Wenn Bücher sich aussuchen könnten

/23. August 2015/38 Kommentare

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Der Moment, wenn man ein neues Buch in der Hand hält. Behutsam darüber streicht. Die Kanten sanft mit dem Finger entlangfährt. Einmal durchblättern und nicht die leiseste Ahnung haben, was einen erwartet. Daran riechen. Neu. Aufregend. Und wenn man dann die erste, leere Seite überblättert hat, wird es spannend. Oder gruselig. Romantisch.
Wir lesen Bücher und stellen sie unachtsam in eine Ecke. Wir lesen Bücher und stellen sie behutsam in’s Regal. Ich habe mal ein Buch in der Straßenbahn vergessen. Und während ich früher genau ein Lieblingsbuch hatte, kann ich mich heute nicht entscheiden – so viele fabelhafte Geschichten, besondere Einbände, lustige Klappentexte.
Wir sammeln Bücher. Verfluchen sie, – aber nur dann, wenn wir sie nicht verstehen. Wir verschlingen sie, – weil wir nicht erwarten können, zu erfahren, wie es weiter geht. Lesen einige Geschichten immer und immer wieder, – weil es eben passt. 

Wenn Bücher sich aussuchen könnten, wer ihre kostbaren Zeilen lesen darf, würde es dann Bibliotheken geben, in denen Menschen feinsäuberlich nach Buchstaben sortiert stünden? Würden wir uns darauf bewerben? Nach welchen Kriterien würde ausgesucht? Würden wir dieses Privileg zu schätzen wissen?

Ich habe alles mit dir geteilt: mein Wissen, meine Gefühle, Erinnerungen.
Ich habe dich ausgesucht. Du hast mich gelesen. Du musstest nie zwischen den Zeilen suchen, ich habe es dir vorgetragen. Dazu unzählige Randnotizen. Ich hab’ mich erklärt. Lag aufgeschlagen und schutzlos vor dir. Ich habe mit allem gerechnet. Habe den Schmerz schon in der Magengrube gespürt. Aber ich habe es trotzdem getan. Immer und immer wieder. Es hätte doch regnen können.
Und du hast mich gelesen, verschlungen und ein paar Zitate markiert. Du hast gesagt, ich sei dein Lieblingsbuch. Und dann kam dieses eine Kapitel. Irgendwie dunkler als die anderen, irgendwie anders. Verstörend vielleicht. Glaub mir, nicht nur für dich. Und alles was du tust, ist gehen. Du rennst nicht. Du läufst nicht rückwärts. Du gehst. Demonstrativ. Nicht ausversehen. Nicht, weil man eben weiter geht. Du verlässt mich. Willst mich bestrafen. Ein Exempel statuieren. Wieder. Schon wieder. Und ich kann mich nicht rühren. Wie ein Käfer liege ich auf dem Rücken, zappelnd, ausgeliefert. Ich schreie. Aber du hältst dir die Ohren zu. Ich will dich schütteln. Besänftigen. Erinnern. Und alles, was du tust, ist weiter gehen. Demonstrativ. Grausam. Grausam, weil du genau weißt, was du tust. Was ich fühle.
Ich habe dich ausgesucht. Du hast mich gelesen. Du musstest nie zwischen den Zeilen lesen, ich habe es dir vorgetragen. Dazu unzählige Randnotizen. Ich hab’ mich erklärt. Lag aufgeschlagen und schutzlos vor dir. Du hast ein paar Seiten ausgerissen. Sie mitgenommen. Und ich weiß nicht mal, ob du sie bedächtig verstaut hast und gelegentlich wieder herauskramst oder einfach, wie ein altes Taschentuch, versehentlich mit dir herumträgst.

Ich habe alles mit dir geteilt: mein Wissen, meine Gefühle, Erinnerungen.
Du bist mein menschliches Tagebuch gewesen. Und andersherum. Wir haben uns gelesen und quer über die Seiten Neues geschrieben. Ergänzt. Die Geschichte sollte nie enden. Wir haben einander berührt.

