Einen Schritt über den Tellerrand

/26. September 2014/29 Kommentare

Schuhe sind bei einem Outfit, was das Salz in der Suppe ist. Sie müssen an einem Bad Hair Day die Blicke auf sich ziehen, bei dem großen Auftritt des neuen Kleides – das, was dieses tolle Dekolté zaubert – auch mal in den Hintergrund treten können und uns Halt geben, wenn eine besondere Prüfung ansteht.
Jeder Schuh hat seine Situation, seinen Auftritt und so fällt es wohl auch nicht schwer zu glauben, dass ich mich bei meiner Outfitwahl am morgen bei den Schuhen am leichtesten tu‘. Soll es bequem sein – Sneakers. Soll es betont lässig sein – Converse. Brauch ich heute besonders viel Selbstbewusstsein und es darf auch mal zwicken – Riemchen-Sandaletten. Herrschen draußen tropische Temperaturen – greife ich zu flachen Sandalen und Fußkettchen. Schuhe bereiten mir keine Sorgen, im schlimmsten Fall gelegentlich mal eine Blase. Schuhe machen mir Spaß! Und dafür gibt es durchaus Erfolgsrezepte! Als würde man ein Kochbuch aufschlagen. Hauptgang „Das dritte Date“. Zutaten: 1 x das perfekte Kleid, die richtigen Dessous zum unterheben, eine Prise von diesem Duft, dazu schwarze, klassische High Heels und ein verführerisches Lächeln. Klingt eigentlich ganz einfach, oder?

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Wir Modeverrückten neigen ja gerne mal zum Extremen. Aber ein prall gefüllter Schuhschrank erinnert mich doch zunehmend an eine gut sortierte Vorratskammer. Verschiedene Dosen an Gewürzen aus fernen Ländern, hier und da auch mal ein Dosengericht und Omas Marmelade. Umso mehr Schuhe, desto mehr Gerichte kann man zaubern, mehr Variation, mehr Möglichkeiten zum Austoben. Aber doch irgendwie überfressen.
Meine Steve Madden Heals warten seit 4 Monaten geduldig im Schuhschrank auf ihren großen Auftritt. Wie Safran. Das passt einfach nicht immer. Aber der großer Auftritt kommt, wenn auch nur in ganz geringer Dosis.

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Ein Lieblingsessen hat trotzdem jeder, egal, wie viele Gerichte in wie vielen Ländern er schon gekostet hat. Irgendwas geht immer. Bei mir ist das ganz schlicht und einfach: Kartoffeln und Quark. Hier gibt es keine geheime Zutat. Und ich liebe Käsekuchen. Aber dennoch kann ich nicht jeden Tag welchen essen. Oder gerade deswegen.
Eine gesunde Ernährung – ein gesunder Umgang mit Trends, mit Schuhgeschäften. Nach dem altbewährten Motto: Weniger ist mehr.

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Fotos – Frederic Bloch

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Mein Artikel war fertig – genau so habe ich mir das vorgestellt. Ich war zufrieden und dann habe ich mein große Reise auf die andere Seite der Welt angetreten und habe – im wahrsten Sinne des Wortes – über den Tellerrand hinausgeblickt.

 Welche Eindrücke ihr bereits teilen konntet? Reichtum, Luxus, ein strahlendes Gesicht, atemberaubende Aussichten. Mein Instagram ist voll mit Traumstränden und türkisfarbenem Wasser. Aber: etwas habe ich euch bisher vorenthalten – die Kehrseite der Medaille nämlich. Ihr habt nicht gesehen, wie die Einheimischen teilweise leben müssen, ihr habt nicht gesehen, wie sehr sich das kleine Straßenkind – 4 oder 5 Jahre alt vielleicht, keine Schuhe an den Füßen – über 20 Peso, das sind umgerechnet gerade mal 35ct, gefreut hat. Und plötzlich erinnere ich mich, dass ich zu Hause in Deutschland Schuhe auf Teller gelegt habe. Dass ich ein 80€ teures Paar Sandaletten neben einem Glas Wasser drapierte und zu einem bewussteren Umgang mit Mode, mit Schuhen aufrufen wollte.

Hier wurde mir einiges bewusst. Ich schäme mich.

Ich entdecke in Coron einen Schuhladen. Hier, wo Schuhe eine Notwendigkeit sind und kein Sammelobjekt.
Ich habe die Kamera nicht weiter drauf gehalten, zeige heute keine traurigen Gesichter, nichts, was Dir und mir ein schlechtes Gewissen machen soll. Ich will auch kein Moralapostel sein und irgendjemanden daran hindern, sich diese oder jene neuen Schuhe zu kaufen. Ich will lediglich darauf aufmerksam machen, dass es Jungen und Mädchen, Frauen und Männer gibt auf dieser Welt, die haben keine Schuhe und auch nichts anderes zum kochen.

