Fahrerflucht

/22. November 2015/33 Kommentare

Ich habe so oft Koffer zum Bahnhof getragen. Aber nie meine eigenen.
Ich habe gewunken. Bis zum Schluss am Gleis gestanden. Abschied genommen. Aber bin selbst immer zu Hause geblieben.
Ich habe gekämpft. Habe immer wieder angerufen. Konnte nicht loslassen. Wurde verlassen. Immer wieder.
Habe Briefe geschrieben, deren Zeilen nie gelesen wurden.
Geburtstagskuchen gebacken – für dich. Dessen Kerzen ich am Ende selbst ausblies. Ohne mir etwas zu wünschen.
Gute Ratschläge erteilt. Und dabei nur an dich gedacht. Ich habe dir einen Schubs gegeben, damit du endlich los fliegst. Obwohl es mir das Herz gebrochen hat, dich gehen zu lassen.
Aufopferungsvoll.
Und ihr habt genommen. Genommen. Genommen.

Und habe es die ganze Zeit über nicht bemerkt. Nicht bemerkt, dass ich bald aufgebraucht bin. 

Ich bin blass geworden. Habe abgenommen. Sehe müde aus. Das ist normal, habe ich gedacht. Es ist Winter und die Sonne hat schon seit einigen Tagen nicht mehr geschienen. Ich erledige alltägliche Dinge. Setze einen Fuß vor den anderen. So, wie wir alle das machen. Das muss genäht werden!, ruft mir jemand aus der Ferne zu. Ich schüttle nur sacht den Kopf. Der Schmerz wird vergehen. Es geht mir schon besser. Und alles was zurück bleibt, ist eine kleine Narbe.
Ich habe hingenommen. Gelernt mit nur einem Bein zu gehen. Das ist okay. Immerhin habe ich überlebt. Die Krücken, auf die ich mich stütze, sind noch etwas wackelig. Ich weiß nicht, ob sie dem Winter stand halten oder wir gemeinsam ausrutschen werden. Ich befürchte einiges, aber habe keine Kraft, mir darüber weiter Sorgen zu machen.
Ich eile durch die Straßen der ergrauten Stadt. Kaum ein Licht brennt in den Fenstern. Der Schnee rieselt ganz leise. Betäubt. Lässt mich bremsen. Macht mich nachdenklich. Wieder mal. Und ohne irgendeinen besonderen Grund – denke ich – steigen mir die Tränen in die Augen. Ich schlucke sie herunter.
Plötzlich entdecke ich etwas. Einen reglosen Körper. Am Ende der Straße. Und alle Menschen laufen daran vorbei. Seht ihr denn nicht? Wieso hilft denn niemand? 
Ich renne. Werde immer schneller. Aber der Abstand scheint sich kaum zu verringern. Meine Schritte werden größer. Habe irgendwas verloren. Mir rutscht die Mütze immer tiefer ins Gesicht. Der Schnee fliegt mir ins Gesicht. Egal. Schneller!
Bis ich – eine Querstraße weiter – den Unfallort endlich erreiche. Es ist totenstill. Hier ist niemand mehr. Ich bleibe abrupt stehen.

Ein Mädchen liegt auf der Straße. Blass. Eiskalt. Ihr Gesicht ist schneeweiß. Und überall Blut. Dunkelrot im unschuldigen Weiß. Chaos. Ich kann mir nicht erklären, was hier passiert ist. Und alles, was zurückbleibt: ist sie.
Ich renne zu ihr. Sammle ihr Hab und Gut auf. Alles irgendwie wieder zusammenflicken. Das wird schon! Aber sie regt sich nicht. Wieso habe ich im Erste Hilfe Kurs nicht besser aufgepasst? Kann sie nicht anheben. Ich schreie nach Hilfe. Ohne Echo. Mund-zu-Mund-Beatmung. Will ihr Leben einhauchen. Mein Gesicht über ihrem.
Sie öffnet die Augen. Ich atme auf. Sie bewegt ihre Hand und fährt über ihr Gesicht, als wolle sie sich mit den kleinen Fingern Tränen aus dem Gesicht wischen. „Kennst du das, wenn man nicht mal mehr Tränen übrig hat?“, fragt sie. Ich verstehe nicht. Hetze wieder umher. Panisch. „Wer war das?“, schreie ich sie an. „Wie ist das passiert? Wir müssen die Polizei rufen. Kannst du dich an das Kennzeichen erinnern?“
Keine Antwort.
„Ich weiß nicht, wie es soweit kommen konnte.“, haucht sie. „Es fühlt sich an, als hätte mich ein Vampir gebissen. Und bis auf den letzten Tropfen alles Blut aus mir gesaugt. Gnadenlos. Und weißt du was? Ich hatte eingewilligt“, sie spricht so ruhig, so gelassen, dass es mir Angst macht.
„Kennst du das, wenn man nicht mal mehr Tränen übrig hat? Kennst du das, wenn man einfach leer ist? Unendlich leer?“, fragt sie wieder und blickt mir starr in die Augen.
Ich brauche nichts zu sagen. Und gebe auf. Sacke zusammen. Knie neben ihr. Mein Gesicht auf ihrem Bauch. Und sie streichelt mir zart übers Haar. Ich schaue sie an. Und durch meinen Tränenschleier scheint es, als wäre sie gar nicht mehr vollkommen da. Als würde sie verschwinden. Ich klammer mich fest an sie. Will ihren schmalen Körper wärmen. So zart, dass ich sie nicht halten kann. Wie Wasser rinnt sie mir durch die Finger.
Ein letzter Atemzug.
Etwas stirbt in mir.

