Singlemädchen #2

Texts/4. Oktober 2015/19 Kommentare

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Es war 13:52 Uhr und ich saß in dem kleinen Apartment eines Freundes. Immer noch im Schlafanzug. Der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben. Und ich zog mir die Bettdecke noch ein kleines Stück weiter übers Gesicht.
Es war 13:53 Uhr. In Paris.
Ab 18:00 Uhr war mein Terminkalender wieder prall gefüllt und ich hatte bisher noch nichts von Paris gesehen – außer den Eiffelturm, der, wenn man auf den Gehweg hinaustrat, über den Dächern der Nachbarhäuser zu sehen war. Also gar nicht so weit weg. Der Eiffelturm. Ich schlüpfte widerwillig in eine Jeans, schnappte mir meinen Lieblingsmantel, einen Regenschirm und verließ’ die Wohnung. Es regnete. Immer noch. Ich spannte den Schirm auf und machte mich auf den Weg – ich wusste nicht genau, in welche Straße ich abbiegen musste, aber die Spitze des Eiffelturms war immer zu sehen – da geht es lang!
Irgendwann, als es aufhörte zu regnen, umgaben mich immer mehr Touristen. Und auch wenn ich das Eisengerüst, welches das Ziel meines Spaziergangs sein sollte, nicht immer sehen konnte, so wusste ich doch, dass ich auf dem richtigen Weg war. 

Mir war kalt und ich war allein. Wieder mal umringt von so vielen Menschen. Gelegentlich wurde ich angelächelt. Aber selbst das Karussell am Fuß des Turms konnte meine Laune nicht aufheitern. Mein Gott, du bist in Paris!, dachte ich und zwang mir ein Lächeln auf die Lippen, setzte mich auf eine der schmalen Bänke und beobachtete das graue Durcheinander. Fast fünf Jahre ist es her, dass ich hier das letzte Mal gewesen bin. Fünf Jahre – ich schwelge in Erinnerungen: mit den Klassenkameraden, mit meinem Papa und damals zum Nationalfeiertag. Irgendwie war Paris aber diesmal so anders – trist, grau und einsam. Und während ich so dachte, widersprach ich mir in Gedanken selbst: wie sollte eine Stadt wie Paris trist sein? Ich zog mir die Jacke noch etwas fester um den Körper und wurde aus den Gedanken gerissen, als ich bemerkte wie viele Tauben sich um mich tummelten. Eine ältere Frau hatte sich neben mich gesetzt und die Tiere mit Brotkrumen angelockt. Paris war nicht trist. Paris war nicht grau oder gar langweilig. Aber woran lag es dann?
Ich stand auf, lief umher, beobachtete Menschen, verliebte Pärchen. Seit einem halben Jahr schon laufe ich jetzt allein durchs Leben. Allein durch Paris. Lange habe ich nicht mehr darüber nachgedacht – irgendwie doch zu viel Arbeit, zu viel Sommer in den vergangenen Monaten, zu viele Termine, zu viele andere Dinge im Kopf, als das ich tatsächlich zu Hause sitzen und mich selbst bemitleiden könnte oder gar wollte. Aber in dem Moment, als ich wie ein begossener Pudel durch diese romantische Stadt lief, kam ich nicht umhin, für einen klitzekleinen Moment einzuknicken, einen Arm um meine Hüfte zu vermissen. Zum Lachen bringen. Auffangen.

Es war 15:23 Uhr und ich hatte es satt, zu vermissen, zu frieren, unsicher zu sein. Ich legte den Kopf in den Nacken, sah nach oben und überlegte, ob ich doch noch mal hochlaufen und einen Blick über Paris werfen sollte? Es ist doch schon fünf Jahre her. Und schließlich bin ich gewachsen. Ein neuer Blickwinkel. Eigentlich blieb keine Zeit mehr, musste doch in zwei Stunden schon am anderen Ende der Stadt sein. Aber ich bin in Paris! Ich wollte nur mal schauen, wie viel das Ticket kosten würde und ging zaghaft auf den Schalter zu. Musste mich noch bemühen und selbst anfeuern jetzt wieder zu lächeln und das Leben zu genießen. Ganz konzentriert darauf und mit der Frage, wo denn jetzt genau die Schlange ihr Ende fand, fühlte ich mich nicht angesprochen, als eine zarte Stimme „Excuse me?“ sagte. Angestrengt schaute ich auf die Uhr. Die Zeit reicht einfach nicht, ich muss weiter.
Excuse me … Madame?“ Etwas streifte mich am Arm – ich drehte mich um und da hielt mir eine zierliche junge Frau ein Ticket entgegen, erklärte mir, dass ihr Freund krank geworden war und wollte keinen Cent von mir annehmen. Genau so schnell, wie sie gekommen war, war sie auch wieder verschwunden und auf meinem Gesicht breitete sich ein Grinsen aus – unwillkürlich, ohne Zwang, ohne Mann an meiner Seite. Ich stellte mich in die Reihe, stieg in den Fahrstuhl und – als wäre diese Geschichte nicht schon kitschig genug – als ich so viele Meter über der Stadt auf die Aussichtsplattform in’s Freie trat, brach die Sonne durch die hartnäckige Wolkenschicht.
Schnell lief ich auf die anderen Seite und hielt Ausschau nach einem Regenbogen. Wusste doch ganz genau, dass irgendwo einer sein müsste. Ganz zart, fast gar nicht wirklich, entdeckte ich ihn  nur wenige Augenblicke später über den Dächern dieser zauberhaften Stadt. 