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Letzten Endes ist es doch so, dass ich euch so viele Fotos von Armut und nackten Füßen zeigen kann, wie ich möchte. Es gibt unzählige Reportagen, Hilfsorganisationen, gute Zwecke. Versteht mich nicht falsch, das ist alles richtig so. Aber ich habe das Gefühl, dass man das mit seinen eigenen Augen gesehen haben muss. Das – die Armut, das Leben, andere Kulturen, Länder, Menschen. Das rührt, das bewegt und das lehrt. Das macht sensibel und irgendwie beginnt man zu verstehen.

Ich appelliere nicht an an Euch, dass ihr weniger Schuhe kaufen sollt, sondern dass ihr zwei Paar in euren Rucksack packt und die Welt erkundet. Und dann braucht es manchmal nämlich gar keiner Schuhe – damit einem die Welt – wahrhaftig – zu Füßen liegt und man sie zumindest ein klein wenig besser versteht.

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29 Kommentare

  • Reply FM 29. September 2014 at 21:57

    Entwicklung, Produktion, Konsum – die Welt kennt da schon lang keine Grenzen mehr. Verlängerte Werkbänke gab es auch vor 100 Jahren schon. Mein Großvaters Bruder war Handschuhfabrikant – gefertigt wurde billig in Chemnitz, verkauft in Amerika. Die Gewinne gingen nicht an den, der an der Nähmaschine saß.
    Arm und Reich. Die Schere ist groß. Verändern, ja! Wie?
    Hinterfragen. Die Konzerne zwingen, nicht nur Mindeststandards zu garantieren, sondern diese auch zu verbessern. Schwierig: Nicht in unreflektierten Aktionismus verfallen – das hat Arbeitsplätze schon vernichtet. Unterstützt die Unternehmen, die etwas vor Ort tun. Fragt eindringlich nach, wie die Sachen hergestellt werden, baut Kontakte auf mit denen, die Schuhe fertigen, Kleider nähen. Das Internet macht das vielleicht möglich.

  • Reply Ann-Christin 29. September 2014 at 12:03

    Luise, deine Worte und wie du es beherrscht mit ihnen zu spielen, Stimmungen zu erzeugen und Gefühle heraufzubeschwören, waren nie schöner und besser als nach deiner großen Reise! Lass dich weiter inspirieren und höre nie auf, deine Träume in Worten mit uns zu teilen! Danke!

  • Reply Sonja Zimmer 27. September 2014 at 20:52

    ach, ganz unten isses jetzt – gefunden :-))

  • Reply Sonja Zimmer 27. September 2014 at 20:52

    huuhhh, wunderschön geschrieben! und du hast so was von recht und ich finde es toll zu lesen, wie ein ausgangspost dann doch so eine wendung bekommen kann!

    lg sonja

    ps: ich folgte dir mal über gfc – hast du das abgeschalten?

  • Reply Phine 27. September 2014 at 20:20

    ‚Ich weinte, weil ich keine Schuhe hatte, bis ich einen traf, der keine Füße hatte.‘ Hellen Keller…

    …Ich finde, auf Reisen lernen wir nicht nur andere Kulturen kennen, wir kriegen nicht nur die anderen Lebensweisen mit.. Nein, wir lernen auch, unser Leben zu schätzen. Wir haben Luxusprobleme, die es mir kalt den Rücken runter laufen lassen, wenn man bedenkt, wie gut wir es eigentlich haben..

    Ein toller Post, viele wahre Worte! Danke.

  • Reply Marie 27. September 2014 at 14:53

    Du hast echt ein Talent zum Schreiben. Die Bilder gefallen mir auch sehr gut:) Vielleicht sollte man Schuhe eher nach dem Motto „Qualität statt Quantität“ kaufen? Dann hat man zwar nicht so viele, aber dafür welche, die einem richtig gut gefallen, die gut sitzen und die man lange tragen kann und nicht etliche Billigschuhe bei deren Kauf man sich nichtmal sicher war ob man sie wirklich braucht.
    Viel Spaß noch!:)

    mahoneyth.blogspot.de

  • Reply Lizzy 27. September 2014 at 14:39

    Das Ende des Postes ist wirklich schön geschrieben<3

    http://laviedelizzy.blogspot.de/

  • Reply Yvonne 27. September 2014 at 13:43

    Toller Post! Zum Leben braucht man eben doch herzlich wenig und es ist so wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, in welch Luxus wir in Deutschland leben.
    Tolle Bilder, toller Text, tolle Reflektion. Travel is the only thing you buy that makes you richer.

