Du reagierst nicht. Du regst dich nicht.

/9. März 2014/33 Kommentare



Hallo. Eine sanfte Umarmung. Zaghaft. Unbeholfen.
Wir müssen kurz Luft holen und dann stundenlang so stehen bleiben, um all’ das nachzuholen und könnten dabei nur hoffen, dass die Berührung das Erlebte, das Gefühlte, die Enttäuschung überträgt. Die Erinnerungen, die uns fehlen, die uns zu etwas Gemeinsamen machen würden.
Die Autotür fällt zu. Ein lauter Knall. Herrlich dieser Krach, denn jetzt wird es still. Eine unendliche Leere erfüllt den Innenraum des VW. Verbreitet sich wie ein schwerer Nebel. Dringt in unsere  Köpfe, verdrängt all’ das, was wir uns sagen wollten. Einschüchternde, unheimliche Stille. Und ich weiß nicht, woran es liegt. Weder meine Gedanken, noch meine Lippen bewegen sich, kann keinen Satz formulieren. Will es nicht. Es gibt so vieles nicht zu sagen. Man soll gemeinsam schweigen können. Aber was hilft das? Das ist keine Erklärung! Ich klage dich an mit meinem Schweigen. Ich verurteile dich mit meinem abgewendeten Blick.
Meine Stirn lehnt an der  kalten Fensterscheibe.
Zwei Monate sind vergangen, wieder mal – Wir haben uns so lange nicht gesehen.  Haben wir uns jemals gesehen? Woran erkennst du mich? Es sind Jahre vergangen, unzählige Wutausbrüche, aufgeregte Minuten hinter dem orangenen Vorhang, verweinte Stunden, zähe Entscheidungen. Du saßt nie im Publikum. Am Rand stehen zählt nicht, es ist immer ein Platz frei.
Nur ein einziges Mal habe ich dich von der Bühne aus entdecken können, aber du hast mich nicht angeschaut. Jemand hat dich auf den Stuhl gedrückt, dich festgehalten. Wo wolltest du hin? Wovor wolltest du fliehen? Du hast mich nicht angeschaut, mich nicht empfangen, kein Lob, kein Blick. Ich wollte, ich will dich berühren mit meinen Worten. Aber es scheint nicht zu funktionieren.  Ich mach’ etwas falsch. Habe wochenlang an diesem Auftritt gefeilt, habe mich über so viele Jahre vorbereitet. Du reagierst nicht. Du regst dich nicht.
Du warst niemals da.
Vielleicht ist es die Entfernung, die dich so starr, so ungelenk erscheinen lässt? Sind deine Bewegungen zu sanft, dass ich sie nicht erkennen kann. Seit jeher suche ich eine Brille.
Wir tasten uns ab mit unseren Augen.  Aber die sind nicht zum anfassen da.
Ist es die Zeit, die uns fremd erscheinen lässt? Müssen wir die Geschichtsbücher aufschlagen, uns erinnern und daraus lernen?
Selbst wenn die eingeklebten Bilder uns gehören, die vergessenen Seiten so viel von uns enthalten – Wir schreiben lieber. Wir schreiben das alles auf, in der Hoffnung, irgendwas damit erklären zu können. Aber egal wie behutsam wir die Worte aneinanderreihen, egal wie bedächtig man den Brief zusammenfaltet und überreicht.
Diese Worte, die Zweifel, die Anklagen, die Fragen brauchen eine Stimme um sich zu entfalten, um etwas zu bedeuten – und das hatten unsere bisher nie. Endlose Briefe wurden so bedeutungslos, leer. Denn Briefe liest man allein. Und das waren wir lang genug. Ich vermisse dich nicht. Ich suche dich nicht. Ich warte nicht mehr.
Es gibt so viele Welten und du hast dich für eine andere entschieden. Mein Blick ist getrübt, meine Beine dafür zu schwach. Ohren kommen nicht zum Einsatz. Der Abstand ist so groß.

Mein Lieblingsteil hat einen Riss. Das kann man nicht flicken. Und trotzdem trage ich es jeden Tag.
Es ist nicht seine Schuld. Es ist unsere. Ich bin alt genug.

Wir tasten mit unseren Augen. Wir sprechen mit unserer Haut. Unsere Ohren warten. Die Zunge ertrinkt im Salzwasser.

Fotos Joana Gröblinghoff/ Lichtpoesie 

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33 Kommentare

  • Reply Monique 24. März 2015 at 21:47

    habe dein Video so oft angesehen und Wort für Wort mitgeschrieben.. wirklich
    nun habe ich den Text gefunden… ärgerlich :-D

  • Reply Lasst Euch fallen – KleinstadtCarrie.net – Mode & Lifestyle Blog aus Dresden 16. März 2015 at 18:02

    […] Den Text zum nachlesen findet ihr hier. […]

  • Reply Melissa Blanca 25. März 2014 at 15:19

    Tolle Bilder und ein wunderschöner Text! <3

  • Reply Marina Mayer 24. März 2014 at 15:45

    tolle bilder!