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19 Kommentare

  • Reply Charlotte 12. Oktober 2015 at 18:59

    So eine schöne Erzählung, danke, dass du all’ das mit uns teilst!

  • Reply anna 6. Oktober 2015 at 15:21

    bei diesem post hatte ich beim lesen irgendwie die ganze zeit die stimme von carrie in den ohren ;-)

    lg anna

  • Reply Kathi 6. Oktober 2015 at 10:56

    Wow, echt eine super Geschichte! Solche Situationen mit völlig Fremden sind immer sowas schönes! :) Da MUSS man dann quasi lächeln und das einfach machen! ;)

    lg, Kathi
    http://www.ilvieebella.com
    Ps.: Heute gibt es ein Gewinnspiel für alle Beautyjunkies auf meinem Blog! :)

  • Reply Nilishi 5. Oktober 2015 at 11:09

    Wirklich schöner Post. Gerade fremde Städte lösen dieses Bedürfnis in einem aus, jemand Vertrauten bei sich zu haben. Man muss sich dann einfach Momente suchen, die einen zum Lächeln bringen :)

    Liebe Grüße,
    Nili von Mindbroken.de

    • Patricia 5. Oktober 2015 at 22:28

      Ich sehe das anders. Ist es nicht ein Privileg so viel reisen zu dürfen? Mir hat es über den schlimmsten Kummer hinweg geholfen wegzufliegen. Es zeigt einem wie klein man in dieser Welt ist und dass da noch so viel mehr ist. Der Kummer verliert an Bedeutung und man spürt, dass es weitergeht. Mal ganz abgesehen von der vielen Ablenkung und den neuen Eindrücken. Klar man kann diese Eindrücke nicht teilen und sich gemeinsam freuen und manchmal fantasiert man sich auch diesen einen jmd an die Seite. Aber ist das nicht ein tröstlicher Schmerz, gerade in dieser romantischen Stadt? Man darf diese Schönheit genießen u sich selbst beweisen, dass man immer noch ganz ist.
      Was mich fertig macht, ist der Alltag. Wenn einem die Decke auf den Kopf fällt, man immer wieder die selben Gedanken abspult, sein altes Tshirt wiederfindet, morgens nur ein Kaffeebecher auf dem Tisch steht…
      Leider ist ja spontanes Ausbrechen fast nicht möglich mit festen Arbeitszeiten, obwohl es der Seele so gut tut. Von daher kann man nur sagen, dass du Luise es gut hast mit deinen Möglichkeiten und ich hoffe dass du das auskosten kannst. :) Diese traurigen Flashbacks gehören sicherlich dazu. Was mir persönlich zusetzt, sind die unauagesprochenen und ausgesprochenen Andeutungen, dass bei einem als (längerer) Single irgendwas kaputt sein muss oder man unvollständig sei. Dass man sich dafür rechtfertigen muss… das macht mich wirklich traurig, selbst nachdem man das eigentliche Ende der Beziehung schon verarbeitet hat….

  • Reply Sophia 5. Oktober 2015 at 10:33

    Hallo :-)

    wenn ich deine Texte lese, fühle ich mich immer, direkt in deine Welt gezogen. Faszinierend. Nicht jeder hat dieses Talent. Sei stolz auf dich!
    Und die Liebe, kommt ganz von allein. Denn schließlich ist es schöner, Glück gemeinsam zu teilen.

    PS: Woher ist dein schöner Mantel?:-)

    Liebe Grüße Sophia

  • Reply Kristin 5. Oktober 2015 at 08:50

    Paris ist einfach nur wundervoll.
    Im Mai waren ich und mein Mann das erste mal dort.
    Ich bin so verzaubert und ja der Spruch stimmt – Paris is always a good idea.

