Es ist noch nicht zu spät.

/7. November 2016/19 Kommentare

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Ich hetzte von der Haltestelle zum Eingang meines Fitnessstudios. Habe es mal wieder eilig. Habe eigentlich gar keine Zeit für Sport. In 90 Minuten der nächste Termin. Und dann warten da noch 32 unbeantwortete E-Mails in meinem Postfach. Gedanklich rechne ich mich durch die letzten Tage des Jahres – „Schaffe ich es noch Mal nach New York?“. Darf es nicht vergessen, die Bücher für die Bachelorarbeit aus der Bibliothek holen. Ich werde es wohl erst heute Nacht schaffen, die Präsentation noch fertig zu schreiben.
Mein Handy klingelt. Ich krame es umständlich aus meiner Jackentasche. In der einen Hand eine Flasche Wasser, meine schwere Sporttasche über die Schulter gehängt. Die steile Treppe renne ich förmlich hinauf. Nehme immer zwei Stufen auf ein Mal. Am Ender der Treppe ein Fenster. Und hinter meinem Fitnessstudio ist eine kleine Allee. Versteckt. Zumeist leer. Und im Herbst wunderschön. Bunt. Farbenfroh. Und als ich jetzt aus dem Fenster schaue, sehe ich: nichts. Es ist der 3. November. Und die    Bäume strecken mir ihre kahlen Äste entgegen. Die Blätter sind längst gefallen. Grau und vertrocknet liegen sie am Bode. Am Ende des Weges sehe ich einen Mann. Einen Laubbläser in den Händen. Noch immer stehe ich wie angewurzelt am Ende der Treppe. Ein belangloser Moment vielleicht. Aber für einen Augenblick steht die Zeit still. Ich lasse das Handy klingeln.
Und bemerke: ich habe das Beste verpasst.

Der nächste Morgen ist grau und kalt. Es regnet. Und ich bedauere ein weiteres Mal, dass ich den goldenen Herbst irgendwie an mir habe vorbeiziehen lassen. Der Wecker klingelt ein dritter Mal. Pflichten! Los! Aufstehen! Der erste Termin um 8:00 Uhr. Und in meine Mittagspause habe ich mir ein Shooting gelegt. Durchatmen? Heute nicht! Dafür ist gerade keine Zeit.
Ich bin 8 Minuten zu spät. Der Termin hat sich in die Länge gezogen. Entschuldige! Wir laufen im Eiltempo Richtung Elbe. Ich habe einen Ort rausgesucht, an dem ich schon immer Mal Fotos machen wollte. War lange selbst nicht dort. Und als wir durch den Rosengarten laufen, kahl und eingefroren sieht es hier aus, – sehe ich etwas weiter: bunte Blätter. Eine Allee. Und herrlichen Sonnenschein. Es raschelt. Und da ist er noch Mal: der goldene Herbst.
Nachdem alle Fotos im Kasten sind, bleibe ich auf einer der Bänke sitzen und lasse mir die warme Herbstsonne ins Gesicht scheinen. Also doch: durchatmen. Und dankbar sein.

Ich war zu sehr damit beschäftigt, von einem Termin zum nächsten zu hetzen, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie schnell ich voran komme. Was mir auf dem Weg alles begegnet. Wer mir alles begegnet. Ich bin gerannt, immer wieder Gas gegeben – niemand hat die Chance aufzuspringen. 

Ich saß im Zug – wohin, weiß ich nicht mehr – und habe geweint. Das Leben ist an mir vorbeigezogen. Um mich herum habe ich nichts mehr wahrgenommen. Alles was man spürt, ist der Schmerz. Das Verlangen. Die unendliche Traurigkeit.

Und ich erinnere mich daran, wie sehr wir uns geliebt haben. Augen nur füreinander. Monatelang, ja Jahre sogar, waren wir gefangen in dieser Liebe füreinander. Vergaßen viel zu oft, mal aus dem Fenster zu schauen. So richtig. Denn es zogen nicht nur die Wolken an uns vorbei. 

Manchmal verpassen wir Etwas im Leben.
Und auch, wenn man sagt, man soll nichts bereuen: gibt es Dinge, die man bedauert. Nämlich die, die man nicht getan hat. Gefühle, die man nie ausgesprochen hat. Den Flieger, den man nicht genommen hat. Die Freundschaft, die irgendwie eingeschlafen ist.
Aber – ich würde das mal so behaupten – es gibt fast nichts, dass man nicht wieder gut machen kann. Oder immerhin: versuchen kann, es wieder gut zu machen. Versuchen, es nachzuholen.
Es ist nie zu spät „Es tut mir Leid!“ zu sagen. Buch’ jetzt dieses eine Flugticket! Ruf’ deine Freundin an, die du schon viel zu lange nicht gesehen hast und verabredet euch. Oder geh’ raus und fang die letzten Sonnenstrahlen des Herbstes ein. Ich bin ganz sicher, irgendwo wirst Du ihn finden.
Und wenn nicht. Wenn Dir nicht verziehen wird. Wenn Das Ziel nicht mehr existiert. Wenn die Nummer plötzlich nicht mehr vergeben ist. Oder es tatsächlich anfängt zu schneien, – dann hast Du es zumindest versucht. Und gelernt.