  • Reply Patricia 22. März 2014 at 15:24

    Deine Texte sind so wundervoll! Mach weiter so, bitte.

  • Reply Romwe Online 19. März 2014 at 10:31

    so elegant,I love it so much!

  • Reply Sarah:) 12. März 2014 at 10:12

    und ein weiteres Mal sprichst du mir aus der Seele , nur das ich es nicht so treffend formulieren kann!

  • Reply Marienkäfer 12. März 2014 at 07:50

    ein toller Text!

  • Reply Anonymous 11. März 2014 at 18:10

    Wahnisnn! Du kannst mit Worten jonglieren, ich wüsste nur jedes mal, wenn ich einen deiner Texte lese, zu gern, um wen es geht! ;)
    Viele Grüße :)

  • Reply L.S. 11. März 2014 at 10:02

    Einfach nur toll!

  • Reply L.S. 11. März 2014 at 10:02

    Einfach toll!

    unaehnlich.blogspot.de

  • Reply L.S. 11. März 2014 at 10:02

    Einfach nur toll!

  • Reply Anonymous 10. März 2014 at 22:05

    wow..wahnsinn…so berührend.. danke!!

  • Reply Svenja 10. März 2014 at 18:05

    Als würdest du aus meinem Kopf sprechen. Du hast mich damit tatsächlich zu Tränen gerührt… Danke für die Gedanken!

  • Reply thelittlediamonds 10. März 2014 at 17:25

    wundervoller Text!
    xx Alina
    http://www.the-little-diamonds.blogspot.de

  • Reply violett-seconds.de // BigSunshine 10. März 2014 at 13:36

    waaaaaahnsinnig schönes bild am anfang <3

  • Reply viva la jana 10. März 2014 at 12:28

    deine texte sind wundervoll!!! ich kanns gar nicht in worte fassen!!

  • Reply ••●✿ мσηι*✿●•• 10. März 2014 at 11:58

    Der Text ist unglaublich berührend! Kopf hoch! <3

  • Reply Anonymous 10. März 2014 at 10:26

    Es gibt keine Worte, die die Genialität deines Textes beschreiben.
    Wunderschön trifft es vermutlich am Besten, bezaubernd.

  • Reply Anonymous 9. März 2014 at 23:50

    Ich kenne wirklich keinen Blog, dessen Texte mich so berühren, wie deine es tun!

  • Reply Lunaire 9. März 2014 at 23:37

    Ich habe schon lange nichts mehr gelesen das mich so berührt hat. Dazu die Bilder von Joana. ♥!
    Aber den Text muss ich mir gleich mal abspeichern, damit ich ihn iwann wieder finden und mich wieder beeindrucken und berühren lasse kann.

    Liebe Grüße Steffi
    http://realityisapointofview.blogspot.de/

  • Reply Sophia 9. März 2014 at 22:50

    Atemberaubender Text. So emotional & tiefgreifend. Ich bin beeindruckt & möchte mehr von deinen Texten lesen & mich fesseln und mitreißen lassen. :) lg Sophia.

  • Reply le fantasme 9. März 2014 at 22:02

    Du schreibst richtig richtig gut, bewundernswert. Der Text regt sehr zum nachdenken an und die Bilder sind wunderschön!♥

  • Reply Anonymous 9. März 2014 at 21:28

    Habt ihr Schluss gemacht?

  • Reply Marie Luise 9. März 2014 at 20:54

    …. wahrscheinlich der beste Text, den du je geschrieben hast <3

  • Reply Julia Zocher 9. März 2014 at 20:43

    ich liebe es wie du schreibst- zauberhaft

  • Reply Julia Zocher 9. März 2014 at 20:43

    ich liebe es wie du schreibst- zauberhaft

  • Reply FoxyLove 9. März 2014 at 20:26

    Wie wunderschöne Worte du mal wieder gefunden hast. :)

  • Reply Kamerakind 9. März 2014 at 20:01

    Das klingt so unheimlich traurig :(

    http://www.kamerakind.blogspot.de

  • Reply Rieke 9. März 2014 at 19:23

    Du kannst so gut mit Worten umgehen <3

  • Reply ElenaMusik 9. März 2014 at 19:17

    Du hast wirklich Talent, Liebes!

    http://e-mstyles.blogspot.com

  • Reply www.maisoui.de 9. März 2014 at 18:57

    Total schöner Text!!!!!

  • Reply Anonymous 9. März 2014 at 18:55

    Toller Text, der zum nachdenken anregt! :)♡
    rabea :)