Ich kannte nur Frieden. Alles, was ich kannte war Frieden.

Texts/23. Juli 2016/24 Kommentare

Ich habe mich immer gefragt, wie es sich anfühlt, Krieg zu führen. Wenn im eigenen Land Krieg herrscht, meine ich. Wie sich das wohl anfühlt. Was das wohl mit einem macht.
Krieg. Als Kind kannte ich nur die Aufnahmen aus dem Fernsehen. Irak. Als Jugendlicher die Texte und Dokumente meiner Geschichtsbücher.
Ich habe mich immer gefragt, wie es sich anfühlt
Nichts, was man sich wünscht. Nichts, was man sich gerne vorstellt.
Aber: Neugierde.
Ich kannte nur Frieden. Alles, was ich kannte war Frieden.

Zwei Personen in meiner Timeline auf Facebook haben Stellung genommen zu dem, was sich gerade in der Türkei ereignet.
Es ist 18:50 Uhr hier in New York.
Alle anderen Posts, und das sind eine ganze Menge, handeln von Pokémon.
Ich frage mich, ob das jetzt an der Zeitverschiebung oder den falschen Facebookfreunden liegt. Was? Na, das sich niemand äußert. Oder muss man das gar nicht?
Die leidige Diskussion über Facebookprofilbilder in rot, weiß, blau und das Unter den Tisch fallen lassen von Anschlägen im Nahen Osten.
Anteilnahme.
„Mir fehlen deine politischen Beiträge.“ „Was sagst Du zu den Anschlägen in Nizza?“
Ich mache mir seit Monaten darüber Gedanken, warum wir zu manchen Dingen Stellung beziehen, zu anderen nicht. Gerade unter uns Mode-/Lifestyle-Bloggern – wie sehr ich diese Bezeichnung verabscheue – jedenfalls: muss ich meine Kolleginnen verurteilen, wenn sie keinen Snap, keinen Instagrampost, keinen Blogpost veröffentlichen? Darf ich mir auf die Schulter klopfen, wenn ihr mich für meine politischen, emotionalen Beiträge lobt? Beziehe ich zu allem Stellung? Und was, wenn das alles kein Ende nimmt? Und wieso kotzt es mich an, dass eure Snapstories voll sind mit Bekundungen zu den Toten in München – Wieso kotzt es mich an, dass ihr jetzt heult? Während ihr sonst immer die Klappe und Produkte in die Kamera gehalten habt?
Und ich schäme mich. Dafür, dass ich so fühle. Denn, jeder trauert anders:

Wenn ein Familienmitglied stirbt, dann trägt man schwarz, trauert, geht auf eine Beerdigung. Und das ist schrecklich. Und das tut weh.
Aber wenn ein Familienmitglied einer bekannten Familie verstirbt – man kennt sich eben, aber nicht näher – dann trauert man auch. Man trägt kein schwarz. Ist höchstwahrscheinlich nicht auf die Beerdigung eingeladen. Aber: man findet den Verlust nichtsdetotrotz schrecklich. Aber es ist nicht so nah. Aber der Tod ist nicht so präsent. Nicht so präsent, wenn ein Familienmitglied stirbt. Ermordet wird.

Und deswegen schreien wir auf, wenn in Paris Menschen ihr Leben lassen. Deswegen schreibe ich einen Beitrag von über 1000 Wörtern über diesen Tag, weil ich selbst da gewesen bin. Deswegen sind unsere Zeitungen voll davon. Fette Überschriften.

Anschlag im Nahen Osten. Wieder. Krieg. Zerstörung. Tote. Tausende Tote.
Nicht präsent.
Wir wissen nicht, wie es sich anfühlt, Krieg zu führen.
Empathie ist dann vielleicht gar nicht möglich.
Unvorstellbar, was die anderen durchmachen.
Es ist schrecklich, ja.
Aber Empathie ist vielleicht gar nicht möglich.

Eine Woche später.
Tote im Zug. Eine Axt. Allahu akbar.
Anschlag in München. Anschlag? Tote! Verletzte! Tränen! Bleibt zu Hause! Rennt!
Und es ist präsent.
Bei uns. Jetzt auch.
Wacht auf!
Es ist präsent!
Es? Terror? Krieg?