Du hast mich zurück gelassen. Ich stand am Flughafen. Unsere Handflächen an der Fensterscheibe. Tränen. Eine verlassene Flughafentoilette.
Wir wussten, es würde ein Wiedersehen geben, aber das war ein Abschied für immer.
Du hast mich zurück gelassen. Hast an dich selbst gedacht. Und das ist okay. Aber wieso hast du all’ die Erinnerungen hier liegen gelassen?
Du hast mich zurück gelassen. Wieso hast du nie Lebe wohl!, gesagt? 
Ich habe geliebt, bis alles von mir aufgebraucht war.
Es tut weh, zurück zu bleiben.
Man steht da. Winkt. Und wartet. Auf Rückkehr.
Vergebens.
Fahrerflucht.

Manche Begegnungen fühlen sich an wie ein Vampirbiss. Aber vergiss nicht, sie geben dir Unendlichkeit.

IMG_8719 Foto – Frederic Bloch

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33 Kommentare

  • Reply Alwi 15. Februar 2016 at 15:07

    Wow….ich kann es garnicht in Worte fassen, wie sehr mich deine Worte bewegen.
    Ich habe es gelesen und musste erst einmal etwas tief in mir runter schlucken.
    Du kannst ein Gefühl so wundervoll wortgewandt lyrisch in Worten rüber bringen.
    Ich bin froh das Lesen zu dürfen.
    Wie alte Gedichte.
    Danke dafür!

  • Reply Lisa 27. Januar 2016 at 16:59

    Du kannst echt traumhaft schreiben… Man fühlt Rivalen mit!
    Loebe Grüße
    Lisa xx

  • Reply Sarah Ries 14. Dezember 2015 at 15:26

    Wunderschöner Text! Kann mich sehr gut in ihn hinein fühlen…

    Liebe Grüße Sarah, 16 Jahre

  • Reply Janine 13. Dezember 2015 at 10:52

    Bin einfach sprachlos. Wow, das ist so ein schöner Text! ich habe ihn schon sooo oft gelesen, aber er berührt mich jedes Mal wieder!!
    Herzliche Grüsse
    Janine

  • Reply Jule 3. Dezember 2015 at 19:43

    Ich liebe deine Texte. Was ich klasse fände wenn es eine App von dir gäbe wo immer deine Beiträge zu aktualisieren gibt. :)

  • Reply Chrissie 3. Dezember 2015 at 13:19

    Einfach ein toller Text, der absolut berührt! Deine Metaphern sind einfach unglaublich und immer so passend! Echt toll geschrieben und man kann sich selbst darin sehen.

    LG Chrissie

  • Reply Anne 29. November 2015 at 21:26

    Du sprichst mir so aus der Seele!

  • Reply Eva 29. November 2015 at 03:53

    Hallo du,
    warum so traurig? Wo ist die Lebensfreuede? Möchtest du sie wieder haben? Mir ging es auch mal so, und ich bin froh da raus zu sein. Willst du wieder glücklich sein und fröhliche Texte schreiben, jeden Moment genießen und erfüllt sein? Dich umdrehen die Vergangenheit verlassen und in eine farbenfrohe Zukunft gehen? Dann schreibe mich an, ich zeige dir die Möglichkeit. Liebe Grüße Eva

  • Reply sarah 25. November 2015 at 19:03

    Darf ich dir eine Frage stellen? Ist das wirklich passiert? Ich habe heute in der SZ gelesen, dass ein Mädchen von einem Auto in Dresden angefahren wurde und der Fahrer Fahrerflucht beging. Ich muste sofort an deinen Text denken. Ich hoffe, falls es wirklich passiert ist, dass es dir und dem Mädchen gut geht und ihr die Situation verarbeiten könnt!

    • Kleinstadtcarrie 26. November 2015 at 12:32

      Sarah,
      ich habe kein Mädchen auf der Straße liegend gefunden. Also nicht tatsächlich.
      Wie so oft handelt es sich auch hier um eine Metapher :-)

  • Reply Juliana 24. November 2015 at 18:03

    Gänsehaut-Post, unglaublich *-* :(

  • Reply Mirijana 24. November 2015 at 15:27

    Du hast eine wunderbare Art und Weise zu schreiben!

