Gleis 9 3/4 + 42 Berührungen

/6. April 2014/37 Kommentare
Ich hasse es, wenn fremde Menschen zu dicht hinter mir laufen. Wenn mich in der Bahn feuchte Hände streifen. Ich werde unsicher, wenn ich angestarrt werde, so durchdringend, als wollte man meine Gedanken lesen. Ich mag es nicht, wenn man mir einfach so zu nahe kommt. Ohne Vorwarnung. Dann schrecke ich zurück. Bin scheu.
Ich brauche Distanz, ich brauche diesen gewissen Abstand. So viel, dass ich mich mit ausgebreiteten Armen um mich selber drehen, meine Haare fliegen lassen kann. Luft zum atmen. Die einen mögen das verklemmt nennen, als arrogant empfinden und missverstehen. Und so gerne ich auch sämtliche Oberflächen betaste, meine Finger durch die sanften Grashalme fahren lasse und immer wieder meine Kleider glatt streiche, so zögerlich bin ich bei menschlichen Berührungen. Berührungen jeglicher Art.

Das mag abgedroschen klingen, aber haben wir nicht alle diese Mauer um uns errichtet, die es zu durchdringen gilt. Bloß eingerissen werden darf sie nicht. Magie braucht es. Gleis 9 3/4.
Ein Mensch braucht 42 Berührungen am Tag, um glücklich zu sein. Das habe ich irgendwo gelesen. Man braucht Zuneigung, Streicheleinheiten, eine Schulter zum anlehnen. 42. Das erscheint so wenig, wenn da jemand ist, an den man sich schmiegen kann, der einem die Hand hält und den Kopf krault. Wenn da jemand ist, der mir behutsam die Hände auf die Ohren legt, damit ich besser schlafen kann. 42 Berührungen sind so wenig, wenn man bei der Familie ist. Umarmung. Wiedersehensfreude. Oder ehrliche Gespräche über FaceTime. Sie kann ungeweihte Tränen trocknen. Einfach so. Aus 233 km Entfernung. Wenn da jemand ist, der weiß, wie viel Anlauf man nehmen muss, der weiß, was ihn hinter der Mauer erwartet und der bereit ist, wirklich hinzusehen. Wenn man sich nicht umarmt, weil man sich eben gerade begegnet und begrüßt, sondern weil man sich etwas zu sagen hat – Ich habe dich vermisst. Es tut mir Leid. Du bist großartig.
Aber diese Zahl, diese Sehnsucht kann so groß sein, wenn man allein im Auto zur Arbeit fährt, ein fester Händedruck, eine versehentliche Berührung, eine flüchtige Umarmung von der Kollegin. Und dann fällt man abends ins Bett, schmiegt sich in die Decke. Aber niemand fasst mich an. Niemand da, der Wärme ausstrahlt, kein sanfter Kuss, keine Hand, nach der ich greifen kann.Fernseher einschalten, Buch aufklappen, Musik anmachen, Laptop aufklappen – bloß dem Alleinsein, dem Nichtberührtwerden keine Chance geben, ablenken. Lesen, Sehen, Hören und die Heizung aufdrehen – und plötzlich werde ich doch berührt, obwohl ich vollkommen allein bin. Dieses Lied, dieser Film, diese Worte – ich lass mich mitreißen und bekomme Gänsehaut. Wie ein inniger Kuss. Leidenschaftlich. Für ein paar Sekunden aus der Realität gerissen werden, aufhören zu atmen. Das Lied wird wieder ruhiger, der Text ist beinahe zu Ende – gleich ist es vorbei. Aber bis dahin: nochmal!

Wenn aus man ich wird. Wenn man sich vorbereiten muss. In Kisten verstauen, in Marmeladegläser schließen. Alles irgendwie zusammenrühren und einkochen.
42 Berührungen. Wir müssen das Konto aufstocken. Wir müssen die Akkus aufladen.

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37 Kommentare

  • Reply Melanie 15. Februar 2015 at 22:40

    Liebe Luise, super toller Artikel… sprichst mir da wirklich aus der Seele.
    Wo holst du dir deine Inspiration für deinen Blog und deine Texte?
    Ich will mich zukünftig auch in einem Blog verwirklichen und bin gerade auf der Suche nach Ideen.
    Liebe Grüße Melanie

  • Reply Uwe 19. Januar 2015 at 14:10

    Oh nein … Wir haben nicht alle eine Mauer errichtet!
    DAS wäre auch sehr sehr traurig.

    Liebe Grüße
    Uwe

  • Reply Julia 8. Juli 2014 at 11:49

    Das ist sehr schön geschrieben und erinnert mich an einen Text, den ich dazu mal (vor Jahren!) geschrieben habe:

    Stetig wird sie wiederkehren,
    Immer länger wird die Nacht,
    In der sich Schatten nun vermehren
    Und sich zu mir legen – sacht.

    Und in weißen Laken liege ich,
    Schon umhüllt von schwarzer Nacht.
    Noch wache ich, doch träum ich dich,
    Du legst dich zu mir – sacht.

