Ein Protokoll

/24. Dezember 2016/22 Kommentare

Es ist der 14. Dezember 2016.
Ich habe gerade meine Reisen für das nächste Jahr koordiniert.
In Safari sind 14 Tabs geöffnet – Weihnachtsgeschenke müssen geshoppt werden.
Mein Schlafzimmerboden ist überseht mit Klamotten, ich habe keine Lust sie wegzuräumen.
Ich will verschnaufen.
Und scrolle mich durch meine Facebooktimeline.
„This video serves as a reminder to be an advocate for those without the same privileges. Those who understand the system of inequity, both how we internalize it and how it plays out in the world, are in a position to take a stand for change…This is real. This cannot be ignored.“, schreibt sie. Ich kenne sie aus New York. Aus einem der unzähligen Clubs der Stadt. Verrucht. Sexy.

Das Video beginnt.
Und unwillkürlich bekomme ich Gänsehaut. Am ganzen Körper.
Plötztlich wird mein Schlafzimmer, in dem eben nur friedlich Kerzen brannten, zur Ruine. Es ist Krieg! Schreie! Bombe! RENN! Blut. Verletzte. Tote. Mehr Tote. Mehr Blut. Hilfe!
Nach 63 Sekunden ist alles vorbei.
Ich weine. Die Tränen laufen mir einfach übers Gesicht. Still. Totenstill.

19. Dezember 2016.
Wieder Facebook.
Plötzlich: da ist jemand live. Ich lese die Überschrift nur unterbewusst und klicke auf Play.
Starr. Ich kann mich nicht bewegen. Sehe kaputte Buden, ich sehe Menschen am Boden und höre Schreie. Der Reporter erzählt, beschreibt. Ich nehme mein Handy und tippe. Ich rufe an. Niemand geht ran.
Ein paar Minute später melden sie sich zurück.
Allen geht es gut, denke ich im ersten Moment.
Dann: meinen Liebsten geht es gut. Und ich bin dankbar, ich bin unendlich dankbar. Aber es geht nicht allen gut.
Im nächsten Moment laufen mir die Tränen übers Gesicht. Ich schaue mir den Lifestream zu Ende an. Schließe dann den Browser. Ich klappe den Laptop zu. Und beginne Texte für die Bachelorarbeit zu lesen. Seit Wochen schiebe ich das vor mir weg. Jetzt greife ich nach ihnen, ganz rational, – als sei es das Normalste der Welt.
Nach zwei Stunden – so konzentriert habe ich lange nicht an diesen staubtrockenen Texten gesessen – räume ich meinen Schreibtisch akribisch auf, schalte alle Lichter aus und lege mich ins Bett. Denke gar nichts. Ich schlafe ein.

20. Dezember 2016
Der Wecker klingelt um 7:34 Uhr.
Ich wache auf.
Ich weiß: Haare waschen, gleich zum Shooting. Vorher noch Blogpost fertig.
Ich denke in Stichpunkten.
Also wasche ich meine Haare. Lege die Sachen für das Shooting bereit und setze mich an den aufgeräumten Schreibtisch. Ich klappe den Laptop auf. Lade die Fotos in den Beitrag. Und fange an zu tippen. Es wird ein Life Update – weil ich ja mal wieder erzählen muss, wie es mir geht, wie es weiter geht. Von all’ meinen Plänen im neuen Jahr. Den vielen Reisen und großen Zielen. In meinen Notizen heißt es: endlich wieder glücklich. Es heißt: der Abschied von New York so hart. Ich tippe schnell. Der Beitrag ist fertig. Ich will gerade auf Veröffentlichen klicken.
Etwas hemmt mich.
Der Tod.
Die Tatsache, dass 12 Menschen gestern in Berlin auf einem Weihnachtsmarkt gestorben sind.

Und ich denke:
Terror in Aleppo.
Terror – für ein paar Sekunden – in meinem Wohnzimmer.
Terror in Berlin.
Kein Terror in meinem Kopf.
Kein Terror in meinem Kopf.
Kein Terror in meinem Kopf!

21. Dezember 2016
Und jetzt laufen alle zum Weihnachtsmarkt.
Und rufen mit Jan Bömermann im Chor: Keine Angst! Kein Hass! Keine Angst! Kein Hass!
Ich bin stumm. Immer noch.
Jeder Facebookbeitrag schreit mir entgegen: „Du darfst keine Angst haben! Das ist das, was sie wollen! Du darfst keine Angst haben! Das Leben geht weiter!“
Ich darf Angst haben.
Ich darf.

Ich klicke auf „Veröffentlichen“.
Ein Life-Update. Weil das Leben weiter geht. Weil mein Leben weiter geht.
Und ich trauere. Um Menschen, die ich nie kennengelernt habe. Ich weine, weil: ich Angst habe.

