Ich erkenn‘ mich selbst nicht wieder.

/21. November 2016/30 Kommentare

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„Küss mich!“, sage ich leise. So leise, dass er es fast nicht hört. In der Hoffnung, dass ich es vielleicht gar nicht ausgesprochen, gar nicht gedacht habe. Aber er tut es. Er küsst mich. Und es fühlt sich so gut an. Verboten. Und gut. Wahnsinnig. Wir schauen uns an. Lange. Intensiv. Und wir wissen beide, dass wir nichts haben: außer diesen Moment. 

Habe gestern definitiv zu viel getrunken, denke ich. Und als ich mir mit der Hand übers Gesicht wische, würde ich am liebsten kotzen. Meine Haare stinken. Ich öffne die Augen und … wo bin ich?

Es ist Dienstag Abend – mein Handy klingelt. Das dritte Mal. Immer wieder ruft sie mich an. Ich gehe nicht ran. Starre auf das Display. Aber gehe nicht ran.
Später – jetzt habe ich mir die Worte bereit gelegt: Ich rufe sie zurück. Es klingelt und ich hoffe, dass sie nicht rangeht – doch. Und ich erzähle ihr. Eine Geschichte. Und es ist so leicht.

Betrug.
Black Out.
Lüge.

Ich betrüge nicht.
Nicht einfach so.
Ich lüge nicht.
Und dann: doch: Betrug! Black Out! Lüge!

Manchmal ist die Versuchung zu groß. Küss mich! Die Umgebung verschleiert. Nur wir zwei. Wie ein Vakuum für den Moment. Nichts ist real. Niemand wird es je erfahren und somit ist es vielleicht nie passiert? – ist meine Erklärung. Entschuldigung.
Tequila bitte!, rufen wir und kommen aus dem Lachen nicht mehr raus. Die Nacht gehört uns und wir tanzen in unseren Schuhen, die längst durchgetanzt sind. Sein Blick verfolgt mich schon seit Stunden. Ich weiß nicht, wer er ist. Werde ihn wohlmöglich nie wieder sehn – ist meine Erklärung. Brauche keine Entschuldigung.
Manchmal ist die Versuchung zu groß oder die Angst davor, die Wahrheit zu sagen. Versuchung zu lügen. So einfach. So umkompliziert. Keine Tränen. Keine Enttäuschung. Was sie nicht weiß, macht sie nicht heiß. Was sie nicht weiß, verletzt sie nicht – ist meine Erklärung. Entschuldigung.

Ich weiß, dass ich stark bin. Eigentlich. Dass ich diszipliniert bin. Eigentlich. Ehrlich. Aufrichtig. Ich bin bedacht. Wiege ab. Ich überdenke, – bevor ich agiere. Ich plane, akribisch. Ich betrüge nicht, ich lüge nicht. Bin ehrlich. Zu mir selbst.
Aber dann und wann: breche ich ein. Oder aus? Dann fahre ich aus meiner Haut – nicht mehr Herr meiner Sinne. Wie eine Marionette werde ich geführt von der Unvernunft, der Aufregung, Erregung. Versuchung. Vom Leichtsinn. Das fühlt sich an wie ein spannender Kinofilm. So viele Details. Düstere Musik. Bin Zuschauer, Erzähler und Hauptfigur zugleich. Irgendwie ich selbst, aber eigentlich gar nicht. Eine Rolle? Eine Show? Ein Traum? Aber der Vorhang fällt nicht und es gibt keinen Abspann. Ich war nicht ich selbst! – ist meine Erklärung. Entschuldigung. Verteidigung. Gewissensbisse.

Manchmal:  erkenne ich mich selbst nicht wieder. Und dann bin ich enttäuscht. Schüttle den Kopf und finde keine Erklärung. Schäme mich. Hinterfrage mich. Wer bin ich eigentlich? Was tue ich hier?

Zu selten.
Ich fahre zu selten aus meiner Haut. Ich bin zu selten anders. Anders als ich. Zügel locker lassen. Bauchgefühl. Chancen nutzen! Abenteuer erleben! Fehler machen! Aus Mustern ausbrechen. Anders sein. Anders als ich. Anders als die Gewohnheit. Einfach machen.
Das ist gefährlich.
Und ich erkenn mich dann selbst nicht wieder.
Das ist aufregend.
Und das heißt manchmal: Betrug. Einfach so. Lüge.
Aber das heißt auch: Abenteuer. Ein waghalsiger Sprung. Anlauf!
Und immer: Leichtsinn.

