeln. Das will ich auch, liebe Luise. Und wenn ich es tue, dann weil ich es will. <3

    Genau – 2016 ist passiert, hatte viele Lektionen parat und hat sicherlich jeden von uns in gewisser Maßen irgendwie verändert. Noch 5 Tage bis Silvester – dann heißt es zeigen, was man gelernt hat. Danach handeln, danach leben. Für sich selbst entscheiden, nicht andere für einen entscheiden lassen. Aber auch nur für sich selbst entscheiden, nicht für andere. <3

    Ganz liebe Grüße,
    Krissi von the marquise diamond
    http://www.themarquisediamond.de/

  • Reply Michelle 21. Dezember 2016 at 13:29

    Ein sehr schöner Text, Luise. Den mag ich.
    Er spricht mich sehr an, teilweise erkenne ich mich selbst.
    2016 ist passiert. Ohja, das ist es.

    Frohe Weihnachten du Liebe. Mach immer weiter.

  • Reply S. 20. Dezember 2016 at 01:28

    In der Situation befand ich mich auch ;-)

  • Reply Sophie 19. Dezember 2016 at 23:36

    Wie eigentlich immer: Super Post” Ich liebe deine Art zu schreiben. Man will bloß kurz den ersten Satz überfliegen und schon hat man den ganzen Post gelesen! :P

    Ich wünsche dir eine schöne Woche :)

  • Reply Carolin 18. Dezember 2016 at 19:40

    Ich kenne das nur zur gut. Immer mich selbst über andere gestellt und gar nicht wirklich auf mich geachtet.
    Deswegen berührt mich dein Text unglaublich.
    So schöne und wahr Worte ! :)

  • Reply Sylvia 16. Dezember 2016 at 12:53

    Sehr schöner Text. Ich finde nicht das jemand irgendwas annehmen kann anhang vom Internet, was du postet etc. Kann mir aber vorstellen das viele das tun.

    Liebe Grüsse
    Sylvia
    http://www.mirrorarts.at

  • Reply Anne 16. Dezember 2016 at 11:13

    Ein wundervoller Text und eine tolle Kampagne!
    Ich selbst kenne dieses Thema zu gut. Ich habe jahrelang meine Bedürfnisse in den Hintergrund gestelllt, nur um es anderen recht zu machen. Um anderen zu gefallen, damit ich mir gefalle. Aber ich habe gemerkt, dass es mir nicht gut tut. Dass der Widerstand in mir immer größer wird.
    Heute sage ich immer noch manchmal ja, obwohl ich nein sagen möchte. Aber es ist weniger geworden. Und das ist okay. Kleine Schritte in die richtige Richtung ;)

    Liebe Grüße
    Anne

  • Reply FashionqueensDiary 16. Dezember 2016 at 10:27

    Klasse Beitrag und ich kann deine Gedanken absolut nachvollziehen – was sich manche herausnehmen ist in der Tat: ohne Worte…

  • Reply Elena 16. Dezember 2016 at 10:09

    Wunderschön geschrieben mit wichtiger Message dahinter!

    Finde diese Silvester-Reihe einfach toll! Freue mich jeden Tag darauf, dass du wieder einen neuen Blogeintrag postest. Es macht einen quasi süchtig:)

    Danke dafür!

  • Reply Lena 15. Dezember 2016 at 19:38

    Auf Snapchat bezogen: Ehrlich gesagt, verstehe ich gar nicht wieso sich manche über deine Dating-Kolumnen beschweren. Ich finde die immer toll und hoffe, dass 2017 weitere kommen werden :))

    • Kleinstadtcarrie 15. Dezember 2016 at 21:16

      hihi, auf jeden Fall geht’s weiter :) Ist ja auch Geschmacksache. Morgen kommt auf jeden Fall die letzte für dieses Jahr :)

  • Reply Maj-Britt 15. Dezember 2016 at 18:10

    Tolle Fotos, liebe Luise, und ein ganz ganz toller Beitrag! Ich kann ein Lied davon singen, es immer allen Recht machen zu wollen. Wollte immer jedem gefallen, habe ja gesagt, obwohl ich nein meinte. Hatte zu viel Angst, nicht ausreichend zu sein, wenn ich nein sage. Also sagte ich ja. Erst jetzt, mit 22, bin ich an dem Punkt angelangt, den auch du beschrieben hast. Sich um die Leute sorgen, die hinter einem stehen, immer für einen da sind. Aber die, die bewusst immer ihre Wünsche über deine stellen, lasse ich gehen. Jedenfalls versuche ich das. Das hast du so schön ausgedrückt, Luise, danke!

    Liebe Grüße,
    Maj-Britt

    http://www.dailymaybe.de

  • Reply Vivian 15. Dezember 2016 at 15:18

    An diesem Post gefällt mir sowohl der Text als auch die Bilder sehr gut! Du siehst unglaublich hübsch aus und so ein Pferdeschwanz steht dir ausgezeichnet!
    Würdest du verraten, welchen Lippenstift du trägst? In Kombination mit dem Augen-Makeup sieht der traumhaft aus!

    • Kleinstadtcarrie 23. Dezember 2016 at 00:14

      Das ist ein dunkelroter Lipliner von p2 :)

  • Reply kati 15. Dezember 2016 at 14:50

    ein sehr starker Beitrag!:)