Du musst mir vergeben!

/18. Januar 2015/29 Kommentare

sw1

Das erste Mal in der sechsten Klasse. Bestrafung. Erlösung zugleich. Kein Respekt vor mir selbst. Keine Perspektive. Ich saß auf einer Untertasse. Mein Horizont so beschränkt. Konnte mir dieses Stück Schokolade nicht verzeihen.
Mit sechzehn habe ich dich so sehr verletzt. War naiv. Selbstverliebt und habe an niemanden außer mich selbst gedacht. Einen kleinen Augenblick zumindest. Ein Jahr lang habe ich nicht wieder zu mir selbst gefunden. Bin umhergeirrt. Habe immer wieder angerufen. Wir haben mir das nie verziehen.
Gänsehaut und dieses Gefühl, wie, kurz bevor man kotzt.
Ein Schnitt. Tausend Tränen. Eine Schachtel Zigaretten. Mein Gott, was habe ich gelitten. Versinken im Selbstmitleid. Nur so konnte ich wachsen. 

Du hast mich im Stich gelassen. Du hast dich einfach nicht mehr gemeldet. Und heute, zwei Jahre später, denkst du, alles sei wie früher. Du erzählst mir nach so vielen Monaten, du seist stolz auf mich. Du hast mich vermisst. Du hast mich ausgeschlossen. Mich warten lassen. Du hast mich verarscht, mich angelogen. Du hast mich als selbstverständlich angesehen. Du hast mir das Herz gebrochen. Und dann grinst du mich an und willst mich in den Arm nehmen. Du hast mich ausgelacht und bist plötzlich mein größter Fan. Du hast mich stehen lassen. Mich ersetzt. Mich verraten. Und all das soll nur ein Missverständnis gewesen sein?
– Und ich höre zu. Und ich verstehe. Und ich kann nachvollziehen. Und ich komme zurück. Und ich warte. Ich verzeihe. Vergebe.
Ich bin süchtig nach Harmonie. Dafür geb’ ich auch mich selbst auf. Manchmal geht es nicht anders. Denn Du wirst Dich nie ändern.

Das hätte ich nie von Dir gedacht. Wer bist Du? Ist es nicht verwunderlich, dass man jemandem so sehr weh tun kann, ohne es zu beabsichtigen. Das ist keine Entschuldigung. Ich will nichts legitimieren. Aber ich habe das nie gewollt. Ein Fehltritt. Ein Fettnäpfchen. Eine falsche Bewegung. Ich will mich nicht rausreden. Ich kann nichts ungeschehen machen. Ich habe das nie gewollt. Nicht nachgedacht.
Ich habe das damals mit Absicht gemacht. Intrigant. Wer war ich eigentlich? Ist das wirklich in diesem Leben passiert? Ich hätte das im Duden nachschlagen sollen.

Es tut mir Leid. Es tut mir Leid. Es tut mir Leid.

Bitte, verzeih’ mir! Bitte!
Du musst mir vergeben.
Du musst mir vergeben.
Du musst mir vergeben!

Du hast dich weggedreht. Du kehrst mir den Rücken zu. Du bist eiskalt. Verletzt, ich kann das verstehen. Schau mir in die Augen. Lass uns so nicht auseinander gehen. Bitte bleib hier. Nein! Ich bin überfordert. Du siehst so viel in mir – hast so viel in mir gesehen, hast viel zu viel erwartet. Und jetzt schäme ich mich dafür, dass ich nicht perfekt bin. Stelle mich selbst in Frage. Knicke ein.
„Die Leute sehen Dich gern weinen, weil deine Augen dann plötzlich blau sind.“ Immer wieder gehen mir diese Worte durch den Kopf. Als würde ein Teller zu gold werden, sobald man ihn auf den Boden wirft. Genugtuung. Rache. Fühlst du dich jetzt besser?
Du hast mir nie vergeben. Dann sind wir schon zwei.  Denn jedem-, nur mir selbst kann ich nicht verzeihen. Bestraf’ mich. Du hast viel zu viel erwartet. Ich habe mich treiben lassen und klammer mich jetzt krampfhaft an der Heizung fest. Hauch mir Leben ein! Vernunft. Vergib’ mir. Das braucht nur Zeit. Aber bitte nimm’ sie Dir. Bitte, vergib mir. Ich kann das jetzt auch.