Wir gehen auf eine Beerdigung.
In schwarz. Und wir weinen.
Mitgefühl. Anteilnahme.
Die eigene Familie. Und nahe Bekannte.
Anschläge in Paris. In Nizza. In München?
Das ist nah. Es gefährdet uns. Unmittelbar vielleicht? Es greift unsere Werte an. Unsere Demokratie. Unser Europa. Unsere Familie.
Es? Terror? Krieg?

Ich kannte nur Frieden. Alles, was ich kannte war Frieden.
Wir können aufhören, meine Neugierde ist gestillt. Lasst uns bitte aufhören.
Und alles was ich höre ist: meinen Hass bekommt ihr nicht.
Und das stimmt. Wir sind stark. Kein Hass. – Wirklich? Und wie lange noch?
Aber jetzt im Moment viel schlimmer: Angst. 

Ich kannte nur Frieden. Alles, was ich kannte war Frieden.

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24 Kommentare

  • Reply May 30. Juli 2016 at 23:36

    Sehr bewegende Worte und ich finde es toll, dass ich mal einen neutralen Beitrag zu dem Thema “Terror” lese. Ich finde es traurig, unglaublich herzzerreißend, dass es Menschen gibt, die andere Leben nehmen und das Ganze im Namen einer Religion rechtfertigen wollen. Eine Religion die eigentlich nur Frieden lehrt wie jede andere Religion auch.

    Leider denken viele andere Leute nach solchen Anschlägen, dass ALLE Muslime so sind. Idioten gibt es nun mal überall und es ist schade, dass es immer noch Menschen gibt die aus diesem Grund alle Muslime in eine Schublade stecken.

    Ich persönlich als gebürtige Deutsche muss mich immer wieder rechtfertigen, werde auf der Straße blöd angeschaut, beleidigt und gedemütigt und das leider fast jeden Tag und das nur weil ich einer anderen Religion angehöre.
    Ich habe ein kleines Projekt gestartet auf Grund solcher Vorurteile, ich weiß zwar das wird nicht viele erreichen, aber ich denke mir, dass es schon reicht wenn es nur ein paar mitkriegen und vielleicht ihre Meinung über Muslime ändern könnten.

    Oups jetzt ist der Text so lange geworden :D das war garnicht geplant haha :* Was ich nur sagen wollte ist: Terror hat keine Religion, keine Rasse, keine Nationalität.

    Danke für deinen bewegenden Beitrag,

    xoxoxoxo
    May!

    http://thewalkinghijab.com/

  • Reply Carolin 29. Juli 2016 at 13:26

    Icg glaube du bringst das mit deinem Text wirklich auf den Punkt. Die ganzen Jahrr über waren die Anschläge immer so weit weg, man konnte sich nicht wirklich in die Situation hineinversetzen – eben weil es nicht gerade um de Ecke war. Aber wenn sich das nun ändert, Anschläge in Orten passieren in denen man selbst, Famile oder auch Freunde leben, dann hat man plötzlich einen ganz anderen Bezug dazu.
    Die Anschläge im mittleren Osten sind genauso schlimm, wie wenn sie in Frankreich oder Deutschland passieren – aber man selbst wiegt sich dann eben doch ein bisschen mehr in Sicherheit.

    Liebe Grüße

    http://nilooorac.com/

  • Reply Gina 27. Juli 2016 at 22:11

    Ein sehr bewegender Post, liebe Luise. Und er trifft den Nerv der momentanen Situation und vermittelt meiner Meinung nach auch, dass ein deutscher Pass nicht unbedingt mit Sicherheit und einem beruhigenden Gefühl einhergeht. Denn, das was auf der Welt passiert, geht uns alle an – ob wir nun öffentlich daran Anteil nehmen (wollen) oder nicht.

  • Reply Krissi 25. Juli 2016 at 22:09

    Du hast so Recht mit dem was du schreibst! Uns kamen der Krieg, die Morde, die Verwüstung immer so weit weg vor und jetzt plötzlich ist das alles so präsent. Wir trauern und fühlen besonders stark mit, weil es eben so nah ist… Einfach krass.

