Schneide ein Loch in mein Schlauchboot

/17. November 2013/24 Kommentare
Die goldenen Blätter tanzen nicht mehr durch die Lüfte. Es raschelt nicht, wenn wir nach Hause laufen. Der gehässige Regen hat sie eingefangen, gebändigt und verraten. Reglos auf dem Asphalt. Die Farbe getrübt vom Schlamm – der einst so bunte Farbenteppich verblasst.
Es wird kalt. So richtig. So kalt, dass meine Nase immer direkt rot wird, wenn ich aus dem Haus trete. So kalt, dass wir es kaum wagen, an den Sommer zu denken.
Ich ziehe die Jacke noch etwas fester um mich.
Meine Füße sind eisig und mein eigener Atem versperrt die Sicht. Ich höre, wie der Regen gegen das Fenster peitscht. Und ich friere. Die Heizung kann nichts für mich tun.
So viele Mauern umgeben mich. Der Frost kriecht in meine Glieder. Lähmt mich. Drinnen oder draußen, das macht keinen Unterschied.
Der Winter bringt nicht nur die Kälte, sondern auch die Zweifel und den Schmerz mit sich. Enttäuschung.
Bisher war es immer so. Jedes Jahr aufs neue. Herzen wurden eingefroren. Liebe kann man nicht einfrieren, um sie haltbarer zu machen. Das ist ein Gefühl, kein Mischbrot. Bisher haben wir das nie ausgehalten. Haben nur die Spitze des Eisbergs gesehen und sind gesunken, haben versagt, sind gescheitert. Ich bin gescheitert. Ich habe es nicht ausgehalten. Er hat nur sich selbst gewärmt.
Aber in diesem  Jahr? – Noch ist alles neu, aufregend. Und obwohl es laut ist, ist es so unheimlich leise.Es gibt gar keinen Grund, außer die Beständigkeit der letzen Jahre, meine Erinnerungen und die Narben in meinem Tagebuch.
Und deswegen warte ich nur darauf, dass irgendetwas, dass irgendwer passiert. Irgendwer geht. Wieder ein Abschied ohne Worte. Keine Vorwarnung.
Also muss ich das selbst übernehmen. Liege schon gekrümmt am Boden, all‘ das verpassend, was passiert; den Schmerz erwartend. Gleich tritt er wieder zu, erbarmungslos. Das weiß ich genau. Das lehrte mich die Erfahrung. Dieses vertraute Gefühl. Ich spüre, wie es sich heranschleicht, wie es nach mir greift, mich umgarnt. Unsichtbar. Noch. Bevor es mir dann mit seiner grausigen Fratze gegenüber tritt.
Verstecke mich unter der Decke. Vielleicht findet es mich dieses Jahr nicht.
Bastel mir ein Schutzschild aus Beschönigungen,aus Ausreden.
Mache es mir gemütlich, weil ich ganz genau weiß, dass es hart wird und ich bin allein.
Dieses Mal bereite ich mich vor. Weine schon, bevor es überhaupt einen Grund gibt. Schneide ein Loch in mein Schlauchboot, damit ich auch wirklich im Selbstmitleid versinken kann. Weit und Breit kein Land in Sicht!

Und es war richtig, Vorsorge zu treffen.
Schaltet die Lichterketten ein, schnell! Ich brauche einen Weihnachtsbaum. Der Schnee, der alles so rein erscheinen lässt. Der Schnee, der alles betäubt. Die Tränen werden gefrieren.  Christbaumkugeln. 

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24 Kommentare

  • Reply Anabel 8. Dezember 2013 at 11:20

    der Text war sehr berührend. Wunderschön!

  • Reply Fräulein Hoffnung 25. November 2013 at 14:21

    Mal wieder ein wahnsinnig toller Text, danke dafür! :‘)

  • Reply lena 19. November 2013 at 21:58

    Wahnsinn! Du triffst genau meine Gedanken. Danke dafür!

  • Reply VillageFashionista 19. November 2013 at 19:06

    Manchmal klingen deine Texte gewollt und zugebauscht mit irgendwelchen Bildern (sind trotzdem schön!), aber diesmal hast du dich selbst übertroffen. Ich bin begeistert, gerührt und fast schon sprachlos.
    Es ist als würdest du einfach schreiben ohne zu denken. Wundervoll. 🙂

  • Reply Melanie Bauer 19. November 2013 at 11:50

    Obwohl der Inhalt irgendwie ganz schön traurig ist, ist der Text wunderschön. Auch ich habe ein wenig Angst vor diesem Winter weil der letzte so schrecklich war. Doch trotzdem verliere ich die Hoffnung nicht dass er diesmal genauso gut wie der Sommer sein kann 🙂

  • Reply Anonymous 18. November 2013 at 21:49

    hat jetzt nichts mit dem text zu tun, aber ich wollt nur mal sagen, dass ich deinen blog seit einiger zeit verfolge und ich ihn wirklich toll finde und mich immer über neue einträge freue. im gegensatz zu den vielen ebenso hübschen blondinen die einen blog haben, hast du irgendwie etwas besonderes an dir und das macht deinen blog auch zu etwas besonderem…

  • Reply Tami 18. November 2013 at 21:19

    Super schön geschrieben. Ich weiß genau, wie du dich fühlst. Geht mir jedes Jahr aufs Neue so. Nur ist meine beste Freundin dieses Mal in Australien, sonst haben wir das immer zusammen durchgestanden 🙁

  • Reply Nilishi 18. November 2013 at 21:12

    Es ist als würdest du mir von der Seele schreiben. Der Winter reißt all die Narben wieder auf, und gibt einem das Gefühl den Halt zu verlieren. Alles ist vergänglich. All das Glück kann sofort wieder wegwehen.