Also: lasst uns nichts mehr verpassen, was es wert ist, erlebt zu werden.
Und: lasst uns nichts mehr bereuen. Und wenn: dann machen wir es wieder gut! Dann holen wir es nach! Es ist noch nicht zu spät!

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Mantel – Zara
Oberteil – Hollister
Hose – Zara
Schuhe – Forever21
Tasche – Mango
Schal – Zara
Uhr – Marc Jacobs

Fotos – Vanessa Thiel 

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19 Kommentare

  • Reply Krissi 26. November 2016 at 01:27

    Super schöne Bilder und ein tolles Outfit. Ich liebe Lace-up Shirts! <3
    Es stimmt wirklich. Wenn man etwas bereut, dann sind es meistens die Dinge, die man nicht getan hat. Man stellt sich die berühmt berüchtigte "Was wäre gewesen, wenn…?" Frage, auf die es keine Antwort gibt. Denn man hat keine Möglichkeit, herauszufinden, was gewesen wäre, wenn man damals nur… Klar kann man einiges nachholen, einige Dinge jetzt tun, die man vor Monaten oder Jahren oder Jahrzehnten verpasst hat. Aber auch das liefert einem nicht die Antwort auf obige Frage. Denn wenn man es nachholt, es jetzt tut, kann das ganz andere Folgen haben, als es damals gehabt hätte. Deshalb sollte man die Dinge gleich in die Hand nehmen, sich in Abenteuer stürzen, tun, wonach man sich sehnt, was man sich wünscht. Denn dann muss man sich niemals fragen, was gewesen wäre, wenn… Denn dann hat man es ja getan, erlebt und weiß, was passiert ist.

    Ganz liebe Grüße,
    Krissi von the marquise diamond
    http://www.themarquisediamond.de/

  • Reply Laura 10. November 2016 at 14:06

    Ein tolles Herbst Outfit und wirklich wahre Worte! Man sollte sich immer mal wieder Zeit zum Durchatmen nehmen und die Kleinigkeiten des Lebens genießen. Gerade jetzt im Herbst sollte man wirklich jeden Sonnenstrahl nutzen, egal, was sonst alles noch ansteht! 🙂 Liebe Grüße und schau gerne mal auf unserem Blog vorbei! Laura von HoseOnline.de/blog

  • Reply Sandra 8. November 2016 at 21:57

    Ganz wundervolle Bilder liebe Luise! 🙂

  • Reply Janine 8. November 2016 at 19:50

    Ich habe das Hörbuch auf Youtube gehört, einfach wunderschön liebe Luise 🙂

  • Reply Kim 8. November 2016 at 13:06

    Danke für diesen tollen Text! Du inspirierst mich immer wieder.
    Die Bilder sind auch echt wünderschön – das Licht ist ja mal echt der Hammer und das Outfit natürlich auch!
    Liebe Grüße, Kim.
    http://maybetoday.de/wordpress

  • Reply Kim 8. November 2016 at 00:42

    Einer meiner Lieblingstexte von dir! Spiegelt genau das wieder, was momentan in mir vorgeht. Du hast mich gerade motiviert es zu versuchen. Danke dafür!

  • Reply Jessy 7. November 2016 at 20:42

    Liebe Luise,
    ich bin sprachlos.
    Ich liebe deine Texte…ich liebe es wie du mit den Worten spielst..ich liebe deine Tiefgründigkeit..deine Ehrlichkeit. Du begeisterst mich jedes Mal wieder und ich könnte dir stundenlang zuhören…bitte gib uns Lesern noch mehr davon. Du hast so ein Talent Menschen Gefühle, Gedanken näher zubringen. Und vor allem auch Menschen die Augen zu öffnen die vielleicht mit manchen Dingen schon längst abgeschlossen haben.
    Mach weiter so.
    Danke.
    Liebe Grüße Jessy

  • Reply Lux und Poppy 7. November 2016 at 19:00

    Ersten Absatz gelesen und muss leider gleich einhaken: Du hast den goldenen Oktober/Herbst nicht verpasst – es gab dieses Jahr schlichtweg keinen. Von: Uh jetzt wird es ein bisschen frischer; zu: Es ist dauerhaft neblig und auf den Bäumen sind keine Blätter mehr verging gefühlt 1 Sekunde. Also nüscht verpasst.

    • Kleinstadtcarrie 8. November 2016 at 11:08

      Hey,
      doch doch, den gab es 🙂 Hab ihn ja gefunden und vorher immer nur durchs Fenster gesehen. Also hier in Dresden definitiv.

