Sternentaler und andere Alltagshelden

/13. Dezember 2015/19 Kommentare

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Mein Lieblingsmärchen ist „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von Hans Christian Andersen. 
Ich habe es als Kind immer und immer wieder gelesen. Ich habe es laut vorgelesen. Und am Ende saßen wir am Tisch und haben geweint. Ich weiß nicht, was mich so an dieser Geschichte fasziniert hat. Aber bis heute hat sie mich nicht losgelassen.
Ein anderes Märchen, dass mir heute vielleicht sogar noch besser gefällt: Sternentaler.
Zwei kleine Mädchen. 
Eines, dem nicht geholfen wird. 
Eines, dass jedem hilft. 
Was wäre es doch schön, wenn die beiden einander begegnet wären.

Ein Septemberabend. Der Sommer war längst vorbei und auch ihre Verliebtheit hatte ein Ende genommen. Ich wusste, dass es ihr nicht besonders gut ging. Und als ich dann ihre Sprachnachricht abhörte, die man kaum verstehen konnte, weil sie so sehr schluchzte, wusste ich, dass es ihr schrecklich geht. Wir hatten vor einigen Monaten Schlüssel ausgetauscht und so machte ich mich auf den Weg zu ihr, betrat die Wohnung. Es war Totenstill. Sie saß auf dem Bett und weinte. Stumm. Ich nahm sie in den Arm. Und der Schmerz, den sie spürte, erfüllte mit einem Mal den ganzen Raum.
Ich wusste, dass sie nie Taschentücher kaufte. Also lief ich ins Badezimmer und kam mit zwei Rollen Toilettenpapier wieder. Sie erzählte, was passiert war. Ich konnte ihn noch nie leiden. Aber das tat jetzt nichts zur Sache. 
Das Toilettenpapier und ich, wir trockneten ihre Tränen. Oder vielleicht lag es auch schlichtweg daran, dass sie bereits alle Tränen geweint hatte. Ich deckte sie zu. Und legte die Twilight DVD ein. Nach ein paar Minuten war sie eingeschlafen. Ich blieb noch eine Weile bei ihr – wollte nicht, dass sie aufwacht, dass sie allein ist.

Es war ein grauer Dienstag im November. Eiskalt. Und ich wusste, dass sie gerade ohnehin eine schwere Zeit durchmachte. Aber als ich sie auf dem Heimweg, weinend auf dem Gehweg sitzend, getroffen habe, brach es auch mir das Herz. Ich kramte ein Handtuch aus meiner Tasche – ich bin gerade beim Sport gewesen – und setzte sie darauf. Es war doch viel zu kalt, um auf dem kalten Stein zu sitzen. Dann setzte ich mich zu ihr. Und wir weinten. Gemeinsam.
Nach ein paar Minuten strich ich ihr die Haare, die am nassgeweinten Gesicht klebten, aus dem Gesicht und sah’ ihr in die Augen. „Lass uns nach Hause gehen!“, und so machten wir uns auf den Weg.
Zwei Tage lang verbrachten wir in meinem Bett. Weinten und hofften. 
Ich kochte Tee und erledigte Wege, die sie nicht verkraftet hätte. Ich kochte Suppe und Nudeln. Und lächelte irgendwie für uns beide. 
Und am Ende saßen wir zu viert eingekuschelt da, aßen so viel Pizza, wie es mit den flauen Mägen möglich war – und waren einfach zusammen.

Heilig Abend und den ersten Weihnachtsfeiertag haben wir immer zu dritt verbracht. Heimelich. Gemütlich. So, wie es uns eben gefallen hat. Unsere Rituale und Traditionen. Selbstverständlich.
Ich war in der 8. Klasse oder ein bisschen älter vielleicht. Der Weihnachtsabend verlief eigentlich wie immer.
Am nächsten Morgen aber klingelte es. Wir haben niemanden erwartet. Der Postbote kann es eigentlich auch nicht sein. Und dann stand ein Mitschüler meiner Schwester vor der Tür.
Wir haben nicht gefragt wieso. Wir haben einen vierten Teller auf den Frühstückstisch gestellt und Plätzchen gegessen, bis uns schlecht geworden ist. In der ganzen Wohnung roch es nach Mandarinen und Räucherkerzen. Ein Weihnachtsfilm nach dem anderen. Irgendwann machte er sich auf den Heimweg. Und sah zumindest ein klein bisschen glücklicher aus.
Dann fing der Schnee leise an zu rieseln.

