Seiltänzerin

Featured, Texts/6. Dezember 2015/24 Kommentare

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Lustig. So viele bekannte Gesichter. Flüchtige Umarmungen. Schnell von hier nach da. Gedrängt stehen wir im Bus. Dicht an dicht. So viele Menschen in einem Raum. Vorlesung. Wir tuscheln. Kichern. Lesen. Recherchieren. Und ständig klingelt das Handy. Eine E-Mail nach der anderen ploppt auf.
Das war ein anstrengender Tag, denke ich. Krame den Schlüssel aus der Handtasche. Aus dem Briefkasten angle ich einige Rechnungen, hole meine Pakete bei den Nachbarn ab. „Geht’s gut soweit?“ “Wunderbar!”, rufe ich freudestrahlend. Schließe die Wohnungstür auf. Stille.

Der Zirkus ist in der Stadt!
Auf ein mal ist er da. Mit all den Waggons, die sich im Halbkreis aufgestellt haben.
Neugierige Blicke. Getuschel, wenn die Zirkusleute an der Supermarktkasse vor einem stehen.
Sie muss noch schnell einige Besorgungen tätigen. Wieder eine fremde Stadt. Und auch, wenn sie jetzt nicht im Scheinwerferlicht steht, fällt sie trotzdem auf. Weil alle anderen einander kennen.
Und von einem auf den anderen Tag wird die sonst so triste Stadt verschönert durch ein rotes Zirkuszelt. Die Farbe ist bereits ein bisschen verblasst. Die leuchtenden Lettern die ZIRKUS an den dunklen Himmel schreiben, lassen das aber vergessen. Weil niemand so genau hinsieht, um zu entdecken, dass einige der zahlreichen Glühbirnen bereits seit Monaten nicht mehr leuchten.
Hereinspaziert! Hereinspaziert!
Klapprige Bänke bei denen der Lack längst abgesplittert ist. Sägespäne überall. Popcorn! Und Leuchtstäbe. Aufgeregtes Kindergeschrei. Ein Clown, der durch die zerrupfte Menge schlendert. Unter der weißen Schminke tiefe Augenringe.
Plötzlich stockdunkel. Wenn man nach oben schaut, ist es, als würde man den Sternenhimmel sehen. Durchlöchert.
Scheinwerfer auf die Manege gerichtet: der Zirkusdirektor. Seine tiefe Stimme erfüllt das ganze Zelt. Ansonsten ist es mucksmäuschenstill. Spannung. Aufregung. Die Show beginnt! Manege frei!
Clowns und Hunde. Viele andere Tiere, die träge im Kreis laufen. Ein Kunststück. Eine Belohnung. Peitschen liegen bereit. Ponys mit albernen Kopfbedeckungen. Und Zaubertricks, die das Publikum zum Raunen und Staunen bringen. Es wird geklatscht und gebrüllt. Gekreischt und gelacht.
Sie hört die fröhlichen Kinderstimmen wie aus weiter Ferne. Gerade noch die Tickets verkauft – zu wenige mal wieder – sitzt sie jetzt vor dem verstaubten Spiegel ihres kleinen Wagons und schminkt sich die Sorgen aus dem Gesicht.
Die Show ist fast vorbei. Das Popcorn längst aufgegessen. Einige Kinder haben keine Lust mehr. Lehnen sich müde über die Absperrung. Und dann ertönt ganz sanfte Musik, die einen in den Arm nimmt und leicht wiegt. Was jetzt gleich passiert: ist magisch.
Ein einzelner Scheinwerfer ist auf den Vorhang gerichtet. Dunkelrot. Ein kleiner Spalt öffnet sich. Und das Mädchen, dass euch gerade noch die Karten in die Hand gab und einen schönen Abend wünschte, tritt hervor. Verwandelt. Niemand erkennt sie wieder. Sie glitzert und strahlt. Man kann nicht sehen, wen sie anlächelt. Sie klettert flink die schmale Leiter empor und macht den ersten Schritt – ein Fuß nach dem anderen auf das Seil. Granziös. Leichtfüßig. Elegant. Kein einziger Fehler, kein Schwanken, kein unsicheres Gesicht. Sie ist wunderschön. Springt und landet. Perfekt. Perfekt einstudiert. Sie, das Seil und die Musik – das ergibt eine Einheit. Verzaubert. Sie beendet ihren Auftritt mit einem Spagat in so vielen Metern Höhe. Lächelt. Nickt und verbeugt sich. Verschwindet wieder.
Tobender Applaus. Bewundernde Blicke, die sie kaum erkennen kann. Sie weiß das zu schätzen. Aber irgendwann verstummt der Applaus. Und dann ist sie allein.
Wir aber stellen uns vor, wie sie freudestrahlend nach hinten läuft. Ihre Familie sie in den Arm nimmt. Lobt. Und alle zusammen den Abend ausklingen lassen. Feiernd. Strahlend. Glücklich. Genau so, wie in der Manege. Was für ein wunderbares Zirkusleben. Frei und glücklich. Ja, so muss es sein.
Schnell schält sie sich aus dem Glitzerkleid und hofft, dass ihr Vater nicht gesehen hat, dass sie die Choreografie kurz vergessen hatte. Sie schnappt sich den Besen und wartet, bis der letzte Zuschauer das Zirkuszelt verlassen hat.
Dann schminkt sie sich ab. Schaut in den Spiegel. Ihre Augen werden glasig und sie spürt, was gleich passiert. Also steht sie auf, bindet ihre Haare zusammen und geht weiter.
Denn heute nacht wird sie üben. Kämpfen. Und die Hoffnung nicht verlieren.
Denn morgen muss sie wieder strahlen. Funktionieren. 

