Gedanken über …

Texts/29. Juni 2014/19 Kommentare

Es muss 2012 gewesen sein, als ich das erste mal ein Buch von John Green in den Händen halten sollte. Auf dem Heimweg von Krakau, einem Besuch im Konzentrationslager Auschwitz. Mir spukte so einiges durch den Kopf, die Fassungslosigkeit lähmte mich, wir sind schon vor Stunden abgefahren. Regungslos saß ich im Bus. Immer wieder dieser eine Name. Sein Gesicht vor meinen Augen. Suchend nach dem passenden Schuh. Bis ich nicht mehr konnte, wollte raus. Raus aus meinem Kopf. Musste in eine andere Welt eintauchen. Eine lebendige. Das war zu viel Tod. Und ich schäme mich, dass ich es nicht aushalten konnte. Ich bin so schwach. Leblos.
Hat jemand ein Buch dabei? Meine Freundin, die direkt hinter mir saß, drückte mir dieses Buch mit dem blauen Schutzhülle in die Hand. Sie habe es selbst noch nicht gelesen. Und so tauchte ich ab. Für ein paar Stunden. Ich habe geweint. Das weiß ich noch. Ich war nach dem Lesen nicht beweglicher. Aber müde. Aber gelöst. Das Leben ist schön.

Jetzt, ein paar Jahre später, um ein paar Erfahrungen reicher – kommt es dazu, dass mir Hazle und Gus wieder begegnen. Mich wieder daran erinnern. 
Viel zu spät hetzen wir in den Kinosaal, fallen auf irgendwelche Plätze und sind sofort angekommen. Gerade saßen wir noch lachend vor unseren viel zu großen Pizzen und jetzt stecken wir mitten in einer Geschichte, die irgendwie so weit weg ist, aber eben eigentlich auch nicht. Eine Geschichte, die uns verstummen lässt.
So viele Gefühle, meine Haut kribbelt. Und ich kann diese Liebe spüren. Dieser Blick. Das Warten. Genau dieses Lächeln. Dieses voneinander lernen. Halt meine Hand. Ganz egal ob da dieser Krebs ist oder nicht. Diese Geschichte zeigt, wie viel man voneinander lernen kann und was und vor allem wie. Und ich bemerke plötzlich, wie viel ich schon von meiner Liebe lernen konnte. Ich bin so dankbar, wie viele Welten er mir offenbart: sich selbst zu lieben, so wie man ist und das man eben einige Dinge im Leben nicht ändern kann und dass man manchmal einfach wegfliegen muss und kann und Malaysia. Hab mir so viel von ihm abgeschaut: wie man besonders gut küsst, wie man besonders mit Menschen umgeht, wie man sich gibt. Und dann kann ich mich einfach in seinen Armen verkriechen und durchatmen. 
Das hat sich so wunderschön angefühlt und mich hat das zu Tränen gerührt, die Liebe von Hazle und Gus und meine Liebe. In diesem Moment war ich einfach so unfassbar glücklich und verliebt.

