3. Oktober 2016

/3. Oktober 2016/12 Kommentare

Ich sitze im Flieger.
Von Dresden nach Düsseldorf.
Ich habe die erste halbe Stunde geschlafen. Und jetzt fliegen wir noch 20 Minuten. Einfach so.
Und während ich schon den Flug nach New York für selbstverständlich halte, die Philippinen gern jedes Jahr besuchen würde – stelle ich fest, das hier: ist nicht selbstverständlich. 

„Das ist Luise. Die kommt aus’m Osten!“, wir alle lachen. „Und die feiern Montag die deutsche Einheit mit einem Straßenfest!“, alle grölen. Ich selbst muss lachen.
Keiner von uns hat die Mauer miterlebt. Keiner von uns hat in der DDR gelebt. Alles was wir kennen ist: Deutschland. Ein Deutschland.
Und das ist selbstverständlich. So selbstverständlich, dass wir darüber lachen. Während wir doch eigentlich keine Ahnung haben.

Denn wir haben keine Ahnung.
Außer während wir unsere blöden Witze reißen, denken wir doch nicht einen Moment daran, dass es ein geteiltes Deutschland gab. Außer der Daten und Bilder aus alten Geschichtsbüchern haben wir doch keine Vorstellung, wie es gewesen sein muss. Außer der Geschichten meiner Verwandten – verblasst, verweint, verdrängt – haben wir keinen Anhaltspunkt. Wir saßen im Stasimuseum und sie überlegte, ob sie es wissen will.
Tränen. Nostalgie manchmal. Und heute: Freiheit.

Wir feiern heute den Tag der Deutschen Einheit.
In Dresden findet das Einheitsfest statt.
Zwar fühlt es sich merkwürdig an, die ganze Stadt geschmückt mit deutschen Flaggen zu sehen – aber erfüllt mich ebenso mit Stolz. Denn heute geht es nicht um die dunklen Tage unserer Geschichte, sondern darum: dass wir ein Land sind.
Und dass das nicht immer selbstverständlich war.

Und gedenken den Menschen, die dafür verantwortlich sind. Die dafür gekämpft haben. Die dafür Montags auf die Straße gegangen sind. Friedlich. Friedliche Revolution. Frieden.
Und ich lächle.

Heute ist der 3. Oktober. Und wir spazieren durch Dresden. Ein regnerischer Tag. Aber irgendwie trotzdem fröhlich. Irgendwie trotzdem bunt.
Und dann höre ich sie aus der ferne grölen. Wir sind das Volk! Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!
Mein Lächeln friert ein. Meine Gesichtszüge verhärten sich. Und ich frage Euch: Wieso?

Ich sitze im Flieger.
Von Dresden nach Düsseldorf.
Ich stelle ich fest, das hier: ist nicht selbstverständlich.
Frieden, Freiheit, Einheit … ist nicht selbstverständlich.

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12 Kommentare

  • Reply Lila 6. Oktober 2016 at 17:33

    Hallo Luise,

    ich bin vielleicht etwas spät dran, wollte aber trotzdem noch etwas schreiben. Der 3. Oktober ist ein unglaublich wichtiger Tag für Deutschland. Wie du schon gesagt hast, steht einmal im Fokus, dass wir EIN Land sind und nicht nur unsere düstere Vergangenheit. Für uns ist es selbstvertändlich, dass wir in einem geeinten Deutschland leben, aber es ist wichtig, zu wissen, dass das nicht immer so war und das hast du, wieder einmal, gut in Worte gefasst!