Es ist 21:23 Uhr. Ich sitze in meinem 7qm großen Zimmer in Brooklyn und sehe, wie die Lichter der Stadt erwachen. Es wird Nacht und Manhattan strahlt. Ich steige in den Fahrstuhl. Dachterasse. Und nur: New York und ich.
Bevor ich schlafen gehe, buche ich mir einen Flug. Nach New York. Obwohl ich doch gerade noch da bin.
Fernweh.
Ich buch’ jetzt einfach.

Was tue ich hier? Wer bin ich eigentlich? Hinterfrage mich. Bin stolz. Finde keine Erklärung. Das passt doch gar nicht so mir. Nicht überdacht. Nicht zig Nächte drüber geschlafen. Gedacht.
Und das Beste: nicht eine Sekunde bereut.
Und das Schlimmste: nicht eine Sekunde bereut.

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30 Kommentare

  • Reply Britta 22. Januar 2017 at 09:15

    Liebe Luise, ich finde es jedes Mal aufs Neue wahnsinnig spannend wie du mit Worten spielst und was du aus ihnen machst! Ich bewundere deinen Mut, aber auch dein Talent! In dieser schnelllebigen Welt tut es immer wieder gut sich die Zeit zu nehmen und einen deiner Texte/ Geschichten zu lesen und nicht nach 2 Sek. Bilderscrollen den nächsten Post von Blog XY zu überfliegen! Also Danke 🙂 Und ich find auch die dunklen Haare stehen dir wahnsinnig gut xxx

  • Reply Anne 29. November 2016 at 13:06

    Guter Text, wir tun wohl alle mal was etwas das wir von uns selbst nicht erwarten würden! Solange es nicht zu weit geht oder anderer Leute Glück zerstört ist das wohl noch i.O. 😉
    LG!
    PS. Die Fotos sind toll, nur finde ich persönlich steht dir die Haarfarbe gar nicht! Dunkel passt doch eher zu dunklerem schönen Teint und dunklen Augen.

  • Reply Krissi 25. November 2016 at 20:33

    Wow! Wirklich richtig richtig toll geschrieben! Bitte bitte nutze und zeige dein Talent fürs Schreiben weiterhin. Denn das macht deinen Blog für mich aus. Was du hier regelmäßig ablieferst, was du hier veröffentlichst, ist wirklich ganz ganz große Klasse. <3

    Ganz liebe Grüße,
    Krissi von the marquise diamond
    http://www.themarquisediamond.de/

  • Reply ND 24. November 2016 at 23:14

    Es ist mir ehrlich gesagt völlig egal ob du betrügst, betrogen wurdest, etwas mit betrogenen Männern hast/hattest (das klang jetzt aber gefühllos) oder die ganze Geschichte fiktiv war.
    Der Text war gut geschrieben, provokant und interessant. Mich hast du spätestens jetzt als Leser geworden.

    • Kleinstadtcarrie 25. November 2016 at 23:53

      Danke 🙂 Genau so ist mein Blog auch gemeint!

  • Reply Sonny 24. November 2016 at 01:45

    mutig und ziemlich ziemlich gut.
    viele gehen nach diesem post und mich hast du gewonnen.

  • Reply Mary 23. November 2016 at 19:59

    Hallo Luise!
    Ich bin ganz neu hier auf deinem Blog -Heute entdeckt- und habe gerade diesen Text gelesen und gedacht: Wie schön, dass sie es schafft, solche großen Gefühle zu beschreiben und in Worte zu fassen. Ich weiß nicht genau, wie das alles miteinander zusammen hängt, ich kenne dich nicht. Ich weiß auch nicht, ob es Geschichten aus deinem Leben sind oder fiktive Geschichten, aber ganz ehrlich das ist mir egal. Du schreibst unglaublich und ich finde, selbst wenn es Geschichten sind, die dir wirklich so passiert sind, habe ich kein Recht darüber zu urteilen.
    Ich wollte nur sagen, wie sehr mich diese Texte berührt haben. Und danke.