24. Dezember 2016
Heute: Heilig Abend.
Wir sitzen auf der roten Couch. Gemütlich. Meine Mutter liest ein Buch. Meine Schwester schläft gerade schon wieder ein. Es ist still. Ich höre ihren Atem und ganz leise die Weihnachtsmusik.
Friedlich.
Und ich bin dankbar.
Habe, während ich die letzten Zeilen tippe, nach jedem Wort aufgesehen, um mich zu vergewissern, dass sie noch da sind.

Friedlich.
Und ich bin dankbar.
Jetzt klappe ich den Laptop zu. Und der Fernseher bleibt aus. Heute: Frieden im Wohnzimmer.Und ich weiß, dass nicht jeder auf der Welt dieses Privileg hat. Denn kaputte Dächer kann man nicht abschalten. Verstorbene Geliebte sitzen nicht neben Dir auf der Couch. Und wenn das Geld nicht für Geschenke reicht, dann … sollten die Augen heute trotzdem leuchten. Es soll uns allen warm ums Herz werden. Das ist es, was ich uns allen heute wünsche.
Ein klein bisschen inneren Frieden. So weit das möglich ist.
Heute: Heilig Abend.
Möge es für uns alle ein besinnliche Zeit sein, in der wir uns erholen von der Angst.
Und auf das wir gemeinsam gewinnen.

We are the world, we are the children
We are the ones who make a brighter day so let’s start giving
There’s a choice we’re making we’re saving our own lives 
It’s true we’ll make a better day just you and me 

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22 Kommentare

  • Reply Carolin Naumann 4. Januar 2017 at 19:54

    Am Anfang war es nur ein guter und schönes Text, am Ende sind mir dann die Tränen über das Gesicht gelaufen.

  • Reply Nadja 29. Dezember 2016 at 12:15

    Danke für diesen wieder einmal wunderbaren Post!
    Ich habe auch Angst und wenn ich zwischendurch nochmal Jahresrückblicke sehe, nochmal all die Anschläge, den Hass und den Terror, dann muss ich auch weinen (bestimmt zum 10. Mal mindestens und sicher nicht zum letzten Mal), vor Wut, vor Angst und Unverständnis!
    Angst zu haben ist denke ich auch okay, weil es um Menschen geht, um Orte die man vllt sogar kennt, doch wir sollten die Angst nutzen um Kraft daraus zu schöpfen, dass sich etwas ändert.. Ich finde es klasse, dass du so intensiv auf die Dinge eingehst.. wenn ich mir da andere ansehen, die jeden Tag nur über Beautyhacks berichten oder in Lebensmitteln baden.. mh.. egal.. anderes Thema :D
    Ich wünsche dir ein paar tolle letzte Tage in 2016 und einen guten Rutsch!
    Liebe Grüße, Nadja <3

    • Kleinstadtcarrie 29. Dezember 2016 at 12:47

      Zum letzten Punkt: ich habe auch eigentlich nur sehr viel Unverständnis für Leute, die Ihre Reichweite so unbewusst, so ohne Sinn nutzen. Ich habe aber immer noch ein kleines Fünkchen Hoffnung, dass sie sich privat zumindest mit diesen Themen der Welt und Menschheit auseinander setzen – das nur aber auf Ihren Kanälen nicht thematisieren wollen (aus welchen Gründen auch immer)

      Liebe Grüße
      Luise

  • Reply Gina 29. Dezember 2016 at 05:04

    Gänsehaut. Und als ich die letzten Zeilen las’ und leise den Chor in meinem Kopf singen hörte, kamen mir die Tränen.
    Genieße die letzten Stunden im Jahr 2016, liebe Luise. Auf das im nächsten Jahr die Welt ein Stückchen besser wird. ♥

  • Reply nelsonamour 26. Dezember 2016 at 17:03

    Manchmal fehlen mir einfach die Worte bei deinen Texten. Außerdem habe ich (aus unerfindlichen Gründen) immer eine Stimme im Kopf, wenn ich deine Texte lese – nur ist es nicht meine eigene, was normalerweise der Fall ist, wenn ich Texte lese. Wahrscheinlich gefallen deine Beiträge mir deshalb so gut. Ruhige Feiertage und einen guten Start ins Jahr 2017! Liebste Grüße

  • Reply Luzia 26. Dezember 2016 at 14:15

    Perfekt!