    Der Text ist mal wieder toll geschrieben übrigens. :)

    Ganz liebe Grüße,
    Krissi von the marquise diamond
    http://themarquisediamond.de/

  • Reply Amelie 25. Juli 2016 at 17:11

    Wie immer super scharfsinnig beobachtet und genau auf den Punkt gebracht –
    dafür liebe ich dich Luise!
    Dieses Talent hebt dich von der Masse ab. Deine Worte bleiben im Gedächtnis.
    Danke<3

  • Reply Amelie 25. Juli 2016 at 16:14

    Wie immer super scharfsinnig beobachtet und genau auf den Punkt gebracht –
    Dafür liebe ich dich Luise!
    Vor allem hebst du dich durch dieses Talent deutlich von der Masse ab. Deine Worte bleiben im Gedächtnis.
    Danke dafür! <3

    Amelie von amelieruna.wordpress.com

  • Reply Irina 25. Juli 2016 at 15:28

    Es ist schwer, die ganzen Geschehnisse in die richtigen Worte zu fassen.
    Es tut weh mit anzusehen, wie sich der Krieg immer weiter nähert.
    Es war bis jetzt doch immer so weit entfernt.
    Vielen Dank für deine Worte!

    Liebe Grüße
    Ina
    http://www.mintliebe.de

  • Reply Christina 25. Juli 2016 at 10:53

    Wow, so schöne Worte. Einfach unbeschreiblich, was in der Welt gerade vor sich geht. Muss man sich jetzt wirklich nur noch zu Hause verkriechen? Seit wann ist die Angst im Alltag so präsent und warum kann man nicht mehr sorgenfrei zu einer öffentlichen Veranstaltung gehen?

    Love,
    Christina ♥
    cinapeh.blogspot.de

  • Reply Nadja 24. Juli 2016 at 18:09

    Wow.. Luise ich bin begeistert wie einfach es scheint genau das zu beschreiben, was man selbst gerade fühlt.. Vorher konnte ich das nicht genau sagen, aber als ich diesen Post hier las – ich hab die ganze Zeit genickt.. Es ist so wahr und ich denke ich werde demnächst/gleich/bald auch nochmal etwas zu diesem Thema schreiben, du hast mich nun inspiriert (erneut muss ich wohl zugeben)..
    Ich wollte nie wissen wie sich Krieg anfühlt, aber ich kann sehr gut nachvollziehen inwiefern du dies meinst.. Letztens hab ich ein Video von einem kleinen Mädchen, welches aus einem Kriegsgebiet flüchten muss, gesehen, es stellte ein Jahr der Flucht da und nach dem Video war ich so bedrückt..
    Es kommt immer näher, es kann überall passieren. Wir verreisen, wir gehen auf Festivals, fahren mit dem Zug und es geht los, dass die Angst mitreist, der Hass, die Wut und die Trauer..
    Ganz liebe Grüße aus dem hohen Norden,
    Nadja

  • Reply Mona 23. Juli 2016 at 22:26

    Endlich mal jemand, der über all das ordentlich nachdenkt und nicht die Standard-Floskeln verwendet. Diesen Post sollten sich so einige Blogger mal gewissenhaft durchlesen und überdenken…

  • Reply Franzi 23. Juli 2016 at 22:11

    Der Post hat mich wirklich berührt. Danke dafür.

  • Reply Lena 23. Juli 2016 at 21:14

    Wow! Wunderschön geschrieben. Ich weiß gar nicht, was ich sonst dazu sagen soll. Sehr emotionale Worte von dir. Ich finde deine Art, Stellung zu den Ereignissen zu beziehen, echt gut. Mehr fällt mir nicht ein.

    Liebste Grüße

  • Reply Marie 23. Juli 2016 at 20:23

    Das habe ich auch gedacht: ich kannte nur Frieden. Jetzt wünsche ich ihn mir. Und ich wünsche ihn euch, uns allen.

  • Reply sa 23. Juli 2016 at 17:09

    Hallo Luise,

    Hatte gerade wirklich Gänsehaut als ich deinen Blogeintrag gelesen habe.
    Finde es unfassbar gut gschrieben und trifft genau auf das zu was in mir gerade vorgeht.