    Ich kenne dieses Gefühl alles gegeben zu haben, sich selbst dabei schon aufgegeben zu haben und am Ende doch stehen gelassen zu werden.
    Man befindet sich in einer Schockstarre, versteht die Welt nicht mehr,es ist grausam.
    Wie kann der Mensch für den man doch alles gab, alles stehen und liegen gelassen hat wenn er rief, nur so unfassbar verletzen?!

    Dann habe ich gelernt, niemand weiß dich je zu schätzen, niemand wird dich je wirklich lieben, wenn du es selbst nicht tust!
    Wenn man sich dessen bewusst wird, dann ändert sich alles.. Du, die Menschen um dich rum, wie sie dich behandeln..

    Plötzlich wird dein Leben ein Stück bunter, du verkaufst dich nicht mehr unter deinem eigenen Wert, du lässt es einfach nicht mehr zu.
    Menschen die dir nicht gut tun, verlassen dein Leben, aber das ist okay.
    Du bist gereift, hast durch eine schlimme Erfahrung, die Chance bekommen dein Leben umzukrempeln und schaffst Platz für Menschen die dich wirklich zu schätzen wissen und dich lieben, weil du DU bist.

    Ich wünsche dir alles Glück der Welt
    Mirijana

  • Reply L 24. November 2015 at 13:11

    Es tut so weh, wenn man das Gefühl selbst spürt und es dann so perfekt aufgeschrieben hier liest… <3

  • Reply Anne-Catherine 24. November 2015 at 02:27

    Ein wunderschöner Post, der einen richtig melancholisch und traurig werden lässt :( Da werden viele Erinnerungen wach. Aber geteiltes Leid ist halbes Leid… Deshalb mag ich deinen Blog so gerne, weil man sich in so vielen deiner Situation, selbst wiederfindet.

    Alles Liebe, Anne-Catherine
    http://www.fashcation.com

  • Reply Vanessa 23. November 2015 at 21:01

    Respekt ! Der Text ist unglaublich toll geworden. Du bist wirklich eine der einzigen Blogger die mich berühren. Wenn ich deine Texte lese würde ich dich am liebsten sofort anrufen und fragen was los ist, weil du einen so sehr an deinem Leben teilhaben lässt. Ich hoffe du schaffst es endgültig loszulassen und gleichzeitig hoffe ich, dass mir das erspart bleibt.. Gute Nacht!

  • Reply Sophie 23. November 2015 at 20:50

    Ich bin gerade wohl genau in der Umgekehrten Situation … Habe jemanden verletzt, zurückgelassen und sein Leben durcheinander gebracht und weiß das … Wir waren immer füreinander da und es ist komisch nach 5 gemeinsamen Jahren getrennte Wege zu gehen… Auch, wenn das meine Entscheidung war. Auch, wenn jetzt jemand anders in meinem Leben ist. Das Wissen, eine geliebte Person so sehr verletzt zu haben, ist fast nicht zu ertragen. Die andere Möglichkeit wäre es gewesen, mich selbst zu belügen und die Augen vor den eigenen Gefühlen zu verschließen. “Ich geb dich frei, ich werd dich lieben, bist ein Teil von mir geblieben” – das geht mir oft durch den Kopf. Ich hoffe irgendwann, in ein paar Jahren vielleicht, können wir wieder Seite an Seite gehen, als gute Freunde.

  • Reply Mila 23. November 2015 at 19:31

    Wow, ich kenne niemanden, der mich mit seinen Worten so sehr erreicht wie du. Ich liebe es einfach, deine Worte in meinem Kopf durchlaufen zu lassen. Mach weiter so!

    Liebste Grüße aus Hamburg,
    Mila

    http://www.stationleben.blogspot.de

  • Reply SOPHIIABEE 23. November 2015 at 17:16

    Du schreibst so gut unglaublich…nicht von dieser welt! <3

    Fühl dich gedrückt, Sophia :-)

  • Reply Amy 23. November 2015 at 16:45

    Wow!
    Ich bin echt so begeistert davon wie schön und ausdrucksvoll du schreiben kannst. Ich konnte jedes einzelne Wort und jeden einzelnen Satz fühlen! Dank dir dass du mich mal wieder zum nachdenken bringst – auf eine zwar traurige aber dennoch sehr schöne Art und Weise!
    Auch ich habe vor Wochen einen schmerzhaften Verlust erleiden müssen der mich um einiges in meinem Leben zurückgeworfen hat. Aber so wie jeder andere musste auch ich lernen, nicht einzuknicken sondern einfach weiterzumachen – mich abzulenken.
    Jedenfalls bin ich dir sehr dankbar dafür dass mir und auch sicherlich vielen anderen das Gefühl gibst verstanden zu werden. <3

  • Reply Mona 23. November 2015 at 16:26

    Du bist die geborene Autorin. Würdest du ein Buch schreiben, würde ich es in einem Tag verschlingen. Hab mich verliebt, in deinen Schreibstil!