    Mary~

    • Kleinstadtcarrie 23. November 2016 at 21:14

      Danke Mary! Vielen vielen Dank 🙂
      Und willkommen auf meinem Blog 🙂

  • Reply Anna 23. November 2016 at 14:49

    Liebe Luise,
    ich lese deinen Blog schon sehr lange und konnte mich in deinen Texten immer sehr gut wiederfinden, genau deshalb bin ich auch schon so lange dabei.
    Ich muss aber leider ebenfalls sagen, dass dieser Post und dein Umgang mit den Kommentaren, also keine explizite Distanzierung von dem Vorwurf etwas mit einem vergebenen Mann gehabt zu haben, einen bitteren Beigeschmack bei mir hinterlässt.
    Ich könnte nicht damit umgehen, wenn mein Freund mich betrügt. Für mich würde, auch wenn das im ersten Moment theatralisch klingen mag, mein Leben erst einmal zusammenbrechen. Und ich könnte das wohl nicht verzeihen.
    Auch wenn es, wie schon vorher jemand geschrieben hat, niemand ausschließen kann, dass er sich selbst einmal in so einer Situation wiederfindet, fällt es mir sehr schwer damit umzugehen, dass du schreibst, du würdest nichts bereuen.

    • Kleinstadtcarrie 23. November 2016 at 17:03

      Hey Anna,

      habe mich distanziert 🙂
      Aber es geht hier auch nicht um meine persönlichen Erfahrungen und das, was ich getan oder nicht getan habe.
      Ich denke ja: jeder liest meine Texte so, wie er sie lesen/verstehen möchte.

      Und wenn wir doch kurz zu meinen persönlichen Erfahrungen kommen wollen: ich wurde selbst betrogen.
      Mehr sag ich zu dem Thema nicht!

      Liebe Grüße
      Luise

  • Reply S. 22. November 2016 at 22:19

    Hallo Luise,
    selbst WENN die Geschichten fiktiv sind oder es sich tatsächlich um einen Betrug handelt…
    Ich weiß genau, wie es ist, wenn da jemand ist, der dich lebendig fühlen lässt, obwohl er in einer Beziehung ist. Und irgendwann knickt man ein. Auch wenn man nie betrügen würde, nie belügen etc etc etc
    NIEMAND kann sagen, dass man etwas NIE machen würde. Und Fehler sind menschlich. Und solange man bereut, irgendwann, ist es auch zu verzeihen…

    S.

    • Kleinstadtcarrie 23. November 2016 at 11:07

      Hey S.,

      danke für Deine Gedanken!

      Weiß jetzt auch, woher diese Gedanken eurerseits kommen – auch verständlich – aber die ersten drei Absätze sind drei unterschiedliche Situationen mit unterschiedlichen Menschen. In der Reihenfolge sieht es aus, wie ein Zusammenhang.

  • Reply Liz 22. November 2016 at 17:57

    Mich Hast du auch verloren. So ein bullshit! Habe letztens noch einen Kommentar verfasst weil du mich so berührt hast und jetzt schreibst du darüber wie es ist vergebene Männer zu v###ln? Nein danke, so ein Eindruck hängt definitiv nach und ist NICHT schreibenswert. Denn – der Blog bist du so wie du immer betonst!

    • Kleinstadtcarrie 22. November 2016 at 18:25

      Darum geht es nicht und steht da auch in keinem Wort 🙂
      Aber wer das so lesen möchte, kann das tun.

  • Reply Johanna 22. November 2016 at 17:22

    Ganz ganz wunderbar geschrieben!

  • Reply Sandra 22. November 2016 at 14:56

    Du bist dir schon bewusst, dass Betrug eine Beziehung zerstören kann oder? Dass der Betrogene, wenn der Betrug herauskommt und das kommt er immer irgendwann, sehr darunter leidet?

    Ich muss sagen, der Beitrag enttäuscht mich wirklich sehr. Ich hätte mehr von dir erwartet. Eine Frau mit Stil macht so etwas nicht.
    Meinen Respekt und vorallem mich als Leser hast du definitiv verloren.

    • Kleinstadtcarrie 22. November 2016 at 16:42

      Hey Sandra 🙂
      Meine Texte sind teilweise fiktiv, keiner ist in einer Beziehung und trotzdem kann es Betrug sein und an diesem Text wird auch sicherlich keine Beziehung kaputt gehen.

      Liebe Grüße und alles Gute für Dich

  • Reply Sylvia 22. November 2016 at 10:11

    Die dunklen Haare sehen auch toll aus 😀 Wahnsinn. Der Text ist sowieso wieder mal der Hammer. Hach.