    Liebe Grüße,
    Mindbroken

  • Reply Anonymous 18. November 2013 at 19:46

    Gänsehaut!

  • Reply Anonymous 18. November 2013 at 17:57

    Ich weiß gar nicht, ob ich je schon mal sowas schönes gelesen habe…, Danke

    • Kleinstadtcarrie 18. November 2013 at 19:04

      oh, danke für diese lieben Worte 🙂

  • Reply Anonymous 18. November 2013 at 17:29

    extrem gut gelungen! ich bin kein fan von solchen texten, zumindest nicht im normalfall, wenn sie geschwollen und überladen mit metaphern den eigentlichen sinn überdecken. aber dieser text berührt mich so sehr, weil er wahnsinnig zutrifft. so viele zeilen enthalten, die ich am liebsten aufschreiben, zitieren möchte, so wie die besten stücke aus lieblingsliedern. ich kommentiere so gut wie nie irgendwo, aber hier muss ich doch was loswerden: großes kompliment!

  • Reply Anonymous 18. November 2013 at 14:21

    Nur mal so – von einer stillen Leserin – wenn du drauf wartest das was passiert – dann passiert auch was. Das solltest du lassen – falsche Einstellung. Immer denken dass alles gut ist!

  • Reply Anonymous 18. November 2013 at 07:24

    wow. hammer text. und zudem schreibst du mir wie von der Seele. Ich habe die letzten Tage viel geweint, ich fühl mich einsam und habe Angst noch mehr zu verlieren. Obwohl ich den Winter eigentlich schön finde. War ein merkwürdiges Gefühl. Und was du hier gepostet hast… echt, das ist toll, bis in den letzten Satz.

  • Reply Anonymous 17. November 2013 at 20:29

    Ich bin zugegebener Maßen nicht dein größter Fan, aber der Text ist großartig. Hat mich unheimlich berührt.

  • Reply Martin 17. November 2013 at 17:51

    Mit der düsteren Jahreszeit kommen die Stunden mit vielen Gedanken. Keine tanzenden Blätter mehr. Eher die Schwere der langen Nächte

    http://www.look-scout.de/

  • Reply Anonymous 17. November 2013 at 17:37

    Ich verfolge deinen Blog noch nicht so lange, aber deine Texte berühren mich richtig, bekomme jedesmal eine Gänsehaut. Sehr schön geschrieben!

  • Reply Vivi. 17. November 2013 at 17:37

    du sprichst mir unfassbar aus der seele

  • Reply paula gabriel 17. November 2013 at 17:27

    Du bist ein wahnsinniges Talent Luise . Ich habe den größten Respekt vor dir .

    • Anonymous 18. November 2013 at 14:20

      Ja, sie kann gut schreiben, aber ein Talent ist man deshalb noch lange nicht;)

    • Anonymous 19. November 2013 at 21:29

      Danke, dass du, lieber Anonym, der anscheinend die Macht besitzt zu bestimmen, ab wann ein Mensch mit einer gut ausgeprägten Fähigkeit als Talent angesehen werden kann oder darf, uns belehrt hat.
      In ewiger Dankbarkeit, ebenfalls Anonym!

    • Anonymous 20. November 2013 at 16:45

      Lieber passiv-aggressiver Anonym,
      Vielen Dank für die Blumen, allerdings berufe ich mich lediglich auf eine allseits bekannte und akzeptierte Definition von Talent und nicht etwa auf meine von dir so großzügig zugesprochene Macht über das Urteilen von Menschen:
      Eine Begabung bzw. ein Talent zeichnet sich durch überdurchschnittliche, außerordentliche Fähigkeiten in einem Gebiet aus, die mit Leichtigkeit modifiziert und umgesetzt werden können. Die vollbrachten Leistungen in diesem Gebiet liegen dabei weit über dem Altersniveau (!).
      Tut mir leid, lieber passiv-aggressiver Anonym, dass diese Eigenschaften auf Luise schlicht nicht zutreffen. Ihre Texte sind schön, aber sie heben sich nicht von der Masse ab und sind somit nicht überdurchschnittlich und einzigartig. Das macht sie natürlich nicht schlechter, ich kritisiere ja auch gar nicht ihren Text (ich mag ihn auch); ich bitte lediglich darum, mit Worten wie „Talent“ nicht unwissend um sich zu schmeißen.
      Ebenfalls in Dankbarkeit ob der hoffentlich eintreffenden Einsicht, Anonym.

  • Reply Loveless 17. November 2013 at 17:22

    Wow wow wow. Ich habe echt keine Worte mehr dafür. Du schreibst so wunderschön, realistisch und bildhaft zugleich.
    Bleib so wie du bist, ich liebe deine Art wie du schreibst.
    Liebe Grüße

  • Reply life as sissi 17. November 2013 at 16:49

    ich hoffe du überstehst diese zeit gut! ♥
    mir geht es auch so, jedes jahr, immer wieder.
    ich finde es so schön, dass du auf deinem Blog so viel über Gefühle redest,danke! ♥