IMG_7137 IMG_7145 IMG_7156 IMG_7150 IMG_7199 IMG_7180 IMG_7136 Kimono – Hunkemöller
Fotos – Vanessa Thiel

Mit freundlicher Unterstützung von Hunkemöller.

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24 Kommentare

  • Reply Sarah 28. Dezember 2015 at 11:11

    Liebe Luise, woher hast du denn diese tollen Wimpern? :O :)

    • Kleinstadtcarrie 28. Dezember 2015 at 11:33

      Die waren mal von DM aus so einem Faschingsaufsteller :)

  • Reply Gina 16. Dezember 2015 at 18:22

    Liebe Luise,
    ich hatte leider schon eine Weile nicht die Zeit auf deinem Blog vorbei zu schauen. Doch jetzt hat mein Körper mir durch eine Erkältung mal wieder eine Pause verschafft. Ich kann ein wenig durchatmen und mich deinen tollen Texten widmen.
    Du hast hier wie so oft einen Text geschrieben, in dem ich mich wiederfinde. Ich bin zwar keine Seiltänzerin im Zirkus, aber stehe auch manchmal auf der ein oder anderen Bühne im Rampenlicht. Und es ist so, wie du es in deinem Text schreibst: Man schminkt sich die Sorgen aus dem Gesicht. In dem Moment, in dem das Licht angeht und du den ersten Fuß auf die Bühne setzt, hält der Alltag ein paar Minuten an. Oft bin ich dann voller Leidenschaft, gehe in der Musik auf – aber in letzter Zeit funktioniere ich dabei auch manchmal einfach nur. Und so finde ich mich in vielen Situationen wieder. Oft würde ich gerne hinschmeißen oder einfach einknicken und zugeben “Hey, ich kann auch irgendwann nicht mehr”. Aber dann ist da gleichzeitig der Gedanke an Menschen für die man nicht einknicken darf, für die man stark sein muss. Und so kämpft man, kämpfe ich, kämpfen wir uns eben durch den Alltag. Und irgendwann kommen dann wieder die guten Zeiten, die Zeiten in denen das Kämpfen nicht anstrengend ist, sondern sich anfühlt wie ein Tanz im Sommerregen.

    Danke für deinen Text & die Bilder sind wirklich bezaubernd! ♥

  • Reply Katarina Ahlsson 14. Dezember 2015 at 03:44

    Danke für diesen schönen Text und diese tollen Bilder! Die Atmosphäre der Bilder ist irgendwie unbeschreiblich – so hübsch und fragil. Gefällt mir richtig gut.

    Katarina x
    http://www.katarina-ahlsson.com

  • Reply Cara♥ 11. Dezember 2015 at 19:09

    Richtig schöner Text!*o*
    Ich bin eben erst auf deinen Blog gestoßen, und ich liebe ihn jetzt schon!♥
    Die Bilder sind auch wunderschön*-*
    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende:*
    rosy-things.blogspot.de

  • Reply Alina 10. Dezember 2015 at 23:05

    Hallo Luise,
    ich liebe deinen Blog und lese ihn nun schon seit Jahren. Du hast mich schon so oft inspiriert und als ich zB schlimmen Liebeskummer hatte, haben deine Texte mir immer und immer wieder geholfen, weil sie mir gezeigt haben, dass ich nicht alleine bin.
    Ich habe mich wie ein kleines Kind gefreut, als ich die Dokumentation über dich auf VOX gesehen habe!
    Du hast in mir das Interesse geweckt, selbst einen Blog zu gründen. Ich schreibe selbst sehr gerne und habe jetzt spontan einige Texte veröffentlicht und wollte dich einfach mal nach deiner Meinung fragen, weil sie mich sehr interessieren würde.
    Also falls du Zeit dafür findest, könntest du dir das Ganze ja mal anschauen:

    https://beyourownf.wordpress.com/

    Und mir vielleicht eine E-Mail schreiben.