    Liebe Grüsse
    Sylvia
    http://www.mirrorarts.at

  • Reply Kim 22. November 2016 at 00:53

    Mir geht es schon lange so, dass ich nicht mehr weiß, wer ich eigentlich bin. Manchmal fühlt es sich so an, als würde man den Boden unter den Füßen verlieren oder in einer Seifenblase stecken, aus der man nicht mehr raus kommt. Aber wie findet man sich wieder? Oder ist das einfach eine der vielen Veränderungen, die man im Leben durchmacht? Bei deinem Text schießen mir direkt solche Fragen in den Kopf.
    Leichtsinnigkeit. Der Begriff begleitet mich seit einem Jahr. Manchmal ist es tatsächlich gut leichtsinnig zu sein, den Verstand auszuschalten, mal jemand völlig anderes zu sein. Doch es ist oft schwer, wieder zum richtigen ICH zurückzukehren, vor allem wenn man sich immer verliert.
    Sorry, für diese Gedankenfetzen. Aber dieser Text erinnert mich mal wieder an mich selbst, du triffst einfach immer genau den Punkt! Es ist jedes Mal schön deine Texte zu lesen und sich darin wieder zu erkennen.
    Danke dafür!

    • Kleinstadtcarrie 22. November 2016 at 18:38

      Danke für Deine Gedankenfetzen!!! 🙂 MEHR DAVON!

  • Reply Julia 21. November 2016 at 23:53

    Ich finde du schreibst deine „Texte“ oder wie ich es nennen soll, sehr anschaulich. Wenn ich sie lese kann ich mir die Situationen oder beschriebenen Szenen immer bildlich vorstellen. Wirklich schön geschrieben.
    Als wenn man selber zu der Peeson wird, die erzählt. Schwierig auszudrücken.
    Liebe Grüße

  • Reply Lea 21. November 2016 at 18:43

    Finde es immer wieder beeindruckend, wie ehrlich du schreibst, ohne zu viel preiszugeben.. findest da meiner Meinung nach einen ziemlich guten Mittelweg, das lässt Raum für eigene Gedanken 🙂

  • Reply Vie 21. November 2016 at 17:31

    Ein wirklich schöner und nachdenklicher Post! Hat mir sehr gut gefallen!

    xx Vie,
    von http://www.viejola.de

  • Reply Michelle 21. November 2016 at 17:13

    Sehr schön!
    Immer so melancholisch. Immer so zum Nachempfinden.

  • Reply katy fox 21. November 2016 at 16:33

    tolle geschichte 🙂 du kannst so gut mit worten umgehen
    und he braun steht dir sehr gut 🙂
    glg katy

    http://www.lakatyfox.com

  • Reply Chiara 21. November 2016 at 14:56

    Die Haarfarbe steht dir, aber als langjährige Mitleserin habe ich natürlich deinen Blogpost nicht vergessen, in dem du schriebst „Ich liebe meine Haarfarbe und würde sie niemals färben“. 😉

    Ein sehr schöner Blogpost. Ich habe mich selbst in den Worten wieder gefunden und beim Lesen Revue passieren lassen, wie diese Szene damals bei mir abgelaufen ist.
    Allerdings stande ich auch schon mal auf der anderen Seite…quasi auf der Seite der Betrogenen und habe kurz eine Abneigung dir gegenüber gespürt, die mich etwas erschreckt hat.
    Einmal ist keinmal. – ich weiß. Manchmal verstoßen wir gegen unsere Prinzipien. Um uns selbst zu finden? Um unsere uns selbst gesetzten Grenzen zu auszureizen? Neu aufzurüsten?

    Mach weiter so Luise, Kleinstadtcarrie ist der einzige Blog, der es schafft, mich länger als über 2 Blogeinträge zu fesseln – ganz im Ernst. 🙂

    • Kleinstadtcarrie 22. November 2016 at 18:26

      Danke Chiara 🙂

      Betrug heißt aber nicht immer direkt in einer Beziehung zu betrügen. Betrug heißt viel mehr – leider. Macht das ganze nicht besser 🙂
      Aber wie auch immer!
      Danke für Deinen Kommentar 🙂

  • Reply Anna 21. November 2016 at 14:15

    Ich liebe den Artikel. ❤