      Liebe Grüße
      Luise

    • Lux und Poppy 8. November 2016 at 18:24

      Meh, in Berlin gab’s den nicht 🙁

  • Reply Sally-Anne 7. November 2016 at 17:12

    Oh wow, das ist wirklich super schön geschrieben! Die Bilder sind auch total schön geworden, an mir ist der Monat und der goldene Herbst vorbei gezogen!
    Liebe Grüße, Sally-Anne
    http://www.xosallyanne.blogspot.de

  • Reply Sylvia 7. November 2016 at 17:03

    Mega schönes Outfit! Solche hellen Farben liebe ich diesen Herbst!

    Liebe Grüsse
    Sylvia
    http://www.mirrorarts.at

  • Reply Melanie 7. November 2016 at 15:27

    Schöne Bilder! Den goldenen Herbst hast du wirklich gut ein letztes Mal eingefangen (:
    Der Text ist auch wunderschön. Gibt ein wenig Kraft, weckt auf.

  • Reply Theresa 7. November 2016 at 15:24

    Liebe Luise,

    auch dieser Blogpost gefällt mir wieder sehr gut. In letzter Zeit schreibst du wirklich großartige Texte. Ich liebe es sie zu lesen und dabei deiner beruhigenden, klaren Stimme zuzuhören. Du gibst den Texten damit noch mehr Tiefe und Seele. Mach‘ unbedingt weiter so, zieh‘ dein Ding durch, arbeite an deinen Träumen – ich bin sicher es wird immer etwas Wunderbares entstehen.

    Ich wachse jetzt schon seit Jahren mit dir und dem Blog, werde erwachsen – auch das irgendwie gemeinsam mit dir. Ich verpasse keinen deiner Blogpost, Instagram-Bilder und Youtube-Videos.
    Seit einiger Zeit habe ich auch endlich angefangen hin und wieder einen Kommentar hier zu hinterlassen, denn ich will, dass du unbedingt weißt, wie sehr ich deine Arbeit und dich schätze. Und das schon von Anfang an. Du gibst mir unfassbar viel Kraft und Lebenslust mit deinen Texten, Fotos und Videos. Du bist eine meiner größten und liebsten Inspirationsquellen, mein Vorbild.

    Ich freue mich weiterhin auf alles, was du entstehen lässt und werde dir wahrscheinlich immer treu bleiben – kann mir ein Leben ohne all die Spuren, die du hinterlässt, kaum vorstellen. Du bereicherst meinen Alltag und dafür bin ich dir sehr dankbar ♥

    • Kleinstadtcarrie 8. November 2016 at 11:10

      Theresa,

      danke! Für Deine Worte. Und dass Du Dir Zeit nimmst – für meine Texte, fürs Nachdenken und Inspirieren lassen und dafür, dass Du mir das auch sagst. Das braucht man eben doch ab und an Mal 🙂 Vielen Vielen Dank!
      Und nur das Beste für Dich <3

  • Reply Anne 7. November 2016 at 15:04

    Liebe Luise, wie immer hast du mich mit deinen Worten sofort abgeholt, mitgenommen in deine Welt, in deine Gefühle und Gedanken, die sooft auch meine sind. Danke fürs Erinnern ans Zeitnehmen. Ich konnte es gebrauchen!
    Liebe Grüße Anne
    PS: Ich finde es wunderbar, dass du uns deine Gedanken mittlerweile auch vorliest.

  • Reply Froilein Couture 7. November 2016 at 14:02

    Ganz tolles Outfit, ein wunderbar geschriebener Text wie immer & grandiose Fotos 🙂
    Weiter so :)) Liebst Froilein Couture

  • Reply Conny 7. November 2016 at 14:01

    Wow – sehr gut geschrieben, ich habe mich so sehr selbst darin wiedergefunden.

    …Die Arbeit spannt mich ein, ich habe das Gefühl, ich lebe momentan nur um zu arbeiten, im Beruf als auch im Haushalt. Habe keine Zeit, um meine Familie zu besuchen – ein kurzer Anruf muss momentan genügen (leider!).
    Und auch so wie es dir mit dem Herbst erging – vor lauter Stress habe ich den goldenen Herbst übersehen. Nun sind die Blätter von den Bäumen gefallen und liegen lieblos und braungefärbt am Boden. Nun kann ich ihn nicht mehr genießen, den goldenen Herbst, da er sich verabschiedet hat..

    Aber nicht nur der Text ist dir wieder fabelhaft gelungend – auch das Outfit und die Fotos sind wundervoll!

    ❤ Liebste Grüße ❤
    Conny von conniemarrongranizo.at
    Personal Austrian Blog about Fashion | Beauty | Lifestyle | Food | and more

  • Reply Inga 7. November 2016 at 13:55

    Hammer Post & Bilder, egal wie viel gerade zu tun ist, deine Posts lese ich sofort <3
    Danke dafür!