Aber der Tod? Der kam dazwischen.
Es kommt nicht oft vor, dass ich über den Tod nachdenke. Bisher ist er mir nicht begegnet. Hat mir niemanden genommen, der zu mir gehört. Ich wurde nicht gezwungen mich mit dem Tod zu beschäftigen und mit all’ den Fragen. Eine Erfahrung, die mir bisher erspart blieb und die mir gerade deswegen so unendlich viel Angst macht. Sterben. Das Ende. Für eine Person ist es das Ende, aber alle anderen müssen die Geschichte irgendwie weiter erzählen. Das Buch endet nicht einfach mitten im Satz, die Geschichte endet nicht einfach mitten im Satz. Das Leben tut es nicht! Das Leben geht weiter. Für alle anderen muss es weiter gehen, van Houten.
Ich habe keine Angst selbst zu sterben. Ich weiß nicht, was danach kommt. Leben nach dem Tod? Ich male mir gelegentlich aus, wie ich wohl sterben werde, aber ich habe keine Angst davor. Das ist merkwürdig, da ich doch sonst vor so vielen Dingen im Leben Angst habe. Ich bin vorsichtig, vielleicht übervorsichtig und dann doch wieder so leichtsinnig. Vorm sterben habe ich keine Angst. Weil ich nicht weiß, was dann passiert.
Ich weiß nur, dass ich nicht loslassen kann. Ich weiß nur, dass ich mich nicht verabschieden kann. Ich weiß nur, dass ich mich an alles kralle, was mich verlässt. Wenn jemand von mir geht, nimmt er immer etwas mit sich. Vertrauen, dass ich niemand anderem schenken kann. Den Glanz in meinen Augen und das Lächeln auf meinen Lippen. Bisher sind die Menschen unachtsam damit umgegangen. Haben gar nicht gemerkt, was da noch an ihnen klebt. Irgendwann haben sie es verloren oder weggewischt, wie eine lästige Fliege. Und dann konnte ich es wieder finden – mein Lächeln, meine Liebe.
Doch was passiert, wenn eine geliebte Person stirbt? Wenn das Leben einfach weiter geht. Dann kann ich nicht mehr anrufen, in der Hoffnung dass er schon irgendwann rangehen wird. Kann nie wieder anfassen, riechen, streiten. Es gibt kein zurück mehr. Der Tod ist eine endgültige Entscheidung, die wir nicht selbst treffen können. Es passiert rücksichtslos und lässt ein Schlachtfeld zurück. Ein Kampf, den die Zurückgebliebenen austragen müssen. Und genau deswegen kann man nicht einfach aufhören zu schreiben. Und irgendwann kommt der Punkt, da werden wir das Schlachtfeld verlassen, mit einem Arm weniger vielleicht. Und ohne dieses eine Geheimnis was nur man selbst und er wusste, dieses Schmunzeln in den Augen, dieses Gefühl, was man nur zu zweit empfinden kann. Doch was passiert, wenn eine geliebte Person stirbt und all das mit sich nimmt? Was passiert damit? Was geschieht genau mit den Dingen, die es ausgemacht haben. Ich glaub: sie wird es bewahren. Mit ins Grab nehmen? Es wird aus der Erde sprießen, das Lächeln. Es wird vom Himmel fallen, als Regen. Wenn ich nur wüsste, dass es dir jetzt besser geht. Wenn ich nur sicher wäre, dass alles gesagt wurde.
Das Schicksal ist ein mieser Verräter.
Und ich bin so unendlich dankbar, dass ich gesund bin. Dass ich Luft kriege. Dass wir gesund sind.
Das Leben ist schön.

so

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19 Kommentare

  • Reply Marlene 30. September 2014 at 19:53

    Ich bin heute zum ersten Mal auf deinen Blog gestoßen und war vom ersten Text, den ich gelesen habe direkt begeistert. Beim Stöbern hier bin ich dann auf diesen Blogpost gestoßen und ich muss zugeben, dieser Text hat mich an den Rand der Tränen gebracht.. Ich weiß nicht, ob es am Thema Tod und geliebte Menschen zu verlieren liegt, oder daran, dass das Buch seit 2 Jahren mein Liebstes ist, auf jeden Fall war das einer der schönsten und inspirierenden Texte, die ich seit langem auf einem Blog gelesen habe – riesen Kompliment!

  • Reply Lois 28. Juli 2014 at 15:26

    Du schreibst so schön! Ich lese nie Blogs, guck mir nur die Bilder an. Überfliege ab un an mal den Text. Aber interessieren tu ich mich kaum für andere Blogs, ich schaue nur rein und lasse mich von ihren Bildern inspirieren. Und das supergerne.
    Aber deine Texte, die fesseln mich. Jetzt will ich alles lesen.

    Schreibst du mir ein Buch? Du musst Autorin werden, Bücher schreiben. <3

    Love you! xxx

    • Kleinstadtcarrie 3. August 2014 at 13:41

      aaaah mein Schatz :) das freut mich wirklich unheimlich, das zu hören <3 Ich hoffe mal, dass ich bald mal wieder in Berlin sein werde <3
      Küsschen :-*

  • Reply Lena 6. Juli 2014 at 16:24

    Ich liebe, liebe, liebe deine Texte! Egal um welches Thema es sich handelt, irgendwie berührst du mich immer mit deinen Worten! Ich habe mir auch schon seit längerer Zeit vorgenommen, das Buch zu lesen, aber bin bis jetzt noch nicht dazu gekommen-wie das eben manchmal so ist.. Ein großes Lob an dich!:)

  • Reply sammy 6. Juli 2014 at 12:34

    Oh man, ich fühle mich irgendwie schlecht :D

    Ich hab das Buch und den Film gesehen, aber… ich habe nicht geweint. Vielleicht war ich etwas betrübt, aber sonst- bin ich jetzt herzlos? Oo
    Allerdings muss ich sagen, wurde ich schon früh mit dem Tod konfrontiert. Mit 8 das erste Mal, dann mit 11, mit 13… so wie auch mit Verlust.
    Alle meine Großeltern sind weg und es war immer wieder erneut traurig. Ich glaube, ich habe zu große Angst, dass noch jemand stirbt.