    Mit ganz lieben Grüßen
    Alina

  • Reply Franziska Elea 9. Dezember 2015 at 14:01

    Du schreibst einfach sooo schön! So berührend und tiefgründig… Und hübsch bist du auch noch <3
    Liebe Grüße,

    Franziska
    franziska-elea.de

    • Kleinstadtcarrie 10. Dezember 2015 at 16:34

      Danke für Deine lieben Worte, Franzi <3

  • Reply Mila 9. Dezember 2015 at 10:26

    Der Text ist mal wieder Spitzenklasse! Lustig ist, dass ich grade den Song Rollercoaster von Julian le Play gehört hatte und etwas schmunzelte, als ich dann deinen Text gelesen hatte.
    Die Bilder sind auch wirklich wundervolle geworden, der Post läd mal wieder zum versinken ein!
    Vielen Dank dafür.

    Liebste Grüße aus Hamburg,
    Mila

    http://www.stationleben.blogspot.de

  • Reply Carina 7. Dezember 2015 at 17:12

    Toller Text und schöne Bilder liebe Luise! :)
    Du kannst so gut schreiben, Kompliment :)
    Liebe Grüße,
    Carina von http://www.lovespreadingfriends.wordpress.com

  • Reply Anne-Catherine 7. Dezember 2015 at 12:47

    Wunderschöne Fotos. Dank deinem Text habe ich jetzt mal wieder richtig Lust darauf in den Zirkus zu gehen. :D Wobei hinter den Kulissen wohl wirklich nicht immer alles so fröhlich und unbeschwert ist, wie es in der Manege aussieht. Wunderschön geschrieben.

    Liebe Grüße, Anne-Catherine
    http://www.fashcation.com

  • Reply Anni 7. Dezember 2015 at 12:44

    Schöner Text, ich denke, so wie deiner Seiltänzerin geht es vielen Menschen – man sollte glücklich sein und strahlen. Aber nicht immer sieht der Alltag so aus und es ist eine hohe Kunst dafür zu sorgen, dass man trotzdem jeden Tag mit einer positiven Einstellung angeht.

  • Reply Sarah 7. Dezember 2015 at 10:41

    Wow diese Augen ! :)
    Und du hast Recht, oft sieht man gar nicht, was sich hinter der schillernden Fassade befindet. Man sieht nur den Erfolg.

    Liebste Grüße
    Sarah

    https://sarahsecrecy.wordpress.com/

    • Kleinstadtcarrie 8. Dezember 2015 at 11:22

      Hihi, krasse Wimpern, oder? :-)

      Oh ja…

      Liebe Grüße an Dich liebe Sarah

  • Reply Ines 7. Dezember 2015 at 09:48

    Ein wunderschöner, tiefgründiger Text.

  • Reply Nadja 6. Dezember 2015 at 23:31

    Oh ich war richtig traurig, als der Text zuende war.. hätte gerne noch mehr gelesen – wieder so schön geschrieben und wieder mit so viel Gefühl und Bedeutung! Die Bilder sind auch wunderschön – du bist so hübsch, Luise! :) <3

  • Reply Christina Violet 6. Dezember 2015 at 23:03

    Mal wieder ein sehr gelungener Text :) Ich träume jedes Mal, wenn ich deine Texte lese, so toll!

    Gruß

    http://www.ladresstina.com

  • Reply Luuuu 6. Dezember 2015 at 22:07

    Sehr berührender Text mit wunderschönen, ästhetischen Fotos ! Bravo !
    Alles Liebe
    Luuu ♡

  • Reply Marmormaedchen 6. Dezember 2015 at 22:00

    Hallo Luise
    Was für ein beklemmender Text. Ich glaube, wir alle fühlen uns manchmal so – wie Seiltänzerinnen. Strahlend, gerader Rücken, das Lächeln sitzt perfekt.
    Einstudiert.
    Ich wünsche auch dir Momente, in denen du lachen kannst, weil du es so sehr willst, loslassen kannst – die Spannung nicht halten musst.
    Danke für diesen Post!
    LG Jasi
    http://www.marmormaedchen.blogspot.com

  • Reply Jasmin 6. Dezember 2015 at 19:45

    wow. der text und du. so einzigartig wunderschön <3

  • Reply Carina 6. Dezember 2015 at 17:46

    Fantastische Bilder und wunderschöner Text!

  • Reply Alina 6. Dezember 2015 at 17:16

    Wow, wieder einmal bin ich begeistert von deinem Text. Ich folge dir schon seit Jahren, war schon dabei als dein Blog ein rosa Mädchentraum war. Und je länger ich deine Texte lese, desto mehr stelle ich fest, dass du sie veröffentlichen musst – in Buchform. Hast du jemals darüber nachgedacht ein Buch zu schreiben? Wenn ja, ich würde es kaufen!
    Liebste Grüße,
    Alina

    • Kleinstadtcarrie 8. Dezember 2015 at 11:23

      Liebe Alina,

      wir schauen mal, was das neue Jahr so bringt – okay? :-)