  • Reply Krissi 25. Dezember 2016 at 22:55

    Das hast du wirklich schön geschrieben, wie alle deine Texte. <3
    Ja, es ist wirklich schlimm, was so los ist auf der Welt…möge die Weihnachtszeit auch den von Krieg, Zerstörung und Verlusten geprägten Menschen etwas Frieden und neue Kraft bringen – denn sie haben es so so sehr verdient, das Leid und die Angst endlich hinter sich lassen und wieder in Ruhe und Sicherheit leben zu können.

    Ich denke, dass es angesichts der momentan auf dieser Welt herrschenden Zustände verständlich ist, dass die Menschen Angst haben. Aber die sollte nicht überhand nehmen, denn wie du sagst: Das Leben geht weiter. Es muss weiter gehen und das soll es auch. Das heißt ja nicht, dass man nicht trauern oder gar keine Angst haben darf, denn das darf man durchaus. Man sollte dabei nur nicht vergessen, zu leben. Für sich und auch für all die Menschen, die es nicht mehr können…

    Wow, das Bild ist toll – der Weihnachtsbaum sieht so wunderschön aus.

    Ich wünsche dir und deinen Liebsten noch eine erholsame und besinnliche Rest-Weihnachtszeit. <3

    Ganz liebe Grüße,
    Krissi von the marquise diamond
    http://www.themarquisediamond.de/

  • Reply Julia 24. Dezember 2016 at 19:38

    Liebe Luise,
    schöner Text an einem Heiligen Abend.
    Ich finde, Angst zu haben angesichts von Terror ist nicht schlimm – solange man sich von ihr nicht lähmen lässt.

    Liebe Grüße und friedliche Weihnachtstage,
    Julia

  • Reply Lisa 24. Dezember 2016 at 15:06

    Liebe Luise,
    Danke für diesen Text.
    Frohe und friedliche Weihnachten dir und deiner Familie.

  • Reply Vivien 24. Dezember 2016 at 13:53

    So ein schöner Beitrag und wahre Worte, Luise!

    Ich wünsche dir einen schönen, besinnlichen Abend!

  • Reply Sophie Ella 24. Dezember 2016 at 13:46

    Liebe Luise,

    Ich mag deine Blogposts wirklich sehr und verfolge sie sehr gespannt. Bei diesem muss ich dir allerdings sagen, dass ich den Zeitpunkt der Veröffentlichung unpassend finde. Es ist sehr wichtig nicht über das Unheil der Welt hinwegzusehen, aber mir hat dein Post heute eher die Angst noch einmal bewusster gemacht, als Besinnlichkeit und Dankbarkeit hervorgerufen.

    • Kleinstadtcarrie 25. Dezember 2016 at 11:55

      Nun ja, Sophie, darum ging es mir ja ein Stück weit auch – merken, feststellen, dran denken: dass es nicht allen Menschen auf der Welt gut geht. Das ist so – auch an Weihnachten.

  • Reply Lynn 24. Dezember 2016 at 12:59

    Liebe Luise,
    Ich lese sonst immer nur deine Texte, fühle mit dir und kann nachvollziehen wie es dir geht. Aber heute wollte ich dann doch noch mal ein paar Zeilen verfassen. Du hast mich mit deinem Text zum wiederholten Male zum Weinen gebracht. Deine Worte treffen immer genau auf den Punkt. Vielen Dank.
    Ich wünsche dir und deiner Familie wundervolle Weihnachten und genieß die Auszeit, die du dir vollkommen verdient hast.
    Lynn

    • Kleinstadtcarrie 25. Dezember 2016 at 11:54

      Danke Lynn <3 Fürs immer Lesen und heute Kommentieren :)

  • Reply Vio 24. Dezember 2016 at 12:59

    Liebe Luise , du hast alles richtig gemacht als du das Life Update veröffentlicht hast.
    Die Tränen die mir grade runterkullern beweisen, dass du mit allem recht hast- ja das Leben geht weiter und ja es ist auch ok mal Angst zu haben und Dankbarkeit sollte bei allen größer den je geschrieben werden..
    Ich schalte jetzt auch ab und fange mit den Salaten für heut Abend an!
    Frohe Weihnachten & genieß eine freie Zeit mit deiner Familie :)
    Auf ein noch erfolgreicheres 2017!

  • Reply Melina 24. Dezember 2016 at 12:50

    Wunderschöner Beitrag! Du hast wie immer genau die richtigen Worte gefunden. Du bist wirklich meine Lieblingsbloggerin und dieser Beitrag zeigt mir mal wieder wieso. Ich wünsche dir heute einen ganz tollen Tag mit deinen Liebsten. Fühl dich (unbekannterweise) gedrückt. Viele Grüße aus Berlin!

  • Reply kati 24. Dezember 2016 at 12:18

    ein toller Beitrag! Ich wünsche dir schöne Weihnachten und uns allen ein bisschen mehr Frieden auf der Welt <3