    Dann, ganz leicht, dieses sanfte Beben,
    Ein Hauch in dieser kalten Nacht.
    Wage nicht die Lider zu erheben,
    Ich legte mich zur dir – sacht.

    Ein Strahl und eines Geistes Wimmern
    Mit tausend Sorgen, duchflutet die Nacht,
    Näher kommt der Morgen, ein Flimmern
    Und sie entgleitet mir – sacht.

    Stetig wird sie wiederkehren,
    Immer länger wird die Nacht,
    In der sich Schatten dann vermehren
    Und sich zu mir legen – sacht.

    Ich hoffe, du verlernst bei all dieser Sehnsucht nicht das Schreiben. Du hast ein Gefühl für Worte und Worte für ein Gefühl. Behalte dir das bei – diese Gabe ist sehr wertvoll!

    Viele Grüße 🙂

  • Reply Katharina 2. Mai 2014 at 11:27

    Wow… was für ein toller Text… ich habe Gänsehaut und kenne soooo gut das Gefühl allein zu sein 🙁
    Alles Liebe

  • Reply Berit 28. April 2014 at 21:03

    Das ist so ein wundervoller Text! Ich kann total nachvollziehen, was und wie du schreibst! Der Text geht ans Herz und berührt! Allgemein finde ich deine Texte wundertoll, du schreibst, was du denkst und schreckst nicht davor zurück, persönlich zu werden! Das bewundere ich sehr an dir 🙂
    Liebste Grüße ♥

  • Reply anne 14. April 2014 at 15:47

    einer deiner schönsten texte, und einer der berührendsten, die ich überhaupt je gelesen habe. danke. ♡

  • Reply Anni 9. April 2014 at 14:59

    Ich finde den text wunder schön , ih halte auch einiges von abstand … allerdings brauche ih auch oft Zuneigung und es wäre ziemlih schlimm für mich ganz alleine zu sein. Ich finde auch das man Einsamkeit und abstand auch mit musik ,Freunden und vor allem Freude füllen kann . Der post hat mich sehr inspiriert ♡
    Anni

  • Reply Nilishi 8. April 2014 at 12:14

    Wow, schon als ich die ersten Zeilen gelegen habe, dachte ich fast diese Worte kommen von mir. Ich merke das gerade wenn ich an der Bahn stehe oder im Supermarkt oder sonst wo. Ich brauche so oft Abstand, werde nervös wenn mir jemand zu nahe kommt. Und dann brauche ich auch wieder Zuneigung. Danke für diesen Text!

    Mindbroken

  • Reply viniaa 8. April 2014 at 11:51

    Ein wunderschöner Text, mal wieder! Du hast wirklich ein riesen Talent, Luise.

    http://siemprefielsiempre.wordpress.com

  • Reply lynnh gerber 8. April 2014 at 10:19

    Wie immer sehr schön! Dieses Sehnsuchtsgefühl ist einfach schrecklich.

    http://conventionalcompanion.blogspot.de/

  • Reply Coco 8. April 2014 at 09:19

    Ein WUNDERSCHÖNER text wirklich ich bin so berührt!!!!
    bist echt super!!

  • Reply Kerstin Neko 7. April 2014 at 20:17

    Ich mag diesen Text:) Ich habe jetzt erst damit begonnen, dir zu folgen, aber er macht dich sofort sympathisch und menschlich 🙂 (irgendwie greifbarer als viele andere Blogger)

  • Reply Phine 7. April 2014 at 20:17

    Einfach jemand – der da ist. Der auf einen wartet. Du berührst einen so sehr mit deinen Texten – Luise!

    Phine x

  • Reply mylittlehoney 7. April 2014 at 19:54

    Hat mir eine Gänsehaut verschafft… Ganz toll wie du hier die Sehnsucht nach Nähe und Wärme beschreibst!

  • Reply Kamerakind 7. April 2014 at 18:28

    Wunderschöner Text, der mich unheimlich berührt.
    Ich habe da auch so eine Mauer um mich rum, ich mag nicht die Nähe von Fremden und auch bei Kollegen und Bekannten bin ich da vorsichtig, wirkt schnell unnahbar.
    Richtig nahe kommen dürfen mir eigentlich nur Familie und die engsten Freundinnen und da tut es dann unheimlich gut.

    http://www.kamerakind.blogspot.de

  • Reply Lotta Leben 7. April 2014 at 15:34

    So süß bist du <3 Musst dich direkt in meinem Wochenrückblick erwähnen.