Jedes Buch, das ich gelesen habe, ist versehen mit Bleistiftnotizen. Jedes Zitat, das mir gefällt, mich überzeugt, das unterstreiche ich und übertrage ich handschriftlich in mein Notizbuch – mit dem Namen des Autors versehen.
Ich stehe hier im Bücherregal. Du bist gegangen.
Ich habe Deine Zitate noch, werde sie nie ausradieren. Ich erinnere mich gern an Deine Geschichte, auch, wenn ich nicht weiß, wie sie weiter geht. Male mir die verschiedensten Szenarien aus, wie es dir wohl heute gehen könnte.
Ob ich dich noch mal auswählen würde? Ob ich dich wieder meine Zeilen lesen lassen würde? Ich weiß es nicht. Denn jetzt, da Du weg bist, fühle ich mich unvollständig. Ausgelesen. 

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DSC_9540DSC_9522DSC_9525DSC_9523Fotos – Julie Schönewolf 

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38 Kommentare

  • Reply Janine 12. September 2015 at 19:09

    Du schreibst soo unglaublich schöne Texte!
    Das inspiriert mich immer wieder, selbst zu schreiben – Danke! ♡

  • Reply Laura 11. September 2015 at 13:35

    So ein wunderschöner Text und ein wunderschönes Gedankenspiel!

  • Reply E. 7. September 2015 at 20:42

    Man sagt, dass das Leben einem Buch ähnelt, dass in mehrere Kapitel aufgeteilt ist.
    Aber niemand hat gesagt, wenn ein Kapitel abgeschlossen ist, der ganze Inhalt somit keinen Sinn mehr ergebe. Manchmal wechseln eben die Protagonisten und manchmal ändert sich auch die Erzählperspektive. Ein Buch kann sehr unterschiedlich aufgebaut sein. Dafür gibt es keine Vorschriften.
    Letzten Endes zählt, wie der Autor sein Buch beendet.

    immer in Gedanken bei dir

    E.

  • Reply Bella 30. August 2015 at 18:44

    Wow, dieser Text hat mich unglaublich berührt <3 Er spiegelt so genau meine Gefühle wieder, dass ich dieses unangenehme, sehnsuchtsvolle Ziehen in der Magengrube und ein drücken auf den Augen hatte….

  • Reply Anni von Positiviphy 28. August 2015 at 10:08

    Wunderschöner, sehr gefühlvoller Text und tolle Bilder dazu! Vor allem die Bilder vor dem Eingang haben eine ganz besondere Stimmung, das kommt sehr gefühlvoll herüber <3

  • Reply Julia 28. August 2015 at 09:21

    Wunderschöner Text <3
    http://faceonfleek.blogspot.de/

  • Reply MaLina 27. August 2015 at 10:15

    Mein Lieblingspost!

  • Reply Laura 25. August 2015 at 20:47

    Wow, dieser Text ist jetzt definitiv unter den Top 3 meiner Lieblingstexte von dir gelandet! Wie schon jemand anders kommentiert hat, finde ich die Metapher mit den Büchern einfach unglaublich schön und passend gewählt und kann mich sehr gut mit deinen beschriebenen Gefühlen identifizieren. Ich kommentiere nicht oft, aber dein Blog ist mein allerliebster, wegen der Mischung aus berührenden Texten, wundervollen Fotos, Mode und Lifestyle. Mach weiter so und hör bitte nie mit dem Schreiben auf! Ein Buch von dir würde ich sofort kaufen.
    Ganz liebe Grüße, Laura

  • Reply KRISTY KEY 25. August 2015 at 00:33

    Wow, deine Bilder, deine Texte…immer so perfekt! Mir fehlen die Worte! :‘)
    Deine Leidenschaft für Bücher und das Lesen allgemein ist wirklich zu beneiden! Toll!