Wir alle wünschen uns Alltagshelden. Wir wünschen uns jemanden, der auffängt. Überrascht. Kleine Details. Überraschungen. Eine Umarmung. Eine Amelie, die uns – unverhofft – Kindheitserinnerungen schenkt. Ein Zimmer voller Ballons. Ein großer Strauß roter Rosen. Ein aufmunterndes Lächeln an einem frühen Morgen.
Nächstenliebe zu erfahren, ist wunderbar.
Aber es ist mindestens genau so schön, anderen zu helfen, anderen eine Freude zu machen.
Inspiriert von OTTO.de habe ich mich gefragt, wann ich das letzte Mal Jemandem eine Freude gemacht habe.
Ich spende. Geld und Kleidung und alles, was sonst noch gebraucht wird.
Ich mache Komplimente. Was für ein toller Rock! Du bist wunderschön! Einfach so.
Immer. Aber besonders zu Weihnachten.
Und für nächstes Jahr nehme ich mir vor, so etwas noch viel öfter zu machen.
Weil es Spaß macht: denn geteiltes Leid ist halbes Leid. Und geteiltes Glück ist doppeltes Glück!

Und wenn ich so darüber nachdenke, stelle ich fest, dass ich die Märchenbücher mal wieder herauskamen sollte. 

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Mit freundlicher Unterstützung von OTTO.de

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19 Kommentare

  • Reply Marie 21. Dezember 2015 at 14:22

    Magst du verraten, wo die wunderschönen Kissen im Vordergrund her sind? :)

  • Reply Melanie 15. Dezember 2015 at 12:13

    Wow! Du hast mich mal wieder vollends mitgezogen. Es gab nichts mehr um mich rum. Nur diese Zeilen und ich. Ich kann gar nicht in Worte fassen wie sehr mich dein Text berührt hat.

  • Reply Carina 14. Dezember 2015 at 13:54

    Toller Text! :)
    Liebe Grüße,
    Carina von http://www.lovepsreadingfriends.wordpress.com

  • Reply Mila 14. Dezember 2015 at 11:15

    Der Text ist mal wieder bezaubernd! Und du hast so so recht damit, manchmal sollten wir unsere Umgebung und die Leute darin besser wahr nehmen und ihnen auch mal eine Freude machen, einfach so.

    Liebste Grüße.
    Mila

    http://www.stationleben.blogspot.de

  • Reply Anni 14. Dezember 2015 at 01:07

    Sehr schön geschrieben! Ich habe auch schon so viel gemeinsam mit anderen stumm geweint, das ist eine Verbindung, die selbst dann nicht weggeht, wenn man sich aus den Augen verliert. Dein Text hat mich an vieles erinnert. Danke <3

  • Reply L&A 13. Dezember 2015 at 23:49

    Märchen habe ich als Kind auch geliebt! Obwohl mir persönlich “Das Mädchen mit den Streichhölzern” immer ein bisschen zu “traurig” war. Aber da hat wohl jeder einen anderen Geschmack ;) Toller Text!

    Liebe Grüße
    L&A
    http://www.lawayoflife.com

  • Reply Kathleen 13. Dezember 2015 at 21:09

    Deine Text und deine Bilder sind so wunderschön ♥ Gerade jetzt zur Weihnachtszeit liebe ich es mich einfach einmal hinzusetzen, ein Märchenbuch zur Hand zu nehmen und dann ein schönes Märchen zu lesen.

    Liebe Grüße
    Kathleen von http://kathleensdream.blogspot.de/
    https://www.facebook.com/kathleensdream/

  • Reply Anna 13. Dezember 2015 at 21:04

    Drei wundervolle Geschichten. Du hast Recht: Wir sollten viel aufmerksamer durch die Welt gehen und jede Chance nutzen, ein Alltagsheld zu werden.
    Wie immer einfach nur fantastisch geschrieben, danke für diesen tollen Post!

  • Reply Luise 13. Dezember 2015 at 21:01

    Ein perfekter Blogpost zum Sonntag – Danke <3

    Liebste Grüße
    Luise

    • Kleinstadtcarrie 13. Dezember 2015 at 21:24

      Hihi, Danke für Dein Feedback, Luise <3

  • Reply Anja 13. Dezember 2015 at 16:47

    Wunderschön! Du bist wirklich eine tolle Freundin, solche Menschen braucht die Welt.. Throw kindness around like confetti! <3

  • Reply U. 13. Dezember 2015 at 16:21

    Danke, es tut gerade so gut!

  • Reply Nena 13. Dezember 2015 at 15:50

    Toller Blogeintrag! Die Bilder sind echt schön geworden. :)

    Lg,
    Nena
    http://nenangyn.blogspot.co.at

  • Reply Luuuu 13. Dezember 2015 at 15:32

    Sehr rührender Text !

  • Reply Anna 13. Dezember 2015 at 15:25

    Wunderschön geschrieben, ein Tränchen läuft tatsächlich meine Wange herunter! Ich bewundere dich sehr, für diese Gabe, Gefühle einzufangen und wiederzugeben :) <3