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Fotos – Julie Schönewolf

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29 Kommentare

  • Reply Marie Celine 25. August 2016 at 10:21

    Omg, ich bin sprachlos!
    Der Text ist echt wunderschön geschrieben.

    xoxo, Marie Celine
    http://marieceliine.blogspot.de

  • Reply Konstanze 9. Juni 2015 at 12:22

    unfassbar toll geschrieben! du sprichst mir aus der seele…

  • Reply Nelly 29. Januar 2015 at 13:46

    wow… ich bin total sprachlos..
    der text ist so schön geschrieben und die Gefühle hast du so mega rübergebracht!!!

  • Reply Monique 24. Januar 2015 at 21:24

    unglaublich gut, sehr berührend, mir fehlen die Worte, Tränen in den Augen

  • Reply Kristina 21. Januar 2015 at 15:11

    Sehr sehr schön Geschrieben! Toller Text.

    Liebst.

    http://femmebrunette.blogspot.de/

  • Reply Carolin 21. Januar 2015 at 01:17

    Wow! Der Text ist unglaublich toll formuliert und die Worte sind wirklich bewegend. Ich bin immer wieder fasziniert, wie du in deinen Texten Emotionen so authentisch ausdrücken kannst!

    Die Fotos sind auch wunderschön und passen auch toll zu zum Text <3

    Liebe Grüße

    http://nilooorac.blogspot.de

  • Reply Céline 20. Januar 2015 at 12:53

    Vergeben ist wundervoll. Und wichtig. Aber ganz ehrlich, wenn jemand dich so verletzt hat, wie es in deinem Text klingt, weiß ich nicht ob man da wirklich noch vergeben muss.
    Man muss Menschen, die einem wirklich weh getan haben nicht unbedingt vergeben, sie im Leben halten. Manche Dinge muss man nicht verzeihen, manche Stacheln sitzen zu tief um sie einfach zu entfernen.
    Manche Menschen muss man gehen lassen und das ist okay.
    Wieder ein sehr schöner Text!
    Liebe Grüße,
    Céline von http://smultronstaellen.blogspot.co.uk

  • Reply Hanna 19. Januar 2015 at 23:16

    Wow. Ich weiß nicht was ich sagen soll. Wieder einmal ein sehr berührender Text, der zum nachdenken anregt. Und du bist so wunderschön! :)

    Liebe Grüße, Hanna von https://hanna0irresolutely.wordpress.com

  • Reply Sophia 19. Januar 2015 at 22:21

    Hey hat wer lust mal bei mir vorbei zu schauen? Ich habe gerade einen Post über meine Gedanken hochgeladen. :)

  • Reply Colli 19. Januar 2015 at 20:10

    Unglaublich schwere Worte in einem so leichten Text verpackt! Konnte nicht aufhören zu lesen.
    Hat mich sehr bewegt!

    Liebst, Colli von TOBEYOUTIFUL

  • Reply Lorina 19. Januar 2015 at 12:37

    Es ist so traurig es zu lesen und zu wissen es ist wahrscheinlich wirklichkeit.

  • Reply Paula 19. Januar 2015 at 01:45

    Toll geschrieben! Mit einer solchen Leichtigkeit fliegen einem die Worte zu. Ich lese deine Texte unglaublich gerne:)

    Liebe Grüße, deine Paula

  • Reply Rebecca 19. Januar 2015 at 01:17

    Wow, das ist ein unglaublich toll geschriebener Text. Ich war richtig gefesselt von deinen Worten. Ich bin auch (wie viele andere) ein großer Fan deines Schreibstils.