    Liebste Grüße,
    KRISTY KEY

  • Reply Susi 24. August 2015 at 20:46

    Liebe Luise,
    was für ein bewegender Eintrag. So wunderschön geschrieben, so eine clevere Allegorie. Und so traurig.
    Ich bewundere auch deine Liebe zu Büchern!

    Liebe Grüße,
    Susi

    style4mama.wordpress.com

  • Reply S. 24. August 2015 at 14:34

    Wow. Ein wirklich toller, berührender Text!
    Und die Bilder dazu, im grünen und in dem kleinen, gemütlichen Buchladen… Einfach wunderbar.

    Liebe Grüße,
    S.

    http://cappuccinocouture.blogspot.de/

  • Reply Tina 24. August 2015 at 12:59

    Toller Post und tolle Bilder! Den Moment den du Anfangs beschreibst, wenn man ein neues Buch aufschlägt – genau deshalb mag ich keine E-Book Reader 🙂

    LG, Tina

  • Reply Andrea 24. August 2015 at 12:10

    W O W – mein allerliebster Beitrag von dir bisher – alles wundervoll, die Bilder, die Stimmung, der Text! Ich bin sowas von begeistert!

    • Kleinstadtcarrie 24. August 2015 at 13:31

      Das freut mich sehr zu hören, lieben Dank Andrea 🙂

  • Reply Alissa 23. August 2015 at 22:28

    <3
    http://www.alissaloves.wordpress.com

  • Reply sarah 23. August 2015 at 21:27

    Was für ein wunderbarer Text! Genauso fühle ich mich gerade zur Zeit und mache mir ständig Gedanken darüber. Ich fühle mich ausgelesen. Und würde gern noch einmal gelesen werden. Oder auch nicht. Schwer zu sagen. Du hast mich mit deinem Text sehr, sehr berührt und nachdenklich gemacht, dafür bedanke ich mich bei dir! Und die Fotos passen einfach perfekt zu deinen Zeilen. Kannst du mir verraten, wo in Dresden man diesen wunderschönen Buchladen findet? Den würde ich ganz gern mal besuchen und mich dort umschauen.

    • Kleinstadtcarrie 23. August 2015 at 22:32

      Sarah,

      besten Dank für Deine lieben Worte 🙂
      Das ist ein kleiner Buchladen in Loschwitz – google einfach mal Buchladen Loschwitz und dann kommt es direkt – sehr zu empfehlen! 🙂

  • Reply Malika 23. August 2015 at 21:27

    Ich liebe den Vergleich mit den Büchern! Eine schöne Metapher! Und deine Frisur ist wunderbar! 🙂

  • Reply Sabrina 23. August 2015 at 19:25

    Ein wunderbarer Text. Auch wenn er wieder etwas trübseliger wirkt als die letzten von dir. Hoffentlich ist es nur ein kurz andauernder Zustand. Vielleicht habe ich es auch falsch interpretiert.
    Ich wünsche dir tolle Bücher, die es aufzuschlagen lohnt. Dass dich eines aussucht, das du lesen kannst – und willst. Und dass du wieder bereit bist, „im Regal zu stehen“.

    Die Bilder in diesem Post finde ich besonders toll, auch wenn etwas melancholisch. (Woher ist denn das schöne Oberteil?)

    Ganz liebe Grüße aus und nach Dresden
    Sabrina

    • Kleinstadtcarrie 23. August 2015 at 22:32

      Sabrina, vielen Dank für Deine lieben Worte 🙂
      Das Oberteil ist von New Yorker <3 - ein echter Glücksgriff.

