Frei sein

Fashion, Featured, Random, Texts/10. August 2015/26 Kommentare

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Wir laufen über die Seebrücke.
Ich denke lange darüber nach – eine Brücke mit Ende. Was ist das für eine Brücke? Was für ein Leben? Zum Anlegen. Zum Ankommen. Aber das reicht mir nicht. Die Sonne verneigt sich und über uns segeln die Möwen Richtung Horizont. Meine Gedanken fliegen mit ihnen, bis ich mir die Frage stelle: Wohin?
Ich habe mir immer gewünscht, frei zu sein, fliegen zu können – bis ich feststellen muss, dass wir, ganz egal, wie wir uns fortbewegen, nie gänzlich frei sein werden, oder?

Vor ein paar Tagen noch munterte ich sie auf, dass alles möglich ist, das wir für jedes unserer modernen Probleme eine Antwort finden werden und wenn nicht, sei das auch nicht so schlimm – denn: irgendwie geht es weiter.
Vor knapp einem Jahr tauchte neben und mit mir eine riesige Schildkröte in die Tiefen des Ozeans.
Und jetzt stehe ich hier und zweifle sogar an der Freiheit der Vögel.
Merkwürdig. Wieso gerade jetzt?
Nichts hält mich. Ich könnte einfach in irgendeinen Zug steigen und weit weg fahren. Ich kann Nächte durchtanzen, ohne dass mich jemand dafür tadelt. Ich kann glauben, lieben, denken, was ich will.
Aber Freiheit hat in meinem Fall nichts mit Ländergrenzen zu tun. Nichts mit dem Alter. Nichts mit Religion. Aber womit denn dann?, schreie ich mich selbst an.

Menschen fliehen aus ihrer Heimat.
Und alles, was ihr für sie übrig habt, ist ein abwertender Blick?
Wie geizig geht ihr mit unserer Freiheit um? Wie verachtend mit diesem Gut, welches ihr selbst tagtäglich genießen dürft. 

Ich reise. Ich steige ständig in irgendwelche Flieger. Ich darf die Welt erkunden. Bin dankbar. Aber fühle mich nicht frei.
Ich möchte mich daran erinnern, wann ich mich das letzte Mal frei gefühlt habe und bemerke, dass mich dieses Gefühl vor gar nicht all zu langer Zeit besucht hat. Wie konnte ich das vergessen?
Als du gegangen bist. Als du mich endlich los gelassen hast. Als du mich das letzte Mal hingeworfen und mir dann endlich den Rücken gekehrt hast. Der Moment, als ich wusste, es ist endgültig. Du lässt mich – ein für alle mal – in Ruhe. Kein Grund zum Weinen mehr – außer: Erleichterung. Befreiung.
Konnte so lange nur mit dir zusammen Freiheit empfinden.
Und jetzt bist du endlich weg. Ich kann aufatmen.

Ein Pullover. Ein Bett. Eine Zahnbürste vielleicht.
Ein Stück Freiheit.
Der Eurotunnel.
Weitergehen. Laufen. Rennen.
Weil sie frei sein wollen.

Wie kann ich dieses Gefühl wieder herauskitzeln? Wie geht das ohne einen so langen Kampf, wie wir ihn austragen mussten?
Luxus – wir bemerken ihn nur dann, wenn wir darauf verzichten müssen.
Im Überdruss.
Kann man zu viel Freiheit haben?

Muss ich erst auf die Philippinen fliegen und Schildkröten finden?
Muss ich es nur endlich mal wagen Verträge zu kündigen, Kisten zu packen?
Oder werde ich den Schalter umlegen und endlich über den Tellerrand hinausblicken und über die Tischkante. Ich habe das Privileg, keine Mauern durchbrechen zu müssen – ich kann mich drauf stellen, drüber laufen, mich aufstützen und sehe all’ das, was da noch ist, was es zu erkunden gilt.  Ich kann mich hinter den Grenzen, die ihr mir gebt, verstecken. Finde Schutz. Die Hürden, die mir gestellt werden und ich für unüberwindbar halte, existieren in meinem Kopf.