    Liebe Grüße,

    Lila

  • Reply someone 4. Oktober 2016 at 22:10

    Hallo Luise,

    in den letzten Posts nimmt dein Blog ziemlich ab. Du rechtfertigst dich für Dinge, die du entschieden hast. Brauchst du Mitleid oder eine Bühne. Das hier ist deine Bühne, also bitte, was soll das? Weiberkram und Gezicke gab es immer und wird es immer geben. Für viele Dinge des Lebens gibt es immer einen Weg. Dieser Weiberkram, den gab es schon immer, wie auch die DDR. Klar, das vereinte Deutschland gibt es nicht lange, aber das Gegröle auf den Straßen, das ist etwas anderes. Wir hätten ohnehin nichts dafür oder dagegen tun könne, sei froh, wie es ist und gut. Das Gegröle der Menschen war nicht von denen die gefeiert haben.
    Die dunkle Geschichte bedarf sehr viel mehr als nur einen Satz und ich bin der Meinung, wir haben nicht darüber zu urteilen, denn wir waren nicht Teil dessen, die während der Zeit lebte. Mit Abstand, also heute, kann man urteilen, weil wir die Konsequenzen sehen, erleben, aber nicht damals, denn wir lebten nicht während der Zeit und das, was wir wissen, ist nur ein Bruchteil dessen. Es bedarf einer Vielzahl an Büchern, damit wir überhaupt einen Eindruck der damaligen Zeit haben, wie sie erlebt wurde.
    Alles Gute, Clara

    • Kleinstadtcarrie 5. Oktober 2016 at 09:40

      “Die dunkle Geschichte bedarf sehr viel mehr als nur einen Satz und ich bin der Meinung, wir haben nicht darüber zu urteilen, denn wir waren nicht Teil dessen, die während der Zeit lebte.” – das habe ich ja auch genau so gesagt :-)

      Und Weibergezicke? Ich glaube Du hast Dich etwas verlaufen?

    • Saskia Klein 5. Oktober 2016 at 10:40

      Blogger eben….Bühne…Selbstdarstellung.

      Auf instagram gerade gesehen umso mehr: mit den immer mehr werdenden Halbnackt-Bildern (“Himmel, Sonne”… aber Fokus liegt sicher nicht auf Himmel und Sonne, lol) und Minibusen-betonungen :) Wir haben es verstanden…haha

      Aber gut eigtl dass die auch solche Themen aufgreift, dafür Respekt. Immerhin ist die in DD. Und es bewegt zurzeit sehr das Thema.

    • Sharina 11. Oktober 2016 at 18:22

      Es tut mir leid, dass du dir immer wieder aufs neue so etwas anhören musst, Luise…
      Und ich bedaure ebenfalls, dass der Ausruf “Wir sind das Volk” so in den Dreck gezogen wurde. Dein Beitrag zu dem Thema gefällt mir wie immer sehr gut. Du wählst deine Worte weise, so dass man eigentlich meinen müsste, niemand könnte dagegen etwas sagen. Aber die Kommentare hier lehren mich eines Besseren.

  • Reply Cora 4. Oktober 2016 at 12:02

    Liebe Luise,
    ich gebe dir so recht: das ist nicht selbstverständlich! Frieden, Freiheit, Demokratie – das sind alles Dinge, die unendlich wichtig sind und dennoch viel zu schnell verloren gehen können, obwohl sie doch von allen bewahrt werden müssen. In meinen Augen ist es eine Schande, einen Tag der Einheit, der Freude, der Menschlichkeit mit wildem Gegröle zu sabotieren, zu zerstören. Ich bin 21 und habe die DDR nicht miterlebt. Das, was ich kenne, ist eine offene Welt, auf der man sich mit Reisepass und in Europa einfach so frei bewegen kann. Eine Welt, in der man in ein Flugzeug steigt und Möglichkeiten nachgeht, die vor zwanzig, dreißig Jahren noch undenkbar gewesen wären. Und ich habe ehrlich Angst, dass diese Welt, so wie ich sie kenne, irgendwann nicht mehr existiert. Weil die Menschen, die den Tag der deutschen Einheit in Dresden für ihre verqueren Ansichten ausnutzen, überall auf der Welt leben und überall Hass schüren…umso wichtiger ist es, sich dagegen zu positionieren und für das einzutreten, was uns wichtig ist. Ich finde es großartig, dass du genau das auf deinem Blog tust!
    Danke für diesen tollen Post <3
    Liebe Grüße,
    Cora

  • Reply Sophie 4. Oktober 2016 at 09:28

    Ich selbst studiere im Osten und bin hier sowohl geboren als auch aufgewachsen. Und es mach mich immer wieder traurig, wie viel Unverständnis und wie viele Vorurteile es immer noch zwischen Ost und West gibt. Leider bemerkte ich dies gerade in unserer Generation, einer, “die die Mauer nicht miterlebt hat”. Dieser Post, einmal ganz abseits vom Thema Liebe, hat mir wirklich Gänsehaut bereitet. Bitte schreib sowas öfter!