  • Reply sophie 23. August 2015 at 19:23

    Wow, dein Post ist dir echt gelungen :)) mir geht es da manchmal ähnlich, wenn ich ein besonders schönes Buch lese, will ich es erst gar nicht fertig lesen, weil es ja dann nutzlos im Regal herumstehen wird oder wenn ich jemandem ein Buch ausleihe und sehe, wie derjenige meine Bücher einfach in eine Ecke wirft und sie unsorgfälltig behandelt, würde ich sie mir am liebsten sofort wieder zurückholen.
    Ganz liebe Grüße

  • Reply Anja 23. August 2015 at 19:09

    so wahnsinnig schön 🙂 <3 <3 <3

  • Reply Tamara 23. August 2015 at 18:36

    das erinnert mich am Anfang wieder an die „Carrie Texte“ :).
    Wenn Bücher sich aussuchen könnten, wer ihre kostbaren Zeilen lesen darf, würde es dann Bibliotheken geben, in denen Menschen feinsäuberlich nach Buchstaben sortiert stünden? – Für diesen Satz solltest du irgendwo selbst als Autorin in einem Buchladen aufgeführt sein. Ich lese deine gefühlvollen Texte immer 2 Mal durch, im Gegensatz zu einem Nagelroutine Post oder so. Weil sie einfach so schön geschrieben sind

    Liebe Grüße
    Tamara

    • Kleinstadtcarrie 23. August 2015 at 22:31

      Das bedeutet mir wirklich sehr viel, Tamara 🙂

  • Reply Fatima Yarie 23. August 2015 at 17:13

    Wunderschön geschrieben. Schöner könnte es nicht sein, ein Buch zu lesen, wenn man die Texte auf deinem Blog liest. Ich freue mich wenn du mal Bücher schreibst! 🙂 Hut ab! <3

  • Reply Marmormaedchen 23. August 2015 at 16:37

    Hee ihr!
    Wunderschöner Text. Sehr ehrlich, sehr tiefgreifend, sehr verletzt. Fühlt sich wund an.
    Danke dafür.
    LG Jasi
    http://www.marmormaedchen.blogspot.com

  • Reply Elena 23. August 2015 at 16:36

    Wunderschöner Post! Kannst du mit uns mal wieder deine *neuen* Lieblingsbücher teilen?

    Liebste Grüße

    • Kleinstadtcarrie 23. August 2015 at 22:30

      Hallo Elena,
      das habe ich doch neulich erst? Hast Du den Blogpost verpasst? Er nennt sich „Strandlektüre“ 🙂

  • Reply Sandra 23. August 2015 at 14:46

    Ein ergreifender Text, der so viel offenbart und Gänsehaut macht… Und in dem ich meine jetzige Gefühlslage eins zu eins wiederfinde. Danke dafür!

    Liebste Grüße,
    Sandra

  • Reply Nina 23. August 2015 at 14:31

    Danke für deine Worte! Du sprichst mir aus der Seele. Mein Freund hat nach 6 Jahren mit mir Schluss gemacht und ich finde mich in deinen Worten wieder. Einer geht ohne zurückzublicken und der andere leidet und braucht Zeit um das Kapitel für sich zu beenden…und ohne Tränen darauf zurückzublicken.

  • Reply Chiara 23. August 2015 at 13:33

    Unglaublich toll geschrieben!
    Du übernimmst Zitate aus Büchern, ich übernehme Zitate von dir. Es würde mich nicht wundern, eines Tages ein Buch von dir in einer Buchhandlung zu finden. „Kleinstadtcarrie – in jedem Kapitel“. Ich würde es sofort mitnehmen und mit mir herum tragen und bestimmt nicht in der Straßenbahn vergessen 😉

    Lieben Gruß
    Deine bisher stille Mitleserin Chiara

  • Reply Katja Heinemann 23. August 2015 at 13:09

    Woher hast du denn das schöne Oberteil? Das ist wirklich ein Träumchen 🙂
    Liebst, Katja
    http://amoureuxee.blogspot.de

  • Reply Lisa 23. August 2015 at 12:00

    WOW ein wirklich super toller Post und auch die Bilder sind so super toll und passen einfach super gut.

    Liebe Grüße Lisa
    http://hellobeautifulstyle.blogspot.de/

  • Reply Nadja 23. August 2015 at 11:57

    Ein sehr schöner Post, tolle Worte, die du da gefunden hast!