  • Reply Mimi 4. Juli 2014 at 22:47

    Louise, der Post passt wie die Faust aufs Auge! Ich bin heute mit den Buch fertig geworden und hab die letzten 200 Seiten durchgeheult und musste mir ständig meine Tränen wegwischen, damit ich weiterlesen konnte ! :D
    Mich hat das Buch unheimlich berührt und nach jeder Seite musste ich an mein Große Glück denken gesund zu sein! Und ich musste an die Menschen denken, denen es wirklich so geht die nicht fiktiv sind.
    Was mir besonders gut daran gefallen hat, ist dass das Buch nicht direkt nach Gus Tod aufhört, sondern man sieht, wie Hazel mit dem Tod umgehtund nicht wie in ‘Ein herschaftliches Leiden’.
    Wa sich noch daran liebe ist dass es unheimlich einfach zu lesen ist und doch so viel Raum für Interpretation lässt!
    ich bin gespannt auf den Film !
    Danke für dein Blog :P

  • Reply jasmine 1. Juli 2014 at 23:14

    Hey :)

    Das passt leider gar nicht dazu, aber könntest du verraten, woher dieses wunderschöne armband/armreif von deinem Instagram mit den BBlättern ist?

    Entschuldigung für mein schlechte Deutsch:)

  • Reply Emmi 30. Juni 2014 at 15:50

    Wahnsinn deine Gedanken dieser film diese Musik.. dieses alles!

  • Reply Manon 30. Juni 2014 at 14:00

    Ich musste erst mal nachdenken, von wem du redest bis ich mir dachte, dass du vielleicht über die brandneue Geschichte erzählst… “Das Schicksal ist ein mieser Verräter” und letztendlich hatte ich Recht. Ich persönlich selbst habe weder das Buch noch den Film gesehen. Ich komme erst gerade aus dem Ausland wieder und habe das Buch bereits mal in einem Hotelzimmer gesehen, in dem ich gearbeitet habe in Kanada. Es war auf Deutsch und wusste nicht, um was es sich handelte. Als ich die Inhaltsangabe las, dachte ich so, ok, wohl wie “Beim Leben meiner Schwester”. Kaum bin ich zurück, sehe ich, wie viel Werbung für diese Geschichte gemacht wird.

    Und jetzt dank deinem Post ist meine Neugierde geweckt. Der Trailer hat mir damals schon gefallen und tief berührt, aber mein Kopf ist voll mit anderen Dingen, dass ich überhaupt keine Zeit dafür hatte. Habe aber jetzt zwei Leute gefragt, ob sie Lust hätten mit mir ins Kino zu gehen (:

    Du hast ein Faible für deine Worte und jedes Mal berührt mich dein Text ♥︎ Du sprichst mir immer aus der Seele und es ist so toll, dass es jemanden auf der Welt gibt, der auch durch das Schreiben sich freier fühlt.

    Liebe Grüße

  • Reply Mareile 29. Juni 2014 at 23:12

    Habe den Film auch letztens mit drei Freundinnen geschaut. Alle haben geweint, wirklich der gesamte Kinosaal! Und das, was ich so toll an dem Film fand war, dass man weint und lacht und am Ende doch mit einem guten Gefühl rausgeht und sich eben genau das denkt, was du beschreibst: Trotz allem ist das Leben schön und man sollte es genießen, so oft und so lange und eben so gut man nur kann! Ein so schöner trauriger udn zugleich so lebensbejahender Film ist mir bisher selten untergekommen.
    Toller Blogeintrag!

    Liebste Grüße :)

    PS: ich hoffe, du bleibst noch lange verschont von dem schrecklichen Gefühl, einen verstorbenen, geliebten Menschen zu vermissen!