  • Reply Lisa 27. September 2014 at 12:31

    Finde ich gut und ich hoffe wirklich, dass diese Erkenntnis auch noch dann anhält, wenn du wieder zurück bist. Klar fühlt man sich schlecht und merkt, in was für einem Luxus und Reichtum und Überfluss wir leben, aber wenn man wieder im gewohnten Umfeld ist, wird es doch wieder alltäglich. Dennoch ist den Menschen nicht geholfen, wenn du hier jetzt so viel sparsamer lebst, vieĺleicht nur indem du auf billig produzierte Mode etc. verzichtest, spendest oder sowas in der Art. Du hast Recht, jeder sollte das einmal persönlich erleben, persönlich damit konfrontiert werden, um wertschätzen zu können, wie gut es uns geht und wie schlecht es anderen Menschen gehen kann- hier in Deutschland lässt es sich trotz eindrücklicher Bilder in den Medien ja recht gut aufgrund der räumlichen Distanz verdrängen.

    • Kleinstadtcarrie 29. September 2014 at 08:39

      Hallo Lisa,

      danke für deinen Kommentar.
      Ja, das geht mir eben auch die ganze Zeit im Kopf rum – „Wie kann man wirklich helfen?“ Schritt 1 war es jetzt eben bei mir, so viele Menschen wie möglich, darauf aufmerksam machen. Schritt 2 Spenden! Erstmal mit meinem eigenen Einkommen und mal sehen, was sich noch ergibt. Ich halte euch auf dem Laufenden!

  • Reply Nilishi 27. September 2014 at 10:43

    Schöner Post, der zum Nachdenken anregt. Mir kommen immer häufiger diese Gedanken in den Kopf, wie viel Konsum gesund ist und deshalb achte ich sehr darauf mein Geld nicht unnötig auszugeben nur um zu konsumieren. Aber ich zeige ebenfalls nicht mit dem Finger auf andere, die dies vielleicht anders handhaben. Ich denke das wichtigste ist, dass man sich seines „Wohlstandes“ bewusst ist und es schätzt.

    Liebe Grüße

  • Reply Nadja 26. September 2014 at 22:47

    Ich liebe deine Postings und auch deine Bilder auf Instagram.. allerdings hab ich diesen Post angefangen zu lesen und konnte mich damit nicht so richtig identifizieren.. Natürlich sind mir Schuhe auch wichtig, aber nicht so wichtig.. Die teuersten Schuhe sind meine Chucks, ansonsten müssen sie bequem sein und zumindest ein wenig zum Outfit passen, wenns nicht richtig passt, zieh ich einfach schwarze Sneaker an.. Ich weiß nicht wie ich es richtig ausdrücken kann, aber wäre mir nicht so schnell kalt würde ich auch im Winter barfuß laufen.. würde nicht jeder doof gucken, würde ich wahrscheinlich auch überall barfuß laufen.. naja somit lauf ich im Sommer einfach mit Latschen rum… Oo 😀
    Und dann kam das Ende – ich bin begeistert.. finde es immer wieder toll „anzusehen“ wie sich die Sicht der Dinge verändert, wenn man „über den Tellerrand blickt“, wie du so schön geschrieben hast.. 🙂
    Durch das Schlusswort ist meine Meinung über diesen Post sehr gestiegen.. finde ich im Allgemeinen übrigens toll, wie du deine Sicht der Dinge schiclderst!
    Weiter so! 🙂

  • Reply Katharina 26. September 2014 at 21:14

    Schön geschrieben und echt tolle Bilder!
    Katharina

  • Reply Verena 26. September 2014 at 19:28

    So ein toller Text, Luise!
    Ich finde es bewundernswert und äußerst professionell, dass du deinen zuvor geschriebenen Post nocheinmal überdenkst und reflektierst. Das zeigt wahre Größe und Reife!
    Ich wünsche dir auf deiner Reise noch viele weitere Erfahrungen, von welcher Natur sie auch sein mögen, und ich hoffe, dass du uns weiterhin so gut wie es geht daran teilhaben lassen wirst.
    Liebe Grüße ♥

    • Kleinstadtcarrie 29. September 2014 at 08:40

      Hallo Verena,

      ja irgendwie konnte ich einfach nicht anders. Wollte den Post eigentlich gar nicht mehr online stellen – kam mir einfach so doof vor. Aber habe dann eben allen Mut zusammen genommen und meine Meinung öffentlich geändert. Ich bin froh, dass Ihr das genau so annehmt, wie es gemeint ist! Danke!