    Liebst,
    Lotta- mein Lottaleben

  • Reply Anonymous 7. April 2014 at 10:21

    abstand ist für so viele menschen wichtig und wird so vielen menschen als arrogamz ausgelegt weil andere es nicht verstehen.. ganz toller text <3

  • Reply franzililee 7. April 2014 at 09:38

    Sehr schöner Text 🙂

  • Reply Vanessa P 6. April 2014 at 20:16

    Abstand finde ich auch extrem wichtig. Manche Menschen spüren das aber wohl nicht. Trotzdem würde man dich bei deinen Worten gerne in den Arm nehmen… gedanklich zumindest…

    Liebe Grüße aus München,

    Vanessa
    http://www.pureGLAM.tv

  • Reply !*Lila 6. April 2014 at 19:12

    Schön geschrieben! Ich kenn das. Besonders schlimm ist es, wenn man irgendwo an der Kasse steht. Manche Menschen verstehen einfach nicht, dass man nicht mit jedem „kuscheln“ will… Ich hab letztens sogar wirklich mal einer Frau gesagt, sie soll doch einfach stehen bleiben, wenn ich zwei Schritte nach vorn gehe, weil ich Abstand brauche.. 😀

  • Reply Anonymous 6. April 2014 at 19:05

    Oh, noch jemand der vor Berührungen anderer Menschen zurück schreckt. Ich dachte schon, dass ich die einzige sei. Jedoch schrecke ich nicht nur vor Berührungen zurück, sondern ekel mich regelrecht vor ihnen. So kann ich z.B nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, wenn besagtes voll ist, dann laufe ich lieber. Nur Menschen die mir nahe stehen dürfen mich anfassen, sonst niemand. Macht das Leben nicht gerade leicht!
    Aber genug zu meinem persönlichen Problem; Ich finde, dass du einen ganz klasse Text geschrieben hast. Wirklich. Auch wenn das mit den 42 Berührungen unglaublich ist. 🙂

  • Reply Lale 6. April 2014 at 18:50

    die mit Abstand schönsten Zeilen, die ich bis jetzt gelesen habe, danke dafür!

  • Reply Fergie 6. April 2014 at 18:41

    Das ist ein wunderschöner Post. Du schreibst wirklich grossartig! Tausend Kussis, Fergie

  • Reply Doris 6. April 2014 at 18:32

    wieder mal ein wunderschöner Text und irgendwie (be)trifft er mich grade total 🙂 Habe morgen meinen ersten Unitag ohne meinen Freund, da er sein Studium abgebrochen hat und ich nun nicht mehr mit ihm zusammenwohne. Deshalb muss ich wohl ab jetzt auch jedes Wochenende kräftig meine Akkus aufladen <3

  • Reply Anonymous 6. April 2014 at 17:26

    Das ist mit Abstand der schönste Text, den ich bisher von dir gelesen habe und ich verfolge dich schon lange! 🙂 <3 Er hat mich wirklich berührt und spricht mir so sehr aus der Seele. Danke dafür. 🙂

  • Reply Jennifer F. 6. April 2014 at 17:14

    Bei deinen Texten kriege ich echt immer Gänsehaut. Du schreibst so schön!

  • Reply Steffi 6. April 2014 at 16:06

    Toller Post! Sehr persönlich und wunderschön. :*

  • Reply Gina Lovesu 6. April 2014 at 14:45

    Der Text ist wunderschön♥
    Hab einen tolle Sonntag!
    <3
    healthyfeelingfitspo.blogspot.de

  • Reply Limi Coco 6. April 2014 at 14:38

    Das Bild ist so wundervoll und künstlerisch ;)..loooove it <3
    allerliebste Grüße
    deine Limi
    Mein Blog: BUNTGEFLUESTER

  • Reply Kiwi 6. April 2014 at 14:31

    wunderschön geschrieben! <3

  • Reply Vicky 6. April 2014 at 14:22

    Toll geschrieben! Du weißt, wie man Menschen berührt.
    Liebe Grüße,
    Vicky
    poulette-dingue.blogspot.de

  • Reply Vicky 6. April 2014 at 14:21

    Toll geschrieben! Du weißt wie man Menschen berüht.
    Liebe Grüße
    Vicky
    poulette-dingue.blogspot.de

  • Reply Lisa 6. April 2014 at 14:17

    Unglaublich schöner, berührender Text! Danke dafür! ♥
    Lisa

  • Reply ElenaMusik 6. April 2014 at 14:11

    Wow, wie toll der Text ist <3

    E-MStyles

  • Reply Ziska 6. April 2014 at 13:57

    So ein wunderbarer, ehrlicher, tiefer Text. Ich bin berührt. Im tiefsten Innern. Jedes Wort eine sanfte Umarmung, jeder Satz ein kleiner Stich ins Herz. Das Alleinsein, das Ablenken, alles trifft so sehr zu. Alles ist so eine reine Wahrheit, dass ich kaum Worte finde um zu beschreiben, wie weh der Text tut aber auch wie viel Wärme er bringt. Zu wenige Worte um dir wirklich zu sagen, was ich dabei fühle. Nur so viel: du bist nicht allein!

  • Reply Anonymous 6. April 2014 at 13:56

    Ein unglaublich schöner Text, Luise! Grade in unserer schnelllebigen Gesellschaft wird es immer wichtiger, inne zu halten, umarmt zu werden, nicht alleine zu sein. Du hast dieses Gefühl super in Worte gefasst, ich bin beeindruckt!