  • Reply Sophie 29. Juni 2014 at 22:47

    Total toller Post, unglaublich schön geschrieben!
    Ich habe mir den Film angeschaut und finde ihn echt gut.
    Ich saß im Kino neben meinem Freund (er war einer von zwei Jungs im gesamten Saal) und war während des Films einfach nur glücklich. Aus zwei Gründen. Der Erste: Um mich herum saßen lauter kleine Mädchen, die alle am heulen waren und sich auch so einen tollen Freund gewünscht haben, wie im Film. Und ich? Ich saß im Kino mit meinem Freund der genau dieser perfekte Freund für mich ist. Der Zweite: Mein Freund ist nicht krank. Natürlich kann trotzdem immer unvorhergesehen etwas passieren, aber das lass ich jetzt mal außen vor. Mein Freund ist nicht krank und ich auch nicht. Wir werden zusammen bleiben, haben noch so viel zusammen vor. Das ist unglaublich toll. :)
    Ich finde der Film erinnert einen in vielen Hinsichten an sein eigenes Leben. :)

    Liebe Grüße ♥

  • Reply Jessica 29. Juni 2014 at 20:24

    Liebe Luise, du schreibst so wunderschön. Mir sind fast die Tränen gekommen. Ich wollte immer Journalistin werden oder wenigstens ein Buch schreiben, aber gegen deine Texte sind meine nichts besonderes. Ich wünschte, dass ich auch so ein Talent hätte. Ich liebe es, wenn du deine Tagebucheinträge veröffentlichst.

  • Reply whogoestokyo 29. Juni 2014 at 20:18

    Ich muss dir einfach mal einen Kommentar hinterlassen. Vor einigen Wochen habe ich deinen Blog gefunden und seitdem lese ich jeden Post! Man merkt, wieviel Mühe hinter dieser ganzen Sache steckt…und wieviel Leidenschaft! Jetzt hast du einen ”Fan” mehr, haha :)

  • Reply Christina 29. Juni 2014 at 19:20

    Wunderschöner Text zu einem wunderschönen Buch/Film ♡

  • Reply Anna 29. Juni 2014 at 19:00

    Liebe Carrie, mich hat die Geschichte von Hazel und Gus bewegt! Wirklich bewegt und dein Post hat mir geizeigt, dass ich nicht die einzige bin, die über das Leben nachdenkt durch solche Geschichten angeregt und weint und sich danach so frei fühlt.♡ Wie du geschrieben hast, das Leben ist schön! Grüsse Anna

  • Reply Devio 29. Juni 2014 at 18:44

    Wundervoll.

  • Reply Vivienne 29. Juni 2014 at 18:34

    Liebes… ich weiß nicht wie du immer so wunderschöne Worte findest.
    Ich habe jede einzelne Zeile dieses Textes so genossen, auch wenn jetzt eine kleine Träne über mein Gesicht läuft.
    Leider hat der Tod schon mehr als einmal Einfluss auf mein Leben gehabt und mir eine geliebte Seele genommen. Aber ich freue mich, dass du bis jetzt davon noch verschont geblieben bist. Die Sache ist, dass du dieses Vermissen, dieses schmerzende Gefühl im Herzen für immer mit dir herum trägst. Es ist vielleicht nicht immer an der Oberfläche, aber es ist da, in deinem Herzen. Diese Lücke, die nie wieder gefüllt werden kann.
    Du musst lernen damit zu leben, mit dem Schmerz, denn dafür gibt es keine Pille, die ihn dir nehmen könnte.

    Ich bin genauso dankbar, wie du, dass ich gesund bin und mein Leben in vollen Zügen leben kann. Denn trotz all der Rückschläge und schweren Zeiten, die man durchmachen muss, ist das Leben doch wunderschön und wartet mit so vielen schönen Dingen auf uns.

    Fühl dich lieb von mir gedrückt.
    Vivienne

  • Reply Linda 29. Juni 2014 at 17:16

    In einer Welt, wo es sooft darum geht, wer die beste Figur hat und wo es auf so vielen Blogs nur darum geht, wie viele teure Klamotten man sich schon wieder gekauft hat, ist es so schön auf deinem Blog auf etwas anderes zu stoßen. Deine Texte sprechen mir oft aus dem Herzen und sind auch so schön tiefgründig. Gefällt mir viel besser. Danke dafür :)