  • Reply Thuy 23. Juli 2016 at 15:03

    Liebe Luise,

    ich verstehe vollkommen, worauf du hinaus willst. Mich hat auch immer interessiert, wie das wohl ist, wenn man in einer anderen Zeit oder einem anderen Land leben würde. Nicht so verwöhnt, nicht so friedlich. Vielleicht würde der Blick wieder auf wesentlichere, wichtige Dinge fallen, als die neusten Modetrends oder Follower. Nichtsdestotrotz geht jeder mit den Geschehnissen unterschiedlich um. Es war im Laufe der Geschichte doch schon immer so, auch in der Literatur. Die einen konfrontieren sich direkt mit der Problematik, schreiben darüber. Die anderen fliehen in eine andere Welt, weg von der Realität. Warum sonst sieht man kaum etwas in der Bloggerwelt über diese schrecklichen Ereignisse? Es ist der Zufluchtsort, die selbst erschaffene, selbst perfekt inszenierte “Parallelwelt”, wo es nur Schöne Sachen gibt. Ich finde es toll, dass du dich damit auseinandersetzt und darüber schreibst. Aber jeder geht anders damit um. Und nur, weil man sein Beileid nicht öffentlich kundtut, heißt es ja nicht, dass man weniger um die Menschen trauert, mit ihnen fühlt. Und wenn man es tut, heißt es nicht, dass man nur Anerkennung will. Jeder handhabt es anders und nichts davon ist falsch.

    Alles Liebe <3
    Thuy

    • Kleinstadtcarrie 24. Juli 2016 at 10:56

      Hey Thuy,
      genau das habe ich in dem Beitrag erklärt. Probiert mit einer Metapher zu erläutern :-)

    • Thuy 30. Juli 2016 at 00:25

      Ja, das hast du geschrieben und erklärt mit dem Vergleich. Der zweite Absatz kam bei mir (!) wohl etwas anklagender und (ver-)urteilender rüber, als von dir beabsichtigt. Wollte deshalb ebenfalls meine Gedanken mit dir teilen :) Am Ende sind wir uns ja darüber einig. Und das sollte keinesfalls gegen deinen Text gehen, ich bin ein großer Fan deines Schreibstils ;)
      Alles Liebe <3

  • Reply CHRISTINA KEY 23. Juli 2016 at 13:16

    Toll verfasst. Es ist einfach so krass, was gerade auf der ganzen Welt abgeht! :(

    Manche Leute nenne Menschen primitiv, die auf einer einsamen Insel leben und keine Klamotten tragen und ihr Essen erst jagen müssen.

    Ich frage mich, was ist primitiver? Eine einsame Insel mit Ruhe & Frieden oder so eine Welt in der wir leben? :/

    Man kann leider nur hoffen, dass es irgendwann mal Frieden auf der ganzen Welt geben wird.

    XX,

    http://www.ChristinaKey.com

  • Reply Sarah 23. Juli 2016 at 11:49

    Ich finde du hast die Frage, warum es uns näher geht, wenn es näher ist, sehr gut auf den Punkt gebracht. Es betrifft uns mehr, es macht uns Angst und ich denke Angst ist eine so mächtige Waffe – das wissen auch die Menschen, die diese Anschläge verüben. Sie wollen dass es uns nahe geht und ich denke wir müssen stark bleiben, um ihnen nicht das zu geben, was sie bezwecken: Angst und Hass.

  • Reply Marie 23. Juli 2016 at 11:31

    Respekt…ich hatte durchgehend Gänsehaut….du öffnest Augen!

  • Reply Lila 23. Juli 2016 at 10:40

    Perfekt in Wort gefasst, was ich zu dem Thema denke. Als hättest du meine eigenen Gedanken verschriftlicht. Besser, als ich es selber gekonnt hätte.

  • Reply Lara 23. Juli 2016 at 10:21

    Luise, mal wieder ein toller Beitrag. Traurig, aber doch so wahr.
    Es stimmt, die Wellen von Anteilnahme gibt es erst, wenn uns die Geschehnisse auch geographisch nahe gehen. Dass anderswo täglich Menschen ums Leben kommen, wird oft vergessen. Das ist zwar traurig, aber wahrscheinlich auch einfach nur menschlich.
    Und ja, für mich war Krieg lange Zeit auch etwas geschichtliches, etwas, das meiner kleinen Welt völlig fern war und womit ich nicht gerechnet hätte. Aber das sind diese “neuen Kriege”, ganz anders, aber nicht weniger schlimm und darüber hinaus auch noch auf der ganzen Welt verteilt.
    Bleibt nur zu hoffen, dass die Menschheit möglichst bald wieder zur Vernunft kommt.

  • Reply Lea 23. Juli 2016 at 09:58

    Ganz, ganz toller Post!
    Du spiegelst absolut meine Gefühle zu unserer heutigen Zeit wieder!
    Ich finde es unfassbar schwer, zu den ganzen Ereignisse Worte zu finden, aber du hast da wirklich die passenden Worte gefunden. Danke dafür!