Das ist nicht selbstverständlich.

whitejeans1 hochladen1 hochladen whitejeans Fotos – Julie Schönewolf

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26 Kommentare

  • Reply Sarah 26. Januar 2017 at 12:50

    Liebe Luise,

    dein Text hat mich echt gefesselt. Ich denke ziemlich oft über das Gefühl ‘frei sein’ und ich habe das Gefühl gefunden, als ich auf Reisen gegangen bin. Australien hat mir das Gefühl gegeben frei zu sein, einfach so.

    Deine Bilder sind wunderschön!!
    :)

    Xx Sarah von http://www.wonderlandblog.de

  • Reply Carina 15. September 2015 at 17:30

    So ein schöner Text, der zum Nachdenken anregt!
    Man muss sich öfter bewusst machen, wie dankbar man eigentlich für das sein kann was man hat!

  • Reply Sabrina 15. August 2015 at 22:10

    Deine Fotos sind immer so wunderschön♥

  • Reply Sandra 12. August 2015 at 10:16

    Liebe Luise,

    ein großartiger Text und ein sehr ernstes Thema verpackt in wunderschönen Worten und Bildern. Die Mischung ist Dir wieder einmal sehr gut gelungen, Du berührst mich Deinen Worten wie nur ganz wenige andere Blogger.
    Ich finde, das hier ist einer Deinen besten Posts!

    Liebste Grüße,
    Sandra :) von http://sandra-loves-life.blogspot.de

  • Reply MATRJOSCHKA 12. August 2015 at 08:00

    Ich glaube, dass uns vor allem die eigenen Gedanken und Blockaden daran hindern wirklich frei zu sein. Wenn man etwas will, dann kann man es auch, aber das alles ist wohl so einfach gesagt und viel zu schwer gemacht. Nein, tatsächlich alles andere als selbstverständlich!

    Ein wunderschöner Text liebe Luise!

    Allerbeste Grüße!

    http://mtrjschk.blogspot.de/

  • Reply KKatjusha 11. August 2015 at 22:32

    Ich finde es toll, dass du deinen Blog mit so viel Leben und Liebe füllst.
    Viele Blogs sind viel zu kommerziell. Immer und immer wieder geht es nur um materielle Dinge, also alles rein oberflächlich. Und du gehst mit deinen Text unter die Haut. Chapeau!

    Grandioser Text, schönes Outfit und noch schönere Fotos.

    Liebste Grüße
    KKatjusha

    • Kleinstadtcarrie 11. August 2015 at 23:06

      Danke meine Liebe, das bedeutet mir wirklich sehr viel :-)

  • Reply Jenny 11. August 2015 at 21:46

    Liebe Luise,

    wie immer finde ich deinen Post sehr schön. Ich finde, dass du recht hast und Freiheit nichts selbstverständliches ist. Gerade in unserer heutigen Gesellschaft ist dies nicht so. Allerdings wenn ich es aus meine Sicht betrachte, bin ich oft selbst dafür verantwortlich, dass ich mich nicht immer frei fühle. Ich setze mir zu oft viele Grenzen, nehme Dinge nicht wahr oder vermeide Reisen aus Zeitgründen. Ich denke würde ich mir selbst nicht immer die Grenzen setzen, würde ich mich öfter nicht so allein fühlen. Daran will ich arbeiten. Ich möchte mir die kleinen Freiheiten geben und öfter mal die von mir gesetzte Grenze überschreiten.

    Liebe Grüße
    Jenny

  • Reply Sophie 11. August 2015 at 14:53

    Es ist wichtig, dass wir dieses Thema nicht verschweigen.
    Danke dir dafür!