  • Reply Alexandra 19. Januar 2015 at 01:02

    Schön, dass du dir bei deinem anspruchsvollen und zeit-intensiven Studium Gedanken um sowas machen kannst. ;)

  • Reply Tamara 19. Januar 2015 at 00:19

    WOW! Großartig. Ich liiiiiebe deinen Schreibstil.

  • Reply MATRJOSCHKA 19. Januar 2015 at 00:02

    Ein großes WOW! Mehr lässt sich nicht sagen. Luise, du machst das alles hier wirklich gut. Der Text hat mich (wie fast immer) mitgerissen. Eine perfekte “Gute-Nacht-Lektüre”!

    Gute Nacht und einen guten Start in die morgige Woche!

    mtrjschk.blogspot.de

  • Reply Mareike Sophie 18. Januar 2015 at 23:48

    Es ist immer wieder toll deine Texte zu lesen!
    Und die Bilder sind wunderschön.

    All my Love. MS

  • Reply Svenja 18. Januar 2015 at 21:41

    Wow,toller toller Text.
    Das erinnert mich gerade an jemanden.
    Habe beim lesen den total Kloß im Hals gehabt.
    Das lässt einen nachdenken:)
    Die Bilder mag ich sehr gerne von dir :)

    Liebe Grüße<3

  • Reply Merle 18. Januar 2015 at 21:01

    Danke, Luise, für jede einzelne Zeile, die du schreibst!

  • Reply :) 18. Januar 2015 at 20:57

    hmm diese du musst mir vergeben passage
    satc carrie vs aiden

  • Reply Any 18. Januar 2015 at 20:35

    Das ist wohl das schönste, was ich heute gelesen habe und so wahr. Wir können vermutlich so viel schneller verzeihen, wenn es nicht uns selbst betrifft, denn dann ist der Rahmen auf einmal kleiner, die Schuld größer und der Fehler schwerwiegender. Mit uns selbst gehen wir wohl immer wieder am härtesten ins Gericht. Am Ende brauchen wir wohl die meiste Zeit dafür, bis wir uns endlich selbst verzeihen können.

    Liebst

  • Reply Vivien 18. Januar 2015 at 20:25

    Liebe Luise, wunderschöne Fotos und ein dazu passender, bewegend geschriebener Text. Manchmal finde ich es Schade, dass man nicht ein wenig mehr über den Tellerrand gucken kann, nicht detaillierter erfährt, an wen deine Oden geschrieben sind – aber natürlich ist es richtig so. Du lässt uns teilhaben, und bleibst trotzdem mystisch, dein gutes Recht. Und irgendwie lässt es auch mehr Spielraum für eigene Interpretation; sowas wie oben hat doch jeder schon mal so oder so ähnlich erlebt..

  • Reply Kate 18. Januar 2015 at 20:14

    Das ist echt ein wunderschöner Post. Der Text passt super zu den Fotos und die Bilder sind perfekt.

    x Kate
    http://www.the-little-day-dreamer.blogspot.com

  • Reply Miss Lilli 18. Januar 2015 at 19:37

    Wunderschön geschrieben!

  • Reply Elena 18. Januar 2015 at 19:13

    Schön!

  • Reply Ani 18. Januar 2015 at 18:53

    Sehr bewegend…

  • Reply Phia 18. Januar 2015 at 18:38

    Deine Texte sind immer genau die richtigen Passagen. Sie fangen an der richtigen Stelle an und hören auch an der richtigen wieder auf. Du gibst nie zu viel preis und deshalb kann sich jeder darin wiederfinden und glaubt, dich ein Stückchen besser kennen zu lernen. <3

  • Reply Celine 18. Januar 2015 at 17:50

    Du bist so eine wunderschöne Frau!

  • Reply Lena 18. Januar 2015 at 16:53

    Ich habe gerade das Gefühl, du schaust in meinen Kopf als du diesen Text schriebst. Ich finde mich wieder in jeder Zeile, jedem Wort. Du musst mir vergeben …