  • Reply Lea 26. September 2014 at 19:09

    Toller Beitrag! Die Bilder sind fantastisch und zu gleich doch bedrückend zu sehen und zu wissen, dass es Menschen gibt, die so wenig haben. Man beschwert sich über Kleinigkeiten über die andere noch nicht mal nachdenken, weil sie ganz andere Sorgen haben..

    http://www.redlipsandblueberries.blogspot.de

  • Reply Kim 26. September 2014 at 18:41

    Toller Post!!Lese seit gestern deinen Blog und finde deinen Schreibstil wahnsinnig toll. Ebenso deine Fotos!

  • Reply lovelypaperwork 26. September 2014 at 17:42

    Sehr sehr toller post! Respekt dass du selber so ehrlich bist und auch solche Gedanken teilst! 🙂

  • Reply Louisa 26. September 2014 at 16:25

    Ich wollte schon sagen.. dein vorheriger Post war ganz schön eitel und total hochnäsig. Schön, dass du doch mal was von der Welt sehen konntest , was dich von deinem hohen Ross rutergebracht hat.

  • Reply Leni 26. September 2014 at 16:17

    Tolle Message und toller Text. Mal eine andere Art vom erhobenen Zeigefinger. Ich hoffe, dass mehr Modemädels darüber nachdenken, ob kopfloser Konsum wirklich sein muss.

    Liebste Grüße und noch eine tolle Reise

  • Reply Jasmin 26. September 2014 at 15:52

    Sehr schöner Beitrag!
    Erst wenn man Armut mit eigenen Augen gesehen hat, wird einem bewusster wie gut man es doch hat. Finde ich jedenfalls. Deswegen finde ich es auch schön das du diese eher unschöne Erfahrung gemacht hast 🙂

    Liebe Grüße <3

  • Reply Hanna 26. September 2014 at 15:17

    GENAU! ♥♥♥

  • Reply Lulu 26. September 2014 at 15:15

    Hey Kleinstadtcarrie!

    ich verfolge deinen Blog schon soooo lange aber habe noch nie etwas geschrieben.
    ich gucke jeden Tag nach, ob du etwas neue gepostet hast und freue mich jedes Mal, wenn du es getan hast! Ich liebe deine Texte, Fotos und Looks. Habe fast schon einen kleinen girlcrush haha!

    Ich finde es ganz toll, dass du dir selber eingestanden hast, dass du deinen Horizont erweitert hast und dann den Post trotzdem so veröffentlicht hast! Es ging mir selber auch schon sehr oft ähnlich und dann habe ich mich geschämt!

    Viel Spaß noch auf deiner Reise!
    Lulu aus Hamburg, 20 Jahre

    • Kleinstadtcarrie 29. September 2014 at 08:41

      Lulu,
      was für ein lieber Kommentar – DANKE 🙂 Hätte nicht gedacht, dass ich mal der Girlcrush von jemandem sein würde hihi

      Ich freue mich, dass Dir der Blogpost diesmal scheinbar besonders gut gefällt – Danke für deinen Kommentar!

  • Reply Hannah 26. September 2014 at 14:41

    WOW, WOW, WOW !
    Mehr kann ich dazu eigentlich garnicht mehr sagen !
    Eigentlich, dachte ich es ist ein gewöhnlicher, wirklich gut geschriebener Post über Schuhe, aber dann die Wendung.
    Ich finde es wirklich toll und inspiriernend, dass du uns an deinen Erfahrungen im Ausland teilhaben lässt.
    Deine Einstellung und der Weg wie du es vermittelst ist wirklich wirklich super !
    Mach weiter so 🙂

  • Reply Jasmin 26. September 2014 at 13:40

    So jung und doch schon so weise! Was für ein wundervoller Artikel liebe Luise. Ich finde es super, wie du deinen originalen Blogpost mit deinen neu gewonnenen Eindrücken in Verbindung gebracht hast. Es ist sehr lobenswert, dass du auf die Lebensumstände in anderen Ländern aufmerksam machst und deine Leser dazu aufrufst, es dir gleichzutun und auch mal über den Tellerrand hinweg zu schauen….im Leben geht es halt doch nicht immer nur um Mode. Danke fürs Teilen! :-*

    Jasmin xx

    http://www.whatdefinesus.com

  • Reply Friederike 26. September 2014 at 13:26

    Toller Text und schöne Bilder – wie immer.
    Ich finde deine Texte regen immer zum Nachdenken an. Sie inspirieren mich jedes Mal aufs Neue. Danke dafür 🙂

    Noch viel Spaß in eurem gemeinsamen Urlaub 🙂

  • Reply Anna 26. September 2014 at 13:05

    Ich mag, wie du schreibst und dein Post hat echt zum Nachdenken angeregt, was viel zu wenige Medien schaffen… Viel Spaß noch 🙂

  • Reply Michelle 26. September 2014 at 10:25

    Sehr gelungener Post! Die Wendung hast du klasse hinbekommen.. Chapeau!