  • Reply Sylvia 4. Oktober 2016 at 07:39

    Sehr schöner Post. Ich komme zwar nicht aus Deutschland, finde es aber schon wichtig das man solche Tage weiter trägt und sich erinnert wie es wohl eimal war.

    Liebe Grüsse
    Sylvia
    http://www.mirrorarts.at/

  • Reply Lara 4. Oktober 2016 at 03:41

    Die Linken haben leider inhaltlich ähnliche Dinge woe Pegida gerufen.
    Frauke Petry und Sahra Wagenknecht gaben außerdem vor kurzer Zeit zusammen ein Interview und entdeckten überraschend viele Gemeinsamkeiten…..

    Man sieht also dass fast alle Menschen im Moment unglaublich unzufrieden sind.
    Du hast es genau getroffen: Frieden, Freiheit und Einheit ist nicht selbstverständlich…

  • Reply Henry 3. Oktober 2016 at 19:43

    NEIN, es ist auch nicht selbstverständlich!
    Guter blogginlägg danke!

  • Reply Karolina 3. Oktober 2016 at 18:15

    Hallo liebe Luise,
    Ich selber komme auch aus Dresden und war heute auch kurz mal in der Stadt. Ich bin auch kein Freund von den Demonstrationen und finde es auch irgendwo nicht ok das sie gerade heute auch demonstrieren müssen. Mir fehlen manchmal selber die Worte und obwohl ich Dresden über alles liebe und es auch meine Heimat ist, so “schäme” ich mich dafür was auf diesen Straßen passiert. Und wie respektlos die Menschen manchmal sind.
    Ich möchte dir nur noch sagen das ich es toll finde das du deine Meinung mit uns teilst, weil es sicher viele gibt die genauso denken und es einfach nicht zugeben wollen.
    Danke.

  • Reply Kristin 3. Oktober 2016 at 18:05

    Liebe Luise,
    ich finde es super dass Du auch so einem Event Bedeutung auf deinem Blog gibst :)
    Und mir ging es heut, wie am Samstag, genau so. Im Regen durch Dresden laufen, die verschiedenen Bundesländer ansehen, etwas Musik hören, durch das Schloß zum Terrassenufer laufen. Und auf einmal poltert es auf der Brücke. Es war das andere Extrem, nur eine kleine Ansammlung und die Polizei ist schnell dazwischen gegangen. Aber auch das war so falsch, wie der elendige ‘Spaziergang’ der etwas später durch die Stadt gezogen ist.
    Ich bin 22, und kenne die DDR ebenso nur aus Geschichten. Ich bin froh in den Flieger zu steigen, und in die USA fliegen zu können oder nach Asien. Ich bin froh einen Reisepass zu haben, der mir so viel auf dieser Welt ermöglicht. Aus einem Land zu kommen, das so viel gutes hervorbringt.

    Und es macht mich so sehr traurig, was meiner Heimatstadt passiert. Das “Dresden” googeln und die News durch klicken schon lange keine große Freude mehr macht.
    Das Menschen ein Fest, für uns alle, für das Volk, so beeinträchtigen, sabotieren und kaputt machen.

    Dennoch habe ich mit Freunden ein paar schöne Stunden an dem Wochenende dort verbracht, genug Süßes für die nächsten Wochen genascht, und das Land gefeiert, dass mir doch so viel ermöglicht.

    Danke für den Post :)
    Liebe Grüße aus Löbtau <3