    Liebste Grüße, Kristin von http://kristiwithlove.blogspot.de

  • Reply MATRJOSCHKA 5. Oktober 2015 at 05:22

    Richtig schön :) Sehr hübsch und nahe geschrieben, hast mich auf jeden Fall zum Lächeln gebracht!

    Allerbeste Grüße :)

    mtrjschk.blogspot.com

  • Reply Susi 4. Oktober 2015 at 23:58

    Was für eine tolle Geschichte mit dem Ticket! :)

    Ich kenne das Gefühl, wenn man auf einmal merkt dass man ganz allein in so einer Metropole ist, wo die meisten Leute immer beschäftigt sind, und mit Freunden oder Familie unterwegs sind. Ich habe selbst ein Jahr in Paris gelebt und jedesmal wenn ich zu Hause war und wieder in die Stadt zurückkehrte traf es mich erstmal wie einen Schlag. Denn Freunde hat man nicht in jedem Moment um sich und auch ich war damals single.

    Ich glaube, solche Gefühle gehören einfach dazu. Immer wenn ich deswegen mal traurig war bin ich zum place de la concorde gefahren, meinem Lieblingsplatz. Das hat mich dann wieder daran erinnert wie zauberhaft diese Stadt doch auch ist! Und jetzt kann ich es gar nicht abwarten, mal wieder dort zu sein! <3

    Liebe Grüße,
    Susi

  • Reply Céline 4. Oktober 2015 at 21:42

    Was für schöne Worte : ) Man ist doch letztendlich einfach für seine eigene Stimmung verantwortlich, ganz egal ob mit oder ohne Mann, ob in Paris oder Karlsruhe.
    Wer entscheidet glücklich zu sein, ist es meistens auch.
    Liebe Grüße,
    Céline von http://smultronstaellen.blogspot.co.uk

  • Reply Marmormaedchen 4. Oktober 2015 at 20:36

    Hee du!
    Ein wunderschöner Post. Es sind leise und kleine Momente, in denen man sich sehnt. Es sind Kleinigkeiten und dennoch wiegen sie manchmal schwer und ziehen einen herunter. Ich habe diese Momente auch, kenne sie. Es tut gut zu wissen, dass man nicht alleine einsam ist.
    LG Jasi
    http://www.marmormaedchen.blogspot.com

  • Reply Alina 4. Oktober 2015 at 19:31

    Wunderschöner Text. Ich war dieses Jahr auch in Paris und bin ebenfalls auf den Eiffelturm gefahren und es war wunderschön! :)
    xx Alina
    thelittlediamonds.de

  • Reply F.M. 4. Oktober 2015 at 19:02

    Die weiße Stadt!

  • Reply Vanessa 4. Oktober 2015 at 17:30

    Hallo KleinstadtCarrie,
    wirklich tolle Bilder hast du in Paris gemacht, ich dachte erst die wären von einer anderen Fotografen Seite :D
    Darf ich fragen welche Kamera du benutzt hast? :)

    P.S.: Ich bin vor kurzem nach Dresden gezogen und hoffe dass ich dich vielleicht mal treffe :)
    LG Vanessa

    • Kleinstadtcarrie 4. Oktober 2015 at 20:46

      Hallo liebe Vanessa,
      nein, die Bilder habe ich mit meiner Powershot g7x von Canon aufgenommen :-)

      hihi, da laufen wir uns ganz sicher mal über den Weg <3

      Liebe Grüße
      Luise

  • Reply Luise 4. Oktober 2015 at 16:59

    Ich habe deine Geschichte auf Snapchap verfolgt und fand sie da schon total rührend, aber sie hier noch einmal nieder geschrieben zu lesen ist fast doppelt so schön <3

    Liebste Grüße
    Luise | http://www.just-myself.com

  • Reply Melanie 4. Oktober 2015 at 16:58

    Ich war auch gerade in Paris, kein Pärchenurlaub wie es sonst so Gang und Gebe ist in Paris sondern ein Mädelstrip. Kann das so gut nachvollziehen, dieses ab un an alleine fühlen, aber dann merkt man wieder dass man sich doch an so vielen kleinen Dingen erfreuen kann, auch ohne Partner :). Man lernt die Pärchen auszublenden und sich auf sich zu konzentrieren und kann genießen tolle Erfahrungen zu machen :). Sehr schön geschriebener Post.

    Alles Liebe, Mel
    https://melooks.wordpress.com/