    Liebste Grüße
    Sophie
    http://www.lovelystereotypes.wordpress.com

  • Reply hibiscu 11. August 2015 at 10:58

    good post! thanks sharing!

  • Reply nathalie 11. August 2015 at 00:05

    wieder mal so schön:)
    LG*

    Nathalie von Fashion Passion Love ♥

  • Reply Eva 10. August 2015 at 23:31

    Ein wirklich schöner Text: Ein sensibles Thema sensibel in Worte gepackt. Besonders der Schluss ist gut gelungen. Ein großes Kompliment!
    Liebe Grüße

  • Reply Ziska 10. August 2015 at 21:22

    Schön, dass du so ein ernstes Thema ansprichst und das mit poetischen Worten!

  • Reply Lisa 10. August 2015 at 21:21

    Ein wirklich riesen Kompliment für diesen super tollen Test und vor allem für diese unglaublich toll Bilder.

    Liebe Grüße Lisa
    http://hellobeautifulstyle.blogspot.de/

  • Reply Luuuu 10. August 2015 at 20:38

    Toller Text !

  • Reply Stefanie 10. August 2015 at 18:55

    Luise, das ist so ein wundervoller Text! Ich habe ihn mir dreimal durchgelesen und es ist so vielschichtig worüber du schreibst. Große Klasse :)
    Und ich weiss leider auch nicht wo wir die Freiheit finden können…in dem Luxus, in welchem wir leben, sicherlich nicht…

    x Stefanie
    http://www.thefashionrose.com

  • Reply Marmormaedchen 10. August 2015 at 18:05

    Hee du!
    Ein nachdenklicher Post. Ich denke, dass viele Freiheiten die Freiheit einschränken können. Wahlmöglichkeiten. Denn mit der Wahl – der Eintscheidung – kommen Konsequenzen. Ein grausames Wort. Und doch nicht.
    Frei sein.
    Toller Post!
    LG Marmormaedchen
    http://www.marmormaedchen.blogspot.com

  • Reply Any 10. August 2015 at 17:20

    Ich habe das Gefühl, du hast genau das aufgeschrieben, was ich so lange in meinem Kopf hielt, aber nicht in Worte fassen konnte!
    Das ist wunderschön. Du siehst bezaubernd aus.
    Liebst

  • Reply Anni von Positiviphy 10. August 2015 at 15:14

    Ein schöner Text, ich glaube nicht, dass man zu viel Freiheit haben kann, aber ich denke, dass man zu viel Besitz und zu viele Möglichkeiten auf einmal als bedrückend empfinden kann und dieser scheinbare Luxus dann als eine Last empfunden werden kann, die überfordert, obwohl man sich glücklich schätzen müsste.

    Die Bilder, die du mit dieser Fotografin machst gefallen mir übrigens immer besonders gut – sie macht das toll! Vielleicht kannst du ihr das ja einmal sagen <3

    • Kleinstadtcarrie 10. August 2015 at 23:20

      Anni, das richte ich Julie aus – ich bin auch immer ganz begeistert <3 Ich finde, dass ihre zarten Bilder gut zu meinen zarten Worten passen, nicht wahr? :) Danke jedenfalls <3

  • Reply tanja 10. August 2015 at 14:55

    sehr cooler Look, mir gefällt das T shirt, ist mal was anderes :)

    • Kleinstadtcarrie 10. August 2015 at 23:21

      Hey Tanja, ja oder? Ich trage wirklich absolut nie Rundhalsshirts, aber irgendwie mag ich dieses :)

  • Reply Anne-Catherine 10. August 2015 at 14:51

    Wunderschön geschrieben. Ich kann deine Worte sehr gut nachvollziehen und bin immer wieder beeindruckt wie gut du deine Gedanken in Worte fassen kannst. Dein T-Shirt gefällt mir übrigens auch sehr gut.
    Liebe Grüße, Anne-Catherine
    http://www.fashcation.com