    • Kleinstadtcarrie 23. November 2015 at 19:00

      oh man, ihr seid echt die Besten <3

  • Reply Marmormaedchen 23. November 2015 at 13:51

    Hey Luise
    Ich bin mal wieder gefesselt. Deine Art zu schreiben, fesselt mich. Immer wieder. Von neuem.
    Danke. Danke für all deine Texte, dass du das alles mit uns teilst.
    LG Jasi
    http://www.marmormaedchen.blogspot.com

  • Reply Nadja 22. November 2015 at 22:29

    Einfach wieder einmal so wunderschön!!! Und dieses Bild.. <3

  • Reply Vivien 22. November 2015 at 21:45

    Oh Luise, das ist ein Meisterwerk. Auch wenn ich mir vorstellen kann, dass dort viel persönliche Wahrheit drin steckt – das ist eine so wunderschön geschriebene ‘Geschichte’, ich musste mehrere Passagen mehrfach lesen. Du kannst es einfach!

  • Reply julia 22. November 2015 at 21:29

    Wie unglaublich talentiert du bist. Ich bin mal wieder beeindruckt, berührt und eigentlich sprachlos. Es wird unzähligen von deinen Lesern so gehen. Ich habe auch das Gefühl, gar nicht in Worte fassen zu können, wie mich deine Texte erreichen. Aber du sollst wissen, dass sie so besonders sind. Wertvoll. Und das viele das denken, aber nur wenige hier ein Feedback hinterlassen werden. Du erreichst so viele mehr als du denkst. Du kannst großartig mit Worten umgehen. Alles Liebe :)

  • Reply Elisa 22. November 2015 at 21:14

    Mir fehlen die Worte -mal wieder. ❤

  • Reply Jana 22. November 2015 at 20:51

    Wow Luise, das ist wieder mal super geschrieben. Ich bin gerade selbst in so einer Art “Lage”. Vier Jahre waren wir zusammen, haben zusammen gewohnt, zusammen gelebt, fast alles miteinader geteilt. Sind durch viele Tiefen gemeinsam gegangen. Seit Mai sind wir nicht mehr zusammen, haben gemeinsam beschlossen die Beziehung aufzugeben. Anfangs schien alles gut zu sein, die Entscheidung schien die Richtige gewesen zu sein. Aber nach und nach merkten wir, das uns beiden irgendwas fehlte. Es fehlte das “UNS”. Etliche Monate ging es hin und her. In sehr schweren Stunden war ich die jenige, die ihn besucht hat, ihn abgelenkt hat, ein Gefühl von Geborgenheit gegeben hat, Tag und Nacht für ihn da war, ohne an sich selbst zu denken. Der Dank dafür ist eine neue Frau an seiner Seite. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl. Tag und Nacht weine ich, kann nicht essen, an nichts anderes mehr denken. Man sagt mir ich sehe schlecht aus, das weiß ich selber. Ich habe im Moment einfach keine Kraft, kann nicht loslassen. Mir kommen immer wieder die selben Gedanken. Die beiden Arm in Arm. Es kommt mir vor, als wurde mir das wichtigste aus meinem Leben genommen. In den schweren Stunden in denen ich ihn gebraucht hätte, war er nicht da. Ich wurde ausgetauscht, ein furchtbares Gefühl. Noch viel furchtbarer ist das Gefühl ihm mehr und mehr egal zu werden.
    Viele Grüße aus Dresden nach Dresden
    Danke für deine Worte!

    • Kleinstadtcarrie 23. November 2015 at 12:25

      Jana, ich wünsche Dir alles Gute. Ich wünsche Dir, dass Du bald aufwachst und an etwas anderes denken kannst. Du wirst darüber hinwegkommen, das weiß ich. Pass auf Dich auf und gib Dir selbst ein bisschen Zeit. Und dann: aufstehen und weiter gehen <3

  • Reply Chinomso 22. November 2015 at 20:49

    Leider verstehe ich gerade heute nur zu gut, was du beschreibst. Wunderbar beschrieben.

  • Reply Luuuu 22. November 2015 at 18:01

    Sprachlos ♡

  • Reply Melanie 22. November 2015 at 17:54

    Du hast mich mal wieder mitgenommen. Erst ganz zart und dann, mit voller Wucht, ohne halt hast du mich mitgerissen. Eintauchen. Denken. Fühlen. Uneingeschränkt. Hier.
    Danke!